Samstag, 1. August 2026

Magnetische Resonanz – NMR- und EPR-Spektroskopie




Titelbild: Eigene Illustration der Spinpräzession im Magnetfeld sowie zentraler NMR- und EPR-Beziehungen.

Magnetische Resonanz macht den quantisierten Drehimpuls von Kernen und Elektronen experimentell sichtbar. In einem äußeren Magnetfeld spalten sich Spinzustände energetisch auf. Elektromagnetische Strahlung passender Frequenz kann Übergänge zwischen ihnen anregen. Aus den Resonanzfrequenzen, Linienaufspaltungen, Relaxationszeiten und Intensitäten erhält man hochpräzise Informationen über chemische Umgebung, molekulare Struktur, Dynamik und ungepaarte Elektronen.

Die Kernspinresonanz – NMR – untersucht magnetisch aktive Atomkerne. Elektronenspinresonanz – EPR oder ESR – detektiert ungepaarte Elektronen in Radikalen, Übergangsmetallionen, Defekten und angeregten Triplettzuständen. Beide Methoden beruhen auf derselben Grundidee, unterscheiden sich aber stark in Frequenzbereich, Empfindlichkeit, Relaxation und struktureller Information.

Teil 17 entwickelt Spin, magnetisches Moment, Zeeman-Aufspaltung und Larmorpräzession. Anschließend werden chemische Verschiebung, skalare Kopplung, Puls-Fourier-NMR, FID, T1- und T2-Relaxation, Spin-Echo, g-Tensor, Hyperfeinstruktur, Nullfeldaufspaltung und gepulste EPR behandelt.

Einordnung: Teil 16 behandelte elektronische Spektroskopie und Photophysik. Teil 17 schließt den klassischen Spektroskopieblock mit NMR und EPR ab. Teil 18 beginnt die statistische Thermodynamik.

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:
  • Spinquantenzahl, magnetisches Moment und gyromagnetisches Verhältnis erklären,
  • Zeeman-Energien und Larmorfrequenzen berechnen,
  • Boltzmann-Population und NMR-Polarisation abschätzen,
  • chemische Abschirmung und chemische Verschiebung unterscheiden,
  • ppm-Werte in Frequenzabstände umrechnen,
  • skalare J-Kopplungen und einfache Multipletts interpretieren,
  • Puls-Fourier-NMR, FID und Fourier-Transformation erklären,
  • T1, T2 und T2* unterscheiden,
  • Spin-Echo, Entkopplung und zweidimensionale NMR einordnen,
  • EPR-Resonanzfelder und g-Werte berechnen,
  • Hyperfeinaufspaltungen und Linienzahlen bestimmen,
  • g- und A-Tensor sowie Nullfeldaufspaltung qualitativ interpretieren.

1. Intrinsischer Spin

Spin ist ein intrinsischer quantenmechanischer Drehimpuls. Er darf nicht als klassische Rotation einer ausgedehnten geladenen Kugel verstanden werden.

Für einen Spin mit Quantenzahl I – bei Kernen – oder S – bei Elektronen – gilt:

|I| = ℏ√[I(I+1)]
mI = −I,−I+1,…,+I

Ein Spin-1/2-Kern besitzt zwei Projektionen mI=±1/2. Ein Spin-1-Kern besitzt drei Projektionen.

2. Kernspin und Isotope

Der Kernspin hängt von Protonen- und Neutronenzahl ab. Wichtige Beispiele:

IsotopSpin INMR-EignungBemerkung
1H1/2sehr günstighohe natürliche Häufigkeit und hohe Empfindlichkeit
13C1/2gut, aber weniger empfindlichnatürliche Häufigkeit etwa 1,1 Prozent
19F1/2sehr empfindlichnahezu vollständige natürliche Häufigkeit
31P1/2gutwichtig in Chemie und Biochemie
2H1quadrupolarbreitere Linien als typische Spin-1/2-Kerne
14N1quadrupolarhäufig schnelle Relaxation und breite Linien
12C0NMR-inaktivkein Kernspin
16O0NMR-inaktivkein Kernspin

3. Magnetisches Moment

Der Spin ist mit einem magnetischen Moment verknüpft:

μ = γI

γ ist das gyromagnetische Verhältnis. Für den Protonenspin ist γ positiv. Einige Kerne besitzen ein negatives γ; dann kehrt sich die energetische Zuordnung der m-Zustände um.

4. Zeeman-Wechselwirkung

In einem statischen Magnetfeld B0 entlang z lautet der Kern-Zeeman-Hamiltonoperator:

ĤZ = −γℏB0Îz

Die Energien sind:

E(mI) = −γℏB0mI

Für I=1/2 und γ>0 ist mI=+1/2 der energieärmere Zustand.

5. Zeeman-Aufspaltung

Der Energieabstand der beiden Spin-1/2-Zustände lautet:

ΔE = ℏγB0

Er wächst linear mit der Feldstärke. Ohne äußeres Feld sind die beiden Projektionen entartet.

6. Larmorfrequenz

Die Resonanzbedingung ist:

0 = ΔE

Daraus folgt:

ω0 = γB0
ν0 = γB0/(2π)

Für 1H gilt γ/(2π)≈42,5775 MHz T−1. Ein 9,4-T-Magnet entspricht daher ungefähr einem 400-MHz-Protonenspektrometer.

