Samstag, 1. August 2026

Statistische Thermodynamik II – Zustandssummen und thermodynamische Funktionen




Titelbild: Eigene Illustration der molekularen Teilzustandssummen sowie ihrer Verbindung zu Energie, Entropie, freier Energie und chemischem Gleichgewicht.

Die Zustandssumme ist das Rechenzentrum der statistischen Thermodynamik. Sie enthält sämtliche zugänglichen Energiezustände eines Systems und gewichtet sie nach der Boltzmann-Verteilung. Aus ihren Ableitungen folgen innere Energie, Wärmekapazität, Entropie, Druck, chemisches Potential und freie Energie.

Bei einem idealen Molekülgas können die Energien näherungsweise in Translation, Rotation, Schwingung und elektronische Anregung zerlegt werden. Dadurch faktorisiert die molekulare Zustandssumme. Jeder Freiheitsgrad besitzt eine charakteristische Temperaturskala, die entscheidet, ob er bei gegebener Temperatur thermisch aktiv oder praktisch eingefroren ist.

Teil 19 entwickelt die Translations-, Rotations-, Schwingungs- und elektronische Zustandssumme. Anschließend werden daraus die thermodynamischen Funktionen idealer Gase und die statistische Formulierung chemischer Gleichgewichte abgeleitet.

Einordnung: Teil 18 führte Mikrozustände, Boltzmann-Verteilung und Ensembles ein. Teil 19 verwendet diese Werkzeuge zur Berechnung konkreter molekularer Zustandssummen. Teil 20 schließt Physikalische Chemie II mit zwischenmolekularen Kräften, Flüssigkeiten, Festkörpern und Oberflächen ab.

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:
  • Einteilchen- und Vielteilchen-Zustandssummen unterscheiden,
  • die Zustandssumme unabhängiger Freiheitsgrade faktorisieren,
  • charakteristische Rotations-, Schwingungs- und elektronische Temperaturen verwenden,
  • die Translationszustandssumme und thermische de-Broglie-Wellenlänge berechnen,
  • den Gibbs-Faktor 1/N! erklären,
  • die Sackur-Tetrode-Gleichung anwenden,
  • lineare und nichtlineare Rotationszustandssummen berechnen,
  • Symmetriezahlen korrekt berücksichtigen,
  • Schwingungszustandssummen und Nullpunktsenergie unterscheiden,
  • elektronische Entartung in qel einbeziehen,
  • U, CV, S, F, p und μ aus Q ableiten,
  • Beiträge zu CV und Cp idealer Gase bestimmen,
  • Gleichgewichtskonstanten aus freien Energien und Zustandssummen einordnen.

1. Einteilchen- und Vielteilchen-Zustandssumme

Für ein einzelnes Molekül mit Zuständen i und Energien εi lautet die molekulare Zustandssumme:

q = Σie−βεi

Für ein System aus N Molekülen lautet die kanonische Zustandssumme:

Q = Σalle Vielteilchenzuständee−βE

q beschreibt ein Molekül, Q das gesamte N-Teilchen-System. Beide Symbole dürfen nicht verwechselt werden.

2. Unabhängige unterscheidbare Moleküle

Sind N Moleküle zunächst als unterscheidbar behandelt und wechselwirken nicht miteinander, ist die Gesamtenergie additiv:

E = ε12+…+εN

Dann faktorisiert die Zustandssumme:

Qunterscheidbar = qN

3. Identische Moleküle und Gibbs-Faktor

Identische Teilchen dürfen nicht dadurch mehrfach gezählt werden, dass lediglich ihre Bezeichnungen vertauscht werden. Im verdünnten klassischen Grenzfall gilt deshalb:

Q = qN/N!

Der Faktor 1/N! stellt die korrekte Extensivität der Entropie sicher und verhindert das Gibbs-Paradoxon bei der Mischung identischer Gase.

Die Formel ist die Maxwell-Boltzmann-Näherung. Bei starker Quantendegeneration werden Bose-Einstein- oder Fermi-Dirac-Statistik benötigt.

4. Molekulare Energiebestandteile

Für ein ideales Molekül kann näherungsweise geschrieben werden:

ε = εtransrotvibel

Diese Trennung folgt aus der Born-Oppenheimer-Näherung und weiteren Entkopplungen zwischen Kerntranslation, Rotation, Schwingung und Elektronenbewegung.

