Samstag, 1. August 2026

Rheologie und viskoelastische Materie – Fließkurven, Relaxation, dynamische Moduli, Polymerdynamik und Gele




Titelbild: Eigene Illustration einer Scherzelle, eines Feder-Dämpfer-Modells und zentraler Gleichungen für Fließkurven, Relaxation und dynamische Moduli.

Rheologie untersucht, wie Materie fließt und sich deformiert. Wasser reagiert nahezu augenblicklich und newtonsch auf eine Scherung. Ein Polymer schmilzt langsam, eine Zahnpasta besitzt eine Fließgrenze, ein Gel speichert einen Teil der Deformationsenergie und eine konzentrierte Suspension kann unter schneller Scherung plötzlich fest werden.

Diese Vielfalt entsteht, weil makroskopische Belastung innere Strukturen verändert:

  • Polymerketten orientieren und entflechten sich,
  • kolloidale Aggregate brechen und bilden sich neu,
  • Partikel geraten in Reibkontakt und bilden Kraftketten,
  • Netzwerke dehnen, relaxieren oder reißen,
  • Membranen und Mizellen ändern Form und Topologie.

Rheologie verbindet deshalb Mechanik, statistische Physik, Transporttheorie und Materialchemie. Eine vollständige Beschreibung benötigt nicht nur Spannung und Deformation, sondern ebenso Zeitskala, Temperatur, Vorgeschichte und Messgeometrie.

Einordnung: Teil 17 behandelte Polymerketten, Teil 18 selbstorganisierte Membranen. Teil 19 erklärt, wie solche weichen Strukturen auf Belastung reagieren. Teil 20 schließt Physikalische Chemie III mit molekularer Simulation und Multiskalenmodellierung ab.

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:
  • Spannung, Deformation und Scherrate definieren,
  • newtonsche und nichtnewtonsche Fluide unterscheiden,
  • Potenzgesetz, Bingham- und Herschel–Bulkley-Modell anwenden,
  • Scherverdünnung, Scherverdickung und Fließgrenzen mechanistisch erklären,
  • Thixotropie und Rheopexie von rein scherratenabhängigem Verhalten trennen,
  • Maxwell-, Kelvin–Voigt- und Standardlinear-Festkörpermodelle verwenden,
  • Relaxationsmodul und Kriechnachgiebigkeit interpretieren,
  • Speicher- und Verlustmodul aus oszillatorischen Messungen auswerten,
  • Deborah- und Weissenberg-Zahl berechnen,
  • Rouse-, Entanglement- und Reptationsregime einordnen,
  • Gelpunkt, Fließgrenze, Alterung und Jamming unterscheiden,
  • Rheometergeometrien und typische Messartefakte beurteilen.

1. Rheologie als Stoffbeschreibung

Rheologie beschreibt die Beziehung zwischen Belastung und Antwort eines Materials. Die Grundgrößen sind:

  • Spannung als Kraft pro Fläche,
  • Deformation als relative Formänderung,
  • Deformationsrate als zeitliche Änderung,
  • Materialgedächtnis als Abhängigkeit von früheren Belastungen.

Eine konstitutive Gleichung verbindet diese Größen. Sie ist kein universelles Naturgesetz, sondern ein Stoffmodell für ein bestimmtes Belastungs-, Temperatur- und Zeitfenster.

2. Spannungstensor

Die mechanische Spannung ist grundsätzlich ein Tensor. Seine Diagonalelemente sind Normalspannungen, die Nebendiagonalelemente Schubspannungen.

σ=xx τxy τxz; τyx σyy τyz; τzx τzy σzz]

In einer einfachen Scherströmung wird häufig vor allem τxy betrachtet. Viscoelastische Fluide erzeugen zusätzlich nichttriviale Normalspannungsdifferenzen.

3. Einfache Scherung

Zwischen zwei parallelen Platten mit Abstand h bewegt sich die obere Platte mit Geschwindigkeit v. Bei haftender Randbedingung entsteht im idealen Fall:

vx(y)=vy/h

Die Scherdeformation ist:

γ=Δx/h

Für kleine Deformationen entspricht γ dem Scherwinkel in Radiant.

4. Scherrate

γ̇=dγ/dt=dvx/dy

Die Scherrate besitzt die Einheit s−1. Sie beschreibt nicht eine Drehzahl allein, sondern den lokalen Geschwindigkeitsgradienten.

In realen Geometrien kann γ̇ räumlich variieren. Kegel–Platte erzeugt näherungsweise eine einheitliche Scherrate, Parallelplatten nicht.

5. Schubspannung

τ=F/A

τ misst die tangentiale Kraft pro Fläche. In einer stationären einfachen Scherung ist sie bei vernachlässigbarer Trägheit über den Spalt konstant.

6. Dynamische Viskosität

Für ein newtonsches Fluid:

τ=ηγ̇

η besitzt die Einheit Pa s. Wasser liegt bei Raumtemperatur ungefähr im Millipascal-Sekunden-Bereich, Polymerlösungen, Schmelzen und Pasten können viele Größenordnungen darüber liegen.

7. Newtonsches Fluid

Ein newtonsches Fluid besitzt bei fester Temperatur und Zusammensetzung eine von der Scherrate unabhängige Viskosität. Die Fließkurve τ gegen γ̇ ist eine Gerade durch den Ursprung.

Beispiele im passenden Belastungsbereich sind:

  • Wasser und viele niedermolekulare Flüssigkeiten,
  • verdünnte Gase,
  • einfache Silikonöle,
  • verdünnte Lösungen kleiner Moleküle.