7. Klassische Präzession

Ein magnetisches Moment im Feld erfährt ein Drehmoment:

dμ/dt = γ μ × B0

Die Magnetisierung präzediert mit der Larmorfrequenz um die Feldachse. Dieses klassische Vektorbild reproduziert die Dynamik des Erwartungswerts und ist für Pulsfolgen sehr anschaulich.

8. Boltzmann-Population und Polarisation

Im thermischen Gleichgewicht ist der untere Zeeman-Zustand geringfügig stärker besetzt:

Nunten/Noben = exp(ΔE/kBT)

Für Spin 1/2 lautet die Polarisation:

P = (Nunten−Noben)/(Nunten+Noben) = tanh[ΔE/(2kBT)]

Bei Raumtemperatur beträgt die Protonenpolarisation selbst in starken Magneten nur einige 10−5. NMR ist deshalb intrinsisch wenig empfindlich.

9. Makroskopische Magnetisierung

Die kleine Populationsdifferenz erzeugt eine makroskopische Gleichgewichtsmagnetisierung M0 entlang B0. In der Hochtemperaturnäherung gilt:

M0 ∝ Nγ²ℏ²I(I+1)B0/(3kBT)

Höhere Feldstärke, größere Spinzahl, großes |γ| und niedrige Temperatur erhöhen das NMR-Signal.

10. Resonanzanregung

Ein hochfrequentes Magnetfeld B1, das senkrecht zu B0 oszilliert, kann Übergänge anregen. Im rotierenden Bezugssystem erscheint eine resonante B1-Komponente nahezu stationär und kippt die Magnetisierung.

Der Kippwinkel eines idealen Rechteckpulses lautet:

α = γB1tp

Ein 90°-Puls erzeugt maximale transversale Magnetisierung.

11. Elektronische Abschirmung

Das äußere Magnetfeld induziert Ströme in der Elektronenhülle. Das am Kern wirksame Feld ist:

Beff = (1−σ)B0

σ ist die Abschirmungskonstante. Sie ist im Allgemeinen ein Tensor. In schnell tumblenden Flüssigkeiten wird meist nur ihr isotroper Mittelwert beobachtet.

12. Chemische Verschiebung

Absolute Resonanzfrequenzen hängen von B0 ab. Deshalb wird die chemische Verschiebung relativ zu einer Referenz in ppm angegeben:

δ = (ν−νref)/νref · 10⁶ ppm

Praktisch wird der Nenner durch die Spektrometerfrequenz des beobachteten Kerns repräsentiert. Für 1H und 13C dient Tetramethylsilan häufig als Referenz bei δ=0.

13. Abschirmung und Entschirmung

Stärkere Abschirmung verschiebt bei der üblichen Darstellung zu kleinerem δ – „hochfeld“. Elektronegative Substituenten, π-Anisotropie, Wasserstoffbrücken und Ladung können entschirmen und Resonanzen zu größerem δ – „tieffeld“ – verschieben.

Die chemische Verschiebung ist keine einfache lokale Ladungsmessung. Sie enthält diamagnetische und paramagnetische Beiträge sowie geometrische Anisotropieeffekte.

14. Frequenzabstände in Hz und ppm

Für zwei Resonanzen mit Differenz Δδ gilt:

Δν / Hz = Δδ / ppm · ν0 / MHz

Auf einem 400-MHz-1H-Spektrometer entsprechen 1 ppm genau 400 Hz. Auf einem 600-MHz-Gerät entsprechen 1 ppm 600 Hz.

15. Skalare Spin-Spin-Kopplung

Die indirekte oder skalare Kopplung wird durch die Bindungselektronen vermittelt:

ĤJ = 2πℏJ ηŜ

J wird in Hz angegeben und ist in erster Näherung feldunabhängig. Die Kopplung liefert Information über Bindungsnetz, Dihedralwinkel und Konformation.

16. Einfaches n+1-Muster

Ein Spin-1/2-Kern, der erster Ordnung mit n äquivalenten Spin-1/2-Nachbarn koppelt, wird in n+1 Linien aufgespalten. Die relativen Intensitäten folgen den Binomialkoeffizienten:

  • n=1: Dublett 1:1,
  • n=2: Triplett 1:2:1,
  • n=3: Quartett 1:3:3:1.

Die Regel gilt nur für einfache Spektren erster Ordnung und äquivalente Kopplungspartner.



Abbildung 1. Das Magnetfeld erzeugt die Zeeman-Aufspaltung. Chemische Abschirmung verschiebt Resonanzen, während J-Kopplung sie in feldunabhängige Multipletts aufspaltet.

17. Chemische und magnetische Äquivalenz

Chemisch äquivalente Kerne besitzen dieselbe chemische Verschiebung. Magnetisch äquivalent sind sie nur, wenn sie zusätzlich zu allen anderen Kernen identische Kopplungen besitzen.

Chemische Äquivalenz allein garantiert daher kein einfaches Spektrum. Diastereotope Protonen können unterschiedliche δ- und J-Werte besitzen.

