Samstag, 1. August 2026

Photochemische Kinetik und angeregte Zustände – Quantenausbeuten, Quenching, Energie- und Elektronentransfer




Titelbild: Eigene Illustration eines Jablonski-Schemas, konkurrierender Zerfallskanäle und zentraler Beziehungen der Photokinetik.

Photochemische Reaktionen beginnen nicht mit einer gewöhnlichen thermischen Kollision, sondern mit der Absorption eines Photons. Das Molekül wird dabei in einen elektronisch angeregten Zustand versetzt, der andere Bindungsverhältnisse, Redoxeigenschaften, Säurestärken und Reaktionswege als der Grundzustand besitzen kann.

Nach der Anregung konkurrieren zahlreiche Prozesse:

  • Fluoreszenz,
  • innere Konversion,
  • Intersystem Crossing,
  • Phosphoreszenz,
  • Energieübertragung,
  • Elektronentransfer,
  • Isomerisierung, Dissoziation oder Bindungsbildung,
  • Quenching durch andere Moleküle.

Die Lebensdauer eines angeregten Zustands wird durch die Summe aller Geschwindigkeitskonstanten bestimmt:

τ=1/(kF+kIC+kISC+kchem+kq[Q]+…)

Die Quantenausbeute eines einzelnen Kanals ist dessen Anteil an der Gesamtverlustrate:

Φi=kiτ=ki/kges
Einordnung: Teil 8 behandelte schnelle Reaktionsmethoden und Relaxationskinetik. Teil 9 überträgt diese Konzepte auf lichtinduzierte Populationen und angeregte Zustände. Teil 10 behandelt anschließend Elektronenübertragung und Marcus-Theorie ausführlicher.

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:
  • Photonenenergie, Photonfluss und absorbierten Photonenstrom berechnen,
  • Jablonski-Diagramme kinetisch lesen,
  • Lebensdauer und Quantenausbeuten aus Ratenkonstanten bestimmen,
  • radiative und nichtstrahlende Geschwindigkeitskonstanten aus τ und Φ ableiten,
  • statisches und dynamisches Quenching unterscheiden,
  • Stern–Volmer-Auswertungen durchführen,
  • Förster- und Dexter-Energietransfer vergleichen,
  • photoinduzierten Elektronentransfer mit Marcus-Konzepten einordnen,
  • photostationäre Zustände berechnen,
  • Aktinometrie und Quantenausbeuten anwenden,
  • inneren Filter, Reabsorption und Photobleaching als Messartefakte erkennen.

1. Photonenenergie

Ein Photon der Frequenz ν und Wellenlänge λ besitzt:

E=hν=hc/λ

Kurzwelliges Licht besitzt eine höhere Photonenergie. Für molare Energien:

Em=NAhc/λ

Ein Photon bei 400 nm entspricht etwa 299 kJ mol−1, eines bei 600 nm etwa 199 kJ mol−1.

2. Photonfluss

Aus einer monochromatischen Strahlungsleistung P folgt der Photonenstrom:

FPhoton=P/EPhoton=Pλ/(hc)

Die Einheit ist Photonen pro Sekunde. Die optische Leistung allein gibt keine Zahl absorbierter Photonen an, solange Wellenlänge und Absorption der Probe nicht bekannt sind.

3. Absorbierter Photonenanteil

Nach Beer-Lambert gilt:

A=εcl
T=I/I0=10−A

Der absorbierte Anteil eines monochromatischen Strahls ist:

fabs=1−10−A

Der absorbierte Photonenstrom beträgt:

Fabs=Fein(1−10−A)

4. Elektronische Anregung

Bei der Absorption wird ein Molekül aus einem elektronischen Grundzustand in einen angeregten vibronischen Zustand überführt. Die Kerne bewegen sich während der elektronischen Anregung kaum, weshalb Übergänge näherungsweise vertikal im Konfigurationsdiagramm verlaufen.

Dies ist die Franck-Condon-Idee. Die anfängliche angeregte Population liegt häufig nicht im niedrigsten Schwingungsniveau des angeregten Zustands.

5. Schwingungsrelaxation

Überschüssige Schwingungsenergie wird in Flüssigkeiten meist sehr schnell an intramolekulare Moden und das Lösungsmittel abgegeben. Typische Zeitskalen liegen im Femtosekunden- bis Pikosekundenbereich.

Nach der Relaxation befindet sich die Population häufig im niedrigsten vibronischen Niveau von S1.

6. Kasha-Regel

Die Kasha-Regel besagt, dass Emission gewöhnlich aus dem niedrigsten angeregten Zustand einer gegebenen Multiplizität erfolgt, also meist aus S1 oder T1.

Sie ist eine empirische Regel, keine absolute Naturgesetzlichkeit. Ausnahmen treten auf, wenn innere Konversion langsam oder Emission aus einem höheren Zustand besonders schnell ist.

7. Singulett- und Triplettzustände

In einem Singulettzustand sind die Elektronenspins insgesamt gepaart; die Gesamtspinquantenzahl ist S=0. In einem Triplettzustand gilt S=1.

Elektrische Dipolübergänge ändern den Spin normalerweise nicht. Deshalb sind:

  • S1→S0 als Fluoreszenz relativ schnell,
  • T1→S0 als Phosphoreszenz spinverboten und meist langsamer.

8. Fluoreszenz

Fluoreszenz ist die strahlende Rückkehr aus einem angeregten Singulettzustand:

S1→S0+hνF

Typische Lebensdauern organischer Fluorophore liegen im Nanosekundenbereich.

9. Innere Konversion

Innere Konversion – Internal Conversion, IC – ist ein nichtstrahlender Übergang zwischen Zuständen gleicher Multiplizität, beispielsweise S1→S0.

Die elektronische Energie wird in Schwingungsenergie des Moleküls und anschließend in Wärme des Umfelds umgewandelt.

10. Intersystem Crossing

Intersystem Crossing – ISC – ist ein nichtstrahlender Übergang zwischen Zuständen unterschiedlicher Multiplizität:

S1→Tn

Spin-Bahn-Kopplung ermöglicht den formal spinverbotenen Prozess. Schwere Atome und geeignete Orbitalcharaktere können ISC verstärken.

11. Phosphoreszenz

Phosphoreszenz ist die strahlende Rückkehr aus T1:

T1→S0+hνP

Wegen der Spinselektion sind Lebensdauern von Mikrosekunden bis Sekunden oder länger möglich.

12. Jablonski-Diagramm als kinetisches Netzwerk

Ein Jablonski-Diagramm ist nicht nur ein Energieschema. Jeder Pfeil entspricht einem Prozess mit einer Geschwindigkeitskonstante. Aus einem Zustand S1 gilt:

d[S1]/dt=G(t)−kges[S1]

G(t) ist die Erzeugungsrate durch Absorption, kges die Summe aller Verlustkanäle.

13. Pulsanregung

Nach einem kurzen idealen Puls ist G(t)=0 für t>0. Dann:

[S1](t)=[S1](0)e−kgest

Die Lebensdauer ist:

τ=1/kges

14. Daueranregung

Unter konstanter schwacher Bestrahlung wird im stationären Zustand:

[S1]ss=G/kges=Gτ

Die Fluoreszenzrate ist dann:

RF=kF[S1]ss=GΦF

15. Fluoreszenzquantenausbeute

ΦF=Anzahl emittierter Fluoreszenzphotonen / Anzahl absorbierter Photonen

Für ein einfaches exponentielles S1-System:

ΦF=kFτ

Eine hohe Quantenausbeute kann durch große radiative Rate, kleine nichtstrahlende Raten oder beides entstehen.

16. Nichtstrahlende Quantenausbeuten

ΦIC=kICτ
ΦISC=kISCτ

Wenn alle S1-Verlustwege erfasst sind:

ΦFICISCchem=1

17. Radiative und nichtstrahlende Rate aus Messdaten

Sind ΦF und τ bekannt:

kFF
knr=(1−ΦF)/τ

knr fasst alle nichtfluoreszenten Verlustwege zusammen.

18. Natürliche radiative Lebensdauer

Die radiative Lebensdauer wäre die Lebensdauer ohne nichtstrahlende Kanäle:

τrad=1/kF=τ/ΦF

Sie ist daher länger oder gleich der gemessenen Lebensdauer.

19. Strickler-Berg-Beziehung

Die Strickler-Berg-Beziehung verknüpft die radiative Rate näherungsweise mit dem Absorptionsspektrum und dem Fluoreszenzspektrum. Starke erlaubte Absorption führt häufig zu großer radiativer Rate.

Die Beziehung setzt bestimmte Näherungen zu Übergangsdipol, Lösungsmittel und vibronischer Struktur voraus.

20. Energie-Lücken-Gesetz

Nichtstrahlende Relaxation wird häufig schneller, wenn der Energieabstand zwischen den beteiligten elektronischen Zuständen kleiner wird. Dies wird als Energy-Gap Law bezeichnet.

Eine kleinere Lücke kann durch weniger hochquantige Schwingungsanregung überbrückt werden und erhöht die vibronische Kopplung.



Abbildung 1. Angeregte Zustände besitzen konkurrierende Verlustkanäle. Lebensdauer und Quantenausbeute erlauben die Trennung von Geschwindigkeit und Verzweigungswahrscheinlichkeit.

21. El-Sayed-Regel

Intersystem Crossing ist häufig besonders effizient, wenn sich bei dem Übergang der Orbitalcharakter ändert, etwa von 1nπ* zu 3ππ*. Die Spin-Bahn-Kopplung kann dann größer sein als zwischen Zuständen gleichen Orbitaltyps.

Die El-Sayed-Regel ist eine qualitative Orientierung. Energielücken, Molekülsymmetrie und Schwingungskopplung bleiben ebenfalls wichtig.

22. Schweratomeffekt

Schwere Atome verstärken Spin-Bahn-Kopplung. Sie können sich im Chromophor befinden oder als äußere Schweratome im Lösungsmittel beziehungsweise Quencher wirken.

Folgen können sein:

  • größere ISC-Rate,
  • kleinere Fluoreszenzquantenausbeute,
  • größere Triplettausbeute,
  • verstärkte Phosphoreszenz.

23. Dynamisches Quenching

Beim dynamischen oder kollisionalen Quenching trifft ein Quencher Q auf das bereits angeregte Molekül:

F*+Q→F+Q

Die Quenchingrate ist pseudo-erster Ordnung:

vq=kq[Q][F*]

Die Gesamtverlustrate wird:

kges,Q=kges,0+kq[Q]

24. Stern–Volmer-Gleichung

Für rein dynamisches Quenching:

I0/I=τ0/τ=1+kqτ0[Q]

Die Stern–Volmer-Konstante lautet:

KSV=kqτ0

Die Steigung von I0/I gegen [Q] liefert KSV. Mit bekannter unquenchter Lebensdauer folgt kq.

25. Diffusionsgrenze des Quenchings

In Flüssigkeiten kann kq nicht beliebig groß werden. Für eine vollständig reaktive Begegnung gilt näherungsweise der Smoluchowski-Grenzwert:

kdiff=4πR(DF+DQ)NA

Werte um 109 bis 1010 L mol−1 s−1 sind in niedrigviskosen Flüssigkeiten typisch.

26. Statisches Quenching

Beim statischen Quenching bildet sich im Grundzustand ein nichtfluoreszierender Komplex:

F+Q⇌FQ

Nur die ungebundene F-Population fluoresziert. Im idealen Grenzfall sinkt die Intensität, während die Lebensdauer der verbleibenden fluoreszierenden Moleküle unverändert bleibt.

I0/I=1+KS[Q]

27. Kombiniertes statisches und dynamisches Quenching

Wirken beide Mechanismen unabhängig:

I0/I=(1+KSV[Q])(1+KS[Q])

Die Intensitätskurve ist nach oben gekrümmt, während die Lebensdauer nur den dynamischen Anteil zeigt:

τ0/τ=1+KSV[Q]

28. Abwärtsgekrümmte Stern–Volmer-Plots

Eine Abwärtskrümmung kann entstehen, wenn nur ein Teil der Fluorophorpopulation für den Quencher zugänglich ist. Eine häufige Form ist das Lehrer-Modell:

F0/(F0−F)=1/fa+1/(faKa[Q])

fa ist der zugängliche Anteil. Heterogene Proteinumgebungen sind ein typischer Anwendungsfall.

29. Sauerstoffquenching

Molekularer Sauerstoff besitzt einen Triplettgrundzustand und quencht viele Singulett- und Triplettzustände effizient. Dabei können entstehen:

  • strahlungslose Deaktivierung,
  • Singulett-Sauerstoff,
  • oxidative Photoprodukte.

Entgasung oder definierte Sauerstoffkonzentrationen sind für quantitative Photokinetik deshalb wichtig.

30. Triplet-Sensibilisierung

Ein Sensibilisator S absorbiert Licht, bildet über ISC einen Triplettzustand und überträgt dessen Energie auf einen Akzeptor A:

3S*+A→S+3A*

So können Moleküle angeregt werden, die bei der verwendeten Wellenlänge selbst kaum absorbieren.

31. Förster-Energietransfer

Förster Resonance Energy Transfer – FRET – ist ein langreichweitiger Dipol-Dipol-Energietransfer vom angeregten Donor D* auf den Akzeptor A:

D*+A→D+A*

Er benötigt:

  • spektrale Überlappung von Donoremission und Akzeptorabsorption,
  • geeignete relative Orientierung,
  • Abstände typischerweise im Nanometerbereich.

32. Förster-Rate und Effizienz

kFRET=(1/τD,0)(R0/r)6

Die Transferausbeute ist:

EFRET=kFRET/(kD,0+kFRET)
EFRET=1/[1+(r/R0)6]

Bei r=R0 beträgt die Effizienz 50 Prozent.

33. Förster-Radius

R0 hängt ab von:

  • Donorquantenausbeute ΦD,
  • Orientierungsfaktor κ²,
  • Brechungsindex n,
  • spektralem Überlappungsintegral J.

Schematisch:

R06∝κ²ΦDJ/n⁴

34. Orientierungsfaktor

Der Orientierungsfaktor κ² kann zwischen 0 und 4 liegen. Für schnelle isotrope Rotationsmittelung wird häufig κ²=2/3 angenommen.

Bei starren Systemen kann diese Annahme stark falsch sein und zu erheblichen Unsicherheiten in FRET-Abständen führen.

35. FRET als molekulares Lineal

Wegen der r−6-Abhängigkeit ist FRET besonders empfindlich in der Nähe von R0. Anwendungen sind:

  • Protein- und Nukleinsäurekonformationen,
  • Bindungsabstände,
  • Membranorganisation,
  • Einzelmoleküldynamik.

Bei Abstandverteilungen ist die gemessene Effizienz ein nichtlinearer Mittelwert und entspricht nicht einfach dem sechsten Potenzmittel eines einzelnen Abstands.

36. Dexter-Energietransfer

Dexter-Transfer ist ein Austauschmechanismus. Er erfordert Überlappung der Donor- und Akzeptororbitale und ist daher kurzreichweitig:

kDexter∝Jexe−2r/L

Er kann Singulett- oder Triplettenergie übertragen und ist besonders wichtig für Triplett-Sensibilisierung.

37. Förster versus Dexter

MerkmalFörsterDexter
Mechanismuselektrostatische Dipol-Dipol-KopplungElektronenaustausch
Abstandsabhängigkeitr−6exponentiell
Reichweitetypisch 1–10 nmmeist unter etwa 1 nm
Orbitalüberlappungnicht erforderlicherforderlich
Spektrale Überlappungzentralenergetische Resonanz und Austauschintegral

38. Triplet-Triplet-Annihilation

Zwei Triplettmoleküle können kollidieren:

T1+T1→S1+S0

Das erzeugte S1 kann verzögerte Fluoreszenz emittieren. Die Annihilationsrate ist zweiter Ordnung:

vTTA=kTTA[T]2

Bei hoher Anregungsdichte führt dies zu nicht-exponentiellem Triplettzerfall.

39. Thermally Activated Delayed Fluorescence

Bei kleiner Singulett-Triplett-Energielücke kann T1 thermisch über Reverse Intersystem Crossing nach S1 zurückkehren. Die anschließende Emission ist verzögert, besitzt aber häufig dasselbe Spektrum wie die prompt Fluoreszenz.

TADF ist zentral für moderne organische Leuchtdioden.

40. Photoinduzierter Elektronentransfer

Ein angeregtes Molekül ist oft ein stärkeres Oxidations- oder Reduktionsmittel als sein Grundzustand. Ein typischer Prozess lautet:

D*+A→D++A

oder:

D+A*→D++A

Die Ladungstrennung konkurriert mit Fluoreszenz, IC und ISC.

41. Freie Energie des photoinduzierten Elektronentransfers

Eine vereinfachte Rehm-Weller-Beziehung lautet:

ΔG°ET≈F(Eox−Ered)−E00+W

E00 ist die Anregungsenergie, W ein Coulomb- und Lösungsmittelterm. Vorzeichenkonventionen hängen von der Definition der Redoxpotentiale ab.

42. Marcus-Theorie

Im nichtadiabatischen klassischen Grenzfall:

kET=(2π/ℏ)|HAB|²[1/√(4πλkBT)]exp{−(ΔG°+λ)²/(4λkBT)}

λ ist die Reorganisationsenergie, HAB die elektronische Kopplung.

43. Normaler und invertierter Marcus-Bereich

Die Aktivierungsbarriere ist:

ΔG=(ΔG°+λ)²/(4λ)
  • Für −ΔG°<λ wird die Rate mit wachsender Exergonie größer.
  • Bei ΔG°=−λ ist der Prozess aktivierungslos.
  • Für −ΔG°>λ sinkt die Rate im invertierten Bereich wieder.

44. Ladungsrekombination

Nach der Ladungstrennung kann das Ionenpaar rekombinieren:

D+A→DA

Die Ausbeute langlebiger Ladungstrennung hängt von Konkurrenz zwischen Rekombination, Diffusion, struktureller Relaxation und Folgereaktionen ab.

45. Exciplexe und Excimere

Ein Excimer ist ein angeregter Komplex aus zwei gleichen Molekülen, ein Exciplex aus zwei verschiedenen:

M*+M⇌(MM)*

Der Komplex ist häufig nur im angeregten Zustand gebunden. Seine Emission ist breit, strukturlos und gegenüber der Monomerfluoreszenz rotverschoben.

46. Photochemische Quantenausbeute

Φchem=Anzahl gebildeter oder verbrauchter Moleküle / Anzahl absorbierter Photonen

Bei einer einfachen Primärreaktion liegt Φ zwischen 0 und 1. Bei Kettenreaktionen kann Φ deutlich größer als 1 sein, weil ein Photon mehrere chemische Umsätze auslöst.

47. Primär- und Sekundärprozesse

Die Primärquantenausbeute beschreibt den unmittelbaren Prozess nach Absorption. Die beobachtete Produktquantenausbeute kann durch Rückreaktionen, Folgereaktionen und Quenching verändert sein.

Eine niedrige Produktquantenausbeute bedeutet daher nicht zwingend, dass der primäre photochemische Schritt selten ist.

48. Photoisomerisierung

Bei einer reversiblen Photoisomerisierung:

A ⇌ B

können beide Isomere Licht absorbieren und sich gegenseitig bilden. Unter Dauerbestrahlung wird kein thermisches Gleichgewicht, sondern ein photostationärer Zustand erreicht.

49. Photostationärer Zustand

Bei monochromatischer schwacher Bestrahlung gilt im stationären Zustand:

rA→B=rB→A

Für absorbanzarme Lösungen näherungsweise:

εAΦA→B[A]=εBΦB→A[B]

Somit:

[B]/[A]=εAΦA→B/(εBΦB→A)

50. Wellenlängenabhängigkeit des PSS

Da εA und εB von λ abhängen, kann die Zusammensetzung des photostationären Zustands durch die Bestrahlungswellenlänge gesteuert werden.

Photochrome Schalter werden dadurch mit verschiedenen Farben zwischen Zuständen umgeschaltet.

51. Innerer Filter

Bei hoher Absorbanz ist die Anregungsintensität entlang der Küvette stark inhomogen. Moleküle nahe der Eintrittsfläche absorbieren mehr Licht als Moleküle in tieferen Schichten.

Dann ist eine homogene Geschwindigkeitsgleichung mit einem einzigen Photonfluss unzureichend. Die Probe muss räumlich integriert oder dünner und schwächer absorbierend gewählt werden.

52. Reabsorption

Fluoreszenzphotonen können von derselben oder einer anderen Spezies erneut absorbiert werden. Dies verändert:

  • beobachtete Spektren,
  • scheinbare Quantenausbeute,
  • Fluoreszenzabklingkurven,
  • räumliche Emissionsverteilung.

Front-Face-Geometrien oder dünne Proben reduzieren den Effekt.

53. Photobleaching

Photobleaching ist eine irreversible photochemische Zerstörung des Chromophors. Ein einfaches Modell lautet:

d[F]/dt=−ΦblRabs

Da Rabs selbst von [F] abhängt, kann der Zerfall bei hoher Absorbanz von einem einfachen Exponentialgesetz abweichen.

54. Aktinometrie

Aktinometrie bestimmt den absorbierten Photonfluss mithilfe einer photochemischen Reaktion bekannter Quantenausbeute.

Fabs=NProdukt/(Φt)

Ein Aktinometer muss bei Wellenlänge, Lösungsmittel, Temperatur und Geometrie passend kalibriert sein.

55. Typische Fehler

FehlerKorrektur
eingestrahlte mit absorbierten Photonen gleichsetzenAbsorbierten Anteil aus Absorbanz und Geometrie bestimmen.
Quantenausbeute als Geschwindigkeitskonstante behandelnΦ ist eine dimensionslose Verzweigungswahrscheinlichkeit; k besitzt Zeitdimension.
Lebensdauer und Fluoreszenzintensität gleichsetzenIntensität hängt zusätzlich von Konzentration, Anregung, Optik und Quantenausbeute ab.
jede Stern–Volmer-Krümmung als statisches Quenching deutenZugänglichkeit, Heterogenität, Quencherabsorption und Sphere-of-Action prüfen.
FRET-Abstand mit κ²=2/3 ohne Beweglichkeitsprüfung berechnenOrientierungsunsicherheit explizit berücksichtigen.
Förster- und Dexter-Transfer verwechselnDipol-Dipol- und Austauschmechanismus besitzen verschiedene Distanzgesetze.
Redoxpotentiale ohne konsistente Vorzeichenkonvention einsetzenRehm-Weller-Gleichung und Referenzelektroden sorgfältig definieren.
photostationären Zustand als thermisches Gleichgewicht behandelnEr wird durch Absorption und Quantenausbeuten bestimmt.
hohe Absorbanz ohne inneren Filter modellierenRäumliche Lichtabschwächung oder dünne Proben berücksichtigen.
Photobleaching als normalen angeregten Zustandszerfall fittenIrreversible Konzentrationsänderung separat modellieren.
Φ>1 als unmöglich ansehenPhotochemische Kettenreaktionen können mehrere Produkte pro Photon erzeugen.
Sauerstoffkonzentration nicht kontrollierenEntgasung oder definierte O2-Bedingungen verwenden.


Abbildung 2. Dynamisches Quenching verkürzt Intensität und Lebensdauer. Förster-, Dexter- und Elektronentransfer unterscheiden sich in Kopplung, Reichweite und thermodynamischer Triebkraft.


Abbildung 3. Unter Dauerbestrahlung können gegenläufige Photoreaktionen einen stationären Isomerenanteil erzeugen. Quantitative Photochemie benötigt eine vollständige Bilanz absorbierter Photonen.

56. Übungsaufgaben

Aufgabe 1: Photonenenergie und Photonfluss

Ein monochromatischer Laser emittiert bei λ=450 nm eine optische Leistung von 5,00 mW. Berechne:

  1. die Energie eines Photons,
  2. die molare Photonenenergie in kJ mol−1,
  3. den Photonenstrom in Photonen s−1.

Aufgabe 2: Absorbierte Photonen und Produktbildungsrate

Eine Probe besitzt bei der Bestrahlungswellenlänge A=0,800. Der eingestrahlte Photonenstrom beträgt 1,00×1015 Photonen s−1. Die Produktquantenausbeute ist Φ=0,350.

Berechne den absorbierten Anteil, den absorbierten Photonenstrom und die Produktbildungsrate in Molekülen s−1 sowie mol s−1.

Aufgabe 3: Lebensdauer und Verzweigungsquantenausbeuten

Ein S1-Zustand besitzt:

kF=1,20×108 s−1
kIC=0,80×108 s−1
kISC=2,00×108 s−1

Berechne τ, ΦF, ΦIC und ΦISC.

Aufgabe 4: Radiative und nichtstrahlende Raten

Ein Fluorophor besitzt ΦF=0,720 und τ=4,50 ns. Berechne kF, knr und die radiative Lebensdauer τrad.

Aufgabe 5: Dynamisches Stern–Volmer-Quenching

Ein Fluorophor besitzt τ0=6,00 ns. Ein Quencher reagiert mit kq=2,00×109 L mol−1 s−1. Für [Q]=0,0200 mol L−1 berechne KSV, I0/I und τ.

Aufgabe 6: Statischer Anteil eines kombinierten Quenchings

Bei einer Quencherkonzentration von 0,0100 mol L−1 werden gemessen:

I0/I=1,50
τ0/τ=1,20

Nehme unabhängiges statisches und dynamisches Quenching an. Bestimme den statischen Faktor und die statische Assoziationskonstante KS.

Aufgabe 7: FRET-Effizienz

Ein Donor-Akzeptor-Paar besitzt R0=5,50 nm und einen Abstand r=6,00 nm. Berechne:

EFRET=1/[1+(r/R0)6]

Aufgabe 8: Marcus-Aktivierungsfaktor

Für einen photoinduzierten Elektronentransfer gelten bei 298,15 K:

λ=0,800 eV
ΔG°=−0,300 eV

Berechne den dimensionslosen exponentiellen Marcus-Faktor:

exp{−(ΔG°+λ)²/[4λkBT]}

Verwende kB=8,617333×10−5 eV K−1. Vergleiche mit dem aktivierungslosen Fall ΔG°=−λ.

Aufgabe 9: Photostationärer Zustand

Bei einer Bestrahlungswellenlänge besitzen zwei Isomere:

GrößeAB
ExtinktionskoeffizientεA=12000 L mol−1 cm−1εB=4000 L mol−1 cm−1
QuantenausbeuteΦA→B=0,400ΦB→A=0,200

Berechne [B]/[A] sowie die photostationären Stoffmengenanteile von A und B.

Aufgabe 10: Chemische Aktinometrie

Ein Aktinometer bildet bei 365 nm innerhalb von 10,0 s genau 2,00×10−8 mol Produkt. Seine Quantenausbeute beträgt Φ=0,800.

Berechne den absorbierten Photonenstrom und die absorbierte optische Leistung.

57. Vollständige Lösungen

Lösung 1

Photonenenergie:

E=hc/λ
E=(6,62607015×10−34)(2,99792458×108)/(450×10−9)
E=4,4143×10−19 J

Molare Energie:

Em=ENA
Em=265,84 kJ mol−1

Photonenstrom:

F=P/E
F=(5,00×10−3)/(4,4143×10−19)
F=1,133×1016 Photonen s−1
Lösung 2

Absorbierter Anteil:

fabs=1−10−0,800
fabs=0,84151

Absorbierter Photonenstrom:

Fabs=0,84151·1,00×1015
Fabs=8,415×1014 Photonen s−1

Produktbildungsrate:

RP=ΦFabs
RP=0,350·8,415×1014
RP=2,945×1014 Moleküle s−1

In mol s−1:

RP=4,891×10−10 mol s−1
Lösung 3

Gesamtverlustrate:

kges=1,20×108+0,80×108+2,00×108
kges=4,00×108 s−1

Lebensdauer:

τ=1/kges=2,50 ns

Quantenausbeuten:

ΦF=1,20/4,00=0,300
ΦIC=0,80/4,00=0,200
ΦISC=2,00/4,00=0,500

Kontrolle:

0,300+0,200+0,500=1,000
Lösung 4

Radiative Rate:

kFF
kF=0,720/(4,50×10−9)
kF=1,60×108 s−1

Nichtstrahlende Gesamtrate:

knr=(1−0,720)/(4,50×10−9)
knr=6,22×107 s−1

Radiative Lebensdauer:

τrad=1/kF=6,25 ns

Alternativ gilt τrad=τ/ΦF=4,50/0,720=6,25 ns.

Lösung 5

Stern–Volmer-Konstante:

KSV=kqτ0
KSV=(2,00×109)(6,00×10−9)=12,0 L mol−1

Intensitäts- und Lebensdauerverhältnis:

I0/I=1+12,0·0,0200=1,240

Gequenchte Lebensdauer:

τ=τ0/1,240
τ=4,84 ns
Lösung 6

Der dynamische Faktor ist direkt das Lebensdauerverhältnis:

fdyn0/τ=1,20

Der zusätzliche statische Faktor folgt aus:

fstat=(I0/I)/(τ0/τ)
fstat=1,50/1,20=1,25

Mit fstat=1+KS[Q]:

KS=(1,25−1)/(0,0100)
KS=25,0 L mol−1
Lösung 7
E=1/[1+(6,00/5,50)6]
E=0,3724

Die FRET-Effizienz beträgt etwa 37,2 Prozent.

Da der Abstand etwas größer als R0 ist, liegt die Effizienz erwartungsgemäß unter 50 Prozent.

Lösung 8

Zunächst:

kBT=(8,617333×10−5)(298,15)=0,02569 eV

Marcus-Exponent:

−(−0,300+0,800)²/[4·0,800·0,02569]
=−3,0408

Exponentieller Faktor:

e−3,0408=0,04780

Im aktivierungslosen Fall ΔG°=−λ wird der Exponent null und der Faktor eins. Bei sonst gleicher Kopplung wäre der betrachtete Prozess daher nur etwa 4,78 Prozent so groß wie am Marcus-Maximum.

Lösung 9

Im photostationären Zustand:

[B]/[A]=εAΦA→B/(εBΦB→A)
[B]/[A]=(12000·0,400)/(4000·0,200)
[B]/[A]=6,00

Mit [A]+[B]=cges:

xA=1/(1+6)=0,1429
xB=6/(1+6)=0,8571

Der photostationäre Zustand enthält etwa 14,3 Prozent A und 85,7 Prozent B.

Lösung 10

Gebildete Produktmoleküle:

NP=(2,00×10−8)(6,02214076×1023)
NP=1,2044×1016

Absorbierter Photonenstrom:

Fabs=NP/(Φt)
Fabs=1,2044×1016/(0,800·10,0)
Fabs=1,5055×1015 Photonen s−1

Photonenenergie bei 365 nm:

E=hc/λ=5,441×10−19 J

Absorbierte Leistung:

Pabs=FabsE
Pabs=8,19×10−4 W=0,819 mW

58. Zusammenfassung

  • Photonenenergie ist E=hc/λ.
  • Photonfluss folgt aus optischer Leistung geteilt durch Photonenenergie.
  • Nur absorbierte Photonen gehören in eine Quantenausbeute.
  • Elektronische Anregung erzeugt neue Populationen mit eigener Reaktivität.
  • Schwingungsrelaxation und Kasha-Regel führen häufig zur Reaktion aus S1 oder T1.
  • Fluoreszenz ist ein Singulett-Singulett-Übergang.
  • Phosphoreszenz stammt aus einem Triplettzustand und ist meist langsamer.
  • Die Lebensdauer ist der Kehrwert der Summe aller Verlustkonstanten.
  • Die Quantenausbeute eines Kanals ist Φi=kiτ.
  • ΦF und τ liefern radiative und nichtstrahlende Raten.
  • Intersystem Crossing wird durch Spin-Bahn-Kopplung ermöglicht.
  • Dynamisches Quenching verkürzt Intensität und Lebensdauer.
  • Statisches Quenching senkt idealerweise nur die Intensität.
  • Die Stern–Volmer-Steigung ist KSV=kqτ0.
  • FRET besitzt eine r−6-Abhängigkeit.
  • Dexter-Transfer ist kurzreichweitig und benötigt Orbitalüberlappung.
  • Triplet-Triplet-Annihilation kann verzögerte Fluoreszenz erzeugen.
  • Photoinduzierter Elektronentransfer hängt von Kopplung, Reorganisationsenergie und Triebkraft ab.
  • Marcus-Theorie sagt einen normalen und einen invertierten Bereich voraus.
  • Excimere und Exciplexe sind angeregte Komplexe.
  • Photochemische Quantenausbeuten können bei Kettenreaktionen größer als eins sein.
  • Ein photostationärer Zustand wird durch Absorptionsspektren und Quantenausbeuten bestimmt.
  • Innerer Filter und Reabsorption verfälschen optische Messungen.
  • Photobleaching ist eine irreversible Konzentrationsänderung.
  • Aktinometrie bestimmt den absorbierten Photonfluss chemisch.

59. Häufig gestellte Fragen

Ist ein angeregter Zustand einfach ein heißes Molekül?

Nein. Er besitzt eine andere elektronische Konfiguration und damit andere Potentialflächen, Redoxpotentiale und Reaktionswege. Schwingungswärme allein ist nicht dasselbe.

Warum ist die Fluoreszenzlebensdauer nicht gleich der radiativen Lebensdauer?

Die gemessene Lebensdauer enthält alle strahlenden und nichtstrahlenden Verlustwege. Die radiative Lebensdauer wäre nur bei ausgeschalteten Konkurrenzkanälen relevant.

Kann eine Quantenausbeute größer als eins sein?

Ja, bei Kettenreaktionen kann ein absorbiertes Photon mehrere chemische Umsätze auslösen. Eine Fluoreszenzquantenausbeute eines einfachen einzelnen Emitters überschreitet dagegen nicht eins.

Wie unterscheidet man statisches und dynamisches Quenching?

Dynamisches Quenching verkürzt die Lebensdauer. Statisches Quenching senkt im idealen Grenzfall nur die Intensität der fluoreszierenden Gesamtprobe.

Ist ein linearer Stern–Volmer-Plot ein Beweis für nur einen Mechanismus?

Nein. Verschiedene Mechanismen können in begrenzten Konzentrationsbereichen nahezu linear erscheinen. Lebensdauer-, Absorptions- und Temperaturdaten sind zusätzlich nötig.

Warum ist FRET so abstandsempfindlich?

Die Rate fällt mit r−6. Kleine Abstandsänderungen nahe R0 verändern die Effizienz daher stark.

Was ist der Unterschied zwischen Energie- und Elektronentransfer?

Beim Energietransfer bleibt die formale Ladungsverteilung erhalten. Beim Elektronentransfer entstehen oxidierte und reduzierte Partner.

Warum kann stärker exergoner Elektronentransfer langsamer werden?

Im Marcus-invertierten Bereich steigt die Reorganisationsbarriere wieder, wenn die Triebkraft den Betrag der Reorganisationsenergie übersteigt.

Ist der photostationäre Zustand ein Gleichgewicht?

Er ist ein stationärer Nichtgleichgewichtszustand unter fortgesetzter Bestrahlung. Nach Abschalten des Lichts kann sich die Zusammensetzung thermisch weiter verändern.

Warum ist hohe Absorbanz problematisch?

Der Photonfluss ist dann räumlich stark inhomogen. Zusätzlich können Reabsorption und innerer Filter die beobachtete Emission verzerren.

60. Ausblick auf Teil 10

Teil 10 behandelt Elektronenübertragung und Marcus-Theorie ausführlich. Reorganisationsenergie, innere und äußere Sphäre, elektronische Kopplung, nichtadiabatische Raten, Marcus-Kreuzparabeln, invertierter Bereich, Elektrodenreaktionen und protonengekoppelter Elektronentransfer werden systematisch entwickelt.

Literatur und weiterführende Quellen

  1. P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
  2. N. J. Turro, V. Ramamurthy & J. C. Scaiano: Modern Molecular Photochemistry of Organic Molecules. University Science Books.
  3. J. R. Lakowicz: Principles of Fluorescence Spectroscopy. Springer.
  4. J. B. Birks: Photophysics of Aromatic Molecules. Wiley.
  5. V. Balzani, P. Ceroni & A. Juris: Photochemistry and Photophysics. Wiley-VCH.

Didaktischer Hinweis: Einfache Jablonski- und Stern–Volmer-Modelle setzen homogene Populationen, exponentielle Zustandszerfälle und konstante Photonflüsse voraus. Reale Systeme können spektrale Heterogenität, Mehrphotonenprozesse, räumliche Lichtgradienten, reversible Quenching-Komplexe, Excimerbildung und gekoppelte Reaktionsnetzwerke enthalten.

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