Titelbild: Eigene Illustration von Mikrozuständen, Boltzmann-Entropie, Boltzmann-Gewichten und Zustandssumme.
Statistische Thermodynamik erklärt makroskopische Größen aus mikroskopischen Zuständen. Temperatur, Druck, Entropie und freie Energie werden nicht als isolierte Grundbegriffe behandelt, sondern aus den möglichen Quantenzuständen und ihren Wahrscheinlichkeiten hergeleitet. Das zentrale Problem lautet: Wie werden sehr viele mikroskopische Möglichkeiten zu stabilen makroskopischen Gesetzen?
Ein Gas kann denselben Druck, dieselbe Temperatur und dieselbe Teilchenzahl besitzen, obwohl seine Moleküle unzählige verschiedene Positionen, Impulse und innere Quantenzustände einnehmen. Jeder vollständige mikroskopische Zustand heißt Mikrozustand. Ein Makrozustand beschreibt dagegen nur wenige beobachtbare Größen. Die Entropie misst, wie viele Mikrozustände mit einem Makrozustand vereinbar sind.
Teil 18 führt Mikrozustände, Makrozustände, Multiplizität, Boltzmann-Entropie, gleiche a-priori-Wahrscheinlichkeiten, Boltzmann-Verteilung, Zustandssumme und statistische Ensembles ein. Außerdem werden Mittelwerte, Energiefluktuationen, Entropie und freie Energie im kanonischen Ensemble hergeleitet.
Lernziele
- Mikrozustand und Makrozustand unterscheiden,
- Multiplizitäten kombinatorisch berechnen,
- Boltzmanns Entropiebeziehung anwenden,
- die Bedeutung der Stirling-Näherung erklären,
- mikrokanonisches, kanonisches und großkanonisches Ensemble unterscheiden,
- die Boltzmann-Verteilung aus einem Wärmebad ableiten,
- Entartung in Populationswahrscheinlichkeiten berücksichtigen,
- eine kanonische Zustandssumme berechnen,
- Mittelenergie und Energiefluktuation aus Z bestimmen,
- Entropie und Helmholtz-Energie aus statistischen Wahrscheinlichkeiten herleiten,
- ein Zwei-Niveau-System vollständig auswerten,
- Ensembleäquivalenz und thermodynamischen Grenzfall einordnen.
1. Mikroskopische und makroskopische Beschreibung
Eine makroskopische Beschreibung verwendet wenige thermodynamische Variablen wie E, V, N, T und p. Sie ignoriert, welches einzelne Molekül sich wo befindet oder welchen Impuls es besitzt.
Eine mikroskopische Beschreibung spezifiziert dagegen den vollständigen quantenmechanischen Zustand oder – in einer klassischen Näherung – einen Punkt im Phasenraum aller Teilchen.
2. Mikrozustand
Ein Mikrozustand ist eine maximal detaillierte Beschreibung des Systems, die mit dem verwendeten Modell möglich ist.
Beispiele:
- eine konkrete Folge aus „links“ und „rechts“ für unterscheidbare Teilchen in zwei Kästen,
- eine konkrete Besetzung quantisierter Energieniveaus,
- eine vollständige Angabe aller Positionen und Impulse im klassischen Phasenraum,
- ein bestimmter Viele-Teilchen-Quantenzustand.
3. Makrozustand
Ein Makrozustand fasst viele Mikrozustände zusammen. Im Zwei-Kasten-Beispiel kann der Makrozustand allein durch die Zahl nL der Teilchen in der linken Hälfte beschrieben werden.
Die konkrete Identität der linken Teilchen wird nicht angegeben. Daher können mehrere Mikrozustände denselben Makrozustand realisieren.
4. Multiplizität Ω
Die Multiplizität Ω ist die Zahl der Mikrozustände, die mit einem Makrozustand vereinbar sind.
Für N unterscheidbare Teilchen, von denen n in Zustand A und N−n in Zustand B sind:
Dies ist der Binomialkoeffizient.
5. Beispiel mit vier Teilchen
Für vier Teilchen in zwei gleichberechtigten Hälften gilt:
| nL | nR | Multiplizität Ω | Wahrscheinlichkeit bei gleichen Mikrozuständen |
|---|---|---|---|
| 0 | 4 | 1 | 1/16 |
| 1 | 3 | 4 | 4/16 |
| 2 | 2 | 6 | 6/16 |
| 3 | 1 | 4 | 4/16 |
| 4 | 0 | 1 | 1/16 |
Der gleichmäßigste Makrozustand nL=nR=2 besitzt die größte Multiplizität.
Abbildung 1. Der makroskopisch ausgeglichene Zustand besitzt die größte Zahl kompatibler Mikrozustände und ist deshalb am wahrscheinlichsten.
6. Warum Gleichgewicht so stabil ist
Bei wenigen Teilchen sind große relative Schwankungen häufig. Bei makroskopischen Teilchenzahlen ist die Multiplizität nahe dem Gleichgewicht jedoch überwältigend größer als bei stark unausgeglichenen Zuständen.
Das System befindet sich deshalb fast immer in einem sehr engen Bereich um den wahrscheinlichsten Makrozustand. Thermodynamisches Gleichgewicht ist statistisch stabil, nicht weil andere Mikrozustände verboten wären.
7. Boltzmann-Entropie
Für einen Makrozustand mit Ω gleich wahrscheinlichen Mikrozuständen lautet Boltzmanns Beziehung:
kB ist die Boltzmann-Konstante. Der natürliche Logarithmus macht Entropie additiv.
8. Warum der Logarithmus?
Für zwei unabhängige Systeme A und B multiplizieren sich die Multiplizitäten:
Thermodynamische Entropie soll sich addieren:
Der Logarithmus erfüllt:
9. Entropieänderung
Zwischen zwei Makrozuständen:
Eine Zunahme der Zahl zugänglicher Mikrozustände führt zu positiver Entropieänderung.
10. Gibbs-Entropie
Wenn Mikrozustände nicht gleich wahrscheinlich sind, lautet die allgemeinere statistische Entropie:
Für Ω gleich wahrscheinliche Zustände mit pi=1/Ω folgt unmittelbar:
Boltzmann-Entropie ist damit der Spezialfall der Gibbs-Entropie für eine Gleichverteilung.
11. Stirling-Näherung
Für große N ist N! unhandlich. Dann gilt:
Genauer:
Die Stirling-Näherung ist zentral, weil thermodynamische Systeme typischerweise Teilchenzahlen in der Größenordnung der Avogadro-Zahl besitzen.
12. Wahrscheinlichste Verteilung
Bei einer großen Zahl unabhängiger Zwei-Zustands-Teilchen ist die Multiplizität:
Das Maximum liegt bei n≈N/2. Die relative Breite der Verteilung nimmt mit wachsendem N ab:
Relative Fluktuationen verschwinden somit im thermodynamischen Grenzfall.
13. Gleiches a-priori-Gewicht
Das fundamentale Postulat des mikrokanonischen Ensembles lautet: Für ein isoliertes System im Gleichgewicht sind alle zugänglichen Mikrozustände im erlaubten Energiefenster gleich wahrscheinlich.
Die Aussage bezieht sich auf die Zustände, die mit den makroskopischen Zwangsbedingungen vereinbar sind.
14. Statistisches Ensemble
Ein Ensemble ist eine gedachte große Menge identisch präparierter Systeme. Jedes Mitglied erfüllt dieselben makroskopischen Bedingungen, kann sich aber in einem anderen Mikrozustand befinden.
Ensemblemittel ersetzen Zeitmittel, sofern das System ergodisch genug ist oder die relevante Dynamik den zugänglichen Zustandsraum angemessen abtastet.
15. Mikrokanonisches Ensemble
Das mikrokanonische Ensemble beschreibt ein isoliertes System mit konstanten:
Es tauscht weder Energie noch Teilchen mit der Umgebung aus. Seine natürliche thermodynamische Größe ist die Entropie:
16. Temperatur aus der Entropie
Die thermodynamische Temperatur wird statistisch definiert durch:
Temperatur misst damit, wie stark die Zahl zugänglicher Zustände mit der Energie wächst.
17. Druck und chemisches Potential
Aus der fundamentalen thermodynamischen Beziehung:
folgen:
Druck und chemisches Potential erhalten damit ebenfalls eine statistische Interpretation.
18. Zwei Systeme im thermischen Kontakt
Zwei Teilsysteme A und B seien gemeinsam isoliert, dürfen aber Energie austauschen:
Die Gesamtmultiplizität ist:
Im Gleichgewicht ist Ωges maximal. Daraus folgt:
19. Kanonisches Ensemble
Das kanonische Ensemble beschreibt ein System mit konstanten:
Es steht in thermischem Kontakt mit einem sehr großen Wärmebad. Die Energie des Systems kann schwanken, während die Temperatur des Bades praktisch konstant bleibt.
20. Ableitung des Boltzmann-Faktors
Das kleine System befinde sich im Mikrozustand i mit Energie Ei. Das Wärmebad besitzt dann die Energie Eges−Ei. Die Wahrscheinlichkeit des Systemzustands ist proportional zur Zahl der kompatiblen Badzustände:
Mit SBad=kBln ΩBad und einer Taylorentwicklung:
Daher:
Dies ist der Boltzmann-Faktor.
21. Boltzmann-Verteilung
mit:
und der kanonischen Zustandssumme:
Z normalisiert die Wahrscheinlichkeiten, sodass Σpi=1 gilt.
22. Energie-Nullpunkt
Wird zu allen Energien dieselbe Konstante C addiert, ändert sich Z um einen gemeinsamen Faktor:
Die normierten Wahrscheinlichkeiten bleiben unverändert. Absolute Energienullpunkte beeinflussen daher keine Besetzungsverhältnisse. Thermodynamische Potentiale verschieben sich jedoch konsistent mit der gewählten Energie-Referenz.
23. Entartung
Besitzt ein Energieniveau Ej die Entartung gj, dann tragen gj verschiedene Mikrozustände dieselbe Energie. Die Niveauwahrscheinlichkeit lautet:
Entartung kann eine höhere Energie teilweise oder vollständig durch größere statistische Gewichtung kompensieren.
Abbildung 2. Die Population eines Energieniveaus wird durch seinen Boltzmann-Faktor und seine Entartung bestimmt. Bei hoher Temperatur wird die Verteilung flacher.
24. Populationsverhältnis
Für zwei Niveaus i und j:
Diese Beziehung wird in Spektroskopie, Magnetresonanz, Reaktionskinetik und chemischer Thermodynamik verwendet.
25. Niedrige und hohe Temperatur
Für T→0 und einen nichtentarteten Grundzustand konzentriert sich die Population auf den Grundzustand:
Für T→∞ werden alle endlich vielen Mikrozustände gleich wahrscheinlich:
M ist die Zahl der berücksichtigten Zustände. Bei unendlich vielen Zuständen muss der Grenzübergang sorgfältiger behandelt werden.
26. Beispiel: Zwei-Niveau-System
Ein Teilchen besitze die Energien 0 und ε, beide nichtentartet. Dann:
Die Wahrscheinlichkeiten sind:
Bei niedriger Temperatur ist der angeregte Zustand kaum besetzt; bei hoher Temperatur nähern sich beide Wahrscheinlichkeiten 1/2.
27. Mittelwerte von Observablen
Für eine Größe A, die im Mikrozustand i den Wert Ai besitzt:
Insbesondere:
28. Mittelenergie aus der Zustandssumme
Aus der Ableitung von Z folgt:
Daher:
Diese Beziehung ist eines der wichtigsten Werkzeuge der statistischen Thermodynamik.
29. Energie eines Zwei-Niveau-Systems
U steigt von 0 bei T→0 auf ε/2 bei T→∞.
30. Energiefluktuationen
Die Varianz der Energie lautet:
Im kanonischen Ensemble:
oder:
Die Wärmekapazität ist somit direkt mit Gleichgewichtsfluktuationen verknüpft.
31. Relative Energiefluktuation
Für ein normales makroskopisches System sind U und CV proportional zur Teilchenzahl N. Daher:
Absolute Fluktuationen wachsen mit der Systemgröße, relative Fluktuationen verschwinden jedoch im thermodynamischen Grenzfall.
32. Wärmekapazität
Mit β=1/(kBT):
Da eine Varianz nicht negativ ist, ist CV im gewöhnlichen kanonischen Gleichgewicht nichtnegativ.
33. Schottky-Anomalie
Ein Zwei-Niveau-System besitzt:
Bei sehr niedriger Temperatur ist nur der Grundzustand besetzt und CV≈0. Bei sehr hoher Temperatur sind beide Niveaus nahezu gleich besetzt und U sättigt, sodass CV erneut gegen null geht. Dazwischen entsteht ein Maximum, die Schottky-Anomalie.
34. Kanonische Entropie
Aus der Gibbs-Entropie und pi=e−βEi/Z:
folgt:
Entropie enthält sowohl die logarithmische Zahl effektiver Zustände als auch ihre energetische Gewichtung.
35. Helmholtz-Energie
Die Helmholtz-Energie ist:
Einsetzen der kanonischen Entropie ergibt:
Damit ist Z der Erzeuger der kanonischen Thermodynamik.
36. Thermodynamische Ableitungen aus F
Aus F(T,V,N) folgen:
Die mikroskopische Zustandssumme verbindet sich damit direkt mit makroskopischen Zustandsgleichungen.
37. Wahrscheinlichste Verteilung durch Entropiemaximierung
Die Boltzmann-Verteilung kann auch durch Maximierung der Gibbs-Entropie hergeleitet werden. Maximiert wird:
unter den Nebenbedingungen:
Mit Lagrange-Multiplikatoren entsteht pi∝e−βEi.
38. Informationsinterpretation
Die Gibbs-Entropie besitzt dieselbe mathematische Form wie die Shannon-Entropie. Sie quantifiziert die Unsicherheit über den Mikrozustand bei gegebenen Wahrscheinlichkeiten.
Diese Interpretation ersetzt nicht die physikalische Thermodynamik, erklärt aber, warum die maximal-entropische Verteilung die am wenigsten voreingenommene Verteilung unter den bekannten Zwangsbedingungen ist.
39. Faktorisierung unabhängiger Freiheitsgrade
Wenn die Energie additiv zerfällt:
und die Zustände unabhängig kombiniert werden können, faktorisiert die Zustandssumme:
Dann addieren sich freie Energien:
Diese Eigenschaft ermöglicht die getrennte Behandlung von Translation, Rotation, Schwingung und Elektronenzuständen.
40. Unterscheidbare und ununterscheidbare Teilchen
Bei identischen Quantenteilchen darf das bloße Vertauschen zweier Teilchen keinen neuen physikalischen Zustand erzeugen. Eine klassische Zählung unterscheidbarer Teilchen überzählt daher Mikrozustände.
Im verdünnten klassischen Grenzfall erscheint die Korrektur:
q ist die Einteilchen-Zustandssumme. Das N! verhindert das Gibbs-Paradoxon der Mischungsentropie identischer Gase.
41. Großkanonisches Ensemble
Das großkanonische Ensemble beschreibt ein System, das Wärme und Teilchen mit einem Reservoir austauscht. Konstant sind:
Sowohl Energie als auch Teilchenzahl können schwanken.
42. Großkanonische Wahrscheinlichkeit
Für einen Zustand i mit Energie Ei,N und Teilchenzahl N:
Die großkanonische Zustandssumme lautet:
43. Großes Potential
Das großkanonische Potential ist:
Für ein homogenes System im thermodynamischen Grenzfall gilt:
Das Symbol Ω wird in der Literatur sowohl für Multiplizität als auch für das großkanonische Potential verwendet. Der Kontext muss eindeutig sein.
44. Teilchenzahlmittel und Fluktuation
Mit der Aktivität z=eβμ gilt:
Die Teilchenzahlfluktuation ist:
Sie steht mit der isothermen Kompressibilität in Beziehung.
Abbildung 3. Das gewählte Ensemble wird durch die erlaubten Austauschprozesse bestimmt. Energie- und Teilchenfluktuationen hängen von diesen Randbedingungen ab.
45. Ensembleäquivalenz
Für große, kurzreichweitig wechselwirkende Systeme liefern mikrokanonisches, kanonisches und großkanonisches Ensemble im thermodynamischen Grenzfall dieselben makroskopischen Mittelwerte.
Sie unterscheiden sich jedoch in den zugelassenen Fluktuationen:
- mikrokanonisch: E und N fest,
- kanonisch: E fluktuiert, N fest,
- großkanonisch: E und N fluktuieren.
Bei kleinen Systemen, langreichweitigen Wechselwirkungen oder Phasenübergängen endlicher Systeme können Ensembleunterschiede relevant werden.
46. Thermodynamischer Grenzfall
In diesem Grenzfall werden Oberflächenbeiträge relativ zum Volumen klein und relative Fluktuationen verschwinden häufig wie N−1/2.
47. Ergodizität
Die Ergodizitätsannahme besagt vereinfacht, dass ein System auf hinreichend langer Zeitskala die für seine Zwangsbedingungen relevanten Zustandsbereiche angemessen abtastet.
Reale Systeme können metastabil, glasartig oder dynamisch eingeschränkt sein. Dann kann ein experimentelles Zeitmittel vom idealen Gleichgewichts-Ensemblemittel abweichen.
48. Typische Fehler
| Fehler | Korrektur |
|---|---|
| Mikrozustand und Makrozustand gleichsetzen | Ein Makrozustand kann sehr viele Mikrozustände enthalten. |
| größte Multiplizität als einzig erlaubten Zustand behandeln | Andere Zustände bleiben möglich, sind bei großen Systemen nur relativ extrem unwahrscheinlich. |
| S=kBln Ω bei ungleichen Wahrscheinlichkeiten verwenden | Dann ist S=−kBΣpiln pi erforderlich. |
| Entartung in der Boltzmann-Verteilung vergessen | Niveaupopulationen enthalten den Faktor gi. |
| Z mit einer Wahrscheinlichkeit verwechseln | Z ist die Normierungs- und Erzeugerfunktion, keine einzelne Besetzung. |
| Boltzmann-Faktor ohne Normalisierung als Wahrscheinlichkeit ausgeben | Es gilt pi=e−βEi/Z. |
| β mit 1/T statt 1/(kBT) gleichsetzen | β besitzt die Einheit inverse Energie. |
| kanonische Energie als exakt konstant behandeln | Im kanonischen Ensemble fluktuiert E um den Mittelwert. |
| absolute Fluktuationen und relative Fluktuationen verwechseln | Absolute Fluktuationen können wachsen, relative meist wie 1/√N abnehmen. |
| F=−kBTln Z ohne Angabe des Ensembles verwenden | Diese Beziehung gehört zur kanonischen Zustandssumme. |
| unterscheidbare Teilchenzählung auf identische Teilchen übertragen | Identische Teilchen erfordern korrekte Quantenstatistik oder im klassischen Grenzfall den Gibbs-Faktor. |
| Ensembleäquivalenz für jedes kleine oder langreichweitige System voraussetzen | Sie ist vor allem eine Aussage des thermodynamischen Grenzfalls. |
49. Übungsaufgaben
Aufgabe 1: Zehn Teilchen in zwei Hälften
Zehn unterscheidbare Teilchen können sich unabhängig in einer linken oder rechten Hälfte befinden. Berechne die Multiplizitäten und Wahrscheinlichkeiten der Makrozustände nL=0, nL=1 und nL=5. Bestimme außerdem die Gesamtzahl aller Mikrozustände.
Aufgabe 2: Entropie aus einem Multiplizitätsverhältnis
Zwei Makrozustände eines Modellsystems besitzen das Multiplizitätsverhältnis Ω2/Ω1=106. Berechne ΔS in Einheiten von kB, in J K−1 für ein einzelnes Modellsystem und in J mol−1 K−1 für ein Mol unabhängiger Kopien. Verwende kB=1,380649×10−23 J K−1 und R=8,314462618 J mol−1 K−1.
Aufgabe 3: Stirling-Näherung
Berechne ln(100!) mit:
- der einfachen Stirling-Näherung NlnN−N,
- der verbesserten Näherung NlnN−N+1/2ln(2πN).
Vergleiche mit dem Referenzwert ln(100!)=363,739376.
Aufgabe 4: Boltzmann-Verhältnis mit Entartung
Zwei Energieniveaus besitzen E0=0, g0=1 und E1−E0=5,00 kJ mol−1, g1=3. Berechne bei 300 K das Populationsverhältnis P1/P0. Verwende R=8,314462618 J mol−1 K−1.
Aufgabe 5: Zustandssumme eines Zwei-Niveau-Systems
Ein nichtentartetes Zwei-Niveau-System besitzt die molaren Energien 0 und ε=2,00 kJ mol−1. Berechne bei 300 K die Zustandssumme Z sowie p0 und p1.
Aufgabe 6: Entartetes angeregtes Niveau
Ein System besitzt einen nichtentarteten Grundzustand bei 0 und ein dreifach entartetes angeregtes Niveau bei 4,00 kJ mol−1. Berechne bei 300 K die Niveauwahrscheinlichkeiten und die molare Mittelenergie.
Aufgabe 7: Mittelenergie und Wärmekapazität
Verwende das nichtentartete Zwei-Niveau-System aus Aufgabe 5. Berechne bei 300 K die molare Mittelenergie und die molare Wärmekapazität:
Aufgabe 8: Entropie und Helmholtz-Energie
Berechne für das Zwei-Niveau-System aus Aufgabe 5 bei 300 K die molare Entropie und Helmholtz-Energie:
Aufgabe 9: Kanonische Energiefluktuation
Ein kanonisches System bei 300 K besitzt die gesamte Wärmekapazität CV=20,0 J K−1. Berechne die Standardabweichung der Energie aus:
Wie groß ist die relative Fluktuation, wenn die mittlere Energie 5,00 kJ beträgt?
Aufgabe 10: Welches Ensemble?
Ordne das passende Ensemble und die konstanten Kontrollvariablen zu:
- ein ideal isolierter, starrer Behälter mit fester Teilchenzahl,
- ein geschlossenes System in einem Thermostaten bei festem Volumen,
- ein kleiner offener Adsorptionsbereich im Kontakt mit einem Gasreservoir,
- eine Computersimulation mit festem N, V und T.
50. Vollständige Lösungen
Die Gesamtzahl der Mikrozustände ist:
Für einen Makrozustand mit nL Teilchen links:
| nL | Ω | Wahrscheinlichkeit Ω/1024 |
|---|---|---|
| 0 | 1 | 1/1024≈0,0009766 |
| 1 | 10 | 10/1024≈0,0097656 |
| 5 | 252 | 252/1024≈0,246094 |
Der einzelne ausgeglichene Makrozustand nL=5 enthält fast ein Viertel aller Mikrozustände. Zusammen mit den benachbarten Zuständen nL=4 und 6 konzentriert sich der größte Teil der Wahrscheinlichkeit um die Gleichverteilung.
Für ein einzelnes Modellsystem:
Für ein Mol unabhängiger Kopien:
Einfache Stirling-Näherung:
Abweichung vom Referenzwert:
Die relative Abweichung beträgt ungefähr −0,886 Prozent.
Verbesserte Näherung:
Die Abweichung beträgt nur etwa −0,000834, entsprechend ungefähr −2,3×10−4 Prozent.
Mit molaren Energien wird kB durch R ersetzt:
Ohne Entartungsfaktor wäre das Verhältnis nur etwa 0,1347. Die dreifache Entartung erhöht die Population des angeregten Niveaus deutlich.
Zunächst:
Das angeregte Niveau besitzt bei 300 K eine Population von ungefähr 31 Prozent.
Das statistische Gewicht des angeregten Niveaus ist:
Molare Mittelenergie:
Aus Aufgabe 5 ist p1≈0,309637:
Mit x≈0,801816:
Die Wärmekapazität ist klein, weil nur ein einzelner endlicher Energieabstand zur Verfügung steht.
Mit Z≈1,448514, x≈0,801816 und p1≈0,309637:
Helmholtz-Energie:
Kontrolle:
Relative Fluktuation bei U=5,00 kJ=5000 J:
Die absolute Fluktuation ist auf molekularer Energieskala groß, relativ zur makroskopischen Gesamtenergie jedoch verschwindend klein.
| Situation | Ensemble | konstante Variablen |
|---|---|---|
| isolierter starrer Behälter mit fester Teilchenzahl | mikrokanonisch | E, V, N |
| geschlossenes System im Thermostaten bei festem Volumen | kanonisch | T, V, N |
| offener Adsorptionsbereich im Gasreservoir | großkanonisch | T, V, μ |
| NVT-Computersimulation | kanonisch | N, V, T |
In einer realen Simulation hängt die genaue Verteilung davon ab, ob der verwendete Thermostat tatsächlich die kanonische Verteilung korrekt erzeugt.
51. Zusammenfassung
- Ein Mikrozustand beschreibt das System maximal detailliert.
- Ein Makrozustand fasst viele Mikrozustände zusammen.
- Die Multiplizität Ω zählt die kompatiblen Mikrozustände.
- Boltzmanns Entropie lautet S=kBlnΩ für gleich wahrscheinliche Zustände.
- Die Gibbs-Entropie lautet S=−kBΣpilnpi.
- Der Logarithmus macht Entropie für unabhängige Systeme additiv.
- Die Stirling-Näherung ermöglicht die Behandlung großer Fakultäten.
- Gleichgewichtsmakrozustände dominieren durch ihre enorme Multiplizität.
- Das mikrokanonische Ensemble hält E, V und N fest.
- Das kanonische Ensemble hält T, V und N fest.
- Das großkanonische Ensemble hält T, V und μ fest.
- Die Boltzmann-Verteilung lautet pi=e−βEi/Z.
- Entartete Niveaupopulationen enthalten den Faktor gi.
- Die Zustandssumme normalisiert Wahrscheinlichkeiten.
- Die Mittelenergie ist U=−∂lnZ/∂β.
- Energiefluktuationen erfüllen (ΔE)²=kBT²CV.
- Die kanonische Entropie ist S=kBlnZ+U/T.
- Die Helmholtz-Energie ist F=−kBTlnZ.
- Unabhängige Freiheitsgrade führen zu faktorisierten Zustandssummen.
- Identische Teilchen dürfen nicht durch bloße Vertauschung mehrfach gezählt werden.
- Relative Fluktuationen verschwinden häufig wie N−1/2.
52. Häufig gestellte Fragen
Ist der wahrscheinlichste Makrozustand der einzige Gleichgewichtszustand?
Nein. Das System fluktuiert zwischen vielen Mikrozuständen und benachbarten Makrozuständen. Bei makroskopischen Systemen sind relative Abweichungen vom Maximum jedoch extrem klein.
Was ist der Unterschied zwischen Ω und Z?
Ω zählt im mikrokanonischen Fall gleich wahrscheinliche zugängliche Zustände. Z summiert im kanonischen Fall Boltzmann-Gewichte über Zustände unterschiedlicher Energie.
Warum tritt die Entartung als Faktor g auf?
Ein Niveau mit Entartung g enthält g verschiedene Mikrozustände gleicher Energie. Jeder besitzt dasselbe Boltzmann-Gewicht, sodass sich die Beiträge addieren.
Ist die Boltzmann-Verteilung nur klassisch?
Nein. Sie gilt für kanonische Wahrscheinlichkeiten von Mikrozuständen unabhängig davon, ob deren Energien klassisch oder quantenmechanisch berechnet wurden. Für Besetzungen ununterscheidbarer Quantenteilchen werden Bose-Einstein- oder Fermi-Dirac-Statistik benötigt.
Warum kann Energie im kanonischen Ensemble schwanken?
Das System steht mit einem Wärmebad in Kontakt und tauscht Energie aus. Die Temperatur bleibt durch das große Reservoir fest, nicht die momentane Systemenergie.
Was bedeutet F=−kBTlnZ physikalisch?
Die Helmholtz-Energie verbindet Energie und statistische Zugänglichkeit. Ein großes Z senkt F, weil viele energetisch günstige Zustände verfügbar sind.
Verschwinden Fluktuationen in großen Systemen vollständig?
Absolute Fluktuationen bleiben bestehen und können sogar wachsen. Ihre relative Größe gegenüber extensiven Mittelwerten nimmt jedoch meist wie 1/√N ab.
Warum braucht man verschiedene Ensembles?
Unterschiedliche experimentelle Randbedingungen erlauben verschiedene Austauschprozesse. Das passende Ensemble macht die kontrollierten Variablen explizit und vereinfacht die Rechnung.
Ist Ensembleäquivalenz immer gültig?
Nein. Sie gilt zuverlässig für viele große Systeme mit kurzreichweitigen Wechselwirkungen. Kleine Systeme, langreichweitige Kräfte und bestimmte Phasenübergänge können Abweichungen zeigen.
Was bedeutet ergodisch?
Vereinfacht bedeutet es, dass die Dynamik die relevanten zugänglichen Zustände so abtastet, dass Zeit- und Ensemblemittel übereinstimmen. Viele reale Systeme erfüllen dies nur näherungsweise oder auf begrenzten Zeitskalen.
53. Ausblick auf Teil 19
Teil 19 behandelt statistische Thermodynamik II. Die molekularen Zustandssummen für Translation, Rotation, Schwingung und elektronische Zustände werden berechnet. Daraus folgen innere Energie, Wärmekapazität, Entropie, Helmholtz- und Gibbs-Energie sowie Gleichgewichtskonstanten.
Literatur und weiterführende Quellen
- P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
- D. A. McQuarrie: Statistical Mechanics. University Science Books.
- D. A. McQuarrie & J. D. Simon: Physical Chemistry: A Molecular Approach. University Science Books.
- R. K. Pathria & P. D. Beale: Statistical Mechanics. Academic Press.
- F. Reif: Fundamentals of Statistical and Thermal Physics. Waveland Press.
Didaktischer Hinweis: Statistische Ensembles sind Wahrscheinlichkeitsmodelle für definierte Randbedingungen. Die mikroskopische Dynamik, Quantenteilchenstatistik, Phasenraummaße und der thermodynamische Grenzfall erfordern bei präzisen Anwendungen zusätzliche mathematische Sorgfalt.
Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.




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