18. Spektren erster und höherer Ordnung

Die n+1-Regel funktioniert gut, wenn der Frequenzabstand Δν der gekoppelten Resonanzen wesentlich größer als J ist:

Δν/J ≫ 1

Bei vergleichbaren Größen entstehen starke-Dach-Effekte, verschobene Linien und komplexe Übergangsmuster. Höhere Magnetfelder vergrößern Δν in Hz, während J konstant bleibt, und machen Spektren häufiger erster Ordnung.

19. Kopplungskonstanten und Struktur

Die Kopplungskonstante hängt von Zahl und Art der Bindungen sowie von der Geometrie ab. Typische Notationen sind:

2J, 3J, 4J, …

3JHH-Kopplungen über drei Bindungen hängen in vielen Systemen vom Dihedralwinkel ab. Diese Karplus-Beziehung ist ein wichtiges Werkzeug der Konformationsanalyse.

20. Chemischer Austausch

Wenn Kerne zwischen verschiedenen chemischen Umgebungen austauschen, hängt die Spektralform von der Austauschrate relativ zur Frequenzdifferenz ab.

  • langsamer Austausch: getrennte Resonanzen,
  • mittlerer Austausch: starke Linienverbreiterung,
  • schneller Austausch: eine gemittelte Resonanz.

Temperaturabhängige NMR ermöglicht die Bestimmung von Austauschbarrieren und Reaktionskinetik.

21. Austauschbare Protonen

OH-, NH- und SH-Protonen tauschen häufig mit Lösungsmittel oder Spuren von Wasser aus. Dadurch können ihre Linien verbreitert sein und Kopplungen teilweise verschwinden.

Ein D2O-Austausch ersetzt labile Protonen durch Deuterium und kann die zugehörige 1H-Resonanz entfernen. Das Ergebnis hängt von Probe, pH, Temperatur und Austauschrate ab.

22. Puls-Fourier-NMR

Moderne NMR arbeitet überwiegend gepulst. Ein kurzer Hochfrequenzpuls regt gleichzeitig einen Frequenzbereich an. Nach dem Puls präzedieren die verschiedenen Isochromaten mit ihren Resonanzfrequenzen und induzieren eine Spannung in der Empfangsspule.

Dieses Zeitsignal heißt freier Induktionszerfall oder FID.

23. Freier Induktionszerfall

Für eine einzelne gedämpfte Resonanz kann der FID idealisiert geschrieben werden als:

s(t) = s0e−t/T2*cos(ωt+φ)

Ein reales Spektrum mit vielen Resonanzen erzeugt eine Summe solcher Terme. Die Fourier-Transformation zerlegt den FID in seine Frequenzkomponenten.

24. Fourier-Transformation

S(ω) = ∫0s(t)e−iωtdt

Die reale absorptive Komponente liefert bei korrekter Phasierung die üblichen positiven NMR-Linien. Die imaginäre dispersive Komponente wird bei der Phasenkorrektur berücksichtigt.

25. Digitale Spektrenverarbeitung

Wichtige Verarbeitungsschritte sind:

  • Apodisierung oder Fensterfunktionen,
  • Zero-Filling,
  • Fourier-Transformation,
  • Phasenkorrektur,
  • Basislinienkorrektur,
  • Referenzierung und Integration.

Apodisierung verbessert beispielsweise das Signal-Rausch-Verhältnis oder die Auflösung, verändert aber Linienbreite und Form. Zero-Filling erhöht die digitale Punktdichte, nicht die tatsächlich gemessene physikalische Auflösung.

26. Signal-Rausch-Verhältnis

Bei unabhängigen Wiederholungen wächst das Signal proportional zur Zahl der Scans N, das zufällige Rauschen nur proportional zu √N:

S/R ∝ √N

Eine Verdopplung des Signal-Rausch-Verhältnisses verlangt daher ungefähr viermal so viele Scans.

27. Spin-Gitter-Relaxation T1

T1 beschreibt die Rückkehr der longitudinalen Magnetisierung Mz zum Gleichgewicht:

Mz(t)=M0−[M0−Mz(0)]e−t/T1

Nach einem idealen 90°-Puls ist Mz(0)=0:

Mz(t)=M0[1−e−t/T1]

T1-Relaxation erfordert Energieaustausch mit molekularen Freiheitsgraden, die Fluktuationen nahe der Larmorfrequenz erzeugen.

28. Spin-Spin-Relaxation T2

T2 beschreibt den Verlust der Phasenkohärenz der transversalen Magnetisierung:

Mxy(t)=Mxy(0)e−t/T2

Idealerweise gilt:

T2 ≤ 2T1

In vielen Flüssigkeits-NMR-Situationen ist T2 höchstens in derselben Größenordnung wie T1.

29. Effektive Relaxation T2*

Statische Feldinhomogenität und Suszeptibilitätsunterschiede verursachen zusätzliche Dephasierung:

1/T2* = 1/T2 + 1/Tinhom

Daher gilt T2*≤T2. Der FID zerfällt mit T2*, während ein Spin-Echo statische Inhomogenität weitgehend refokussiert.

30. Linienbreite

Für einen idealen exponentiellen T2-Zerfall ergibt sich eine Lorentzlinie mit Halbwertsbreite:

Δν1/2 = 1/(πT2)

Kurzes T2 bedeutet breite Linien. Inhomogenitätsverbreiterung wird durch T2* und die experimentelle Linienform beeinflusst.