8. Kinematische Viskosität

ν=η/ρ

Die kinematische Viskosität ν besitzt die Einheit m² s−1. Sie tritt in Strömungs- und Reynolds-Zahlen auf. Sie darf nicht mit dem Flory-Exponent ν aus Teil 17 verwechselt werden.

9. Temperaturabhängigkeit

Die Viskosität einfacher Flüssigkeiten sinkt häufig stark mit der Temperatur. Eine Arrhenius-artige Näherung lautet:

η(T)=η0exp(Eη/RT)

Bei Polymeren nahe der Glasübergangstemperatur ist die WLF-Beziehung häufig geeigneter als eine einfache Arrhenius-Gleichung.

10. Nichtnewtonsches Fließen

Bei einem nichtnewtonschen Material hängt die gemessene Viskosität von Scherrate, Zeit, Deformationsamplitude oder Vorgeschichte ab.

Die scheinbare Viskosität ist:

ηapp=τ/γ̇

Sie ist ein Messwert am jeweiligen Arbeitspunkt und nicht notwendigerweise eine konstante Materialeigenschaft.

11. Potenzgesetz

τ=Kγ̇n
ηapp=Kγ̇n−1

K ist der Konsistenzindex, n der Fließindex:

  • n=1: newtonsch,
  • n<1: scherverdünnend,
  • n>1: scherverdickend.

Das Modell gilt gewöhnlich nur über einen begrenzten Scherratenbereich, weil es keine Null- oder Unendlichscherviskosität besitzt.

12. Scherverdünnung

Bei Scherverdünnung sinkt ηapp mit wachsender γ̇. Mechanismen sind:

  • Orientierung langer Polymerketten,
  • Dehnung und Entflechtung von Coils,
  • Aufbrechen schwacher Aggregate,
  • Ausrichtung anisotroper Partikel,
  • Freisetzung eingeschlossener Flüssigkeit.

Farben, Shampoo, Blut und Polymerlösungen zeigen häufig scherverdünnendes Verhalten.

13. Cross- und Carreau-Modelle

Eine realistischere Fließkurve mit zwei newtonschen Plateaus ist beispielsweise das Carreau-Modell:

η(γ̇)=η+(η0−η)[1+(λγ̇)²](n−1)/2

η0 ist die Nullscherviskosität, η die Hochschergrenze und λ eine strukturelle Relaxationszeit.

14. Scherverdickung

Bei Scherverdickung steigt ηapp mit γ̇. In konzentrierten Suspensionen können hydrodynamische Kräfte die stabilisierenden Oberflächenschichten überwinden. Partikel bilden reibende Kontakt- und Kraftnetzwerke.

Bei diskontinuierlicher Scherverdickung springt die Spannung oder Viskosität innerhalb eines engen Bereichs stark an. Randbedingungen und Probenkonfinierung sind dann entscheidend.

15. Fließgrenze

Ein Fließgrenzenmaterial verhält sich unterhalb einer charakteristischen Spannung festähnlich und fließt oberhalb davon dauerhaft.

Eine exakte thermodynamische Fließgrenze ist schwer zu definieren, weil sehr langsames Kriechen über lange Zeiten möglich sein kann. Praktisch wird τy aus Modellfit, Kriechversuch oder Amplitudensweep bestimmt.

16. Bingham-Modell

τ=τypγ̇

Oberhalb τy ist die Fließkurve linear. ηp ist die plastische Viskosität. Das Modell ist einfach, beschreibt aber keine Scherverdünnung nach dem Fließen.

17. Herschel–Bulkley-Modell

τ=τy+Kγ̇n

Es kombiniert Fließgrenze und Potenzgesetz. Viele Pasten, Gele, Lebensmittel und hochkonzentrierte Suspensionen lassen sich in einem begrenzten Bereich damit darstellen.

18. Thixotropie

Ein thixotropes Material wird bei konstanter Belastung mit der Zeit dünnflüssiger und erholt seine Struktur in Ruhe. Es besitzt somit ein Gedächtnis.

Ein einfaches Strukturparametermodell verwendet λs zwischen 0 und 1:

s/dt=kauf(1−λs)−kabf(γ̇)λs

Die Viskosität wird an λs gekoppelt. Auf- und Abwärtsrampen können dadurch eine Hystereseschleife bilden.

19. Rheopexie

Rheopexie bezeichnet eine Zunahme der Viskosität mit der Scherzeit unter geeigneten Bedingungen. Sie ist seltener und kann durch scherinduzierte Struktur- oder Netzwerkbildung entstehen.

Sie darf nicht mit Scherverdickung verwechselt werden: Scherverdickung ist primär scherratenabhängig, Rheopexie zeitabhängig.

20. Normalspannungen und Weissenberg-Effekt

Viscoelastische Fluide entwickeln Normalspannungsdifferenzen:

N1xx−σyy
N2yy−σzz

Ein positiver erster Normalspannungsunterschied kann Flüssigkeit an einem rotierenden Stab hochsteigen lassen. Weitere Folgen sind Düsenaufweitung, elastische Rückfederung und Strömungsinstabilitäten.



Abbildung 1. Nichtnewtonsche Fließkurven entstehen aus strukturabhängigen Materialantworten. Fließgrenzen, Zeitabhängigkeit und Normalspannungen enthalten zusätzliche Information, die eine einzelne scheinbare Viskosität nicht erfassen kann.

21. Extensionalströmung

Neben Scherung ist Dehnung eine wichtige Strömungsart. Bei einachsiger Extension wird ein Material in einer Richtung gestreckt und quer dazu zusammengedrückt.