5. Faktorisierung der molekularen Zustandssumme

Wenn die Energiebeiträge additiv sind und die Zustände unabhängig kombiniert werden können:

q = qtransqrotqvibqel

Damit gilt:

ln q = ln qtrans+ln qrot+ln qvib+ln qel

Thermodynamische Beiträge addieren sich entsprechend.



Abbildung 1. Die molekulare Zustandssumme faktorisiert, wenn die Energiebeiträge unabhängig und additiv behandelt werden können.

6. Charakteristische Temperaturen

Ein Energieabstand Δε wird durch eine charakteristische Temperatur beschrieben:

θ = Δε/kB

Ist T deutlich kleiner als θ, ist der angeregte Zustand schwach besetzt. Ist T deutlich größer als θ, sind viele Zustände thermisch zugänglich.

Freiheitsgradcharakteristische Temperaturtypische Größenordnung
Translationdurch Kastenabmessung und thermische Wellenlängebei makroskopischem Volumen sehr dichtes Spektrum
Rotationθrot=hcB/kBoft wenige bis einige zehn Kelvin
Schwingungθvib=hν/kB=hcṽ/kBoft mehrere hundert bis mehrere tausend Kelvin
Elektronischθel=ΔEel/kBhäufig viele tausend Kelvin

7. Translation im dreidimensionalen Kasten

Für ein Teilchen der Masse m in einem rechteckigen Kasten mit Kanten Lx, Ly und Lz lauten die Energien:

εnxnynz = h²/(8m)[nx²/Lx²+ny²/Ly²+nz²/Lz²]

Bei makroskopischen Abmessungen liegen die Niveaus extrem dicht. Die Summe über Quantenzahlen kann durch ein Integral ersetzt werden.

8. Translationszustandssumme

Das Ergebnis der kontinuierlichen Näherung lautet:

qtrans = V(2πmkBT/h²)3/2

Sie wächst mit Volumen, Masse und Temperatur.

9. Thermische de-Broglie-Wellenlänge

Die thermische Wellenlänge wird definiert als:

Λ = h/√(2πmkBT)

Damit:

qtrans = V/Λ³

Λ ist ein Maß für die räumliche Ausdehnung der thermischen Materiewelle. Der klassische Grenzfall verlangt grob:

nΛ³ ≪ 1

n=N/V ist die Teilchendichte.

10. Vielteilchen-Translationszustandssumme

Qtrans = qtransN/N!

Mit Stirling:

ln Qtrans ≈ Nln(V/Λ³)−NlnN+N
ln Qtrans ≈ N[ln(V/NΛ³)+1]

11. Druck aus der Zustandssumme

Im kanonischen Ensemble gilt:

p = kBT(∂lnQ/∂V)T,N

Da lnQtrans den Term NlnV enthält:

p = NkBT/V
pV = NkBT = nmolRT

Die ideale Gasgleichung folgt direkt aus der Translationszustandssumme.

12. Translationsenergie

Die mittlere Energie ist:

U = kBT²(∂lnQ/∂T)V,N

Für qtrans∝T3/2:

Utrans = 3/2 NkBT

Damit:

CV,trans = 3/2 NkB

Pro Mol:

Um,trans = 3/2 RT,   CV,m,trans = 3/2 R

13. Sackur-Tetrode-Gleichung

Für ein einatomiges ideales Gas ohne elektronische Anregung lautet die Entropie:

S = NkB{ln[(V/N)(2πmkBT/h²)3/2]+5/2}

Äquivalent:

S = NkB>[ln(V/NΛ³)+5/2]

Die Gleichung enthält Plancks Konstante. Die absolute Entropie eines idealen Gases ist somit nur mit quantenmechanischer Zustandszählung eindeutig.



Abbildung 2. Die Translation liefert die ideale Gasgleichung, den Beitrag 3RT/2 zur molaren Energie und den dominierenden Entropiebeitrag verdünnter Gase.

14. Chemisches Potential des idealen Gases

Für ein ideales einatomiges Gas folgt aus F=−kBTlnQ:

μ = kBT ln(nΛ³)

Mit inneren Freiheitsgraden qint:

μ = kBT ln[nΛ³/qint]

Ein großes inneres Zustandsangebot senkt das chemische Potential, weil es die statistische Zugänglichkeit erhöht.

15. Rotationszustandssumme eines linearen Moleküls

Für einen linearen starren Rotor gelten die Rotationsenergien:

εJ = hcBJ(J+1)

und die Entartung:

gJ = 2J+1

Die exakte Rotationszustandssumme lautet:

qrot = 1/σ ΣJ=0(2J+1)e−θrotJ(J+1)/T

mit:

θrot = hcB/kB

σ ist die Rotationssymmetriezahl.

