Samstag, 1. August 2026

Diffusion und Phasenumwandlungen in Festkörpern – Fick, Darken, Kirkendall und JMAK-Kinetik




Titelbild: Eigene Illustration eines Leerstellensprungs und zentraler Beziehungen für Diffusionskoeffizient, Ficksche Gesetze, Keimbildung und JMAK-Kinetik.

Festkörper wirken starr, sind auf atomarer Skala jedoch dynamische Systeme. Atome, Ionen und Leerstellen wechseln thermisch aktiviert ihre Position. Diese Sprünge ermöglichen Diffusion, Homogenisierung, Oxidation, Sintern, Ausscheidung, Korrosion, Batteriebetrieb und die Entstehung neuer Phasen.

Diffusion und Phasenumwandlung sind eng gekoppelt. Eine neue Phase kann nur wachsen, wenn die benötigten Komponenten zur Grenzfläche transportiert und überschüssige Komponenten abgeführt werden. Umgekehrt verändert eine Phasenumwandlung Konzentrationsfelder, Defektpopulationen und Diffusionswege.

Die wichtigsten Ebenen dieses Beitrags sind:

  • atomare Sprungmechanismen,
  • statistische Zufallsbewegung,
  • makroskopische Ficksche Transportgleichungen,
  • chemisches Potential als eigentliche Triebkraft,
  • Mehrkomponentendiffusion und Kirkendall-Effekt,
  • homogene und heterogene Keimbildung,
  • Grenzflächen- und diffusionskontrolliertes Wachstum,
  • JMAK-Kinetik, Spinodalentmischung und Ostwald-Reifung.
Einordnung: Teil 4 behandelte Konzentration und Ladungszustand von Punktdefekten. Teil 5 beschreibt ihre Bewegung und die daraus entstehenden Mikrostrukturänderungen. Teil 6 wird anschließend zur elektronischen Struktur von Festkörpern, zu Bloch-Funktionen und Energiebändern übergehen.

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:
  • Leerstellen-, Zwischengitter-, Austausch- und Interstitialcy-Mechanismen unterscheiden,
  • Sprungfrequenz, Migrationsbarriere und Diffusionskoeffizient verknüpfen,
  • intrinsische und extrinsische Aktivierungsenergien interpretieren,
  • Ficks erstes und zweites Gesetz anwenden,
  • Diffusionslängen und Fehlerfunktionsprofile berechnen,
  • Tracerdiffusion, intrinsische Diffusion und chemische Diffusion unterscheiden,
  • Darken-Gleichung und thermodynamischen Faktor einordnen,
  • Kirkendall-Effekt und Porenbildung erklären,
  • kritischen Keimradius und Keimbildungsbarriere berechnen,
  • homogene und heterogene Keimbildung vergleichen,
  • JMAK-Kinetik auswerten,
  • Spinodalentmischung und Ostwald-Reifung erklären,
  • Transport- und Umwandlungskinetik mit Mikrostruktur und Werkstoffeigenschaften verbinden.

1. Atomare Bewegung im Festkörper

Atome schwingen um ihre Gleichgewichtslagen. Ein dauerhafter Ortswechsel erfordert jedoch, dass ein Teilchen einen energetischen Sattelpunkt zwischen zwei stabilen Plätzen überwindet. Die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Sprungs steigt exponentiell mit der Temperatur.

Eine elementare Sprungfrequenz wird häufig geschrieben als:

Γ=ν0exp(−ΔGm/kBT)

ν0 ist eine Versuchsfreqenz in der Größenordnung atomarer Schwingungsfrequenzen, ΔGm die freie Migrationsbarriere.

2. Zufallsbewegung und mittlere quadratische Verschiebung

Aufeinanderfolgende thermische Sprünge besitzen ohne äußere Triebkraft keine bevorzugte Richtung. Der Mittelwert der Verschiebung verschwindet, nicht aber die mittlere quadratische Verschiebung.

Für isotrope dreidimensionale Diffusion:

⟨r²⟩=6Dt

D ist der Diffusionskoeffizient. Die typische Diffusionslänge wächst daher nur mit der Quadratwurzel der Zeit:

L≈√(2Dt) in einer Raumrichtung

Eine zehnfach größere Strecke benötigt bei konstantem D ungefähr die hundertfache Zeit.

3. Leerstellenmechanismus

Ein reguläres Atom springt in eine benachbarte Leerstelle. Danach befindet sich die Leerstelle am ursprünglichen Atomplatz. Atom- und Leerstellenfluss verlaufen entgegengesetzt.

Der Mechanismus dominiert häufig bei:

  • Substitutionsatomen in Metallen,
  • Kationen und Anionen in Ionenkristallen,
  • Selbstdiffusion dicht gepackter Festkörper.

Die Rate hängt sowohl von der Leerstellenkonzentration als auch von der Migrationsbarriere ab.

4. Zwischengittermechanismus

Ein kleines Teilchen springt zwischen energetisch zugänglichen Zwischenplätzen. Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Lithium oder Silberionen können in geeigneten Strukturen sehr schnell über Zwischengitterpfade diffundieren.

Weil keine Leerstelle im regulären Untergitter erforderlich ist, kann die Aktivierungsenergie geringer sein. Die lokale Verzerrung des Gitters bleibt jedoch wichtig.