Die Dehnviskosität ist:

ηEE/ε̇

Für ein inkompressibles newtonsches Fluid gilt bei einachsiger Dehnung das Trouton-Verhältnis:

ηE/η=3

Polymerlösungen und -schmelzen können wesentlich größere Werte und Dehnverfestigung zeigen, weil Ketten stark ausgerichtet und gedehnt werden.

22. Lineare Viskoelastizität

In der linearen Viskoelastizität ist die Antwort proportional zur Belastungsamplitude. Das Materialgedächtnis bleibt erhalten, aber die Struktur wird nicht irreversibel verändert.

Die allgemeine lineare Boltzmann-Superposition lautet:

τ(t)=∫−∞tG(t−t′)dγ(t′)/dt′ dt′

G(t) ist der Relaxationsmodul. Jede kleine Deformationsänderung trägt entsprechend ihrem Alter zur aktuellen Spannung bei.

23. Ideale elastische Feder

Ein Hooke-Festkörper erfüllt:

τ=Gγ

G ist der Schubmodul. Nach Entfernung der Belastung kehrt das Material sofort in den Ausgangszustand zurück. Es speichert die Deformationsenergie reversibel.

Bei oszillatorischer Belastung ist die Spannung phasengleich mit der Deformation.

24. Idealer viskoser Dämpfer

Ein Newton-Dämpfer erfüllt:

τ=ηγ̇

Unter konstanter Spannung wächst die Deformation unbegrenzt. Die eingebrachte Arbeit wird vollständig dissipiert.

Bei sinusförmiger Deformation eilt die Spannung der Deformation um 90 Grad voraus.

25. Maxwell-Modell

Das Maxwell-Modell schaltet Feder und Dämpfer in Serie. Beide tragen dieselbe Spannung, während sich die Deformationen addieren.

γ̇=τ̇/G+τ/η

Die charakteristische Maxwell-Zeit ist:

λ=η/G

Für Zeiten viel kleiner als λ reagiert das Material elastisch, für Zeiten viel größer als λ flüssig.

26. Spannungsrelaxation des Maxwell-Körpers

Nach einem Deformationssprung γ0 bleibt die Gesamtdeformation konstant. Die Spannung fällt exponentiell:

τ(t)=Gγ0e−t/λ
G(t)=Ge−t/λ

Der Dämpfer fließt langsam, während die Feder entlastet wird.

27. Kriechen des Maxwell-Körpers

Nach einem Spannungssprung τ0 besitzt das Maxwell-Modell einen sofortigen elastischen Anteil und einen linearen viskosen Anteil:

γ(t)=τ0/G+τ0t/η

Die Kriechnachgiebigkeit ist:

J(t)=1/G+t/η

Nach Entlastung wird nur der elastische Anteil zurückgewonnen; die viskose Deformation bleibt.

28. Kelvin–Voigt-Modell

Im Kelvin–Voigt-Modell liegen Feder und Dämpfer parallel. Beide besitzen dieselbe Deformation, während sich die Spannungen addieren:

τ=Gγ+ηγ̇

Das Modell beschreibt verzögerte Elastizität, aber keine Spannungsrelaxation nach einem idealen Deformationssprung.

29. Kriechen des Kelvin–Voigt-Körpers

Nach einem konstanten Spannungssprung:

γ(t)=τ0/G[1−e−t/λ]
λ=η/G

Die Deformation wächst verzögert auf den elastischen Endwert τ0/G zu. Nach Entlastung erholt sie sich exponentiell vollständig.

30. Standardlinearer Festkörper

Ein Standard Linear Solid kombiniert eine Maxwell-Einheit mit einer zusätzlichen Feder. Es besitzt:

  • einen sofortigen Modul,
  • einen kleineren Langzeitmodul,
  • eine endliche Relaxationszeit.

Es beschreibt viskoelastische Festkörper besser als das reine Maxwell-Modell, weil G(t) nicht auf null fallen muss.

31. Generalisierte Maxwell-Modelle

Reale Materialien besitzen viele Relaxationszeiten. Ein generalisiertes Maxwell-Modell verwendet mehrere Elemente:

G(t)=GiGie−t/λi

Die Koeffizienten bilden ein diskretes Relaxationsspektrum. Bei komplexen Polymeren, Gelen und biologischen Materialien ist das Spektrum häufig breit und kontinuierlich.

32. Retardationsspektrum

Kriechdaten können analog als Summe verzögerter elastischer Prozesse geschrieben werden:

J(t)=J0iJi[1−e−t/λi]+t/η0

Relaxations- und Retardationsspektren sind mathematisch miteinander verknüpft, aber nicht identisch.

33. Oszillatorische Scherung

Bei Small-Amplitude Oscillatory Shear wird eine sinusförmige Deformation vorgegeben:

γ(t)=γ0sinωt

Die Spannung antwortet mit einer Phasenverschiebung δ:

τ(t)=τ0sin(ωt+δ)

Solange γ0 im linear-viskoelastischen Bereich liegt, hängen die Moduli nicht von der Amplitude ab.

34. Speicher- und Verlustmodul

τ(t)=γ0[G′sinωt+G″cosωt]
  • G′ ist der Speichermodul und misst die reversible elastische Energiespeicherung.
  • G″ ist der Verlustmodul und misst die dissipative Antwort.

Die Begriffe „fest“ und „flüssig“ sind hier zeitskalenabhängig. Dass G′ größer als G″ ist, macht ein Material nicht automatisch zu einem thermodynamischen Festkörper.