16. Hochtemperaturnäherung des linearen Rotors

Für T≫θrot liegen viele Rotationsniveaus besetzt vor. Dann kann die Summe durch ein Integral ersetzt werden:

qrot ≈ T/(σθrot)

Diese Näherung ist für viele zweiatomige Moleküle bereits bei Raumtemperatur gut.

17. Rotationssymmetriezahl

Die Symmetriezahl korrigiert mehrfach gezählte, physikalisch identische Orientierungen.

MolekültypBeispielσ
heteronuklear zweiatomigHCl, CO1
homonuklear zweiatomigN2, O22
C2v-MolekülH2O2
C3v-MolekülNH33
Td-MolekülCH412

Die Symmetriezahl ist nicht identisch mit der Ordnung der Punktgruppe. Sie zählt reine Rotationen, die das Molekül in eine ununterscheidbare Orientierung überführen.

18. Rotationsenergie und Wärmekapazität

Für einen linearen Rotor in der Hochtemperaturnäherung gilt qrot∝T. Daher:

Urot = NkBT
CV,rot = NkB

Pro Mol:

Um,rot = RT,   CV,m,rot = R

Ein lineares Molekül besitzt zwei quadratische Rotationsfreiheitsgrade, jeweils mit 1/2RT zur Energie.

19. Nichtlinearer starrer Rotor

Für ein nichtlineares Molekül mit Hauptträgheitsmomenten IA, IB und IC gilt im Hochtemperaturbereich:

qrot = √π/σ · (8π²kBT/h²)3/2√(IAIBIC)

Mit charakteristischen Temperaturen:

qrot = √π/σ · T3/2/√(θAθBθC)

Da qrot∝T3/2:

Um,rot = 3/2 RT,   CV,m,rot = 3/2 R

20. Rotationsentropie

Für einen linearen Rotor in der Hochtemperaturnäherung:

Sm,rot = R[ln qrot+1]

Für einen nichtlinearen Rotor:

Sm,rot = R[ln qrot+3/2]

Hohe Trägheitsmomente vergrößern qrot und damit die Rotationsentropie. Hohe Molekülsymmetrie senkt qrot über σ.

21. Kernspin-Statistik

Bei Molekülen mit identischen Kernen koppelt die Austausch-Symmetrie der Rotationszustände an die Kernspinwellenfunktion. Dadurch entstehen unterschiedliche statistische Gewichte, etwa Ortho- und Para-Spezies.

Für präzise Zustandssummen bei H2, H2O oder NH3 müssen Kernspin-Gewichte und mögliche Nichtgleichgewichtsverhältnisse berücksichtigt werden.

22. Schwingungszustandssumme

Für einen harmonischen Oszillator lauten die absoluten Energien:

εv = hν(v+1/2)

Wird der Energienullpunkt beim Schwingungsgrundzustand gesetzt, sind die relativen Energien vhν. Dann:

qvib = Σv=0e−vθvib/T
qvib = 1/[1−e−θvib/T]

mit:

θvib = hν/kB = hcṽ/kB

23. Nullpunktsenergie

Die relative Zustandssumme setzt den Grundzustand auf null. Die physikalische Nullpunktsenergie muss dann separat addiert werden:

EZP = 1/2 hν

Für ein Molekül mit vielen Normalschwingungen:

EZP = 1/2 Σii

Alternativ kann die absolute Zustandssumme mit dem Faktor e−βhν/2 verwendet werden. Beide Konventionen liefern identische Besetzungen, sofern die Energie-Referenz konsistent behandelt wird.

24. Schwingungsenergie

Ohne Nullpunktsenergie lautet der thermische Beitrag eines Modus:

Uvib = hν/[ehν/(kBT)−1]

Mit Nullpunktsenergie:

Uvib,abs = 1/2hν + hν/[ehν/(kBT)−1]

Pro Mol kann hν durch Rθvib ersetzt werden.

25. Schwingungswärmekapazität

Für einen harmonischen Modus:

CV,vib = kBvib/T)² eθvib/T/[eθvib/T−1]²

Grenzfälle:

  • T≪θvib: CV,vib→0, der Modus ist eingefroren.
  • T≫θvib: CV,vib→kB pro Modus.

Im klassischen Hochtemperaturgrenzfall besitzt ein harmonischer Modus zwei quadratische Beiträge – kinetisch und potenziell – und liefert insgesamt RT pro Mol.