5. Interstitialcy- und Kick-out-Mechanismus

Ein Zwischengitteratom verdrängt ein reguläres Atom von dessen Platz. Das verdrängte Atom wird selbst zum Zwischengitteratom. Der Mechanismus koppelt mehrere Teilchen und ist in Halbleitern sowie bei Strahlenschäden relevant.

6. Direkter Austausch und Ringmechanismen

Zwei Nachbaratome könnten theoretisch direkt ihre Plätze tauschen. Die dafür nötige kollektive Überlappung ist in dicht gepackten Festkörpern meist energetisch ungünstig.

Ringförmige Austauschprozesse mehrerer Atome können die Barriere senken, bleiben aber gegenüber Leerstellen- oder Zwischenmechanismen häufig selten.

7. Diffusionskoeffizient aus Sprüngen

Für einen einfachen isotropen Sprungprozess:

D=1/6 f z a² Γ

Dabei sind:

  • a: Sprungweite,
  • z: Zahl äquivalenter Sprungrichtungen,
  • Γ: Sprungrate pro Richtung oder entsprechend definierte Gesamtfrequenz,
  • f: Korrelationsfaktor.

Die genaue Vorfaktordefinition hängt davon ab, ob Γ als Gesamt- oder Einzelsprungrate formuliert ist.

8. Korrelationsfaktor

Beim Leerstellenmechanismus sind aufeinanderfolgende Sprünge nicht völlig unabhängig. Ein Atom hat eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, in seine vorherige Position zurückzuspringen. Der Korrelationsfaktor f<1 korrigiert diese Rücksprungneigung.

Sein Wert hängt von Gitter und Mechanismus ab. Für einfache unkorrelierte Zwischenplatzsprünge kann f näher bei 1 liegen.

9. Arrhenius-Gesetz

D=D0exp(−Q/RT)

Q ist eine molare Aktivierungsenergie. Ein Plot von lnD gegen 1/T ist im idealen Fall linear:

lnD=lnD0−Q/(RT)

Die Steigung beträgt −Q/R. Änderungen des Mechanismus, der Defektpopulation oder der Kristallphase können Knicke erzeugen.

10. Intrinsische Aktivierungsenergie

Muss ein mobiler Defekt zunächst thermisch erzeugt werden, enthält Q einen Bildungs- und einen Migrationsanteil. Für einen über Schottky-Paare erzeugten Leerstellenmechanismus kann schematisch gelten:

Q≈1/2ΔHSchottky+ΔHm

Der Faktor hängt von der Defektstöchiometrie ab.

11. Extrinsischer Bereich

Wird die mobile Defektkonzentration durch Dotierung festgelegt, ist sie über einen Temperaturbereich nahezu konstant. Dann wird die Steigung von lnD gegen 1/T hauptsächlich durch die Migrationsenthalpie bestimmt.

Beim Übergang zum intrinsischen Bereich steigt die Defektkonzentration zusätzlich thermisch an; die scheinbare Aktivierungsenergie wird größer.

12. Anisotrope Diffusion

In nichtkubischen Kristallen ist D ein Tensor:

Ji=−ΣjDij∂c/∂xj

Schichtstrukturen, Kanäle oder eindimensionale Ketten können extrem anisotrope Leit- und Diffusionspfade besitzen. Ein skalarer D-Wert ist dann nur für eine bestimmte Richtung oder eine polykristalline Mittelung gültig.

13. Schnelle Diffusionspfade

Korngrenzen, Versetzungen und Oberflächen besitzen gestörte Packung und häufig niedrigere Migrationsbarrieren. Deshalb gilt oft:

DOberfläche>DKorngrenze>DVolumen

Die tatsächlich beobachtete Reihenfolge ist material- und temperaturabhängig. Schnelle Pfade können bei niedriger Temperatur dominieren, obwohl ihr Volumenanteil klein ist.



Abbildung 1. Verschiedene atomare Sprungmechanismen besitzen unterschiedliche Defektanforderungen und Migrationsbarrieren. Im Arrhenius-Diagramm können intrinsische Defektbildung und dotierungsfixierte Konzentration zu unterschiedlichen Steigungen führen.

14. Ficks erstes Gesetz

Für stationäre eindimensionale Diffusion:

J=−D dc/dx

J ist der Stofffluss pro Fläche und Zeit. Das Minuszeichen zeigt, dass Teilchen bei idealem Verhalten von hoher zu niedriger Konzentration diffundieren.

Das Gesetz setzt lokal linearen Transport und einen geeigneten Konzentrationsbegriff voraus.

15. Stationäre Diffusion durch eine Schicht

Für konstantes D und lineares Profil über die Dicke L:

J=D(c1−c2)/L

Bei fester Fläche A ist die transportierte Stoffmenge nach Zeit t:

n=JAt

Poröse oder mehrschichtige Systeme werden durch effektive Diffusionskoeffizienten und Serienwiderstände beschrieben.

16. Ficks zweites Gesetz

Aus Stoffbilanz und erstem Gesetz folgt bei konstantem D:

∂c/∂t=D∂²c/∂x²

Es beschreibt die zeitliche Glättung von Konzentrationsprofilen. In mehreren Dimensionen ersetzt der Laplace-Operator die zweite Ableitung.

17. Diffusion aus einer dünnen Schicht

Für eine anfänglich sehr dünne Menge M pro Fläche in einem unendlichen Medium:

c(x,t)=M/[√(4πDt)] exp[−x²/(4Dt)]

Das Profil bleibt gaußförmig, wird breiter und niedriger. Die Gesamtmenge bleibt erhalten.