35. Komplexer Modul

G*=G′+iG″
|G*|=√(G′²+G″²)

Die Phasenverschiebung ist:

tanδ=G″/G′
  • δ=0°: ideal elastisch,
  • δ=90°: ideal viskos,
  • Zwischenwerte: viskoelastisch.

36. Komplexe Viskosität

η*=G*/(iω)

Für den Betrag gilt:

|η*|=|G*|/ω

Bei vielen Polymerlösungen ähnelt die komplexe Viskosität aus Oszillation der stationären Scherviskosität bei vergleichbarer numerischer Frequenz beziehungsweise Scherrate. Diese Cox–Merz-Regel ist empirisch und versagt unter anderem bei Gelen, stark strukturierten Dispersionen und thixotropen Materialien.

37. Dynamische Moduli des Maxwell-Modells

G′=G(ωλ)²/[1+(ωλ)²]
G″=Gωλ/[1+(ωλ)²]

Bei ωλ≪1 dominiert G″ und das Material erscheint flüssig. Bei ωλ≫1 nähert sich G′ dem Plateau G.

38. Crossover-Frequenz

Für ein einzelnes Maxwell-Element gilt bei G′=G″:

ωcλ=1

Die inverse Crossover-Frequenz liefert damit die Relaxationszeit. In breiten Spektren ist der Schnittpunkt nur eine charakteristische, nicht die einzige Zeit.

39. Amplitudensweep

Ein Amplitudensweep bei fester Frequenz bestimmt den Linear Viscoelastic Range – LVR. Bei kleinen Amplituden bleiben G′ und G″ konstant. Jenseits einer kritischen Deformation verändert sich die Struktur.

Typische Folgen sind:

  • Abfall von G′ durch Netzwerkbruch,
  • Maximum in G″ durch erhöhte Dissipation,
  • scheinbarer Yield-Point oder Fließübergang.

Die kritische Deformation hängt von Frequenz, Vorgeschichte und Auswertekriterium ab.

40. Frequenzsweep

Ein Frequenzsweep untersucht unterschiedliche Beobachtungszeiten:

  • hohe ω: kurze Zeiten, lokale und schnelle Prozesse,
  • niedrige ω: lange Zeiten, Kettenrelaxation, Netzwerkumbau und Fließen.

Die Messung muss im LVR bleiben. Bei sehr niedrigen Frequenzen werden lange Messzeiten, Drift und Verdunstung problematisch.



Abbildung 2. Feder und Dämpfer erzeugen unterschiedliche Relaxations- und Kriechantworten. In oszillatorischen Messungen trennen G′ und G″ gespeicherte und dissipierte Energie.

41. Deborah-Zahl

Die Deborah-Zahl vergleicht eine Materialrelaxationszeit λ mit der Beobachtungs- oder Prozesszeit tobs:

De=λ/tobs
  • De≪1: Material relaxiert während der Beobachtung und erscheint flüssig.
  • De≫1: Relaxation ist zu langsam; das Material erscheint festähnlich.

Der Name erinnert daran, dass auch ein Berg auf geologischen Zeiten fließen kann.

42. Weissenberg-Zahl

Die Weissenberg-Zahl vergleicht Relaxation und lokale Deformationsrate:

Wi=λγ̇

Bei Wi≪1 bleibt die Mikrostruktur nahe dem Gleichgewicht. Bei Wi≳1 kann die Strömung Ketten, Mizellen oder Aggregate stark orientieren und dehnen.

De und Wi sind verwandt, aber nicht identisch: De bezieht sich auf die Prozessdauer, Wi auf eine lokale Deformationsrate.

43. Zeit–Temperatur-Superposition

Temperatur beschleunigt oder verlangsamt molekulare Relaxation. Sind alle relevanten Prozesse thermorheologisch einfach, können Frequenzkurven horizontal verschoben werden:

ωred=aTω

Die zusammengefügte Masterkurve erweitert das zugängliche Zeitfenster um viele Dekaden.

44. WLF-Gleichung

Nahe der Glasübergangstemperatur wird häufig verwendet:

log10aT=−C1(T−Tref)/[C2+T−Tref]

C1 und C2 hängen von Referenzzustand und Material ab. Weit oberhalb Tg kann eine Arrhenius-Verschiebung geeigneter sein.

45. Grenzen der Superposition

Zeit–Temperatur-Superposition versagt, wenn verschiedene Prozesse unterschiedlich temperaturabhängig sind, beispielsweise:

  • Kristallisation,
  • Phasentrennung,
  • chemische Vernetzung,
  • Wasserverlust,
  • unterschiedliche Segment- und Terminalrelaxation.

Eine glatte Masterkurve ist daher ein experimenteller Test thermorheologischer Einfachheit.

46. Rouse-Modell

Das Rouse-Modell beschreibt eine unverschlaufte Gaußkette als Perlen und Federn in einem viskosen Medium. Hydrodynamische Wechselwirkungen und ausgeschlossenes Volumen werden in der einfachsten Form vernachlässigt.

Die längste Rouse-Zeit skaliert ungefähr:

τR∝N²

Die Modi beschreiben Relaxationen unterschiedlicher Wellenlänge entlang der Kette.

47. Entanglements

Lange Polymerketten können einander nicht durchqueren. Die topologischen Einschränkungen wirken auf mittleren Zeiten wie temporäre Vernetzungspunkte.

Oberhalb der Entanglement-Molmasse Me entsteht ein Plateau im Speichermodul. Der Plateau-Modul ist grob mit der Dichte von Entanglementsträngen verknüpft:

GN0≈ρRT/Me

Der genaue Vorfaktor hängt von Modell und Definition ab.