26. Schwingungsentropie

Für einen harmonischen Modus:

Svib/kB = x/[ex−1] − ln(1−e−x)

mit x=θvib/T. Hochfrequente X–H-Streckschwingungen besitzen bei Raumtemperatur meist geringe Schwingungsentropie, niederfrequente Torsionen dagegen häufig große Beiträge.

27. Mehrere Normalschwingungen

Für unabhängige harmonische Moden:

qvib,ges = Πiqvib,i
ln qvib,ges = Σiln qvib,i

Ein nichtlineares Molekül besitzt 3N−6, ein lineares Molekül 3N−5 Schwingungsmoden. Entartete Moden werden entsprechend ihrer Entartung mehrfach gezählt.

28. Anharmonizität und hinderte Rotoren

Die harmonische Näherung versagt besonders für sehr niederfrequente Torsionen und große Amplituden. Eine Torsion kann eher einem gehinderten internen Rotor als einem harmonischen Oszillator entsprechen.

Eine rein harmonische Behandlung solcher Moden kann Entropien und freie Energien deutlich überschätzen. Präzise Rechnungen verwenden hinderte-Rotor-Modelle oder anharmonische Korrekturen.

29. Elektronische Zustandssumme

qel = Σigie−βEi

Wenn der erste angeregte elektronische Zustand weit über kBT liegt:

qel ≈ g0

Für ein geschlossen-schaliges Singulettmolekül ist häufig g0=1. Für Radikale oder atomare Zustände kann die Grundzustandsentartung größer sein.

30. Elektronische Energie und Wärmekapazität

Elektronische Beiträge zu U und CV sind bei gewöhnlichen Temperaturen oft klein, weil elektronische Anregungen hohe Energien besitzen.

Bei niedrigen elektronischen Abständen, Übergangsmetallionen, Radikalen oder sehr hohen Temperaturen können sie jedoch relevant werden. Ein endlicher elektronischer Abstand kann ähnlich wie ein Zwei-Niveau-System eine Schottky-artige Wärmekapazitätsanomalie erzeugen.

31. Gesamtzustandssumme eines idealen Molekülgases

Für N identische Moleküle:

Q = 1/N! [qtransqrotqvibqel]N

Die Formel setzt ein ideales Gas, unabhängige Moleküle und die angenäherte Entkopplung der Freiheitsgrade voraus.

32. Helmholtz-Energie aus Q

F = −kBT ln Q

Mit Stirling:

F ≈ −NkBT[ln(q/N)+1]

Aus F folgen über Ableitungen Entropie, Druck und chemisches Potential.

33. Innere Energie

U = kBT²(∂lnQ/∂T)V,N

Bei faktorisiertem q addieren sich die Beiträge:

U = Utrans+Urot+Uvib+Uel

34. Entropie

S = kBlnQ + U/T

Auch die Entropie kann in Beiträge zerlegt werden, sofern die Zustandssumme faktorisiert. Der Translationsanteil enthält den Volumen- und Konzentrationseinfluss.

35. Enthalpie und Gibbs-Energie

Für ein ideales Gas:

H = U+pV = U+NkBT

Die Gibbs-Energie lautet:

G = F+pV = μN

Pro Mol:

Gm = μ

36. Wärmekapazitäten idealer Molekülgase

Für ideale Gase gilt:

Cp−CV = nR

Unter Vernachlässigung von Schwingungs- und elektronischer Anregung:

MolekültypUmCV,mCp,m
einatomig3/2 RT3/2 R5/2 R
linear mehratomig oder zweiatomig5/2 RT5/2 R7/2 R
nichtlinear3RT3R4R

Mit steigender Temperatur werden Schwingungsmoden thermisch aktiv und erhöhen die Wärmekapazität.

37. Gleichverteilungssatz und Quantenkorrektur

Der klassische Gleichverteilungssatz ordnet jedem quadratischen Term in der Energie den Mittelwert 1/2kBT zu. Translation und Rotation erreichen diesen Grenzfall meist bei moderaten Temperaturen.

Schwingungs- und elektronische Freiheitsgrade können wegen großer Quantenniveauabstände eingefroren bleiben. Die Zustandssumme zeigt präzise, wann die klassische Gleichverteilung gültig ist.

