Titelbild: Siibra verbindet unterschiedliche Maßstäbe, Referenzatlanten und Datentypen über einen interaktiven Webviewer, eine Python-Bibliothek und eine Programmierschnittstelle.
Das menschliche Gehirn lässt sich nicht mit einer einzigen Karte vollständig beschreiben. Ein Magnetresonanztomogramm zeigt große anatomische Strukturen und Faserbahnen, aber keine einzelnen Nervenzellen. Histologische Schnitte können Zellschichten und mikroskopische Grenzen sichtbar machen, stammen jedoch meist aus wenigen postmortalen Gehirnen. Molekulare Messungen erfassen Rezeptoren oder Genaktivität, während funktionelle Bildgebung großräumige Netzwerke im lebenden Gehirn untersucht. Jede Methode liefert einen wichtigen Ausschnitt – doch die Daten liegen häufig in verschiedenen Formaten, Koordinatensystemen und Datenbanken.
Eine am 20. Juli 2026 in Nature Methods veröffentlichte Arbeit stellt nun die Software-Suite Siibra ausführlich vor. Entwickelt wurde sie von einem internationalen Team um Timo Dickscheid und Katrin Amunts am Forschungszentrum Jülich. Der Name steht für software interfaces for interacting with brain atlases. Siibra verbindet verteilte neurowissenschaftliche Daten mit anatomischen Referenzatlanten und macht sie über einen browserbasierten 3D-Viewer, eine Python-Bibliothek und eine HTTP-Programmierschnittstelle zugänglich.
Die häufig verwendete Formulierung „neuer Gehirnatlas“ ist dabei etwas verkürzt. Siibra ist nicht einfach eine einzelne neue Karte mit festen Grenzen. Es ist vielmehr die technische Infrastruktur für einen mehrstufigen menschlichen Hirnatlas, der makroskopische MRT-Räume, probabilistische Karten von Hirnarealen, mikroskopische Gewebemodelle, Zellmessungen, Rezeptordichten, Genexpression und funktionelle sowie strukturelle Konnektivität miteinander verknüpft.
Warum ein Gehirnatlas schwieriger ist als ein geografischer Atlas
Bei einem Straßenatlas lassen sich Grenzen, Entfernungen und Koordinaten vergleichsweise eindeutig festlegen. Beim Gehirn ist die Situation komplizierter. Die Form von Windungen und Furchen unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Mikroskopische Arealgrenzen stimmen nicht immer mit sichtbaren Furchen überein. Eine funktionelle Aktivierung aus einer fMRT-Studie besitzt eine begrenzte räumliche Auflösung und kann mehrere anatomische Regionen überlappen.
Darüber hinaus existieren verschiedene wissenschaftliche Prinzipien, nach denen das Gehirn unterteilt werden kann:
| Unterteilungsprinzip | Grundlage | Typische Fragestellung |
|---|---|---|
| Makroanatomie | Sichtbare Furchen, Windungen, Kerne und große Gewebestrukturen. | Wo liegt eine Läsion oder Aktivierung im groben anatomischen Raum? |
| Zytoarchitektur | Dichte, Größe, Form und Schichtung von Zellkörpern im Gewebe. | Wo verlaufen mikroskopisch definierte Grenzen zwischen Hirnarealen? |
| Rezeptorarchitektur | Räumliche Verteilung verschiedener Neurotransmitterrezeptoren. | Wie unterscheiden sich Regionen in ihrer molekularen Ausstattung? |
| Strukturelle Konnektivität | Faserbahnen und anatomische Verbindungen zwischen Regionen. | Welche Gebiete sind physisch miteinander verbunden? |
| Funktionelle Konnektivität | Korrelation zeitlicher Aktivitätsmuster, meist aus fMRT-Daten. | Welche Regionen arbeiten unter bestimmten Bedingungen gemeinsam? |
| Genexpression | Regionale Aktivität einzelner Gene oder Genprogramme. | Welche molekularen Mechanismen unterscheiden Hirnregionen? |
Diese Unterteilungen widersprechen sich nicht zwangsläufig. Sie beschreiben unterschiedliche Ebenen desselben Organs. Das Problem besteht darin, sie räumlich und semantisch miteinander in Beziehung zu setzen.