48. Reptation

Im Röhrenmodell ist eine Kette durch Nachbarketten seitlich eingeschränkt. Sie relaxiert hauptsächlich durch schlangenartige Bewegung entlang ihrer Kontur.

Die Terminal- oder Reptationszeit skaliert im idealisierten Modell:

τd∝M³

Experimentell wird für viele lineare Polymerschmelzen eine stärkere effektive Abhängigkeit um M3,4 beobachtet, weil Konturlängenfluktuationen und Constraint Release mitwirken.

49. Terminales Fließen

Bei Frequenzen unterhalb der längsten Relaxationsrate zeigt eine viskoelastische Flüssigkeit:

G′∝ω²
G″∝ω

Die Nullscherviskosität ist:

η0=limω→0G″/ω

Erreicht das Messfenster das terminale Regime nicht, kann ein Material fälschlich als Gel oder Festkörper interpretiert werden.

50. Chemische und physikalische Gele

Chemische Gele besitzen kovalente Vernetzungen und lösen sich gewöhnlich nicht ohne Bindungsbruch.

Physikalische Gele beruhen auf reversiblen Knoten:

  • Wasserstoffbrücken,
  • hydrophobe Domänen,
  • ionische Brücken,
  • Kristallite,
  • kolloidale Kontakte.

Ihre Relaxation kann langsam, aber endlich sein.

51. Gelpunkt

Am kritischen Gelpunkt zeigt ein ideales selbstähnliches Netzwerk über einen Frequenzbereich:

G′∝G″∝ωn

tanδ ist dann näherungsweise frequenzunabhängig. Ein einzelner G′/G″-Crossover beweist dagegen nicht automatisch den Gelpunkt.

52. Alterung und Soft Glassy Rheology

Viele Gele, Schäume und konzentrierte Dispersionen befinden sich nicht im thermodynamischen Gleichgewicht. Ihre Struktur entwickelt sich mit der Wartezeit tw.

Typische Alterungsfolgen sind:

  • Zunahme von G′,
  • langsamere Relaxation,
  • wachsende Fließgrenze,
  • Abhängigkeit vom Vor-Scherprotokoll.

Eine reproduzierbare Messung benötigt deshalb definierte Verjüngung, Ruhezeit und Belastungsgeschichte.

53. Jamming und konzentrierte Suspensionen

Bei hoher Partikelkonzentration wird der freie Raum knapp. Teilchen bilden ein kontakttragendes Netzwerk. Der Übergang wird durch Volumenanteil, Reibung, Partikelform und Belastung kontrolliert.

Jamming kann eine Fließgrenze und festähnliche Moduli erzeugen, ohne dass chemische Vernetzungen vorliegen.

54. Kegel–Platte-Rheometer

Ein Kegel mit kleinem Winkel α rotiert über einer Platte. Für kleine Winkel ist die Scherrate nahezu homogen:

γ̇=Ω/α

Die Schubspannung am Rand wird aus dem Drehmoment M berechnet:

τ=3M/(2πR³)

Vorteile sind kleine Probenmenge und uniforme Scherrate. Nachteile sind Empfindlichkeit gegenüber Partikelgröße, Spalteinstellung und Randverlust.

55. Parallelplattengeometrie

Bei zwei parallelen Scheiben steigt γ̇ mit dem Radius. Die Geometrie eignet sich für:

  • Partikelsuspensionen mit größerem Spalt,
  • Temperaturrampen,
  • Festkörper- und Gelproben,
  • Messung mit strukturierten oder gezahnten Platten gegen Wandschlupf.

Eine korrekte Auswertung nichtnewtonscher Daten erfordert die radiale Scherratenverteilung.

56. Couette-Geometrie

Eine Couette- oder Zylindergeometrie besteht aus zwei koaxialen Zylindern. Sie eignet sich besonders für niedrigviskose Flüssigkeiten, weil eine große benetzte Fläche ein gutes Drehmomentsignal erzeugt.

Bei großem Spalt ist die Spannung radial nicht konstant. Sekundärströmungen und Trägheitsinstabilitäten können bei hohen Drehzahlen auftreten.

57. Kapillarrheometrie

Bei hohen Scherraten werden Polymermelzen häufig durch eine Kapillare gepresst. Für eine newtonsche Flüssigkeit gilt Hagen–Poiseuille. Nichtnewtonsche Auswertung benötigt:

  • Rabinowitsch-Korrektur der Wandscherrate,
  • Bagley-Korrektur der Einlaufverluste,
  • Berücksichtigung von Wandgleiten und Schmelzbruch.

Kapillarrheometrie ergänzt Rotationsrheometrie um hohe Prozessscherraten.