31. Spin-Echo

Die Hahn-Echo-Folge lautet:

90° − τ − 180° − τ − Echo

Der 180°-Puls vertauscht die Phasenlage der Isochromaten. Frequenzunterschiede, die während beider τ-Intervalle statisch gleich bleiben, werden zum Echozeitpunkt refokussiert.

Irreversible T2-Prozesse werden nicht rückgängig gemacht. Die Echoamplitude nimmt mit der Gesamtzeit 2τ ab.



Abbildung 2. Der Puls erzeugt transversale Magnetisierung, der FID kodiert die Resonanzfrequenzen. T1 beschreibt longitudinale Erholung, T2 irreversible transversale Dephasierung.

32. Messung von T1

Eine klassische Folge ist Inversion-Recovery:

180° − τ − 90° − Akquisition

Nach idealer Inversion gilt:

Mz(τ)=M0[1−2e−τ/T1]

Durch Variation von τ wird T1 angepasst.

33. Messung von T2

Hahn-Echo oder die CPMG-Folge erzeugen Echos bei variierter Echozeit. Aus der Abnahme der Echoamplitude wird T2 bestimmt.

Diffusion in Feldgradienten, chemischer Austausch und unvollkommene Pulse können die gemessene Abnahme zusätzlich beeinflussen.

34. Entkopplung

Bei Breitband-1H-Entkopplung während einer 13C-Messung werden heteronukleare 13C-1H-Kopplungen zeitlich gemittelt. Das 13C-Spektrum wird zu Singuletts vereinfacht und kann durch den Kern-Overhauser-Effekt intensiver werden.

Die Intensitäten entkoppelter 13C-Spektren sind deshalb ohne spezielle quantitative Pulsfolgen nicht direkt proportional zur Zahl der Kohlenstoffatome.

35. Kern-Overhauser-Effekt

Der NOE entsteht durch Kreuzrelaxation dipolar gekoppelter Spins. Seine Stärke hängt unter anderem von Abstand, Molekülbewegung und Korrelationszeit ab.

NOE- und ROE-Experimente liefern räumliche Nachbarschaften, auch wenn zwischen den Atomen keine direkte Bindung besteht.

36. Zweidimensionale NMR

2D-NMR verteilt Korrelationen auf zwei Frequenzachsen. Ein allgemeines Experiment enthält:

Präparation − t1 − Mischung − t2-Detektion

Nach zweidimensionaler Fourier-Transformation entstehen Diagonal- und Kreuzsignale.

Experimenttypische Information
COSYhomonukleare skalare Kopplungen, meist über wenige Bindungen
TOCSYgesamtes gekoppeltes Spinsystem
HSQCdirekte Heterokern-Einbindung, etwa 1H–13C über eine Bindung
HMBClangreichweitige Heterokern-Korrelationen
NOESYräumliche Dipolkopplung und Austausch
DOSYDiffusionskoeffizienten

37. Festkörper-NMR

In Festkörpern werden chemische Verschiebungsanisotropie, Dipolkopplungen und Quadrupolwechselwirkungen nicht durch schnelle isotrope Bewegung gemittelt. Die Linien sind daher häufig breit.

Magic-Angle-Spinning rotiert die Probe um:

θm=arccos(1/√3)≈54,74°

gegen B0. Dadurch werden Wechselwirkungen mit dem Faktor 3cos²θ−1 zeitlich gemittelt.

38. Quadrupolwechselwirkung

Kerne mit I≥1 besitzen ein elektrisches Quadrupolmoment. Es koppelt an den elektrischen Feldgradienten am Kern.

In Flüssigkeiten kann schnelle Bewegung die Wechselwirkung im Mittel aufheben, führt aber oft zu schneller Relaxation und breiten Linien. In Festkörpern liefert sie wichtige Information über lokale Symmetrie und Bindung.

39. Grundlage der EPR-Spektroskopie

EPR untersucht Systeme mit ungepaarten Elektronen. Der Elektronenspin S=1/2 besitzt im Magnetfeld zwei Zeeman-Zustände.

Der vereinfachte Elektron-Zeeman-Hamiltonoperator lautet:

ĤEZ = gμBB0Ŝz

μB ist das Bohrsche Magneton und g der spektroskopische g-Faktor.

40. EPR-Resonanzbedingung

hν = gμBBres

Für g≈2 und ν≈9,5 GHz liegt das Resonanzfeld bei ungefähr 0,34 T. Dieser Bereich heißt X-Band.

Im Gegensatz zu NMR wird bei kontinuierlicher EPR häufig die Mikrowellenfrequenz festgehalten und das Magnetfeld durchgestimmt.

41. Freier Elektronen-g-Wert

Der g-Wert eines freien Elektrons beträgt näherungsweise:

ge≈2,002319

Abweichungen entstehen durch Spin-Bahn-Kopplung und Beimischung angeregter Orbitale. Daher ist g ein empfindlicher Indikator für Orbitalcharakter und lokale elektronische Struktur.