18. Halbunendlicher Festkörper mit konstanter Oberfläche

Für c(x,0)=c0 und eine ab t=0 festgehaltene Oberflächenkonzentration cs:

(c−cs)/(c0−cs)=erf[x/(2√Dt)]

oder äquivalent mit der komplementären Fehlerfunktion erfc. Diese Lösung wird bei Aufkohlen, Dotieren, Oxidieren und Einlagern verwendet.

19. Diffusionslänge

Die dimensionslose Ähnlichkeitsvariable lautet:

η=x/(2√Dt)

Profile bei verschiedenen Zeiten kollabieren auf dieselbe Fehlerfunktionskurve, wenn x durch √t skaliert wird. Diese Selbstähnlichkeit ist ein Kennzeichen normaler Fickscher Diffusion.

20. Chemisches Potential als Triebkraft

Ein Konzentrationsgradient ist nicht die fundamentalste Triebkraft. Allgemeiner bewegt sich eine Komponente entlang eines Gradienten ihres chemischen Potentials:

Ji=−Li∇μi

Li ist ein kinetischer Koeffizient. Für eine ideale Lösung mit μ=μ°+RTlnc führt dies auf eine Ficksche Form.

In nichtidealen Lösungen können Teilchen sogar gegen einen Konzentrationsgradienten diffundieren, sofern das chemische Potential dennoch abnimmt.

21. Thermodynamischer Faktor

Für eine binäre Lösung wird häufig definiert:

Φ=∂ln ai/∂ln Ni

ai ist die Aktivität und Ni der Molenbruch. Für eine ideale Lösung ist Φ=1. Nahe einer Entmischung kann Φ stark abweichen oder negativ werden.

Der chemische Diffusionskoeffizient enthält daher einen kinetischen und einen thermodynamischen Anteil.

22. Tracer-, Selbst- und intrinsische Diffusion

GrößeBedeutungtypische Messung
SelbstdiffusionBewegung chemisch identischer Atome im GleichgewichtIsotopenmarker
Tracerdiffusion D*Bewegung einer markierten verdünnten SpeziesRadioisotop, SIMS-Profil
intrinsische Diffusion DiFluss einer Komponente relativ zum KristallgitterDiffusionspaar mit Markern
Interdiffusion D̃Entwicklung der Zusammensetzung im LaborrahmenKonzentrationsprofil
chemische DiffusionRelaxation eines chemischen PotentialgradientenLeitfähigkeits- oder Gewichtsrelaxation

23. Darken-Gleichung

Für eine binäre substitutionelle Lösung lautet eine verbreitete Form:

D̃=(NBDA*+NADB*)Φ

Der Term in Klammern ist ein mobilitätsgewichteter Mittelwert der Tracerdiffusionen. Φ berücksichtigt die Nichtidealität der Lösung.

Die Gleichung setzt unter anderem lokale Gleichgewichte und geeignete Beziehungen zwischen Tracer- und intrinsischer Mobilität voraus.

24. Interdiffusionsfluss

In einem binären System bewegen sich A und B häufig mit unterschiedlichen intrinsischen Flüssen. Der beobachtete Konzentrationsausgleich ist eine Kombination beider Bewegungen und der Bewegung des Kristallgitters.

Der volumenfeste oder markerfeste Bezugsrahmen muss deshalb klar angegeben werden.

25. Kirkendall-Effekt

Diffundiert A schneller nach rechts als B nach links, entsteht relativ zum Gitter ein Nettostofffluss. Zum Massenausgleich bewegt sich das Gitter beziehungsweise die Ebene inerter Marker.

Der Effekt beweist, dass substitutionelle Diffusion überwiegend durch Leerstellen und nicht durch symmetrischen direkten Austausch erfolgt.

26. Markerbewegung

In einer vereinfachten volumenfesten Beschreibung:

vK=−(JA+JB)/c

vK ist die Kirkendall-Geschwindigkeit. Ihre Richtung hängt von Vorzeichenkonvention und Flussdefinition ab.

Marker bleiben an der materiellen Gitterebene und zeigen dadurch die Drift des Kristallrahmens.

27. Kirkendall-Poren

Ungleiche Atomflüsse entsprechen einem Leerstellenfluss in Gegenrichtung. Werden überschüssige Leerstellen nicht ausreichend an Versetzungen, Korngrenzen oder Oberflächen vernichtet, kondensieren sie zu Poren.

Kirkendall-Porosität kann Lötverbindungen, Beschichtungen und Diffusionsbarrieren schädigen, wird aber auch gezielt zur Herstellung hohler Nanostrukturen genutzt.

28. Boltzmann-Matano-Methode

Aus einem einzelnen Konzentrationsprofil eines Diffusionspaars kann ein konzentrationsabhängiger Interdiffusionskoeffizient D̃(c) bestimmt werden. Die Matano-Ebene wird so gewählt, dass die Stoffbilanz auf beiden Seiten erfüllt ist.

Schematisch:

D̃(c)=−1/(2t)(dx/dc)∫cLc(x−xM)dc

Die Methode setzt eine eindimensionale Geometrie, konstante molare Volumina oder geeignete Korrekturen und ein monotones Profil voraus.