58. Typische Messartefakte

ArtefaktErkennungsmerkmalGegenmaßnahme
Wandschlupfscheinbar zu kleine Viskosität, Spaltabhängigkeitraue oder gezahnte Geometrie, mehrere Spalte
Randbruchunruhiges Drehmoment, sichtbarer Probenverlustkleinere Spannung, geeignete Geometrie und Randkontrolle
VerdunstungG′ und η steigen mit der ZeitLösungsmittelfalle oder Feuchtekammer
Trägheitscheinbar erhöhte Moduli bei hoher FrequenzInstrumententrägheit korrigieren und Messbereich prüfen
Untergrenze des Drehmomentsrauschende Daten bei kleiner Spannunggrößere Geometrie oder höhere Amplitude im LVR
TemperaturgradientDrift und schlechte ReproduzierbarkeitTemperatur equilibrieren und Probenhöhe kontrollieren
Probenvorgeschichteunterschiedliche Kurven trotz gleicher Zusammensetzungdefiniertes Vorscheren und Wartezeitprotokoll
Sedimentationzeitabhängige Konzentration und DrehmomentDichteanpassung, kürzere Messung oder geeignete Geometrie
Strukturbruch außerhalb des LVRamplitudenabhängige Modulivor Frequenzsweep einen Amplitudensweep durchführen
chemische Veränderungirreversible Zeit- oder TemperaturabhängigkeitOxidation, Vernetzung und Lösungsmittelverlust ausschließen


Abbildung 3. Polymerentanglements erzeugen lange Reptationszeiten, Gele ein perkolierendes Netzwerk. Rheometer übersetzen Drehmoment und Bewegung in Materialfunktionen; Zeit–Temperatur-Superposition erweitert das zugängliche Frequenzfenster.

59. Experimentelles Qualitätsprotokoll

Eine belastbare rheologische Messung dokumentiert:

  • Probenherstellung und Alter,
  • Temperatur und Feuchte,
  • Geometrie, Radius, Winkel oder Spalt,
  • Vorscheren, Ruhezeit und Messreihenfolge,
  • Amplitudenbereich und Linearität,
  • Messdauer pro Punkt,
  • Drehmoment- und Trägheitsgrenzen,
  • sichtbare Rand- oder Schlupfphänomene.

Rheologische Werte ohne Protokoll sind häufig nicht reproduzierbar, weil weiche Materie ein starkes Gedächtnis besitzt.

60. Häufige begriffliche Fehler

FehlerKorrektur
Viskosität als einzige Materialkonstante behandelnScherrate, Temperatur, Zeit und Vorgeschichte angeben.
Scherverdünnung und Thixotropie gleichsetzenScherverdünnung ist raten-, Thixotropie zusätzlich zeitabhängig.
Fließgrenze aus einem beliebigen Kurvenknick ablesenModell, Kriechtest und Messzeitfenster dokumentieren.
G′>G″ als sicheren Beweis eines Gels ansehenFrequenzbereich, Terminalregime und Alterung prüfen.
Maxwell-Zeit als einzige Relaxationszeit realer Polymere behandelnReale Materialien besitzen breite Relaxationsspektren.
G″ als reine Viskosität bezeichnenG″ ist ein Verlustmodul in Pa; η″ oder |η*| besitzen Pa s.
De und Wi austauschbar verwendenDe vergleicht Prozesszeit, Wi lokale Deformationsrate.
Masterkurven ohne Überlappungsprüfung bildenKurvenform und vertikale Verschiebung auf thermorheologische Einfachheit prüfen.
Messgerätedaten unabhängig von Geometrie interpretierenLokale Scherrate, Spannung und Randbedingungen berücksichtigen.
Hysteresefläche direkt als universelles Thixotropiemaß ansehenRampenrate, Dauer und Protokoll beeinflussen die Fläche.

61. Übungsaufgaben

Aufgabe 1: Newtonsche Scherströmung

Zwischen zwei parallelen Platten mit der Fläche A=0,0200 m² und dem Abstand h=1,50 mm bewegt sich die obere Platte mit v=0,0300 m s−1. Die erforderliche tangentiale Kraft beträgt F=12,0 N.

Berechne:

  1. die Schubspannung τ,
  2. die Scherrate γ̇,
  3. die dynamische Viskosität η.

Aufgabe 2: Potenzgesetz

Ein scherverdünnendes Material folgt:

τ=Kγ̇n

mit K=1,80 Pa sn, n=0,550 und γ̇=100 s−1.

Berechne Schubspannung und scheinbare Viskosität.

Aufgabe 3: Herschel–Bulkley-Material

Gegeben sind:

τy=25,0 Pa, K=4,00 Pa sn, n=0,500, γ̇=16,0 s−1

Berechne τ und ηapp.

Aufgabe 4: Spannungsrelaxation eines Maxwell-Körpers

Ein Maxwell-Material besitzt G=2,50×104 Pa und η=5,00×105 Pa s.

Berechne:

  1. die Relaxationszeit λ,
  2. den Relaxationsmodul G(t) nach 30,0 s.

Aufgabe 5: Kriechen eines Kelvin–Voigt-Körpers

Ein Kelvin–Voigt-Material besitzt G=2000 Pa und η=10 000 Pa s. Bei t=0 wird eine konstante Spannung τ0=500 Pa angelegt.

Berechne die Retardationszeit und die Deformation nach 10,0 s.

Aufgabe 6: Dynamische Moduli

Bei ω=10,0 rad s−1 werden gemessen:

G′=1200 Pa, G″=800 Pa

Berechne:

  1. |G*|,
  2. tanδ,
  3. δ in Grad,
  4. |η*|.

Aufgabe 7: Crossover eines Maxwell-Elements

Ein Maxwell-Element besitzt G=1,00×105 Pa und η=5,00×105 Pa s.

Berechne λ, die Crossover-Kreisfrequenz ωc und die Frequenz fc in Hz.

Aufgabe 8: Deborah- und Weissenberg-Zahl

Eine strukturierte Flüssigkeit besitzt λ=0,800 s. Der betrachtete Prozess dauert 5,00 s und besitzt eine lokale Scherrate von 12,0 s−1.

Berechne De und Wi und interpretiere beide Werte.