42. g-Tensor

In einem anisotropen System ist g ein Tensor:

ĤEZ = μBB·g·S

In Festkörpern hängt das Resonanzfeld von der Orientierung des Moleküls relativ zum Magnetfeld ab. In schnell tumblenden Lösungen wird häufig der isotrope Mittelwert beobachtet:

giso = (gx+gy+gz)/3

43. Hyperfeinwechselwirkung

Der Elektronenspin koppelt an magnetische Kerne:

ĤHF = S·A·I

A ist der Hyperfeintensor. Er enthält einen isotropen Fermi-Kontaktanteil und einen anisotropen dipolaren Anteil.

Der Kontaktanteil misst Spinpopulation am Kern; der dipolare Anteil enthält räumliche Information über die Elektron-Kern-Verteilung.

44. Hyperfeinlinien in Lösung

Für ein Elektron mit S=1/2 und einen Kernspin I entstehen bei erster Ordnung:

2I+1 Linien

Für n äquivalente Kerne mit Spin I entstehen im einfachen Fall:

2nI+1 Linien

Bei n äquivalenten Spin-1/2-Kernen folgen die Intensitäten den Binomialkoeffizienten.

45. Beispiele für Aufspaltung

  • ein 1H-Kern, I=1/2: Dublett,
  • ein 14N-Kern, I=1: Triplett,
  • drei äquivalente 1H-Kerne: Quartett 1:3:3:1,
  • ein 14N plus drei äquivalente Protonen: bis zu 3×4=12 Linien, wenn beide Kopplungen aufgelöst sind.

46. CW-EPR und Ableitungsspektrum

Bei Continuous-Wave-EPR wird das Magnetfeld klein amplitudenmoduliert und das Signal phasenempfindlich detektiert. Das aufgezeichnete Spektrum entspricht meist näherungsweise der ersten Ableitung der Absorptionslinie.

Der Abstand zwischen Maximum und Minimum einer Ableitungslinie ist nicht identisch mit der Absorptions-Halbwertsbreite und muss mit dem passenden Linienmodell interpretiert werden.



Abbildung 3. EPR detektiert ungepaarte Elektronen. Resonanzfeld, g-Tensor und Hyperfeinkopplung charakterisieren Orbital- und Spinverteilung.

47. Linienbreite und EPR-Relaxation

Auch in EPR existieren Spin-Gitter- und Spin-Spin-Relaxation:

  • T1e: Wiederherstellung der longitudinalen Elektronenmagnetisierung,
  • T2e: Verlust der transversalen Kohärenz.

Elektronenspins relaxieren häufig wesentlich schneller als Kernspins. Kurze T2e-Zeiten führen zu breiten Linien.

48. Sättigung

Ist die Mikrowellenleistung zu hoch, gleichen sich die Populationen der Zeeman-Zustände schneller an, als T1e sie wiederherstellen kann. Das CW-EPR-Signal sättigt und wächst nicht mehr proportional zur Quadratwurzel der Leistung.

Unterschiedliche Sättigungseigenschaften können helfen, Relaxation und Linienüberlagerungen zu untersuchen.

49. Nullfeldaufspaltung

Für Systeme mit S>1/2 können Elektronenspin-Spin- und Spin-Bahn-Wechselwirkungen bereits ohne äußeres Feld eine Aufspaltung erzeugen.

Ein gebräuchlicher Hamiltonterm lautet:

ĤZFS = D[Sz²−S(S+1)/3] + E(Sx²−Sy²)

D beschreibt die axiale, E die rhombische Nullfeldaufspaltung. Sie ist wichtig für Triplettzustände und viele Übergangsmetallionen.

50. Gepulste EPR

Puls-EPR verwendet kurze Mikrowellenpulse und Echo-Detektion. Verfahren wie ESEEM, ENDOR, HYSCORE, DEER beziehungsweise PELDOR liefern Hyperfeinparameter, Kernfrequenzen und Elektron-Elektron-Abstände.

DEER ist besonders wichtig für Abstandsmessungen zwischen Spinmarkern im Nanometerbereich.

51. NMR und EPR im Vergleich

EigenschaftNMREPR
beobachtete Spinsmagnetische Kerneungepaarte Elektronen
typische FrequenzMHzGHz
magnetisches Momentkleinetwa drei Größenordnungen größer
Probesehr viele diamagnetische Stoffe messbarnur paramagnetische Spezies oder Spinmarker
zentrale Parameterδ, J, T1, T2g, A, D, E, T1e, T2e
StrukturinformationBindungsnetz, räumliche Nähe, DynamikSpinlokalisierung, Ligandenfeld, Radikalstruktur

52. Anwendungen

  • Strukturaufklärung organischer und anorganischer Moleküle,
  • Konformations- und Dynamikanalyse,
  • Proteine, Nukleinsäuren und Metabolomik,
  • Festkörper, Batterien, Katalysatoren und Polymere,
  • medizinische Magnetresonanztomografie als räumlich kodierte NMR,
  • Radikale und reaktive Zwischenprodukte,
  • Übergangsmetallzentren und Enzyme,
  • Defekte in Halbleitern und Festkörpern,
  • Spinmarkierung und Abstandsmessung,
  • Dosimetrie und Materialalterung.