29. Mehrkomponentendiffusion

Bei mehr als zwei Komponenten wird jeder Fluss durch mehrere Gradienten beeinflusst:

Ji=−ΣjDij∇cj

Die Kreuzkoeffizienten können bewirken, dass der Gradient einer Komponente den Fluss einer anderen antreibt. In Legierungen, Gläsern und Batteriematerialien ist diese Kopplung häufig entscheidend.

30. Elektromigration und Nernst–Planck

Geladene Defekte reagieren zusätzlich auf elektrische Felder:

Ji=−Di∇ci−ziF Dici∇φ/(RT)+civ

Die Terme beschreiben Diffusion, Migration und Konvektion. In einem starren Festkörper fehlt gewöhnlich der konvektive Stofftransport, während mechanische Drift oder Grenzflächenbewegung gesondert auftreten kann.

31. Reaktive Diffusion

Treffen zwei Festkörper aufeinander, können an der Grenzfläche neue Verbindungen entstehen. Das weitere Wachstum verlangt Transport durch bereits gebildete Produktschichten.

Ist die Diffusion durch die Schicht geschwindigkeitsbestimmend, folgt häufig ein parabolisches Gesetz:

x²=kpt

x ist die Schichtdicke. Mit zunehmender Dicke wächst der Diffusionsweg und die Wachstumsrate sinkt.

32. Oxidationskinetik

Schützende Oxidschichten wachsen häufig parabolisch. Nichtschützende, poröse oder rissige Schichten können lineare Kinetik zeigen. Sehr dünne Filme besitzen zusätzliche Feld- und Grenzflächenkontrolle.

Welche Spezies durch die Schicht diffundiert, lässt sich durch Marker, Isotope und Defektchemie untersuchen.



Abbildung 2. Ficksche Gesetze beschreiben die Entwicklung von Konzentrationsprofilen. Darken verbindet individuelle Mobilitäten mit Interdiffusion; der Kirkendall-Effekt macht die Bewegung des Kristallgitters sichtbar.

33. Phasenumwandlung als freie-Energie-Abstieg

Eine Phase α wandelt sich in β um, wenn β unter den gegebenen Bedingungen die niedrigere Gibbs-Energie besitzt. Die thermodynamische Triebkraft pro Volumen wird als ΔGv<0 beschrieben.

Die Umwandlung beginnt jedoch nicht zwangsläufig sofort. Die Bildung einer neuen Grenzfläche kostet Energie und erzeugt eine Keimbildungsbarriere.

34. Homogene Keimbildung

Für einen kugelförmigen β-Keim in α:

ΔG(r)=4πr²γ+4πr³ΔGv/3

Der erste Term ist positiv und stammt von der Grenzfläche. Der zweite ist negativ und stammt aus der Volumenstabilisierung.

Kleine Keime werden vom Oberflächenterm dominiert und lösen sich wieder auf. Große Keime wachsen spontan.

35. Kritischer Keimradius

Aus dΔG/dr=0 folgt:

r*=−2γ/ΔGv

Weil ΔGv<0 ist, wird r* positiv. Stärkere Unterkühlung oder Übersättigung vergrößert |ΔGv| und verkleinert den kritischen Radius.

36. Keimbildungsbarriere

ΔG*=16πγ³/(3ΔGv²)

Die kubische Abhängigkeit von γ macht Grenzflächenenergie besonders wichtig. Kleine Änderungen der Benetzung oder Grenzflächenchemie können die Keimrate um viele Größenordnungen verändern.

37. Keimbildungsrate

Eine vereinfachte Rate lautet:

I=I0exp(−ΔG*/kBT)exp(−ΔGm/kBT)

Der erste Exponentialterm beschreibt die thermodynamische Keimbarriere, der zweite die atomare Mobilität. Bei starker Unterkühlung sinkt die Barriere, gleichzeitig wird Diffusion langsamer. Dadurch besitzt die Keimrate häufig ein Maximum bei mittlerer Unterkühlung.

38. Heterogene Keimbildung

Korngrenzen, Oberflächen, Versetzungen und Fremdpartikel ersetzen einen Teil der neu zu bildenden Grenzfläche. Für einen kugelförmigen Kappenkeim auf einer ebenen Unterlage:

ΔG*hetero=f(θ)ΔG*homo
f(θ)=(2+cosθ)(1−cosθ)²/4

Bei guter Benetzung ist θ klein und f(θ) stark reduziert. Deshalb sind reale Festkörperumwandlungen meist heterogen gekeimt.

39. Keimstellen und Inkubationszeit

Die Zahl aktiver Keimstellen und die Zeit zur Ausbildung kritischer Cluster beeinflussen den Beginn einer Umwandlung. Vorverformung, Korngröße, Oberflächenzustand und Fremdpartikel verändern die Inkubationszeit.

40. Wachstum einer neuen Phase

Nach Überschreiten von r* wird Wachstum möglich. Zwei Grenzfälle sind:

  • grenzflächenkontrolliert: Atomanlagerung an der Grenzfläche ist langsam,
  • diffusionskontrolliert: Stofftransport durch Matrix oder Produktschicht ist langsam.

Die Wachstumsgeschwindigkeit kann zeitlich konstant, proportional zu t−1/2 oder komplexer sein.

41. Morphologie und Grenzflächenstabilität

Eine planare Grenzfläche kann instabil werden, wenn Konzentrations- oder Temperaturfelder kleine Vorsprünge bevorzugt wachsen lassen. Dendriten, Zellen und Lamellen sind mögliche Folgen.

