Titelbild: Eigene Illustration der Kopplung von Gesamtbahndrehimpuls L und Gesamtspin S zum Gesamtdrehimpuls J sowie der Feinstrukturformeln.
Eine Elektronenkonfiguration allein bestimmt noch keinen eindeutigen atomaren Energiezustand. Die Konfiguration 2p² sagt beispielsweise nur, dass zwei Elektronen die 2p-Unterschale besetzen. Die einzelnen Bahn- und Spin-Drehimpulse können jedoch auf mehrere Arten gekoppelt werden. Dadurch entstehen verschiedene atomare Terme mit unterschiedlichen Gesamtwerten L und S.
Ein Termsymbol fasst diese kollektiven Quantenzahlen in der Schreibweise 2S+1LJ zusammen. Die Hundschen Regeln ordnen die Terme energetisch, während die Spin-Bahn-Wechselwirkung einen Term in Feinstrukturniveaus verschiedener J-Werte aufspaltet. Ein äußeres Magnetfeld hebt schließlich die verbleibende Entartung der MJ-Zustände auf.
Teil 10 entwickelt den Weg von einer Elektronenkonfiguration zu beobachtbaren atomaren Spektralniveaus. Behandelt werden Mikrozustände, Pauli-bedingte Einschränkungen, LS-Kopplung, Parität, Termsymbole, Hundsche Regeln, Landé-Intervallregel, Landé-g-Faktor, Zeeman-Effekt und elektrische Dipol-Auswahlregeln.
Lernziele
- Elektronenkonfiguration, Mikrozustand, Term und Feinstrukturniveau unterscheiden,
- Gesamtbahndrehimpuls L und Gesamtspin S aus Einzeldrehimpulsen koppeln,
- Termsymbole 2S+1LJ lesen und aufstellen,
- Parität und Entartungsgrade bestimmen,
- die Zahl der Mikrozustände einer Unterschale berechnen,
- Pauli-bedingte Einschränkungen bei äquivalenten Elektronen erklären,
- die erlaubten Terme einer p²-Konfiguration nachvollziehen,
- die Hundschen Regeln auf Grundterme anwenden,
- Spin-Bahn-Aufspaltungen mit dem LS-Modell berechnen,
- die Landé-Intervallregel und den Schwerpunkt eines Terms prüfen,
- Landé-g-Faktoren und schwache Zeeman-Verschiebungen bestimmen,
- elektrische Dipol-Auswahlregeln auf atomare Übergänge anwenden.
1. Konfiguration, Mikrozustand, Term und Niveau
Vier Begriffe müssen klar getrennt werden:
| Begriff | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Elektronenkonfiguration | Besetzung von Unterschalen | 2p² |
| Mikrozustand | konkrete Belegung einzelner Spinorbitale beziehungsweise feste ML- und MS-Werte | ml=1,0 mit parallelem Spin |
| LS-Term | gemeinsamer Zustand mit festen L und S | 3P |
| Feinstrukturniveau | Term mit zusätzlich festem J | 3P2 |
Eine Konfiguration kann mehrere Terme erzeugen. Ein Term kann wiederum mehrere J-Niveaus enthalten.
2. Einzelne Drehimpulse
Jedes Elektron besitzt einen Bahndrehimpuls li und einen Spin si=1/2. Ihre Projektionen sind:
Bei mehreren Elektronen werden die einzelnen Drehimpulse vektoriell gekoppelt.
3. Gesamtbahndrehimpuls L
Der Gesamtbahndrehimpulsoperator ist:
Für zwei Drehimpulse l1 und l2 sind die resultierenden L-Werte:
Der Betrag ist:
4. Gesamtspin S
Der Gesamtspinoperator ist:
Für zwei Elektronen mit s1=s2=1/2 sind möglich:
S=0 ist ein Singulett, S=1 ein Triplett. Für mehr Elektronen entstehen weitere S-Werte.
5. LS- oder Russell-Saunders-Kopplung
Bei leichten Atomen ist die elektrostatische Elektron-Elektron-Wechselwirkung meist stärker als die Spin-Bahn-Wechselwirkung. Zunächst werden alle li zu L und alle si zu S gekoppelt. Erst danach entstehen aus L und S die möglichen Gesamtdrehimpulse J:
Dieses Schema heißt LS- oder Russell-Saunders-Kopplung.
6. Aufbau des Termsymbols
Ein atomarer Term wird geschrieben als:
Dabei bedeutet:
- 2S+1: Spinmultiplizität,
- L: Gesamtbahndrehimpuls in Buchstabenschreibweise,
- J: Gesamtdrehimpuls.
Abbildung 1. In der LS-Kopplung werden die Gesamtgrößen L und S zum Gesamtdrehimpuls J gekoppelt. Das Termsymbol enthält Multiplizität, L und J.
7. Buchstaben für L
| L | Buchstabe | historische Bezeichnung |
|---|---|---|
| 0 | S | sharp |
| 1 | P | principal |
| 2 | D | diffuse |
| 3 | F | fundamental |
| 4 | G | alphabetische Fortsetzung |
| 5 | H | alphabetische Fortsetzung |
| 6 | I | alphabetische Fortsetzung |
Der Buchstabe J wird in dieser Reihe ausgelassen, weil J bereits den Gesamtdrehimpuls bezeichnet.
8. Beispiel: 3P2
Das Termsymbol 3P2 bedeutet:
Das Feinstrukturniveau besitzt ohne äußeres Feld 2J+1=5 magnetische Unterniveaus.
9. Parität
Die räumliche Parität einer Elektronenkonfiguration lautet:
Gerade Parität wird meist nicht besonders markiert. Ungerade Parität erhält ein hochgestelltes „o“ oder Gradzeichen:
Beispiele:
- p¹: ungerade Parität,
- p²: gerade Parität,
- p³: ungerade Parität,
- sd: gerade Parität.
10. Entartung eines Terms
Ein LS-Term mit festen L und S enthält vor Spin-Bahn-Aufspaltung:
Mikrozustände. Nach Aufspaltung in J-Niveaus gilt:
Die Gesamtzahl der Zustände bleibt erhalten; nur ihre Energieentartung wird verändert.
11. ML und MS
Ein Mikrozustand besitzt feste Gesamtprojektionen:
Die Verteilung aller möglichen ML- und MS-Kombinationen kann in eine Summe irreduzibler LS-Terme zerlegt werden.
12. Zahl der Mikrozustände
Eine Unterschale mit Bahndrehimpuls l besitzt 2(2l+1) Spinorbitale. Werden q Elektronen ohne Doppelbesetzung eines Spinorbitals verteilt, beträgt die Zahl der Slater-Determinanten:
Für p²:
Für p³:
13. Nichtäquivalente und äquivalente Elektronen
Elektronen in unterschiedlichen Unterschalen, etwa 2p3d, heißen nichtäquivalent. Die üblichen Drehimpuls-Kopplungsregeln liefern zunächst alle möglichen L- und S-Werte.
Elektronen derselben Unterschale, etwa 2p², heißen äquivalent. Hier entfernt das Pauli-Prinzip bestimmte Kombinationen. Deshalb dürfen nicht einfach alle durch Vektoraddition möglichen L-S-Paare verwendet werden.
14. Zwei nichtäquivalente p-Elektronen als Vergleich
Für zwei nichtäquivalente Elektronen mit l1=l2=1 wären möglich:
Formal ergäben sich also 1S, 3S, 1P, 3P, 1D und 3D. Für äquivalente p²-Elektronen bleiben jedoch nur 1S, 1D und 3P erlaubt.
15. p²-Konfiguration: Mikrozustände
Die sechs p-Spinorbitale werden durch ml=−1,0,+1 und ms=±1/2 beschrieben. Zwei Elektronen können auf C(6,2)=15 Arten verteilt werden.
Die möglichen Gesamtprojektionen reichen von ML=−2 bis +2 und von MS=−1 bis +1. Die Häufigkeiten der Projektionspaare bilden ein charakteristisches Muster.
Abbildung 2. Die 15 Mikrozustände der p²-Konfiguration zerfallen vollständig in einen 3P-, einen 1D- und einen 1S-Term.
16. Extraktion des höchsten Terms
Im Mikrozustandsdiagramm existieren Zustände mit |MS|=1. Daher muss mindestens ein Triplett mit S=1 vorkommen. Innerhalb dieser Reihe erreicht |ML| maximal 1, also L=1. Damit wird ein 3P-Term identifiziert.
Ein 3P-Term enthält:
Mikrozustände. Nach ihrer Entfernung bleiben sechs Zustände.
17. Verbleibende Singulett-Terme
Unter den verbleibenden Zuständen erreicht |ML| den Wert 2 bei MS=0. Dies erzeugt einen 1D-Term mit fünf Mikrozuständen. Der letzte Zustand besitzt L=0 und S=0 und bildet 1S.
Die erlaubten Feinstrukturniveaus sind:
18. p³-Konfiguration
Für p³ existieren C(6,3)=20 Mikrozustände. Die erlaubten Terme sind:
Ihre Zustandszahlen sind 4, 10 und 6. Die Summe beträgt wieder 20.
19. Geschlossene Unterschalen
Eine vollständig gefüllte Unterschale besitzt für jedes ml beide Spinprojektionen. Sämtliche Bahn- und Spinbeiträge heben sich auf:
Der Term einer geschlossenen Schale lautet:
Geschlossene innere Schalen tragen daher nicht zum Gesamtterm eines Atoms bei. Für den Grundterm genügt häufig die Betrachtung der offenen Unterschalen.
20. Ein Elektron und ein Loch
Eine p¹-Konfiguration besitzt:
Eine p⁵-Konfiguration entspricht bezüglich L und S einem einzelnen Loch in einer vollen p-Schale und besitzt dieselben möglichen Termsymbole. Die Reihenfolge der J-Niveaus ist nach der dritten Hundschen Regel jedoch umgekehrt.
21. Erste Hundsche Regel
Unter den Termen einer Konfiguration liegt im Allgemeinen der Term mit maximalem Gesamtspin S am niedrigsten.
Die energetische Begründung umfasst Austausch, verminderte räumliche Nähe gleichgespinnter Elektronen und die Struktur der Coulombmatrixelemente.
22. Zweite Hundsche Regel
Unter Termen gleicher maximaler Multiplizität liegt im Allgemeinen der Term mit größtem L am niedrigsten.
Diese Regel ordnet die elektrostatischen LS-Terme vor Berücksichtigung der Spin-Bahn-Aufspaltung.
23. Dritte Hundsche Regel
Die dritte Regel ordnet die J-Niveaus des Grundterms:
- weniger als halb gefüllte Unterschale: kleinstes J liegt am niedrigsten,
- mehr als halb gefüllte Unterschale: größtes J liegt am niedrigsten.
Für genau halb gefüllte Unterschalen besitzt der Grundterm häufig L=0, sodass nur ein J-Wert vorkommt.
24. Grundterm von Kohlenstoff
Kohlenstoff besitzt die offene Konfiguration 2p². Erlaubt sind 3P, 1D und 1S.
- Maximales S: 3P liegt unter den Singuletts.
- Die p-Unterschale ist weniger als halb gefüllt.
- Für 3P sind J=0,1,2 möglich; kleinstes J liegt unten.
25. Grundterm von Stickstoff
Stickstoff besitzt 2p³. Der maximale Gesamtspin ist S=3/2. Bei drei parallelen Elektronen in ml=−1,0,+1 ergibt sich L=0.
Die hochgestellte ungerade Parität folgt aus drei p-Elektronen.
26. Grundterm von Sauerstoff
Sauerstoff besitzt 2p⁴. Die möglichen Terme entsprechen denen von p². Hund 1 liefert 3P. Da die p-Schale mehr als halb gefüllt ist, liegt nach Hund 3 das größte J am niedrigsten:
27. Spin-Bahn-Wechselwirkung
Im Ruhesystem des Elektrons erzeugt die Bewegung im elektrischen Kernfeld ein effektives Magnetfeld, das an das magnetische Spinmoment koppelt. Eine relativistisch korrekte Behandlung führt zu einem Spin-Bahn-Term.
Für ein einzelnes Elektron schreibt man näherungsweise:
Für einen LS-gekoppelten Term wird häufig ein effektiver Operator verwendet:
28. Erwartungswert von L·S
Da:
folgt:
und daher:
Im Zustand 2S+1LJ ergibt sich die Feinstrukturenergie:
29. Aufspaltung eines 3P-Terms
Für L=1 und S=1 sind J=0,1,2 erlaubt. Es gilt L(L+1)=S(S+1)=2.
| J | J(J+1) | EJSO | Entartung 2J+1 |
|---|---|---|---|
| 0 | 0 | −2A | 1 |
| 1 | 2 | −A | 3 |
| 2 | 6 | +A | 5 |
Für A>0 liegt J=0 am niedrigsten, passend zu einer weniger als halb gefüllten p²-Schale.
Abbildung 3. Die Spin-Bahn-Kopplung spaltet einen LS-Term in J-Niveaus. Ein schwaches Magnetfeld hebt zusätzlich die MJ-Entartung auf.
30. Landé-Intervallregel
Für benachbarte J-Niveaus desselben idealen LS-Terms folgt:
Beim 3P-Term ist der Abstand zwischen J=1 und J=0 gleich A, der Abstand zwischen J=2 und J=1 gleich 2A.
Abweichungen von diesem Verhältnis weisen auf Konfigurationsmischung, intermediäre Kopplung oder weitere relativistische Beiträge hin.
31. Schwerpunkt eines Terms
Die Spin-Bahn-Aufspaltung verschiebt die Niveaus relativ zum ungestörten Schwerpunkt. Für das einfache A L·S-Modell gilt:
Beim 3P-Term:
Die Gewichtung mit 2J+1 ist entscheidend.
32. Stärke der Feinstruktur
Spin-Bahn-Kopplung wird bei schweren Atomen stärker, weil Elektronen in kernnahen Bereichen hohe Geschwindigkeiten und starke elektrische Felder erfahren. Für wasserstoffähnliche Systeme wächst die Feinstruktur stark mit Z.
Bei leichten Atomen ist LS-Kopplung oft gut. Bei schweren Atomen kann sie zusammenbrechen.
33. jj-Kopplung
Wenn die Spin-Bahn-Wechselwirkung jedes einzelnen Elektrons stark ist, werden zunächst li und si zu:
gekoppelt. Anschließend werden die ji zum Gesamt-J addiert. Dieses Schema heißt jj-Kopplung.
LS- und jj-Kopplung sind Grenzfälle. Viele reale Atome zeigen intermediäre Kopplung und Zustände, die Mischungen mehrerer LS-Terme sind.
34. Magnetisches Moment im LS-Modell
Bahn- und Spin-Drehimpuls besitzen unterschiedliche gyromagnetische Faktoren. Im schwachen Magnetfeld ist die Projektion des magnetischen Moments auf J durch den Landé-g-Faktor beschrieben.
Die Formel gilt für J>0. Für J=0 existiert in erster Ordnung kein orientierbares Gesamtmoment entlang J.
35. Beispiele für Landé-g-Faktoren
Für einen 2P-Term gilt L=1 und S=1/2.
Für 3P1 und 3P2 ergibt sich jeweils gJ=3/2.
36. Schwacher Zeeman-Effekt
In einem äußeren Magnetfeld B wird ein J-Niveau in 2J+1 MJ-Komponenten aufgespalten:
Die Verschiebung erster Ordnung lautet:
μB ist das Bohrsche Magneton. Die Aufspaltung ist im schwachen Feld äquidistant.
37. Starker-Feld-Grenze
Wird die magnetische Wechselwirkung vergleichbar mit oder größer als die Spin-Bahn-Kopplung, sind L und S gegenüber dem Feld stärker getrennt orientiert. Der LS-gekoppelte J-Zustand verliert seine Eignung als gute Näherung.
Dieser Übergang wird als Paschen-Back-Effekt bezeichnet.
38. Elektrische Dipol-Auswahlregeln
Für einen elektrischen Dipolübergang zwischen LS-gekoppelten Atomzuständen gelten näherungsweise:
Außerdem muss sich die Parität ändern. In einer Ein-Elektronen-Näherung gilt zusätzlich Δl=±1 für das aktive Elektron.
39. Interkombinationslinien
Übergänge mit ΔS≠0 heißen Interkombinationslinien und sind im reinen LS-Modell spinverboten. Spin-Bahn-Kopplung kann jedoch Zustände verschiedener S-Werte mischen, wodurch solche Linien schwache Intensität erhalten.
„Verboten“ bedeutet daher nicht absolut unmöglich, sondern im betrachteten führenden Übergangsmechanismus verschwindendes Matrixelement.
40. Konfigurationswechselwirkung
Zustände gleicher Symmetrie, also gleicher J- und Paritätsquantenzahlen, können sich mischen. Die reale atomare Eigenfunktion ist dann eine Linearkombination verschiedener Konfigurationen und LS-Terme.
Starke Mischung erschwert die Zuordnung eines einzigen Terms und verändert Energien sowie Übergangsintensitäten.
41. Praktischer Arbeitsgang für Grundterme
- Geschlossene Schalen ignorieren.
- Offene Unterschale und Elektronenzahl bestimmen.
- Erlaubte S- und L-Werte unter Pauli-Bedingungen ermitteln.
- Hund 1: maximales S wählen.
- Hund 2: bei gleichem S maximales L wählen.
- Mögliche J-Werte bilden.
- Hund 3 entsprechend Füllungsgrad anwenden.
- Parität aus Σli bestimmen.
42. Typische Fehler
| Fehler | Korrektur |
|---|---|
| Konfiguration und Term gleichsetzen | Eine Konfiguration kann mehrere LS-Terme und J-Niveaus erzeugen. |
| Multiplizität mit Zahl ungepaarter Elektronen gleichsetzen | Multiplizität ist 2S+1; S entsteht durch Spin-Kopplung. |
| L-Buchstaben wie Orbitalbuchstaben eines einzelnen Elektrons lesen | Im Termsymbol bezeichnet L den Gesamtbahndrehimpuls aller offenen Elektronen. |
| alle Vektoradditions-Terme für äquivalente Elektronen zulassen | Das Pauli-Prinzip entfernt bestimmte Kombinationen. |
| Hund 3 ohne Füllungsgrad anwenden | Unterhalb halber Füllung kleinstes J, oberhalb halber Füllung größtes J. |
| Parität aus J oder S ableiten | Parität ist (−1)Σli. |
| Termdegenerierung nur als 2J+1 angeben | Vor Feinstruktur besitzt der LS-Term (2L+1)(2S+1) Zustände. |
| Landé-Intervallregel auf verschiedene Terme anwenden | Sie gilt näherungsweise innerhalb desselben LS-Terms. |
| gJ-Formel für J=0 einsetzen | Der Ausdruck enthält J(J+1) im Nenner; J=0 separat behandeln. |
| spinverboten mit absolut unmöglich gleichsetzen | Termmischung und schwächere Multipolprozesse können Intensität erzeugen. |
43. Übungsaufgaben
Aufgabe 1: Termsymbol lesen
Interpretiere das Termsymbol 4Do7/2. Bestimme S, L, J, Spinmultiplizität, Parität, Zahl der MJ-Unterniveaus und Zahl der Mikrozustände des gesamten LS-Terms.
Aufgabe 2: Mögliche J-Werte
Bestimme für einen 5F-Term alle möglichen J-Werte. Überprüfe, dass die Summe der Feinstrukturentartungen 2J+1 der Termentartung (2S+1)(2L+1) entspricht.
Aufgabe 3: p²-Mikrozustände
Eine p-Unterschale besitzt sechs Spinorbitale. Berechne die Zahl der p²-Mikrozustände und zeige, dass die Terme 3P, 1D und 1S diese Zustände vollständig abdecken.
Aufgabe 4: Hundsche Grundterme
Bestimme die Grundniveaus der offenen Konfigurationen 2p², 2p³ und 2p⁴. Ordne sie den neutralen Atomen C, N und O zu und gib die Parität an.
Aufgabe 5: Elektron und Loch
Vergleiche die Konfigurationen p¹ und p⁵. Welche LS-Terme besitzen beide, und welches J-Niveau liegt nach der dritten Hundschen Regel jeweils am niedrigsten?
Aufgabe 6: Feinstruktur eines 3P-Terms
Ein 3P-Term werde durch ĤSO=A L̂·Ŝ mit A=20,0 cm−1 beschrieben. Berechne die relativen Energien der J=0-, 1- und 2-Niveaus sowie die beiden benachbarten Abstände.
Aufgabe 7: Schwerpunkt und Intervallregel
Überprüfe für die Ergebnisse aus Aufgabe 6 den degenerierungsgewichteten Schwerpunkt. Ein experimenteller 3P-Term besitzt E1−E0=15,0 cm−1 und E2−E1=30,0 cm−1. Ist die Landé-Intervallregel erfüllt, und welcher Wert von A folgt?
Aufgabe 8: Landé-g-Faktoren
Berechne die Landé-g-Faktoren der Niveaus 2P1/2, 2P3/2 und 3P2.
Aufgabe 9: Zeeman-Verschiebung
Für das Niveau 3P2 gelte gJ=3/2. Berechne bei B=1,00 T die Verschiebung des MJ=+2-Unterniveaus in cm−1. Verwende μB/(hc)=0,46686 cm−1 T−1.
Aufgabe 10: Auswahlregeln
Beurteile die folgenden Übergänge im reinen elektrischen Dipol- und LS-Kopplungsmodell:
- 3P2 → 3Do3
- 3P0 → 3Po0
- 1D2 → 3Po1
- 2Po3/2 → 2S1/2
- 3D3 → 3F4
44. Vollständige Lösungen
Aus der Multiplizität 2S+1=4 folgt:
D bedeutet L=2. Der Index liefert:
Das hochgestellte o bezeichnet ungerade Parität.
Der gesamte 4D-Term besitzt:
Mikrozustände, die sich auf alle zugehörigen J-Niveaus verteilen.
Für 5F gilt S=2 und L=3. Daher:
Die Feinstrukturentartungen sind:
Die Termentartung beträgt:
Beide Zählweisen stimmen überein.
Der 3P-Term enthält:
Zustände. Der 1D-Term enthält:
Zustände. Der 1S-Term enthält einen Zustand:
Die drei erlaubten Terme decken sämtliche p²-Mikrozustände exakt ab.
2p² beziehungsweise Kohlenstoff: Hund 1 liefert 3P. Die Schale ist weniger als halb gefüllt, daher liegt J=0 unten. Zwei p-Elektronen besitzen gerade Parität.
2p³ beziehungsweise Stickstoff: Maximaler Spin ist S=3/2, und die halb gefüllte p-Unterschale besitzt L=0. Drei p-Elektronen ergeben ungerade Parität.
2p⁴ beziehungsweise Sauerstoff: Der Grundterm ist wieder 3P. Die Schale ist mehr als halb gefüllt, daher liegt J=2 unten. Vier p-Elektronen ergeben gerade Parität.
Sowohl p¹ als auch p⁵ besitzen den Term:
p¹ ist weniger als halb gefüllt:
p⁵ ist mehr als halb gefüllt:
Die möglichen Terme sind gleich, die Feinstrukturreihenfolge ist umgekehrt.
Für L=S=1 gilt L(L+1)=S(S+1)=2:
Mit A=20,0 cm−1:
Die Abstände sind:
Das Verhältnis 1:2 entspricht der Landé-Intervallregel.
Der degenerierungsgewichtete Schwerpunkt ist:
Für die experimentellen Abstände verlangt die Intervallregel:
Aus dem ersten Abstand folgt A=15,0 cm−1, aus dem zweiten ebenfalls A=30,0/2=15,0 cm−1. Die Regel ist exakt erfüllt.
Für 2P gilt L=1 und S=1/2.
J=1/2:
J=3/2:
Für 3P2 gilt L=1, S=1 und J=2:
Das MJ=−2-Niveau würde entsprechend um −1,4006 cm−1 verschoben.
| Übergang | Prüfung | Ergebnis |
|---|---|---|
| 3P2 → 3Do3 | ΔS=0, ΔL=+1, ΔJ=+1, Paritätswechsel | erlaubt |
| 3P0 → 3Po0 | ΔS=0, ΔL=0, aber J=0↔0 | verboten |
| 1D2 → 3Po1 | ΔS=1 | spinverboten |
| 2Po3/2 → 2S1/2 | ΔS=0, ΔL=−1, ΔJ=−1, Paritätswechsel | erlaubt |
| 3D3 → 3F4 | ΔS=0, ΔL=+1, ΔJ=+1, aber kein Paritätswechsel | elektrisch-dipolverboten |
45. Zusammenfassung
- Eine Elektronenkonfiguration kann mehrere Mikrozustände, LS-Terme und Feinstrukturniveaus erzeugen.
- In der LS-Kopplung werden zuerst die li zu L und die si zu S gekoppelt.
- Das Termsymbol lautet 2S+1LJ.
- Die möglichen J-Werte reichen von |L−S| bis L+S.
- Ungerade Parität wird mit einem hochgestellten o gekennzeichnet.
- Ein LS-Term enthält (2L+1)(2S+1) Mikrozustände.
- Äquivalente Elektronen unterliegen zusätzlichen Pauli-Einschränkungen.
- p² zerfällt in 3P, 1D und 1S.
- Hund 1 bevorzugt maximales S, Hund 2 maximales L.
- Hund 3 ordnet J je nach Unter- oder Überfüllung der Unterschale.
- Spin-Bahn-Kopplung spaltet einen Term nach J auf.
- Im einfachen LS-Modell gilt EJ=A/2[J(J+1)−L(L+1)−S(S+1)].
- Die Landé-Intervallregel lautet EJ−EJ−1=AJ.
- Der Landé-g-Faktor beschreibt das magnetische Moment eines J-Niveaus.
- Ein schwaches Magnetfeld spaltet ein J-Niveau in 2J+1 MJ-Komponenten.
- Elektrische Dipolübergänge verlangen unter anderem ΔS=0 und einen Paritätswechsel.
46. Häufig gestellte Fragen
Ist 3P2 eine Elektronenkonfiguration?
Nein. Es ist ein Feinstrukturniveau eines LS-Terms. Die zugehörige Konfiguration muss zusätzlich angegeben werden, etwa 2p² 3P2.
Warum können dieselben Konfigurationen mehrere Terme besitzen?
Die einzelnen Bahn- und Spin-Drehimpulse können unterschiedlich gekoppelt werden. Diese Kopplungen besitzen verschiedene Coulomb- und Austauschenergien.
Warum sind bei p² nicht alle formal möglichen L-S-Kombinationen erlaubt?
Die Elektronen sind äquivalent und die Gesamtwellenfunktion muss antisymmetrisch sein. Bestimmte Raum-Spin-Symmetrien sind daher ausgeschlossen.
Warum liegt bei p² J=0, bei p⁴ aber J=2 am niedrigsten?
Beide Konfigurationen besitzen denselben 3P-Grundterm. p² ist weniger, p⁴ mehr als halb gefüllt. Die dritte Hundsche Regel kehrt deshalb die J-Reihenfolge um.
Was bedeutet die Multiplizität physikalisch?
2S+1 zählt die möglichen Projektionen MS eines Gesamtspins S. Sie ist zugleich ein Hinweis auf die Spinstruktur und beeinflusst Auswahlregeln.
Gilt die Landé-Intervallregel exakt?
Nur im idealen LS-Modell mit einer gemeinsamen Spin-Bahn-Konstante A. Konfigurationsmischung und intermediäre Kopplung verursachen Abweichungen.
Was ist der Unterschied zwischen Feinstruktur und Zeeman-Aufspaltung?
Feinstruktur entsteht intern durch relativistische und Spin-Bahn-Effekte. Zeeman-Aufspaltung wird durch ein äußeres Magnetfeld verursacht.
Warum können spinverbotene Linien dennoch beobachtet werden?
Spin-Bahn-Kopplung mischt Zustände verschiedener S-Werte. Dadurch erhält ein formal verbotener Übergang einen kleinen erlaubten Anteil.
47. Ausblick auf Teil 11
Teil 11 behandelt die Molekülorbitaltheorie zweiatomiger Moleküle. Atomorbitale werden zu bindenden, antibindenden und nichtbindenden Molekülorbitalen kombiniert. Behandelt werden LCAO, Überlappung, σ- und π-Orbitale, Bindungsordnung, magnetische Eigenschaften und die MO-Schemata von H2 bis O2.
Literatur und weiterführende Quellen
- P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
- D. A. McQuarrie & J. D. Simon: Physical Chemistry: A Molecular Approach. University Science Books.
- P. W. Atkins & R. S. Friedman: Molecular Quantum Mechanics. Oxford University Press.
- I. N. Levine: Quantum Chemistry. Pearson.
- B. H. Bransden & C. J. Joachain: Physics of Atoms and Molecules. Pearson.
Didaktischer Hinweis: LS-Kopplung und die Landé-Intervallregel sind Grenzmodelle. Reale Atome können Konfigurationswechselwirkung, intermediäre Kopplung, relativistische Korrekturen, Hyperfeinstruktur und QED-Beiträge zeigen.
Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.




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