53. Typische Fehler

FehlerKorrektur
Spin als klassische Eigenrotation auffassenSpin ist ein intrinsischer quantenmechanischer Drehimpuls.
Larmorfrequenz ohne 2π zwischen ω und ν umrechnenω=γB, aber ν=γB/(2π), wenn γ in rad s−1 T−1 verwendet wird.
chemische Verschiebung in Hz als feldunabhängig behandelnδ in ppm ist feldunabhängig; der Abstand in Hz wächst mit der Feldstärke.
J-Kopplung in ppm angebenJ wird in Hz angegeben und ist in erster Näherung feldunabhängig.
n+1-Regel auf jedes Spektrum anwendenSie gilt nur für einfache Kopplung erster Ordnung mit äquivalenten Nachbarn.
T2 und T2* gleichsetzenT2* enthält zusätzliche statische Inhomogenität.
Spin-Echo als Umkehrung aller Relaxation behandelnEs refokussiert statische Frequenzverteilung, nicht irreversible T2-Prozesse.
integrierte entkoppelte 13C-Signale ohne Korrektur quantitativ verwendenNOE und unterschiedliche T1-Zeiten verzerren Intensitäten.
EPR für alle Moleküle erwartenEs werden ungepaarte Elektronen benötigt.
g immer exakt gleich 2 setzenSpin-Bahn-Kopplung erzeugt charakteristische Verschiebung und Anisotropie.
Hyperfeinlinienzahl ohne Kernspin und Äquivalenz bestimmenLinienzahl und Intensität hängen von I, Zahl äquivalenter Kerne und Kopplungsauflösung ab.
CW-EPR-Ableitung direkt als Absorptionsspektrum interpretierenDie gemessene Kurve ist meist die erste Ableitung der Absorption.

54. Übungsaufgaben

Aufgabe 1: Protonenresonanz bei 9,4 Tesla

Berechne für 1H bei B0=9,4 T die Resonanzfrequenz, die Zeeman-Energiedifferenz pro Spin und die molare Energiedifferenz. Verwende γ/(2π)=42,57747892 MHz T−1, h=6,62607015×10−34 J s und NA=6,02214076×1023 mol−1.

Aufgabe 2: Boltzmann-Polarisation

Verwende die Energiedifferenz aus Aufgabe 1 und T=300 K. Berechne das Populationsverhältnis Nunten/Noben und die Spin-1/2-Polarisation P. Verwende kB=1,380649×10−23 J K−1.

Aufgabe 3: Chemische Verschiebung in Hz

Auf einem 400,0-MHz-1H-Spektrometer liegen zwei Signale bei δ=7,26 ppm und δ=1,25 ppm. Bestimme ihre Frequenzabstände von TMS und ihren gegenseitigen Abstand in Hz.

Aufgabe 4: Ethylgruppe erster Ordnung

Eine ideale Ethylgruppe zeigt δ(CH3)=1,20 ppm, δ(CH2)=3,60 ppm und 3JHH=7,20 Hz auf einem 400,0-MHz-Gerät. Bestimme Multipletts, relative Linienintensitäten und Linienpositionen in Hz relativ zu TMS.

Aufgabe 5: Dauer eines 90°-Pulses

Für Protonen wirke ein resonantes B1-Feld von 0,100 mT. Berechne die Dauer eines idealen 90°-Pulses. Verwende γ/(2π)=42,57747892 MHz T−1.

Aufgabe 6: T1, T2 und Linienbreite

Nach einem idealen 90°-Puls besitzt ein Spinensemble T1=1,50 s und T2=80,0 ms. Berechne:

  1. Mz/M0 nach 1,50 s,
  2. Mxy/Mxy(0) nach 120 ms,
  3. die Lorentz-Halbwertsbreite 1/(πT2).

Aufgabe 7: EPR-Resonanzfeld

Berechne das Resonanzfeld eines S=1/2-Radikals bei ν=9,50 GHz und g=2,0023. Verwende μB=9,2740100783×10−24 J T−1.

Aufgabe 8: g-Wert aus einem EPR-Spektrum

Eine EPR-Linie wird bei ν=9,75 GHz und Bres=0,3478 T gemessen. Bestimme den g-Wert.

Aufgabe 9: Kombinierte Hyperfeinaufspaltung

Ein organisches Radikal koppelt mit einem 14N-Kern mit I=1 und zusätzlich mit drei äquivalenten Protonen mit I=1/2. Wie viele Linien entstehen im einfachen erster-Ordnungs-Fall, wenn beide Kopplungen vollständig aufgelöst sind? Gib das Intensitätsmuster an.

Aufgabe 10: Vergleich von NMR- und EPR-Frequenz

Berechne bei B0=0,350 T die Resonanzfrequenz eines Protons und eines Elektrons mit g=2,0023. Bestimme das Frequenzverhältnis νeH.

55. Vollständige Lösungen

Lösung 1

Die Protonenfrequenz ist:

ν0 = [γ/(2π)]B0
ν0 = 42,57747892 MHz T−1 · 9,4 T
ν0 ≈ 400,2283 MHz

Die Energiedifferenz pro Spin:

ΔE = hν0
ΔE ≈ 6,62607015×10−34 · 4,002283×108
ΔE ≈ 2,652×10−25 J

Molare Energiedifferenz:

ΔEm = NAΔE ≈ 0,1597 J mol−1

Die molare Zeeman-Energie ist gegenüber chemischen Bindungsenergien extrem klein. Das erklärt die geringe thermische Polarisation.