Grenzflächenenergie glättet kurze Wellenlängen, während Diffusionsfelder lange Wellenlängen verstärken können.

42. Johnson–Mehl–Avrami–Kolmogorov-Kinetik

Für zufällige Keimbildung und geometrisches Wachstum lautet die transformierte Fraktion:

X(t)=1−exp[−(kt)n]

k enthält Keim- und Wachstumsgeschwindigkeit. n ist der Avrami-Exponent und hängt von Keimzeitverhalten, Wachstumsdimension und Kontrollmechanismus ab.

43. Avrami-Auswertung

Linearisierung:

ln[−ln(1−X)]=nln t+nln k

Die Steigung eines entsprechenden Plots liefert n. Ein konstanter n-Wert über den gesamten Verlauf ist nicht garantiert. Keimstellenerschöpfung, Überlappung, Änderung des Mechanismus und Impingement können die Steigung verändern.

44. Bedeutung des Avrami-Exponenten

idealisierter Fallmöglicher n-BereichHinweis
vorhandene Keime, eindimensionales Wachstumetwa 1plättchen- oder nadelartige Geometrie
vorhandene Keime, dreidimensionales Wachstumetwa 3konstante Grenzflächengeschwindigkeit
kontinuierliche Keimbildung, dreidimensionales Wachstumetwa 4klassischer Idealwert
diffusionskontrolliertes Wachstumhäufig kleinerWachstumsgeschwindigkeit nimmt ab

Experimentelle n-Werte sollten nicht mechanisch einem einzigen Modell zugeordnet werden.

45. Zeit-Temperatur-Umwandlungsdiagramme

TTT-Diagramme zeigen Beginn und Ende isothermer Umwandlungen gegen Temperatur und logarithmische Zeit. Die Kurven besitzen oft eine C-Form:

  • nahe der Gleichgewichtstemperatur ist die Triebkraft klein,
  • bei tiefer Temperatur ist die Diffusion langsam,
  • dazwischen ist die Umwandlung am schnellsten.

CCT-Diagramme berücksichtigen kontinuierliches Abkühlen und sind für technische Wärmebehandlungen besonders relevant.

46. Spinodalentmischung

Innerhalb der Spinodale ist eine homogene Mischung bereits gegenüber infinitesimalen Konzentrationsschwankungen instabil:

∂²f/∂c²<0

Es gibt keine klassische Keimbarriere. Kleine Schwankungen wachsen spontan und erzeugen zunächst eine kontinuierliche, oft wellenartige Mikrostruktur.

47. Cahn–Hilliard-Gleichung

Eine freie-Energie-Funktion mit Gradientenstrafe lautet:

F[c]=∫[f(c)+κg|∇c|²/2]dV

Die zeitliche Entwicklung einer erhaltenen Zusammensetzung wird beschrieben durch:

∂c/∂t=∇·[M∇(∂f/∂c−κg∇²c)]

Der Gradiententerm verhindert unendlich feine Strukturen und definiert eine Grenzflächenbreite.

48. Nukleation gegenüber Spinodalzerfall

Im metastabilen Bereich ist ∂²f/∂c²>0: Kleine Schwankungen zerfallen, und eine endliche Keimbarriere muss überwunden werden. Innerhalb der Spinodale wachsen bestimmte Wellenlängen ohne Barriere.

Beide Prozesse können sich später morphologisch annähern; frühe Zeitentwicklung und statistische Signaturen unterscheiden sie.

49. Ostwald-Reifung

Kleine Teilchen besitzen wegen ihrer Krümmung ein höheres chemisches Potential. Sie lösen sich bevorzugt auf, während größere Teilchen wachsen.

Die Gibbs–Thomson-Beziehung lautet näherungsweise:

ceq(R)=ceq(∞)exp[2γVm/(RRT)]

Kleine Radien besitzen eine höhere Gleichgewichtslöslichkeit.

50. Lifshitz–Slyozov–Wagner-Gesetz

Für verdünnte, diffusionskontrollierte Reifung:

R̄³−R̄0³=Kt

Der mittlere Radius wächst somit wie t1/3. Gleichzeitig sinkt die Teilchenzahl, während der Volumenanteil näherungsweise erhalten bleibt.

51. Korngrößenwachstum

Auch Korngrenzen tragen Energie. Große Körner wachsen auf Kosten kleinerer, um die gesamte Grenzfläche zu reduzieren. Für normales Kornwachstum wird häufig geschrieben:

dm−d0m=Kt

m liegt im Idealmodell nahe 2, kann durch gelöste Atome, Teilchenpinning oder anisotrope Grenzflächen stark verändert werden.

52. Zener-Pinning

Feine zweite Phasen können Korngrenzen festhalten. Die Grenzfläche muss die Teilchen umgehen, was eine Gegenkraft erzeugt. Dadurch bleibt eine kleine Korngröße bis zu höheren Temperaturen stabil.

53. Diffusion, Umwandlung und Werkstoffeigenschaften

Mikrostruktur bestimmt Eigenschaften:

  • feine Ausscheidungen erhöhen Festigkeit,
  • grobe Teilchen können Zähigkeit oder Leitfähigkeit verändern,
  • Korngröße beeinflusst Festigkeit, Kriechen und Diffusion,
  • Poren vermindern Dichte und mechanische Belastbarkeit,
  • Phasenverteilung steuert magnetische, optische und elektrochemische Funktion.

Wärmebehandlung ist daher kontrollierte Diffusion plus kontrollierte Phasenumwandlung.



Abbildung 3. Keimbildung konkurriert zwischen positiver Grenzflächenenergie und negativer Volumentriebkraft. Nach erfolgreicher Keimbildung bestimmen Wachstum, Überlappung, Spinodalinstabilität und Reifung die Mikrostruktur.

54. Experimentelle Methoden

Diffusion und Umwandlung werden untersucht durch:

  • Isotopenprofile und Sekundärionen-Massenspektrometrie,
  • Elektronenstrahl-Mikroanalyse und EDX,
  • Röntgen- und Neutronenbeugung,
  • Kalorimetrie und Dilatometrie,
  • Thermogravimetrie,
  • elektrische Leitfähigkeitsrelaxation,
  • Raster- und Transmissionselektronenmikroskopie,
  • Atomsondentomographie,
  • in-situ- und operando-Methoden.

Eine robuste Analyse kombiniert Konzentrationsprofile, Strukturinformation und Mikrostruktur.

55. Typische Fehler

FehlerKorrektur
Diffusion als gerichtete Einzelatombewegung auffassenEinzelne Sprünge sind stochastisch; der Nettofluss entsteht statistisch.
D mit Sprungfrequenz gleichsetzenSprungweite, Dimensionalität, Defektkonzentration und Korrelation berücksichtigen.
Aktivierungsenergie immer nur als Migrationsenergie deutenIm intrinsischen Bereich kann Defektbildung beitragen.
Ficksches Gesetz auf stark nichtideale Systeme ungeprüft anwendenChemisches Potential und thermodynamischen Faktor verwenden.
Tracer- und Interdiffusion gleichsetzenBezugsrahmen und thermodynamische Kopplung unterscheiden.
Kirkendall-Marker als diffundierende Fremdatome interpretierenSie markieren die Bewegung des Kristallgitters.
eine neue Phase allein aus negativer ΔG erwartenKeimbildungsbarriere und atomare Mobilität berücksichtigen.
heterogene Keimbildung ignorierenOberflächen und Defekte senken die Barriere meist stark.
Avrami-Exponent eindeutig einem Mechanismus zuordnenKeimrate, Dimension, Überlappung und Diffusionskontrolle gemeinsam prüfen.
Spinodalentmischung als klassische Keimbildung beschreibenInnerhalb der Spinodale wachsen kleine Schwankungen barrierefrei.
Ostwald-Reifung als Zunahme des Volumenanteils ansehenPrimär wachsen große Teilchen auf Kosten kleinerer bei ähnlichem Gesamtvolumen.
Mikrostruktur nur als Gleichgewichtsergebnis behandelnKinetik, Wärmegeschichte und eingefrorene Zustände einbeziehen.

56. Übungsaufgaben

Aufgabe 1: Diffusionskoeffizient aus Sprüngen

Ein Teilchen führt in einem isotropen dreidimensionalen Gitter unkorrelierte Sprünge der Länge a=0,250 nm mit einer Gesamtfrequenz Γ=2,00×108 s−1 aus.

Berechne:

D=a²Γ/6

Aufgabe 2: Temperaturabhängigkeit

Ein Diffusionsprozess besitzt Q=180 kJ mol−1. Berechne das Verhältnis D(1000 K)/D(800 K), wenn D0 konstant ist.

D2/D1=exp[−Q/R(1/T2−1/T1)]

Aufgabe 3: Diffusionslänge

Für D=1,00×10−14 m² s−1 und t=10,0 h berechne die eindimensionale charakteristische Länge:

L=√(2Dt)

Aufgabe 4: Stationärer Stofffluss

Durch eine Festkörperschicht mit D=2,00×10−12 m² s−1 besteht ein konstanter Konzentrationsgradient:

dc/dx=−5,00×104 mol m−4

Berechne J nach Ficks erstem Gesetz.

Aufgabe 5: Fehlerfunktionsprofil

Ein halbunendlicher Festkörper besitzt an seiner Oberfläche konstant cs; im Inneren war die Konzentration anfangs null. Für diesen Fall gilt:

c/cs=erfc[x/(2√Dt)]

Berechne c/cs bei D=4,00×10−14 m² s−1, t=2,00 h und x=10,0 µm.

Aufgabe 6: Kirkendall-Geschwindigkeit

In einem binären Diffusionspaar seien die intrinsischen Flüsse relativ zum Gitter:

JA=+2,00×10−6 mol m−2 s−1
JB=−0,500×10−6 mol m−2 s−1

Die gesamte molare Konzentration beträgt c=5,00×104 mol m−3. Berechne:

vK=−(JA+JB)/c

Aufgabe 7: Kritischer Keim

Für eine homogene Umwandlung seien γ=0,500 J m−2 und ΔGv=−2,00×108 J m−3.

Berechne:

  1. r*=−2γ/ΔGv,
  2. ΔG*=16πγ³/(3ΔGv²),
  3. die Barriere in eV.

Aufgabe 8: Heterogene Keimbildung

Ein Keim bildet auf einer Unterlage einen Kontaktwinkel θ=60,0°. Berechne:

f(θ)=(2+cosθ)(1−cosθ)²/4

Welcher Anteil der homogenen Barriere bleibt?

Aufgabe 9: JMAK-Kinetik

Für eine Umwandlung gelten k=2,00×10−4 s−1, n=2,00 und t=3000 s.

Berechne:

X=1−exp[−(kt)n]

Aufgabe 10: Ostwald-Reifung

Der mittlere Anfangsradius beträgt R̄0=20,0 nm. Für die Reifung gilt K=2,00×10−27 m³ s−1 und t=3600 s.

Berechne R̄ aus:

R̄³−R̄0³=Kt

57. Vollständige Lösungen

Lösung 1

Umrechnung:

a=0,250 nm=2,50×10−10 m

Einsetzen:

D=(2,50×10−10)²(2,00×108)/6
D=2,083×10−12 m² s−1

Der Wert gilt für das ausdrücklich angenommene unkorrelierte Zufallsmodell. Bei Leerstellendiffusion würde ein Korrelationsfaktor hinzukommen.

Lösung 2
D2/D1=exp{−180000/8,31446·(1/1000−1/800)}
D2/D1=224,1

Eine Temperaturerhöhung um 200 K steigert D in diesem Beispiel um mehr als zwei Größenordnungen. Dies zeigt die extreme Empfindlichkeit aktivierter Festkörperprozesse.

Lösung 3

Zeit:

t=10,0 h=3,600×104 s

Damit:

L=√[2(1,00×10−14)(3,600×104)]
L=2,683×10−5 m=26,83 µm

Selbst nach zehn Stunden beträgt die charakteristische Strecke nur einige Zehn Mikrometer.

Lösung 4
J=−D dc/dx
J=−(2,00×10−12)(−5,00×104)
J=1,00×10−7 mol m−2 s−1

Der positive Fluss zeigt in die positive x-Richtung, weil die Konzentration in dieser Richtung abnimmt.

Lösung 5

Zunächst:

t=7200 s
η=x/(2√Dt)
η=(1,00×10−5)/[2√((4,00×10−14)(7200))]
η=0,2946

Aus der komplementären Fehlerfunktion:

c/cs=erfc(0,2946)=0,6769

In 10 µm Tiefe sind nach zwei Stunden etwa 67,7 Prozent der festgehaltenen Oberflächenkonzentration erreicht.

Lösung 6

Summe der Flüsse:

JA+JB=1,50×10−6 mol m−2 s−1

Markerbewegung:

vK=−(1,50×10−6)/(5,00×104)
vK=−3,00×10−11 m s−1

Das Minuszeichen bedeutet Bewegung entgegen der positiv definierten Nettostoffflussrichtung.

Lösung 7

Kritischer Radius:

r*=−2(0,500)/(−2,00×108)
r*=5,00×10−9 m=5,00 nm

Barriere:

ΔG*=16π(0,500)³/[3(2,00×108)²]
ΔG*=5,236×10−17 J

In Elektronenvolt:

ΔG*=326,8 eV

Die hohe Vielteilchenbarriere erklärt, weshalb homogene Keimbildung oft viel seltener als heterogene Keimbildung ist.

Lösung 8

Für θ=60° ist cosθ=0,5:

f=(2+0,5)(1−0,5)²/4
f=0,15625

Nur 15,625 Prozent der homogenen Barriere bleiben. Die heterogene Barriere ist um 84,375 Prozent reduziert.

Lösung 9
kt=(2,00×10−4)(3000)=0,600
(kt)²=0,360
X=1−e−0,360=0,3023

Die transformierte Fraktion beträgt 30,23 Prozent.

Lösung 10

Einsetzen in SI-Einheiten:

R̄³=(20,0×10−9)³+(2,00×10−27)(3600)
R̄³=1,520×10−23
R̄=2,477×10−8 m=24,77 nm

Der mittlere Radius wächst in einer Stunde um etwa 4,77 nm. Das kubische Gesetz bedeutet, dass das weitere Wachstum zunehmend langsam erscheint.

58. Zusammenfassung

  • Festkörperdiffusion entsteht aus thermisch aktivierten atomaren Sprüngen.
  • Die mittlere quadratische Verschiebung erfüllt ⟨r²⟩=6Dt.
  • Die Diffusionslänge wächst nur wie √t.
  • Leerstellendiffusion bewegt Atome und Leerstellen in entgegengesetzte Richtungen.
  • Kleine Teilchen können über Zwischengitterplätze besonders schnell diffundieren.
  • Interstitialcy-Prozesse koppeln Zwischen- und reguläre Gitteratome.
  • D enthält Sprungweite, Sprungrate, Geometrie und Korrelationsfaktor.
  • Arrhenius-Plots liefern Aktivierungsenergie und Vorfaktor.
  • Intrinsische Aktivierungsenergien können Bildung und Migration enthalten.
  • Im extrinsischen Bereich ist die Defektkonzentration durch Dotierung festgelegt.
  • Diffusion kann anisotrop und an Grenzflächen stark beschleunigt sein.
  • Ficks erstes Gesetz beschreibt stationäre Flüsse.
  • Ficks zweites Gesetz beschreibt zeitabhängige Konzentrationsprofile.
  • Fehlerfunktionslösungen gelten für halbunendliche Medien mit fester Oberfläche.
  • Das chemische Potential ist die allgemeine Triebkraft.
  • Der thermodynamische Faktor korrigiert nichtideale Mischungen.
  • Tracer-, intrinsische und Interdiffusion sind verschiedene Größen.
  • Darken verbindet individuelle Mobilitäten mit der Interdiffusion.
  • Der Kirkendall-Effekt macht die Bewegung des Kristallrahmens sichtbar.
  • Ungleiche Flüsse können Kirkendall-Poren erzeugen.
  • Boltzmann-Matano gewinnt D(c) aus Konzentrationsprofilen.
  • Reaktive Diffusion erzeugt häufig parabolisch wachsende Schichten.
  • Eine neue Phase benötigt negative Volumentriebkraft und eine neue Grenzfläche.
  • Der kritische Radius trennt schrumpfende und wachsende Keime.
  • Die Keimbildungsbarriere skaliert mit γ³/ΔGv².
  • Heterogene Keimbildung senkt die Barriere durch Benetzung.
  • Wachstum kann grenzflächen- oder diffusionskontrolliert sein.
  • JMAK beschreibt die transformierte Fraktion mit X=1−exp[−(kt)n].
  • Der Avrami-Exponent ist kein eindeutiger mechanistischer Fingerabdruck.
  • TTT- und CCT-Diagramme verbinden Umwandlungskinetik mit Wärmebehandlung.
  • Spinodalentmischung benötigt keine klassische Keimbarriere.
  • Cahn–Hilliard beschreibt erhaltene Konzentrationsfelder mit Grenzflächenstrafe.
  • Ostwald-Reifung lässt große Teilchen auf Kosten kleiner wachsen.
  • Im LSW-Grenzfall gilt R̄³−R̄0³=Kt.
  • Mikrostruktur ist ein kinetisch geprägtes Ergebnis der gesamten Wärmegeschichte.

59. Häufig gestellte Fragen

Bewegen sich Atome bei Diffusion immer von hoher zu niedriger Konzentration?

Bei idealer Fickscher Diffusion ja. Allgemein folgt der Fluss jedoch dem Gradienten des chemischen Potentials. In nichtidealen Systemen kann die Konzentrationsrichtung täuschen.

Warum ist Diffusion bei Raumtemperatur oft so langsam?

Die Sprungrate enthält einen exponentiellen Boltzmann-Faktor. Schon moderate Migrationsbarrieren unterdrücken erfolgreiche Sprünge bei niedriger Temperatur stark.

Was unterscheidet Bildung und Migration eines Defekts?

Die Bildungsenergie bestimmt die Zahl vorhandener mobiler Defekte. Die Migrationsbarriere bestimmt die Sprunggeschwindigkeit eines bereits vorhandenen Defekts.

Warum bewegt sich eine Kirkendall-Markerebene?

Die beiden Komponenten besitzen unterschiedliche intrinsische Flüsse. Der materielle Kristallrahmen driftet, um die Volumenbilanz zu erfüllen.

Warum entstehen Kirkendall-Poren?

Ungleiche Atomflüsse erzeugen einen Netto-Leerstellenfluss. Können die Leerstellen nicht an Senken verschwinden, kondensieren sie zu Hohlräumen.

Warum wächst ein kleiner Keim nicht trotz günstiger neuer Phase?

Bei kleinen Radien überwiegt die positive Grenzflächenenergie. Erst oberhalb des kritischen Radius dominiert die negative Volumentriebkraft.

Warum ist heterogene Keimbildung häufiger?

Eine vorhandene Oberfläche oder Grenzfläche ersetzt einen Teil der neu zu erzeugenden Grenzfläche und senkt dadurch die Barriere.

Was bedeutet der Avrami-Exponent?

Er fasst Keimzeitverhalten, Wachstumsdimension, Geschwindigkeitsgesetz und Überlappung zusammen. Ein gemessener Wert kann mehrere mechanistische Ursachen besitzen.

Was unterscheidet Spinodalentmischung von Keimbildung?

Im metastabilen Bereich ist ein endlicher Keim nötig. Innerhalb der Spinodale wachsen infinitesimale Konzentrationsschwankungen spontan.

Warum wachsen große Ausscheidungen auf Kosten kleiner?

Die Krümmung kleiner Teilchen erhöht ihr chemisches Potential und ihre Gleichgewichtslöslichkeit. Material diffundiert zu größeren Teilchen mit geringerer Krümmung.

60. Ausblick auf Teil 6

Teil 6 behandelt Elektronen im Festkörper. Freies Elektronengas, Fermi-Energie, periodisches Kristallpotential, Bloch-Theorem, nahezu freie Elektronen, Bandlücken, Tight-Binding-Modell, Zustandsdichte, effektive Masse sowie die Einteilung in Metalle, Halbleiter und Isolatoren werden systematisch entwickelt.

Literatur und weiterführende Quellen

  1. P. Shewmon: Diffusion in Solids. Springer.
  2. H. Mehrer: Diffusion in Solids. Springer.
  3. J. W. Christian: The Theory of Transformations in Metals and Alloys. Pergamon.
  4. D. A. Porter, K. E. Easterling & M. Sherif: Phase Transformations in Metals and Alloys. CRC Press.
  5. J. Crank: The Mathematics of Diffusion. Oxford University Press.

Didaktischer Hinweis: Konstante Diffusionskoeffizienten, ideale Lösungen, kugelförmige Keime, konstante Grenzflächenenergie, einzelne Avrami-Exponenten und LSW-Reifung sind kontrollierte Näherungen. Reale Materialien besitzen anisotrope Diffusion, elastische Spannungen, Mehrkomponentenkopplung, Defektassoziation, komplexe Grenzflächen und wechselnde Mechanismen.

Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.

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