Abbildung 1. Neurowissenschaftliche Daten reichen von Zentimetern bis zur molekularen Ebene. Ein mehrstufiger Atlas muss diese Maßstäbe verbinden, obwohl sie mit unterschiedlichen Methoden gemessen werden.
Was genau ist Siibra?
Siibra ist eine modulare Open-Source-Software-Suite. Sie bildet eine gemeinsame Zugriffsschicht zwischen Atlanten, Koordinatenräumen, Cloudarchiven und Analysewerkzeugen. Die eigentlichen Daten werden dabei nicht vollständig in Siibra gespeichert. Stattdessen verweisen kuratierte Metadaten auf veröffentlichte Ressourcen, die beispielsweise in der europäischen Forschungsinfrastruktur EBRAINS, im Allen Human Brain Atlas oder in großen Bildarchiven liegen.
Die Suite besteht aus drei zentralen Zugängen:
| Komponente | Funktion | Zielgruppe |
|---|---|---|
| siibra-explorer | Interaktiver 3D-Webviewer zum Navigieren durch Referenzräume, Karten und verknüpfte Datensätze. | Forschende, Studierende und interessierte Nutzer ohne Programmierkenntnisse. |
| siibra-python | Python-Bibliothek für automatisierte Abfragen, Koordinatentransformationen, Datenextraktion und reproduzierbare Analysen. | Computational Neuroscience, Neuroinformatik und datenintensive Forschung. |
| siibra-api | HTTP-Schnittstelle, über die andere Programme Atlasregionen, Karten und Datenmerkmale abfragen können. | Entwickler von Forschungssoftware, Webanwendungen und Analyseplattformen. |
Der Webviewer ist der unmittelbarste Einstieg. Nutzer können menschliche, Makaken-, Ratten- oder Mäuseatlanten auswählen, Gehirnregionen anklicken, Schnittebenen verändern und zwischen verschiedenen räumlichen Vorlagen wechseln. Für komplexe Forschungsprojekte bietet siibra-python denselben Zugang programmatisch und erweitert ihn um automatisierbare Arbeitsabläufe.
Abbildung 2. Siibra verbindet Datenquellen, Atlanten und Koordinatenräume. Die Daten können anschließend interaktiv, über Python oder über eine Web-API genutzt werden.
Das anatomische Rückgrat: Julich-Brain
Ein zentrales anatomisches Referenzsystem ist der Julich-Brain Atlas. Er basiert auf der Zytoarchitektur des menschlichen Gehirns, also auf der mikroskopischen Verteilung, Dichte und Gestalt von Zellkörpern. Die Grenzen werden nicht allein nach sichtbaren Furchen festgelegt, sondern anhand quantitativer Veränderungen im Gewebe.
Julich-Brain enthält inzwischen probabilistische Karten von mehr als 200 kortikalen und subkortikalen Arealen pro Hemisphäre. Die Karten beruhen auf Untersuchungen mehrerer postmortaler Gehirne und bilden deshalb nicht nur einen einzelnen Menschen ab. Sie zeigen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Areal an einer Position im standardisierten Raum liegt.
Die aufwendige Kartierung benötigt viel Zeit. Nach Angaben des Forschungsteams kann die detaillierte Erfassung eines einzigen Areals ungefähr ein Wissenschaftlerjahr beanspruchen. Der Atlas wird deshalb als „lebender Atlas“ weiterentwickelt und regelmäßig um neue Regionen ergänzt.
Warum probabilistische Karten wichtig sind
Eine starre Atlasgrenze könnte den Eindruck erwecken, ein Hirnareal beginne bei allen Menschen an exakt derselben Koordinate. In Wirklichkeit unterscheiden sich Größe, Form und Lage. Eine probabilistische Karte beschreibt diese Variabilität mathematisch.
Für eine Position x kann eine Atlasfunktion beispielsweise eine Wahrscheinlichkeit oder einen Zugehörigkeitswert liefern:
Liegt eine Messung mitten in einer Region, kann die Zuordnung sehr eindeutig sein. In Grenzbereichen können mehrere Areale plausible Werte besitzen. Siibra kann solche Wahrscheinlichkeiten auswerten, anstatt jede Koordinate zwangsweise einer einzigen scharf abgegrenzten Region zuzuordnen.
Abbildung 3. Probabilistische Karten berücksichtigen, dass anatomische Grenzen zwischen Personen variieren. Eine starre Linie würde diese Unsicherheit verbergen.
Für Neuroimaging-Studien ist das besonders relevant. Ein Aktivierungszentrum aus einer fMRT-Analyse oder der Kontakt einer Stimulationselektrode besitzt ebenfalls räumliche Unsicherheit. Die probabilistische Zuordnung erlaubt daher eine abgestufte anatomische Interpretation.
BigBrain: der mikroskopische Referenzraum
Der makroskopische MRT-Raum wird in Siibra mit dem BigBrain verbunden. BigBrain ist eine dreidimensionale Rekonstruktion eines menschlichen postmortalen Gehirns aus 7.404 histologischen Schnitten. Die isotrope Voxelgröße beträgt 20 × 20 × 20 Mikrometer. Damit entsteht eine Brücke zwischen dem ganzen Gehirn und mikroskopischen Gewebestrukturen.
Der vollständige BigBrain-Datensatz umfasst fast ein Terabyte. Für viele Arbeitsgruppen wäre es unpraktisch, ihn komplett herunterzuladen und lokal zu verarbeiten. Siibra ermöglicht deshalb den gezielten Zugriff auf Ausschnitte. Forschende können eine Region im MRT-Raum auswählen, die Position in den BigBrain-Raum transformieren und anschließend nur relevante hochauflösende Bildbereiche aus der Cloud abrufen.
Die räumliche Transformation lässt sich abstrakt schreiben als:
T bezeichnet eine nichtlineare Transformation zwischen zwei Referenzräumen. Da unterschiedliche Gehirne aufeinander abgebildet werden, ist das Ergebnis niemals völlig fehlerfrei. Siibra hält den verwendeten Raum und die Transformation jedoch explizit fest, sodass die Zuordnung nachvollziehbar bleibt.
Abbildung 4. Siibra kann Positionen zwischen makroskopischen und mikroskopischen Räumen übertragen und gezielt hochauflösende Bildausschnitte aus Cloudressourcen abrufen.
Vom ganzen Gehirn bis zu Betz-Zellen
Die Publikation demonstriert den Maßstabswechsel am primären motorischen Cortex. Im Webviewer kann zunächst das Areal 4p in einem MNI-Referenzraum ausgewählt werden. Anschließend wechselt die Darstellung zum mikroskopischen BigBrain-Modell, ohne den interessierenden Ort zu verlieren. Über hochauflösende Schnitte lassen sich schließlich einzelne große Betz-Zellen in der fünften kortikalen Schicht erkennen.
Dieses Beispiel zeigt den eigentlichen Mehrwert: Die verschiedenen Ansichten sind nicht bloß nebeneinander abgelegt. Sie werden räumlich miteinander verknüpft. Eine makroskopische Region kann als Ausgangspunkt dienen, um zu kortikalen Schichten, Zellverteilungen und Gewebebildern zu gelangen.
Welche Datenarten lassen sich zu einer Region abrufen?
Für eine ausgewählte Hirnregion kann Siibra ein multimodales Profil zusammenstellen. Dazu gehören je nach Datenlage:
- Zelldichten und histologische Färbeprofile;
- Schichtdicken und Zellverteilungen innerhalb des Cortex;
- Dichten verschiedener Neurotransmitterrezeptoren;
- regionale Genexpressionswerte;
- strukturelle Faserverbindungen;
- funktionelle Konnektivitätsprofile;
- hochaufgelöste zwei- und dreidimensionale Bilddaten;
- probabilistische Karten und Oberflächenmodelle.
In der Studie vergleichen die Autoren beispielsweise das primäre visuelle Areal hOc1 mit Area 44, einem Teil der Broca-Region. Beide Areale unterscheiden sich in Zellverteilung, Rezeptordichten, Genexpression und funktionellen Verbindungen. Siibra übernimmt dabei nicht die wissenschaftliche Interpretation. Es stellt die räumlich zugeordneten Daten in vergleichbaren Formaten bereit.
Datenintegration ohne riesige lokale Downloads
Ein zentrales Problem moderner Neurowissenschaften ist nicht der Mangel an Daten, sondern ihre technische Zersplitterung. Ein Datensatz liegt als NIfTI-Datei vor, ein anderer als mehrstufiges Cloudbild, ein dritter in einer Datenbank mit eigener Programmierschnittstelle. Manche Bildressourcen erreichen Gigabyte- oder Terabyte-Größe.
Siibra vereinheitlicht den Zugriff. Für den Nutzer erscheinen Bilddaten als gebräuchliche NIfTI-Objekte, Tabellen als pandas-Datenrahmen und numerische Daten als NumPy-Strukturen. Dadurch können sie unmittelbar mit verbreiteten Werkzeugen wie Nilearn, ITK-SNAP, napari oder Matplotlib weiterverarbeitet werden.
Bei großen Bildern werden nur die benötigten Ausschnitte übertragen. Diese Strategie entspricht einem allgemeinen Wandel von der dateibasierten Forschung zur Interaktion mit Cloudressourcen. Forschende müssen nicht mehr jeden vollständigen Datensatz lokal speichern, sondern können anatomisch definierte Abfragen ausführen.
Reproduzierbare Arbeitsabläufe statt manueller Klickfolgen
Ein 3D-Viewer ist hervorragend geeignet, um Daten visuell zu erkunden. Für eine wissenschaftliche Studie reicht es aber nicht, einige Bilder manuell anzusehen. Andere Arbeitsgruppen müssen nachvollziehen können, welche Region, Version, Transformation und Auflösung verwendet wurden.
Hier kommt siibra-python ins Spiel. Ein Analyseablauf kann als Code dokumentiert werden:
- Referenzatlas und Koordinatenraum auswählen;
- Hirnregion oder räumlichen Ausschnitt definieren;
- probabilistische Zuordnung berechnen;
- verknüpfte Datenmerkmale abfragen;
- Bilddaten in festgelegter Auflösung extrahieren;
- Ergebnisse mit Metadaten und persistenten Quellenangaben speichern.
Die Publikation stellt für ihre Abbildungen ausführbaren Code oder dauerhafte Atlaslinks bereit. Der Artikel ist damit zugleich eine Demonstration reproduzierbarer Nutzung. Ein anderes Team kann die Abfrage wiederholen, verändern oder auf eine andere Region anwenden.
FAIR-Prinzipien und ein „lebender“ Atlas
Siibra orientiert sich an den FAIR-Prinzipien: Daten sollen auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein. Inhalte werden mit Metadaten, Quellen und häufig einer DOI verknüpft. Der EBRAINS Knowledge Graph bildet dabei eine zentrale Infrastruktur.
Die strikte Trennung zwischen Software und Inhalten erleichtert Erweiterungen. Neue Karten, Referenzräume oder Datenmerkmale können hinzugefügt werden, ohne den Kern der Software neu zu entwerfen. Über sogenannte Live Queries kann Siibra Daten dynamisch aus unterstützten Cloudplattformen abrufen. Derzeit gehören dazu unter anderem EBRAINS, der Allen Human Brain Atlas und hochauflösende Bildressourcen.
Auch lokale Daten können eingebunden werden. Im Webviewer lassen sich vorab ausgerichtete NIfTI-Dateien per Drag-and-drop über Atlasdaten legen. Nach Angaben der Entwickler verbleibt die Datei dabei auf dem lokalen System und muss nicht vollständig auf den Siibra-Server hochgeladen werden.
Fallstudie: Zielregionen der tiefen Hirnstimulation
Die Autoren demonstrieren den praktischen Nutzen an subkortikalen Zielregionen der tiefen Hirnstimulation. Dabei werden Elektroden in tiefen Hirnstrukturen platziert, um bestimmte Netzwerke elektrisch zu modulieren. Schon kleine räumliche Unterschiede können Wirkung und Nebenwirkungen beeinflussen.
Untersucht wurde der ventrale intermediäre Thalamuskern, kurz VIM, der unter anderem bei der Behandlung von Tremor relevant ist. Eine frühere Studie hatte MRT-basierte Cluster anhand ihrer Faserverbindungen bestimmten Thalamusregionen zugeordnet. Siibra ermöglichte eine erneute Analyse mit probabilistischen Julich-Brain-Karten und mikroskopischen BigBrain-Schnitten.
Für die räumliche Überlappung zweier Karten kann beispielsweise der Dice-Koeffizient verwendet werden:
Ein Wert von 1 bedeutet vollständige Überlappung, ein Wert von 0 keine Überlappung. Die Siibra-Analyse zeigte, dass ein als „Dentate“ bezeichnetes Cluster gut zum VIM passte. Ein „Precentral“-Cluster lag dagegen in wichtigen Schnitten eher im benachbarten ventral-posterolateralen Kern, dem VPL, und war teilweise nur angrenzend an den VIM.
Abbildung 5. Die Fallstudie zeigt, wie Siibra makroskopische Konnektivitätskarten mit mikroskopisch definierten Kerngebieten vergleichen kann. Die Darstellung ist rein schematisch und keine Operationsplanung.
Das Beispiel bedeutet nicht, dass Siibra selbstständig die optimale Elektrode für einen Patienten bestimmt. Es zeigt, dass die Kombination verschiedener Atlanten und Maßstäbe frühere anatomische Zuordnungen verfeinern oder korrigieren kann. Für klinische Anwendungen wären patientenspezifische Bildgebung, validierte Transformationsverfahren und ärztliche Bewertung weiterhin unverzichtbar.
Potenzial für digitale Gehirnmodelle
Ein digitaler Hirnzwilling oder ein personalisiertes Netzwerkmodell benötigt mehr als eine grobe Unterteilung in Regionen. Modelle müssen wissen, wie Regionen verbunden sind, welche Zell- und Rezeptoreigenschaften sie besitzen und wie sich individuelle Anatomie auf die räumliche Zuordnung auswirkt.
Siibra kann für solche Modelle eine Daten- und Referenzschicht bereitstellen. Ein Simulationsprogramm könnte beispielsweise:
- eine definierte Parzellierung laden;
- strukturelle Konnektivität zwischen Regionen abrufen;
- regionale Rezeptor- oder Zelldichtewerte integrieren;
- Patientendaten in denselben Raum übertragen;
- Ergebnisse wieder anatomischen Regionen zuordnen.
Damit ist Siibra selbst noch kein vollständiges Gehirnmodell. Die Suite stellt vielmehr die geordnete Infrastruktur bereit, auf der Modelle aufgebaut und miteinander verglichen werden können.
Bio-inspirierte künstliche Intelligenz
Die Entwickler nennen auch bio-inspirierte KI als mögliches Anwendungsfeld. Heutige künstliche neuronale Netze übernehmen nur sehr grobe Prinzipien biologischer Nervensysteme. Ein mehrstufiger Atlas könnte Forschenden helfen, realistischere Beziehungen zwischen Zellarchitektur, regionaler Spezialisierung und Netzwerkorganisation zu untersuchen.
Allerdings folgt aus einer detaillierten Karte nicht automatisch ein funktionierendes KI-Modell. Anatomische Struktur ist nur ein Teil der Gehirnfunktion. Zeitliche Dynamik, Plastizität, Körperzustände, Entwicklung und Lernen müssen zusätzlich modelliert werden.
Wie kann man den Atlas selbst erkunden?
Der öffentlich zugängliche siibra-explorer kann direkt im Webbrowser genutzt werden. Ein typischer Einstieg sieht so aus:
- menschlichen Hirnatlas und gewünschten Referenzraum auswählen;
- über die Regionensuche ein Areal aufrufen;
- probabilistische Karte und dreidimensionale Oberfläche betrachten;
- zu BigBrain oder einer anderen Vorlage wechseln;
- verknüpfte Merkmale wie Konnektivität, Rezeptordichten oder histologische Bilder öffnen.
Der Viewer funktioniert auch auf mobilen Geräten, für die intensive Analyse großer Bildressourcen ist jedoch ein Desktopbrowser geeigneter.
Grenzen und offene Herausforderungen
Abbildung 6. Siibra ist eine leistungsfähige Forschungsinfrastruktur. Der Atlas bleibt jedoch von Datenqualität, räumlicher Unsicherheit und der Validierung konkreter Anwendungen abhängig.
Ein Atlas ist kein individuelles Gehirn
Standardräume und probabilistische Karten beschreiben Referenzen und Populationen. Ein einzelner Patient kann deutlich abweichende Anatomie besitzen, insbesondere bei Tumoren, Entwicklungsstörungen, Operationen oder neurodegenerativen Veränderungen.
Transformationen sind nicht fehlerfrei
Die Übertragung zwischen einem lebenden MRT-Gehirn, einem Populationsraum und einem postmortalen mikroskopischen Modell erfordert nichtlineare Verformungen. In zentralen Bereichen können sie sehr präzise sein, an stark variablen Grenzen bleibt Unsicherheit.
Datenquellen besitzen unterschiedliche Qualität
Ein Atlas kann nur so zuverlässig sein wie seine Eingangsdaten. Stichprobengröße, Messverfahren, Gewebequalität und Vorverarbeitung unterscheiden sich. Siibra harmonisiert den Zugriff, beseitigt aber nicht automatisch methodische Unterschiede.
Nicht jede Region ist gleich umfassend beschrieben
Für manche Areale existieren detaillierte Zell-, Rezeptor-, Genexpressions- und Konnektivitätsdaten. Andere Regionen sind deutlich weniger vollständig untersucht. Der Atlas bleibt daher räumlich und modal ungleichmäßig.
Cloudinfrastruktur beeinflusst die Nutzung
Die Autoren berichten, dass typische Abfragen innerhalb Europas meist flüssig und zuverlässig funktionierten, während Zugriffe aus anderen Kontinenten zeitweise langsamer waren. Globale Spiegelserver und zusätzliche internationale Plattformen werden deshalb wichtig.
Klinische Anwendungen benötigen eigene Validierung
Eine anatomisch plausible Atlaszuordnung reicht nicht für eine medizinische Entscheidung. Tiefenhirnstimulation, Operationsplanung oder personalisierte Simulationen benötigen patientenspezifische Daten, regulatorisch geeignete Software und prospektive klinische Prüfungen.
Warum die Publikation dennoch ein wichtiger Meilenstein ist
Der wissenschaftliche Fortschritt liegt nicht in einer spektakulären neuen Einzelkarte. Er liegt in der systematischen Verbindung bereits vorhandener und neuer Daten. Neurowissenschaftliche Forschung produziert immer größere Datensätze, aber ohne gemeinsame Referenzen können sie schwer verglichen und wiederverwendet werden.
Siibra bietet dafür ein technisches und begriffliches Gerüst. Regionen, Koordinaten, Bildausschnitte und Datenmerkmale werden als miteinander verknüpfte Objekte behandelt. Unsicherheit wird nicht ignoriert, sondern probabilistisch modelliert. Große Daten müssen nicht vollständig heruntergeladen werden. Interaktive Erkundung und programmatische Analyse greifen auf dieselben Atlasinhalte zu.
Diese Kombination kann die Reproduzierbarkeit verbessern und den Übergang von einer interessanten Einzelmessung zu einer umfassenden regionalen Charakterisierung erleichtern.
Fazit
Siibra ist weniger ein fertiges Buch über das Gehirn als eine offene digitale Bibliothek mit einem präzisen räumlichen Ordnungssystem. Die Software verbindet makroskopische MRT-Referenzräume, den probabilistischen Julich-Brain Atlas, das mikroskopische BigBrain-Modell und zahlreiche verteilte Datensätze zu Zellen, Rezeptoren, Genexpression, Faserbahnen und funktionellen Netzwerken.
Über den 3D-Webviewer können Nutzer vom gesamten Gehirn bis zu einzelnen Zellkörpern navigieren. siibra-python ermöglicht reproduzierbare Analysen und gezielte Cloudabfragen, während die API andere Anwendungen mit Atlasdaten versorgt.
Die Fallstudie zur tiefen Hirnstimulation zeigt, dass diese Integration praktische Folgen haben kann. Eine Region, die in einer makroskopischen Analyse einem bestimmten Thalamuskern zugeordnet wurde, ließ sich durch mikroskopische Referenzen differenzierter bewerten. Solche Ergebnisse können anatomische Hypothesen verbessern, ersetzen aber keine patientenspezifische klinische Validierung.
Der langfristige Wert von Siibra liegt in seiner Erweiterbarkeit. Neue Karten und Datensätze können in denselben räumlichen und semantischen Rahmen eingebunden werden. Auf diese Weise entsteht kein endgültiger Atlas, sondern eine wachsende Forschungsinfrastruktur, die unser Bild des Gehirns schrittweise präzisiert – von großen Netzwerken bis zu Zellen und Molekülen.
Literatur und weiterführende Quellen
- T. Dickscheid et al.: „Siibra: a software tool suite for realizing a Multilevel Human Brain Atlas from complex data resources“. Nature Methods (2026). DOI: 10.1038/s41592-026-03159-x.
- K. Amunts, H. Mohlberg, S. Bludau & K. Zilles: „Julich-Brain: A 3D probabilistic atlas of the human brain’s cytoarchitecture“. Science 369, 988–992 (2020). DOI: 10.1126/science.abb4588.
- K. Amunts et al.: „BigBrain: An ultrahigh-resolution 3D human brain model“. Science 340, 1472–1475 (2013). DOI: 10.1126/science.1235381.
- S. Ewert et al.: „Toward defining deep brain stimulation targets in MNI space: A subcortical atlas based on multimodal MRI, histology and structural connectivity“. NeuroImage 170, 271–282 (2018). DOI: 10.1016/j.neuroimage.2017.05.015.
- EBRAINS: „Human Brain Atlas“ und Dokumentation zu siibra-explorer, siibra-python und siibra-api, Stand Juli 2026.
- Forschungszentrum Jülich: „Vom Molekül zum Netzwerk: siibra vereint Hirndaten in einem Atlas“, Juli 2026.
Forschungsstand: Der Beitrag berücksichtigt die am 20. Juli 2026 in Nature Methods veröffentlichte Siibra-Publikation sowie die im Juli 2026 verfügbaren offiziellen Informationen des Forschungszentrums Jülich und von EBRAINS.
Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–6 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Abbildungen aus der Fachpublikation, dem Forschungszentrum Jülich oder EBRAINS übernommen. Die Grafiken sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.