38. Chemisches Potential einer idealen Molekülart

Für eine ideale Gasart i:

μi = kBT ln[niΛi³/qint,i]

qint,i=qrotqvibqel enthält die inneren Freiheitsgrade. Mit pi=nikBT:

μi = kBT ln[piΛi³/(kBTqint,i)]

In molarer Schreibweise wird daraus die bekannte Beziehung:

μi = μi° + RT ln(pi/p°)

39. Chemisches Gleichgewicht

Für eine Reaktion:

ΣiνiAi = 0

werden stöchiometrische Koeffizienten νi für Produkte positiv und für Edukte negativ gewählt. Die Reaktions-Gibbs-Energie ist:

ΔrG = Σiνiμi

Im Gleichgewicht gilt:

ΔrG = 0

40. Standard-Gleichgewichtskonstante

Mit:

ΔrG = ΔrG° + RT ln Qr

und Qr=K im Gleichgewicht:

K = exp[−ΔrG°/(RT)]

K ist dimensionslos, wenn Aktivitäten relativ zu definierten Standardzuständen verwendet werden.

41. Gleichgewichtskonstante aus Zustandssummen

Für ideale Gase kann die Standard-Gibbs-Energie jeder Spezies aus Translation, inneren Zustandssummen und einer konsistenten elektronischen sowie Nullpunkts-Energie berechnet werden.

Werden qint,i relativ zum jeweiligen molekularen Grundzustand definiert und ΔrE0 als Reaktionsenergie der elektronischen Grundzustände einschließlich Nullpunktsenergie verwendet, ergibt sich schematisch:

Kp° = e−ΔrE0/(RT) Πi[(kBT/p°)qint,ii³]νi

Jeder Klammerausdruck ist dimensionslos. Die Formel zeigt, dass chemisches Gleichgewicht sowohl von energetischer Stabilität als auch von der Zahl thermisch zugänglicher Zustände abhängt.

42. Energetischer und entropischer Beitrag

Die Standard-Gibbs-Energie kann geschrieben werden als:

ΔrG° = ΔrH°−TΔr

Eine Reaktion kann daher durch niedrigere Energie, größere statistische Zustandszahl oder beide Beiträge begünstigt werden.

Die Translation bevorzugt bei Gasreaktionen häufig die Seite mit mehr frei beweglichen Teilchen, weil zusätzliche Teilchen große Translationsentropie erzeugen.

43. Temperaturabhängigkeit des Gleichgewichts

Aus K=exp(−ΔrG°/RT) folgt die van-'t-Hoff-Gleichung:

d ln K/dT = ΔrH°/(RT²)

Für endotherme Reaktionen steigt K typischerweise mit T, für exotherme Reaktionen sinkt K. Eine genaue Behandlung berücksichtigt die Temperaturabhängigkeit von ΔrH° und den Wärmekapazitäten.

44. Zustandssummen und das dritte Gesetz

Für einen perfekten Kristall mit nichtentartetem Grundzustand nähert sich die Entropie bei T→0 dem Wert null. Statistisch entspricht dies:

ΩGrund=1 → S(0)=kBln1=0

Eine verbleibende Grundzustandsentartung oder eingefrorene Unordnung kann zu Restentropie führen.

45. Standardentropien aus molekularen Daten

Gasphasen-Standardentropien können mit Translation, Rotation, Schwingung, Elektronenentartung und Symmetrie berechnet werden. Benötigt werden:

  • Molekülmasse und Standarddruck,
  • Rotationskonstanten oder Trägheitsmomente,
  • Rotationssymmetriezahl,
  • Schwingungswellenzahlen,
  • elektronische Entartungen und niedrig liegende Zustände.

Diese statistische Berechnung ist ein Kernbestandteil moderner Quantenchemieprogramme.

46. Grenzen des idealen Modells

Die bisherige Darstellung setzt ideale Gase und schwach gekoppelte Freiheitsgrade voraus. Abweichungen entstehen durch:

  • zwischenmolekulare Wechselwirkungen,
  • Anharmonizität,
  • Rotations-Schwingungs-Kopplung,
  • hinderte interne Rotation,
  • elektronische Feinstruktur und Spin-Bahn-Kopplung,
  • nichtideale Gas- und Lösungseffekte,
  • Quantenstatistik bei hoher Dichte oder niedriger Temperatur.

Für reale Fluide werden Aktivitäten, Fugazitäten, Virialkoeffizienten oder Zustandsgleichungen benötigt.



Abbildung 3. Die kanonische Zustandssumme erzeugt thermodynamische Funktionen. Standard-Gibbs-Energien verbinden molekulare Zustände mit Gleichgewichtskonstanten.