Lösung 2

Das Populationsverhältnis lautet:

Nunten/Noben = exp[ΔE/(kBT)]
ΔE/(kBT) ≈ 6,4026×10−5
Nunten/Noben ≈ 1,00006403

Die Polarisation:

P = tanh[ΔE/(2kBT)]
P ≈ 3,20×10−5

Es existieren nur ungefähr 32 überschüssige Spins im unteren Zustand pro einer Million Spins. Trotz der riesigen Gesamtzahl von Kernen ist die Nettoausrichtung daher klein.

Lösung 3

Auf einem 400,0-MHz-Gerät entspricht 1 ppm genau 400,0 Hz.

ν(7,26 ppm)−νTMS = 7,26·400,0 = 2904 Hz
ν(1,25 ppm)−νTMS = 1,25·400,0 = 500 Hz

Der gegenseitige Abstand:

Δν = (7,26−1,25)·400,0
Δν = 6,01·400,0 = 2404 Hz

Die ppm-Differenz bleibt beim Feldwechsel gleich, der Abstand in Hz wächst proportional zur Spektrometerfrequenz.

Lösung 4

Die CH3-Gruppe koppelt mit zwei äquivalenten CH2-Protonen:

CH3: Triplett, Intensitäten 1:2:1

Das Zentrum liegt bei:

1,20 ppm·400,0 Hz ppm−1 = 480,0 Hz

Die Linien liegen im Abstand J=7,20 Hz:

472,8; 480,0; 487,2 Hz

Die CH2-Gruppe koppelt mit drei äquivalenten CH3-Protonen:

CH2: Quartett, Intensitäten 1:3:3:1

Das Zentrum liegt bei:

3,60 ppm·400,0 = 1440,0 Hz

Die vier Linien sind um −3J/2, −J/2, +J/2 und +3J/2 versetzt:

1429,2; 1436,4; 1443,6; 1450,8 Hz

Die Integrale der beiden Multipletts verhalten sich idealerweise wie 3:2.

Lösung 5

Der Kippwinkel ist:

α = γB1tp

Für 90° ist α=π/2. Das gyromagnetische Verhältnis in rad s−1 T−1 lautet:

γ = 2π·42,57747892×106

Mit B1=0,100 mT=1,00×10−4 T:

tp = (π/2)/(γB1)
tp ≈ 5,872×10−5 s
tp ≈ 58,7 μs
Lösung 6

1. Longitudinale Erholung nach t=T1:

Mz/M0 = 1−e−t/T1 = 1−e−1
Mz/M0 ≈ 0,6321

2. Transversaler Zerfall:

t/T2 = 0,120/0,0800 = 1,5
Mxy/Mxy(0) = e−1,5 ≈ 0,2231

3. Linienbreite:

Δν1/2 = 1/(πT2)
Δν1/2 = 1/[π·0,0800 s] ≈ 3,98 Hz
Lösung 7

Aus der Resonanzbedingung:

Bres = hν/(gμB)
Bres = [6,62607015×10−34·9,50×109]/[2,0023·9,2740100783×10−24]
Bres ≈ 0,33899 T

Das entspricht ungefähr 339 mT, einem typischen X-Band-Feld.

Lösung 8

Der g-Wert folgt aus:

g = hν/(μBBres)
g = [6,62607015×10−34·9,75×109]/[9,2740100783×10−24·0,3478]
g ≈ 2,00292

Der Wert liegt nahe am freien Elektronenwert, wie es für viele organische Radikale typisch ist.

Lösung 9

Der einzelne 14N-Kern mit I=1 erzeugt:

2I+1 = 3 Linien

Drei äquivalente Protonen mit I=1/2 erzeugen:

2nI+1 = 2·3·1/2+1 = 4 Linien

Jede der drei Stickstofflinien wird in ein Protonenquartett aufgespalten:

3·4 = 12 Linien

Innerhalb jedes Quartetts lauten die Intensitäten 1:3:3:1. Wenn die Stickstofflinien gleich gewichtet und die Kopplungen ausreichend verschieden sind, erscheint dieses Quartettmuster dreimal:

(1:3:3:1) : (1:3:3:1) : (1:3:3:1)

Überlappen Linien zufällig, kann die beobachtete Zahl geringer sein.

Lösung 10

Proton:

νH = 42,57747892 MHz T−1·0,350 T
νH ≈ 14,9021 MHz

Elektron:

νe = gμBB0/h
νe ≈ 9,8086 GHz

Frequenzverhältnis:

νeH ≈ 658,2

Das Elektronenmagnetmoment ist wesentlich größer als das Protonenmoment. Daher liegen EPR-Frequenzen bei vergleichbaren Feldern im GHz-, Protonen-NMR-Frequenzen im MHz-Bereich.