Aufgabe 9: WLF-Verschiebungsfaktor

Für ein Polymer gelten relativ zu Tref:

C1=17,44, C2=51,6 K, T−Tref=10,0 K

Berechne log10aT und aT.

Aufgabe 10: Kegel–Platte-Rheometrie

Ein Kegel–Platte-Rheometer besitzt R=20,0 mm und den Kegelwinkel α=2,00°. Bei der Winkelgeschwindigkeit Ω=1,00 rad s−1 wird das Drehmoment M=2,00 mN m gemessen.

Berechne:

τ=3M/(2πR³)
γ̇=Ω/α

und daraus η.

62. Vollständige Lösungen

Lösung 1

Schubspannung:

τ=F/A=12,0/0,0200=600 Pa

Scherrate:

γ̇=v/h=0,0300/(1,50×10−3)=20,0 s−1

Viskosität:

η=τ/γ̇=600/20,0=30,0 Pa s

Das Material wäre unter diesen Bedingungen etwa 30 000-mal viskoser als Wasser bei Raumtemperatur.

Lösung 2

Schubspannung:

τ=(1,80)(100)0,550
τ=22,66 Pa

Scheinbare Viskosität:

ηapp=22,66/100=0,2266 Pa s

Da n<1 ist, sinkt ηapp mit wachsender Scherrate.

Lösung 3

Herschel–Bulkley-Spannung:

τ=25,0+4,00(16,0)0,500
τ=25,0+16,0=41,0 Pa

Scheinbare Viskosität:

ηapp=41,0/16,0=2,563 Pa s
Lösung 4

Relaxationszeit:

λ=η/G=(5,00×105)/(2,50×104)=20,0 s

Relaxationsmodul nach 30,0 s:

G(30)=2,50×104e−30/20
G(30)=5,578×103 Pa

Nach 1,5 Relaxationszeiten sind noch etwa 22,3 Prozent des Anfangsmoduls vorhanden.

Lösung 5

Retardationszeit:

λ=η/G=10000/2000=5,00 s

Enddeformation:

γ0/G=500/2000=0,250

Nach 10,0 s:

γ(10)=0,250[1−e−10/5]
γ(10)=0,2162

Das Material hat nach zwei Retardationszeiten etwa 86,5 Prozent seiner Enddeformation erreicht.

Lösung 6

Betrag des komplexen Moduls:

|G*|=√(1200²+800²)=1442 Pa

Verlustfaktor:

tanδ=800/1200=0,6667

Phasenwinkel:

δ=arctan(0,6667)=33,69°

Komplexe Viskosität:

|η*|=1442/10,0=144,2 Pa s

Da G′ größer als G″ ist, dominiert bei dieser Frequenz der elastische Anteil.

Lösung 7

Relaxationszeit:

λ=η/G=(5,00×105)/(1,00×105)=5,00 s

Crossover-Kreisfrequenz:

ωc=1/λ=0,200 rad s−1

Frequenz:

fcc/(2π)=0,03183 Hz

Die zugehörige Periodendauer beträgt rund 31,4 s.

Lösung 8

Deborah-Zahl:

De=λ/tobs=0,800/5,00=0,160

Weissenberg-Zahl:

Wi=λγ̇=(0,800)(12,0)=9,60

De<1 bedeutet, dass das Material über die gesamte Prozessdauer deutlich relaxieren kann. Wi≫1 zeigt zugleich, dass die lokale Scherung die Mikrostruktur stark aus dem Gleichgewicht bringen kann. Beide Aussagen widersprechen sich nicht, weil sie unterschiedliche Zeitvergleiche verwenden.

Lösung 9
log10aT=−17,44·10,0/(51,6+10,0)
log10aT=−2,831
aT=10−2,831=1,475×10−3

Bei der höheren Temperatur laufen die Relaxationen in dieser Konvention wesentlich schneller; die Frequenzachse wird um fast drei Dekaden verschoben.

Lösung 10

Einheiten:

R=0,0200 m, M=0,00200 N m
α=2,00°·π/180=0,03491 rad

Schubspannung:

τ=3(0,00200)/[2π(0,0200)³]
τ=119,4 Pa

Scherrate:

γ̇=1,00/0,03491=28,65 s−1

Viskosität:

η=119,4/28,65=4,167 Pa s

63. Zusammenfassung

  • Rheologie verbindet Spannung, Deformation, Rate und Materialgedächtnis.
  • Schubspannung ist Kraft pro Fläche, Scherrate ein Geschwindigkeitsgradient.
  • Ein newtonsches Fluid erfüllt τ=ηγ̇.
  • Nichtnewtonsche Materialien besitzen eine arbeitspunktabhängige scheinbare Viskosität.
  • Das Potenzgesetz unterscheidet Scherverdünnung und Scherverdickung über n.
  • Carreau- und Cross-Modelle besitzen newtonsche Grenzplateaus.
  • Fließgrenzen entstehen durch tragende Netzwerke oder Kontaktstrukturen.
  • Bingham ist linear oberhalb τy, Herschel–Bulkley nichtlinear.
  • Thixotropie ist zeitabhängiger Strukturabbau und -aufbau.
  • Normalspannungen sind charakteristisch für viscoelastische Fluide.
  • Dehnviskosität kann Polymerstrukturen stärker offenlegen als Scherviskosität.
  • Lineare Viskoelastizität folgt dem Boltzmann-Superpositionsprinzip.
  • Eine Feder speichert Energie, ein Dämpfer dissipiert sie.
  • Das Maxwell-Modell relaxiert Spannung exponentiell.
  • Das Kelvin–Voigt-Modell zeigt verzögertes, vollständig reversibles Kriechen.
  • Generalisierte Modelle bilden breite Relaxationsspektren ab.
  • G′ misst gespeicherte, G″ dissipierte Energie.
  • tanδ ist das Verhältnis von Verlust- zu Speichermodul.
  • Die Crossover-Frequenz eines einzelnen Maxwell-Elements ist 1/λ.
  • Amplitudensweeps bestimmen den linear-viskoelastischen Bereich.
  • Frequenzsweeps untersuchen verschiedene Beobachtungszeiten.
  • De vergleicht Relaxations- und Prozesszeit.
  • Wi vergleicht Relaxation und lokale Deformationsrate.
  • Zeit–Temperatur-Superposition erzeugt Masterkurven thermorheologisch einfacher Materialien.
  • Das Rouse-Modell beschreibt unverschlaufte Kettenmoden.
  • Entanglements erzeugen ein Modulplateau und lange Reptationszeiten.
  • Terminales Fließen besitzt G′∝ω² und G″∝ω.
  • Chemische Gele sind permanent, physikalische Gele reversibel vernetzt.
  • Am kritischen Gelpunkt können G′ und G″ dieselbe Potenzgesetzskalierung zeigen.
  • Alternde weiche Gläser benötigen definierte Wartezeiten und Vorschergeschichte.
  • Jamming erzeugt festähnliches Verhalten durch geometrische und reibende Kontakte.
  • Kegel–Platte liefert nahezu homogene Scherrate.
  • Parallelplatte, Couette und Kapillare decken andere Proben- und Scherratenbereiche ab.
  • Wandschlupf, Randbruch, Verdunstung und Trägheit können rheologische Kurven vortäuschen.
  • Eine rheologische Materialfunktion ist nur zusammen mit Temperatur, Geometrie und Protokoll vollständig.

64. Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Viskosität und Modul?

Viskosität beschreibt dissipativen Widerstand gegen eine Deformationsrate. Ein Modul beschreibt Spannung pro Deformation und damit elastische Steifigkeit.

Warum wird Ketchup beim Schütteln dünnflüssiger?

Seine partikuläre und polymere Struktur wird durch Scherung abgebaut und orientiert. Scherverdünnung und Thixotropie können gleichzeitig auftreten.

Ist eine Fließgrenze eine exakt messbare Konstante?

Oft nicht. Der Wert hängt von Messzeit, Modell, Vorgeschichte und Empfindlichkeit gegenüber sehr langsamem Kriechen ab.

Warum besitzt ein Polymerfluid elastische Eigenschaften?

Deformierte Ketten verlieren Konformationsentropie und erzeugen eine Rückstellkraft. Entanglements verhindern sofortige Relaxation.

Was bedeutet G′ größer als G″?

Bei der betrachteten Frequenz wird mehr Energie gespeichert als dissipiert. Das ist eine zeitskalenabhängige Aussage, kein alleiniger Beweis eines permanenten Festkörpers.

Warum ändern sich Moduli mit der Frequenz?

Schnelle Belastungen lassen langsamen Strukturen keine Zeit zur Relaxation. Bei niedriger Frequenz können dieselben Strukturen fließen oder sich neu ordnen.

Was ist der Unterschied zwischen Deborah- und Weissenberg-Zahl?

De vergleicht Relaxationszeit und Gesamtdauer eines Prozesses; Wi vergleicht Relaxation und lokale Deformationsrate.

Warum sind Masterkurven nützlich?

Sie verbinden kurze Hochtemperatur- mit langen Niedrigtemperatur-Zeitskalen und erweitern damit das experimentell zugängliche Frequenzfenster.

Warum kann Wandschlupf wie Scherverdünnung aussehen?

Die Probe gleitet an der Geometrie, sodass ein Teil der Bewegung nicht als innere Scherung umgesetzt wird. Das Rheometer berechnet dann eine zu kleine scheinbare Viskosität.

Warum muss man vor einem Frequenzsweep einen Amplitudensweep durchführen?

Nur innerhalb des linear-viskoelastischen Bereichs bleiben Struktur und Moduli unabhängig von der Belastungsamplitude.

65. Ausblick auf Teil 20

Teil 20 schließt Physikalische Chemie III mit molekularer Simulation und Multiskalenmodellierung ab. Molekulardynamik, Kraftfelder, periodische Randbedingungen, Thermostate und Barostate, Monte-Carlo-Methoden, freie Energien, Hartree–Fock, Dichtefunktionaltheorie, QM/MM, Coarse-Graining und maschinell gelernte Potentiale werden zu einem gemeinsamen Modellierungsrahmen verbunden.

Literatur und weiterführende Quellen

  1. R. G. Larson: The Structure and Rheology of Complex Fluids. Oxford University Press.
  2. C. W. Macosko: Rheological Principles, Measurements, and Applications. Wiley-VCH.
  3. M. Doi & S. F. Edwards: The Theory of Polymer Dynamics. Oxford University Press.
  4. J. D. Ferry: Viscoelastic Properties of Polymers. Wiley.
  5. T. G. Mezger: The Rheology Handbook. Vincentz Network.

Didaktischer Hinweis: Newton-, Potenzgesetz-, Bingham-, Herschel–Bulkley-, Maxwell-, Kelvin–Voigt-, Rouse- und Reptationsmodelle sind kontrollierte Idealbilder. Reale Materialien besitzen breite Relaxationsspektren, Strukturentwicklung, Schlupf, Nichtlinearität, Alterung und gekoppelte thermische oder chemische Prozesse.

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