47. Übungsaufgaben

Aufgabe 1: Thermische Wellenlänge und Translationszustandssumme

Berechne für ein N2-Molekül bei 300 K die thermische de-Broglie-Wellenlänge und qtrans in einem Volumen von 1,00 L. Verwende m=28,0134 u, 1 u=1,66053906660×10−27 kg, h=6,62607015×10−34 J s und kB=1,380649×10−23 J K−1.

Aufgabe 2: Rotationszustandssumme von HCl

Für HCl sei B=10,59 cm−1, σ=1 und T=300 K. Berechne θrot und qrot in der Hochtemperaturnäherung. Verwende hc/kB=1,438776877 K cm.

Aufgabe 3: Nichtlinearer Rotor

Für ein Wassermolekül seien die charakteristischen Rotationstemperaturen θA=40,0 K, θB=21,0 K und θC=13,0 K. Berechne qrot bei 300 K mit σ=2.

Aufgabe 4: Harmonische Schwingung

Eine Normalschwingung liegt bei 1000 cm−1. Berechne bei 300 K θvib, qvib, den molaren thermischen Schwingungsenergiebeitrag ohne Nullpunktsenergie und CV,m,vib. Verwende hc/kB=1,438776877 K cm.

Aufgabe 5: Elektronische Zustandssumme

Ein Molekül besitzt einen zweifach entarteten elektronischen Grundzustand und einen vierfach entarteten angeregten Zustand 5000 cm−1 darüber. Berechne bei 1000 K qel, die Population des angeregten Niveaus und den molaren elektronischen Energiebeitrag relativ zum Grundzustand.

Aufgabe 6: Gesamtzustandssumme eines Moleküls

Bei einer bestimmten Temperatur seien qtrans=1,00×1030, qrot=50,0, qvib=1,20 und qel=2,00. Berechne die molekulare Gesamtzustandssumme q und lnq.

Aufgabe 7: Sackur-Tetrode-Entropie von Argon

Berechne die molare Entropie eines idealen Argongases bei 298,15 K und 1,000 bar. Verwende m=39,948 u und:

Sm=R{ln[(kBT/p)(2πmkBT/h²)3/2]+5/2}

Aufgabe 8: Wärmekapazität eines zweiatomigen Gases

Ein ideales zweiatomiges Gas befinde sich in einem Temperaturbereich, in dem Translation und Rotation vollständig angeregt, Schwingung und elektronische Anregung jedoch eingefroren sind. Bestimme Um, Hm, CV,m, Cp,m und γ=Cp,m/CV,m.

Aufgabe 9: Freie Energie aus einer Zustandssumme

Für ein System aus einem Mol nichtwechselwirkender Moleküle sei die molare Helmholtz-Energie durch Fm=−RTln(q/NA)+RT angenähert. Bei 300 K sei q/NA=2,50×105. Berechne Fm. Diese Aufgabe dient nur der Anwendung der logarithmischen Form; die dimensionslose Kombination sei als gegeben zu verstehen.

Aufgabe 10: Gleichgewicht aus Zustandssummen

Für eine ideale Isomerisierung A⇌B seien Masse und Translation gleich. B liege elektronisch einschließlich Nullpunktsenergie um 3,00 kJ mol−1 über A, besitze aber eine viermal größere innere Zustandssumme. Berechne bei 298,15 K:

K = 4 exp[−3000/(RT)]

Welche Seite wird im Gleichgewicht leicht bevorzugt?

48. Vollständige Lösungen

Lösung 1

Die Molekülmasse ist:

m=28,0134·1,66053906660×10−27 kg
m≈4,6517×10−26 kg

Die thermische Wellenlänge:

Λ=h/√(2πmkBT)
Λ≈1,904×10−11 m

Für V=1,00 L=1,00×10−3 m³:

qtrans=V/Λ³
qtrans≈1,448×1029

Die enorme Zahl zeigt die extrem dichte Translationszustandsstruktur eines Moleküls in einem makroskopischen Behälter.

Lösung 2
θrot=(hc/kB)B
θrot=1,438776877·10,59 K
θrot≈15,237 K

Da 300 K≫15,2 K, ist die Hochtemperaturnäherung gut:

qrot≈T/(σθrot)
qrot≈300/(1·15,237)
qrot≈19,69
Lösung 3
qrot=√π/σ · T3/2/√(θAθBθC)
qrot=√π/2 · 3003/2/√(40,0·21,0·13,0)
qrot≈44,07

Der Wert ist eine Hochtemperatur-Näherung des starren Rotors. Für hochpräzise Wasser-Zustandssummen müssen Kernspin-Statistik und Zentrifugalverzerrung ergänzt werden.

Lösung 4

Charakteristische Temperatur:

θvib=1,438776877·1000≈1438,78 K

Mit x=θ/T:

x≈1438,78/300≈4,7959

Zustandssumme:

qvib=1/[1−e−x]
qvib≈1,00833

Thermischer Energiebeitrag ohne Nullpunktsenergie:

Um,vib=Rθ/[ex−1]
Um,vib≈99,7 J mol−1

Wärmekapazität:

CV,m,vib=Rx²ex/[ex−1]²
CV,m,vib≈1,61 J mol−1 K−1

Der Modus ist bei 300 K überwiegend eingefroren.

Lösung 5

Die charakteristische elektronische Temperatur des Abstandes ist:

θel=1,438776877·5000≈7193,88 K

Das Gewicht des angeregten Niveaus:

w1=4e−7193,88/1000≈0,0030047

Grundzustandsgewicht:

w0=2
qel=2+0,0030047≈2,00300

Population des angeregten Niveaus:

P1=w1/qel≈0,001500

Das entspricht etwa 0,150 Prozent.

Molarer Energiebeitrag:

Um,el=P1el
Um,el≈89,7 J mol−1
Lösung 6
q=qtransqrotqvibqel
q=(1,00×1030)(50,0)(1,20)(2,00)
q=1,20×1032

Logarithmus:

lnq=ln(1,20)+32ln10
lnq≈73,865
Lösung 7

Für ein Mol gilt V/N=kBT/p. Einsetzen in die Sackur-Tetrode-Gleichung ergibt:

Sm=R{ln[(kBT/p)(2πmkBT/h²)3/2]+5/2}

Mit m=39,948 u und p=1,000×105 Pa:

Sm≈154,85 J mol−1 K−1

Der Wert liegt nahe der bekannten Gasphasen-Standardentropie von Argon; kleine Unterschiede hängen von Standarddruck, Konstanten und Rundung ab.

Lösung 8

Translation liefert 3/2RT und Rotation eines linearen Moleküls RT:

Um=3/2RT+RT=5/2RT

Für ein ideales Gas:

Hm=Um+RT=7/2RT
CV,m=5/2R
Cp,m=CV,m+R=7/2R
γ=Cp,m/CV,m=(7/2)/(5/2)=7/5=1,40

Diese Werte gelten nur, solange Schwingungs- und elektronische Beiträge eingefroren bleiben.

Lösung 9

Gegeben ist:

Fm=−RTln(q/NA)+RT
ln(2,50×105)≈12,4292
Fm=RT[1−12,4292]
Fm≈8,314462618·300·(−11,4292)
Fm≈−28,51 kJ mol−1

Der negative Wert hängt vom gewählten Energienullpunkt und der vorgegebenen dimensionslosen Normierung ab.

Lösung 10
K=4exp[−3000/(RT)]
K=4exp[−3000/(8,314462618·298,15)]
K≈1,193

B liegt energetisch höher, besitzt aber viermal mehr innere thermisch zugängliche Zustände. Der entropische Vorteil überkompensiert bei 298,15 K die Energiedifferenz leicht. Das Gleichgewicht bevorzugt daher schwach B.

49. Zusammenfassung

  • q ist die molekulare Einteilchen-Zustandssumme, Q die Vielteilchen-Zustandssumme.
  • Für identische ideale Teilchen gilt im klassischen Grenzfall Q=qN/N!.
  • Unabhängige Energiebeiträge führen zu q=qtransqrotqvibqel.
  • Charakteristische Temperaturen entscheiden über thermische Anregung.
  • Die Translationszustandssumme lautet qtrans=V/Λ³.
  • Die thermische Wellenlänge ist Λ=h/√(2πmkBT).
  • Translation liefert pV=NkBT und Utrans=3NkBT/2.
  • Die Sackur-Tetrode-Gleichung beschreibt die absolute Entropie eines einatomigen idealen Gases.
  • Für einen linearen Rotor gilt bei hoher Temperatur qrot≈T/(σθrot).
  • Die Symmetriezahl korrigiert physikalisch identische Orientierungen.
  • Lineare Rotation liefert CV,m=R, nichtlineare Rotation 3R/2.
  • Ein harmonischer Modus besitzt qvib=1/[1−e−θ/T].
  • Die Nullpunktsenergie muss konsistent in der Energiekonvention berücksichtigt werden.
  • Hochfrequente Schwingungen sind bei Raumtemperatur häufig eingefroren.
  • Elektronische Zustandssummen werden bei niedrigen Temperaturen oft durch die Grundzustandsentartung dominiert.
  • Aus Q folgen F, U, S, p und μ durch logarithmische Ableitungen.
  • Die Beiträge unabhängiger Freiheitsgrade addieren sich zu Energie und Entropie.
  • Gleichgewichtskonstanten verbinden Reaktionsenergie und statistische Zustandszahlen.
  • Mehr zugängliche Zustände können einen energetischen Nachteil entropisch ausgleichen.
  • Reale Moleküle erfordern Korrekturen für Anharmonizität, hinderte Rotoren und Nichtidealität.

50. Häufig gestellte Fragen

Warum ist qtrans so viel größer als qrot oder qvib?

Ein Molekül in einem makroskopischen Volumen besitzt extrem dicht liegende Translationszustände. Schwingungs- und elektronische Niveaus liegen dagegen oft weit auseinander.

Warum teilt man durch N!?

Das Vertauschen identischer Teilchen erzeugt keinen neuen physikalischen Zustand. Ohne 1/N! würden Zustände überzählt und die Entropie wäre nicht extensiv.

Ist die Symmetriezahl dasselbe wie die Punktgruppenordnung?

Nein. σ zählt nur echte Rotationen, die ununterscheidbare Orientierungen erzeugen. Spiegelungen und Inversionen gehören nicht zur Rotationssymmetriezahl.

Warum kann die Schwingungszustandssumme ohne Nullpunktsenergie geschrieben werden?

Eine gemeinsame Energieverschiebung verändert Besetzungswahrscheinlichkeiten nicht. Die Nullpunktsenergie muss dann aber separat in absolute Energien und Reaktionsenergien eingehen.

Wann ist die Hochtemperaturnäherung für Rotation gültig?

Wenn T deutlich größer als die charakteristischen Rotationstemperaturen ist und viele J-Zustände besetzt sind.

Warum trägt eine eingefrorene Schwingung dennoch Nullpunktsenergie?

Thermisch eingefroren bedeutet, dass angeregte Schwingungszustände kaum besetzt sind. Der quantenmechanische Grundzustand besitzt trotzdem die Energie hν/2.

Warum steigt die Wärmekapazität vieler Gase mit der Temperatur?

Bei höheren Temperaturen werden zuvor eingefrorene Schwingungs- und gegebenenfalls elektronische Freiheitsgrade zugänglich.

Kann man Standardentropien vollständig aus Spektren berechnen?

Für ideale Gasphasenmoleküle weitgehend ja, wenn Masse, Geometrie, Symmetrie, Frequenzen, elektronische Zustände und geeignete Korrekturen bekannt sind.

Warum hängt ein Gleichgewicht nicht nur von der niedrigsten Energie ab?

Auch die Zahl und Dichte thermisch zugänglicher Zustände beeinflusst die freie Energie. Ein entropisch günstiger Zustand kann trotz höherer Energie bevorzugt sein.

Was ist die größte praktische Fehlerquelle bei berechneten Entropien?

Häufig sind es niederfrequente Schwingungen und interne Rotationen. Eine rein harmonische Behandlung kann ihre Entropiebeiträge erheblich überschätzen.

51. Ausblick auf Teil 20

Teil 20 schließt Physikalische Chemie II ab. Behandelt werden zwischenmolekulare Kräfte, Flüssigkeitsstruktur, Festkörper, Gitterenergie, Phononen, Oberflächen, Adsorption und die Verbindung zwischen mikroskopischen Wechselwirkungen und makroskopischen Materialeigenschaften.

Literatur und weiterführende Quellen

  1. P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
  2. D. A. McQuarrie: Statistical Mechanics. University Science Books.
  3. D. A. McQuarrie & J. D. Simon: Physical Chemistry: A Molecular Approach. University Science Books.
  4. R. K. Pathria & P. D. Beale: Statistical Mechanics. Academic Press.
  5. K. J. Laidler, J. H. Meiser & B. C. Sanctuary: Physical Chemistry. Houghton Mifflin.

Didaktischer Hinweis: Die angegebenen Zustandssummen verwenden ideale Gas-, starrer-Rotor- und harmonischer-Oszillator-Näherungen. Präzise thermochemische Rechnungen benötigen häufig Anharmonizitäts-, hinderte-Rotor-, Feinstruktur- und Nichtidealitätskorrekturen.

Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.

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