56. Zusammenfassung

  • Spin ist ein intrinsischer quantenmechanischer Drehimpuls.
  • Ein Magnetfeld spaltet Spinprojektionen durch die Zeeman-Wechselwirkung auf.
  • Die Larmorfrequenz wächst linear mit dem Magnetfeld.
  • NMR-Polarisation ist bei Raumtemperatur sehr klein.
  • Elektronische Abschirmung erzeugt kernspezifische Resonanzverschiebungen.
  • Chemische Verschiebungen werden feldunabhängig in ppm angegeben.
  • Frequenzabstände in Hz wachsen mit der Spektrometerfrequenz.
  • Skalare J-Kopplung ist in erster Näherung feldunabhängig und wird in Hz angegeben.
  • Die n+1-Regel gilt nur für einfache Spektren erster Ordnung.
  • Puls-Fourier-NMR misst einen FID und transformiert ihn in ein Frequenzspektrum.
  • T1 beschreibt longitudinale Erholung, T2 transversale Kohärenzverluste.
  • T2* enthält zusätzliche statische Feldinhomogenität.
  • Spin-Echos refokussieren reversible Frequenzverteilungen.
  • 2D-NMR liefert Bindungs- und Raumkorrelationen.
  • Festkörper-NMR verwendet häufig Magic-Angle-Spinning.
  • EPR detektiert ungepaarte Elektronen.
  • Der g-Wert beschreibt die Elektron-Zeeman-Wechselwirkung.
  • Hyperfeinkopplung verbindet Elektronenspin und Kernspin.
  • CW-EPR zeigt meist die erste Ableitung der Absorptionslinie.
  • Nullfeldaufspaltung ist für Systeme mit S>1/2 wichtig.
  • Gepulste EPR liefert Relaxation, Hyperfeinparameter und Nanometerabstände.

57. Häufig gestellte Fragen

Warum ist NMR trotz der kleinen Polarisation messbar?

Eine makroskopische Probe enthält sehr viele Kerne. Hochstabile Magnetfelder, empfindliche Resonanzspulen, Signalakkumulation und Fourier-Technik machen die kleine Netto-Magnetisierung messbar.

Warum verbessert ein höheres Magnetfeld die NMR-Auflösung?

Chemische Verschiebungsdifferenzen in Hz wachsen mit B0, während J-Kopplungen in Hz ungefähr konstant bleiben. Komplexe Spektren werden dadurch häufiger erster Ordnung.

Ist ein ppm-Wert eine Frequenz?

Nein. ppm ist ein dimensionsloses relatives Frequenzmaß. Erst mit der Spektrometerfrequenz wird daraus ein Abstand in Hz.

Warum haben OH-Protonen oft kein klares Kopplungsmuster?

Chemischer Austausch kann die Kopplung zeitlich mitteln und die Resonanz verbreitern. Unter trockenen und langsamen Austauschbedingungen kann Kopplung dennoch sichtbar sein.

Was ist der Unterschied zwischen T2 und Linienbreite?

Ein idealer exponentieller T2-Zerfall erzeugt eine Lorentzlinie mit Δν1/2=1/(πT2). Reale Linien können zusätzlich durch Inhomogenität, Austausch oder digitale Verarbeitung verbreitert sein.

Warum funktioniert ein Spin-Echo?

Ein 180°-Puls vertauscht vorauseilende und nacheilende Isochromaten. Bei statischen Frequenzunterschieden treffen sie nach einem zweiten τ-Intervall wieder phasengleich zusammen.

Warum benötigt EPR ungepaarte Elektronen?

Gepaarte Elektronen besitzen im geschlossenen Singulettgrundzustand kein Netto-Elektronenspinmoment. Ohne ungepaarten Spin existiert kein gewöhnlicher EPR-Zeeman-Übergang.

Was verrät der EPR-g-Wert?

Seine Abweichung und Anisotropie gegenüber dem freien Elektron berichten über Spin-Bahn-Kopplung, Orbitalcharakter und lokale Symmetrie.

Warum erscheinen EPR-Linien häufig als positive und negative Peaks?

CW-EPR verwendet Feldmodulation und phasenempfindliche Detektion. Aufgezeichnet wird meist die erste Ableitung der eigentlichen Absorptionslinie.

Sind NMR und MRT dasselbe Prinzip?

Ja. Beide beruhen auf Kernspinresonanz. Die Magnetresonanztomografie ergänzt räumliche Feldgradienten und Bildrekonstruktion, um Signale räumlich zuzuordnen.

58. Ausblick auf Teil 18

Teil 18 beginnt die statistische Thermodynamik. Mikrozustände, Makrozustände, Entropie, Boltzmann-Verteilung und statistische Ensembles werden aus der Wahrscheinlichkeitstheorie entwickelt. Damit entsteht die Brücke zwischen quantisierten Molekülzuständen und makroskopischen thermodynamischen Größen.

Literatur und weiterführende Quellen

  1. P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
  2. M. H. Levitt: Spin Dynamics: Basics of Nuclear Magnetic Resonance. Wiley.
  3. J. Keeler: Understanding NMR Spectroscopy. Wiley.
  4. A. Schweiger & G. Jeschke: Principles of Pulse Electron Paramagnetic Resonance. Oxford University Press.
  5. J. A. Weil & J. R. Bolton: Electron Paramagnetic Resonance. Wiley.

Didaktischer Hinweis: Die dargestellten Hamiltonoperatoren sind vereinfachte Hochfeld- und Einspinmodelle. Reale Spektren können starke Kopplung, anisotrope Tensoren, chemischen Austausch, Quadrupolwechselwirkung, Kreuzrelaxation und komplexe Pulsartefakte enthalten.

Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen