Titelbild: Eigene Illustration des parabolischen Oszillatorpotentials mit äquidistanten Energieniveaus und einer Grundzustandswellenfunktion.
Der harmonische Oszillator ist eines der wichtigsten exakt lösbaren Modelle der gesamten Quantenmechanik. Er beschreibt ein Teilchen in einem parabolischen Potential und liefert äquidistante Energieniveaus, eine unvermeidbare Nullpunktsenergie und Wellenfunktionen, deren Struktur durch Hermite-Polynome bestimmt wird.
Seine Bedeutung geht weit über ein ideales Federpendel hinaus. In der Nähe eines stabilen Gleichgewichts besitzt nahezu jedes hinreichend glatte Potential eine parabolische Form. Deshalb können kleine Molekülschwingungen, Gitterschwingungen in Festkörpern, elektromagnetische Feldmoden und zahlreiche kollektive Bewegungen zunächst als harmonische Oszillatoren behandelt werden.
Teil 5 entwickelt das Modell auf zwei Wegen: durch direkte Lösung der Schrödinger-Gleichung und durch Leiteroperatoren. Anschließend wird es auf die Schwingung eines zweiatomigen Moleküls übertragen. Dabei werden reduzierte Masse, Kraftkonstante, spektroskopische Wellenzahl, Auswahlregeln, Isotopeneffekt und anharmonische Korrekturen behandelt.
Lernziele
- die harmonische Näherung aus einer Taylor-Entwicklung begründen,
- klassischen und quantenmechanischen Oszillator vergleichen,
- die Schrödinger-Gleichung des harmonischen Oszillators formulieren,
- die Energien Ev = ℏω(v + 1/2) anwenden,
- Nullpunktsenergie und klassisch verbotene Ausläufer erklären,
- Hermite-Polynome, Parität und Knotenzahl einordnen,
- Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren anwenden,
- Erwartungswerte und Unschärfen berechnen,
- den Virialsatz auf Oszillatorzustände anwenden,
- eine zweiatomige Schwingung mit der reduzierten Masse beschreiben,
- Schwingungsfrequenzen und spektroskopische Wellenzahlen bestimmen,
- Isotopeneffekte und anharmonische Abweichungen interpretieren.
1. Der klassische harmonische Oszillator
Ein klassischer eindimensionaler harmonischer Oszillator erfüllt das Hookesche Gesetz:
k ist die Kraftkonstante, x die Auslenkung aus der Gleichgewichtslage. Die potentielle Energie ergibt sich aus F = −dV/dx:
Mit k = mω² lautet die Kreisfrequenz:
Die klassische Bewegung ist sinusförmig:
Die Gesamtenergie ist kontinuierlich und durch die Amplitude A bestimmt:
2. Warum parabolische Potentiale so häufig sind
Ein glattes Potential V(q) kann in der Nähe eines stabilen Gleichgewichts qe entwickelt werden:
Am Minimum gilt:
Setzt man den Energienullpunkt bei V(qe) = 0 und bezeichnet die Krümmung mit k:
dann bleibt in niedrigster nichtverschwindender Ordnung:
Die harmonische Näherung ist daher lokal die universelle Beschreibung kleiner Schwingungen um ein stabiles Minimum.
3. Grenzen der harmonischen Näherung
Die Näherung wird schlechter, wenn die Auslenkung groß wird. Reale Bindungspotentiale sind asymmetrisch: Eine starke Kompression kostet sehr viel Energie, während eine große Dehnung schließlich zur Dissoziation führt. Ein rein parabolisches Potential wächst dagegen in beide Richtungen unbegrenzt.
Folgen realer Anharmonizität sind:
- abnehmende Abstände höherer Schwingungsniveaus,
- endliche Dissoziationsenergie,
- Obertöne und Kombinationsbanden,
- thermische Ausdehnung,
- Abweichungen von der idealen Auswahlregel.
4. Hamiltonoperator des Quantenoszillators
Für ein Teilchen der Masse m:
In Ortsdarstellung:
Die zeitunabhängige Schrödinger-Gleichung lautet:
5. Dimensionslose Koordinate
Es ist zweckmäßig, die dimensionslose Koordinate:
einzuführen. Dann wird die Gleichung:
Die natürliche Längenskala des Oszillators ist:
6. Asymptotisches Verhalten
Für sehr große |ξ| dominiert der Term ξ². Normierbare Lösungen müssen dann näherungsweise wie:
abfallen. Die exponentiell wachsende Alternative ist nicht normierbar.
7. Hermite-Polynome
Man setzt:
Die verbleibende Differentialgleichung besitzt nur dann normierbare Polynomiellösungen, wenn die Reihe abbricht. Die entstehenden Polynome sind die Hermite-Polynome Hv(ξ).
Die ersten lauten:
8. Normierte Eigenfunktionen
mit v = 0, 1, 2, …
Der Zustand v besitzt genau v innere Knoten. Die Knotenzahl wächst daher mit der Energie.
9. Energieniveaus
Die Abbruchbedingung der Reihe liefert:
Benachbarte Energieniveaus sind äquidistant:
Abbildung 1. Der harmonische Oszillator besitzt äquidistante Energieniveaus. Die Grundzustandswellenfunktion reicht über die klassischen Umkehrpunkte hinaus.
10. Nullpunktsenergie
Im Grundzustand v = 0 gilt:
Die Energie kann nicht auf null abgesenkt werden. Ein Zustand mit x = 0 und p = 0 würde Ort und Impuls gleichzeitig exakt festlegen und die Unschärferelation verletzen.
Nullpunktsenergie bedeutet nicht, dass dem System beliebig nutzbare Energie entzogen werden könnte. Sie ist die niedrigste zulässige Eigenenergie des gebundenen Systems.
11. Klassische Umkehrpunkte
Für die Energie Ev liegen die klassischen Umkehrpunkte bei:
Außerhalb wäre E < V(x), also der Bereich klassisch verboten. Quantenmechanisch ist |ψ|² dort dennoch nicht null.
12. Parität
Das Potential ist symmetrisch: V(−x) = V(x). Deshalb besitzen die Eigenfunktionen bestimmte Parität:
- gerades v: gerade Eigenfunktion,
- ungerades v: ungerade Eigenfunktion.
Die Wahrscheinlichkeitsdichte ist in jedem Eigenzustand gerade.
13. Orthogonalität
Die Oszillatoreigenfunktionen bilden eine vollständige orthonormale Basis für quadratintegrierbare Funktionen auf der reellen Achse.
14. Leiteroperatoren
Der harmonische Oszillator lässt sich ohne direkte Lösung der Differentialgleichung algebraisch behandeln. Dazu definiert man den Vernichtungs- oder Absenkoperator:
und den Erzeugungs- oder Anhebungsoperator:
In dimensionsloser Ortsdarstellung:
15. Kommutator der Leiteroperatoren
Aus [x̂,p̂] = iℏ folgt:
Die Reihenfolge der Operatoren ist daher entscheidend:
16. Zahloperator und Hamiltonoperator
Der Zahloperator lautet:
Er besitzt die Eigenwerte v:
Der Hamiltonoperator nimmt die Form an:
Damit folgt unmittelbar:
17. Wirkung der Leiteroperatoren
Der Absenkoperator vernichtet den Grundzustand:
Aus dem Grundzustand lässt sich das gesamte Spektrum erzeugen:
Abbildung 2. Die Eigenfunktionen besitzen v innere Knoten. Leiteroperatoren verbinden benachbarte Schwingungszustände und erzeugen die äquidistante Energiestruktur.
18. Warum die Energie nicht negativ werden kann
Für jeden normierten Zustand gilt:
Der kleinste mögliche Eigenwert des Zahloperators ist daher 0. Wegen Ĥ = ℏω(N̂ + 1/2) ist die kleinste Energie 1/2ℏω.
19. Ort und Impuls durch Leiteroperatoren
Diese Beziehungen vereinfachen die Berechnung von Matrixelementen, Erwartungswerten und Auswahlregeln erheblich.
20. Erwartungswerte von Ort und Impuls
In jedem Energieeigenzustand gilt aufgrund der Parität:
Der Oszillator besitzt dennoch räumliche und Impulsstreuung. Ein verschwindender Mittelwert bedeutet nicht, dass Ort oder Impuls sicher null sind.
21. Quadratische Erwartungswerte
Da die linearen Erwartungswerte verschwinden:
22. Unschärfeprodukt
Im Grundzustand:
Der Grundzustand sättigt die Heisenbergsche Unschärferelation und besitzt eine Gaußsche Wellenfunktion. Höhere Energieeigenzustände besitzen größere Streuungen.
Für eine reduzierte Masse μ = 1,63 × 10−27 kg und ω = 5,50 × 1014 s−1:
23. Virialsatz
Für ein Potential V(x) ∝ x² gilt in jedem stationären Zustand:
Da E = ⟨T⟩ + ⟨V⟩:
Die Nullpunktsenergie besteht somit zur Hälfte aus mittlerer kinetischer und zur Hälfte aus mittlerer potentieller Energie.
24. Wahrscheinlichkeit außerhalb der klassischen Umkehrpunkte
Ein klassisches Teilchen mit Energie E kann nur den Bereich zwischen den Umkehrpunkten erreichen. Die quantenmechanische Wellenfunktion reicht dagegen darüber hinaus. Die Dichte fällt dort exponentiell beziehungsweise gaußartig ab, ist aber nicht sofort null.
Dies ist kein Tunneln durch eine separate Barriere mit anschließender freier Bewegung. Es ist die normale Struktur eines gebundenen Eigenzustands in einem glatten Potential.
25. Klassische Ortsverteilung
Ein klassischer Oszillator bewegt sich in der Nähe der Umkehrpunkte langsam und durchquert die Gleichgewichtslage schnell. Seine zeitlich gemittelte Ortsdichte ist deshalb:
für |x| < A. Sie ist an den Umkehrpunkten besonders groß.
26. Korrespondenzprinzip
Bei großen v oszilliert |ψv|² sehr schnell. Nach einer Mittelung über mehrere Oszillationen nähert sich die Quantendichte der klassischen Verteilung. Die einzelnen Knoten bleiben mathematisch bestehen, werden bei grober experimenteller Auflösung aber nicht mehr aufgelöst.
27. Zeitentwicklung einer Superposition
Für:
gilt:
Weil die Energien äquidistant sind, besitzen relative Phasen besonders regelmäßige Zeitabhängigkeiten. Bestimmte Wellenpakete können ohne dauerhafte Formänderung oszillieren.
28. Kohärente Zustände
Ein kohärenter Zustand |α⟩ ist ein Eigenzustand des Absenkoperators:
Er kann in Energieeigenzustände entwickelt werden:
Die Besetzungszahlen sind Poisson-verteilt. Das Wellenpaket bleibt gaußförmig und sein Schwerpunkt folgt der klassischen Oszillatorbewegung. Kohärente Zustände bilden daher eine besonders direkte Brücke zum klassischen Grenzfall.
29. Zweiatomige Moleküle
Ein zweiatomiges Molekül besteht aus zwei Kernen mit den Massen m1 und m2. Nach Abtrennung der Schwerpunktsbewegung wird die relative Schwingung durch die Bindungslänge r beschrieben.
Nahe der Gleichgewichtsbindungslänge re setzt man:
und:
30. Reduzierte Masse
Die relative Bewegung verhält sich mathematisch wie ein einzelnes Teilchen der Masse μ im Bindungspotential.
Der Schwingungshamiltonoperator lautet:
31. Molekulare Schwingungsfrequenz
Die gewöhnliche Frequenz ist:
Die spektroskopische Wellenzahl:
Bei Verwendung von c in cm s−1 erhält man ṽ in cm−1.
Abbildung 3. Die Schwingungsfrequenz eines zweiatomigen Moleküls wird durch Kraftkonstante und reduzierte Masse bestimmt. Schwerere Isotope verschieben Banden zu kleineren Wellenzahlen.
32. Schwingungsenergien eines zweiatomigen Moleküls
In spektroskopischer Schreibweise:
Der ideale Abstand benachbarter Schwingungsniveaus beträgt hcṽ.
33. Infrarot-Auswahlregel
Elektromagnetische Strahlung koppelt an das elektrische Dipolmoment des Moleküls. Eine Schwingung ist infrarotaktiv, wenn sich das Dipolmoment entlang der Normalkoordinate ändert:
Für einen ideal harmonischen Oszillator und einen linearen Dipolansatz lautet die Auswahlregel:
Bei Absorption gilt üblicherweise Δv = +1, bei Emission Δv = −1.
34. Ursprung der Auswahlregel
Da q proportional zu â + ↠ist, besitzt der Ortsoperator nur Matrixelemente zwischen benachbarten Zuständen:
Die Auswahlregel folgt damit direkt aus der Leiteroperatorstruktur und der Parität der Eigenfunktionen.
35. Isotopeneffekt
Eine Isotopensubstitution verändert vor allem die Masse, während das elektronische Bindungspotential und damit k in erster Näherung nahezu unverändert bleiben.
Für zwei Isotopomere:
Das schwerere Isotop besitzt die größere reduzierte Masse und damit die kleinere Schwingungswellenzahl.
36. Kraftkonstante aus einem Spektrum
Ist die Wellenzahl einer fundamentalen Schwingung bekannt, kann im harmonischen Modell die Kraftkonstante bestimmt werden:
Eine große Kraftkonstante entspricht einer steilen Potentialkrümmung und meist einer hohen Schwingungsfrequenz.
37. Anharmonischer Oszillator
Eine gebräuchliche spektroskopische Näherung lautet:
ωe ist die harmonische Wellenzahl, xe die Anharmonizitätskonstante. Die Niveauabstände nehmen mit v ab:
38. Morse-Potential
Ein realistischeres Modell für eine zweiatomige Bindung ist:
Es besitzt ein Minimum bei re, ist bei Kompression steil und nähert sich bei großer Dehnung der Dissoziationsenergie De. Im Gegensatz zum harmonischen Potential kann es Bindungsbruch beschreiben.
39. Obertöne
Im rein harmonischen Modell sind Übergänge mit |Δv| > 1 verboten. Anharmonizität mischt Zustände und verändert den Dipoloperator. Dadurch werden schwache Obertöne mit Δv = 2, 3, … möglich.
Da die Niveauabstände abnehmen, liegt ein erster Oberton nicht exakt bei der doppelten fundamentalen Wellenzahl.
40. Nullpunktsenergie und Chemie
Die molare Nullpunktsenergie einer Schwingungsmode ist:
Unterschiedliche Moleküle und Übergangszustände besitzen unterschiedliche Schwingungsfrequenzen und daher unterschiedliche Nullpunktsenergien. ZPE-Korrekturen beeinflussen:
- Reaktionsenergien,
- Dissoziationsenergien,
- Isotopeneffekte,
- Gleichgewichtskonstanten,
- Aktivierungsenergien.
41. Mehratomige Moleküle und Normalmoden
Ein nichtlineares Molekül mit N Atomen besitzt 3N − 6 Schwingungsnormalmoden; ein lineares Molekül besitzt 3N − 5. In der harmonischen Näherung kann jede Normalkoordinate als unabhängiger harmonischer Oszillator behandelt werden:
Anharmonische Kopplungen verbinden die Moden und führen zu Resonanzen und Kombinationsbanden.
42. Schwingungsbeitrag zur statistischen Thermodynamik
Für eine harmonische Mode lautet die kanonische Zustandssumme:
mit β = 1/(kBT). Die mittlere Energie ist:
Hochfrequente Molekülschwingungen sind bei Raumtemperatur oft nur schwach thermisch angeregt. Die Nullpunktsenergie bleibt dennoch bestehen. Die statistische Thermodynamik wird in späteren Teilen ausführlich behandelt.
43. Typische Fehler
| Fehler | Korrektur |
|---|---|
| v bei 1 beginnen lassen | Die Schwingungsquantenzahl beginnt bei v = 0. |
| Grundzustandsenergie gleich null setzen | E0 = 1/2ℏω. |
| ω und ν verwechseln | ω = 2πν. |
| Wellenzahl mit Wellenlänge verwechseln | ṽ = 1/λ = ν/c. |
| Teilchenmasse statt reduzierter Masse verwenden | Bei zweiatomiger Relativbewegung gilt μ = m1m2/(m1+m2). |
| Energieabstand mit 1/2ℏω angeben | Der Abstand benachbarter Niveaus ist ℏω; 1/2ℏω ist die Nullpunktsenergie. |
| Harmonische Auswahlregel auf reale Moleküle absolut übertragen | Anharmonizität ermöglicht schwache Obertöne und Kombinationen. |
| Schwereres Isotop mit höherer Frequenz verbinden | Größere reduzierte Masse senkt die Frequenz. |
| Klassische Umkehrpunkte als harte Wände behandeln | Die Wellenfunktion besitzt außerhalb endliche Ausläufer. |
| Leiteroperatoren ohne Normierungsfaktoren anwenden | â|v⟩ = √v|v−1⟩ und â†|v⟩ = √(v+1)|v+1⟩. |
44. Übungsaufgaben
Aufgabe 1: Frequenz aus Kraftkonstante und Masse
Eine zweiatomige Schwingung besitze k = 480 N m−1 und μ = 1,63 × 10−27 kg. Berechne Kreisfrequenz ω, Frequenz ν und spektroskopische Wellenzahl ṽ.
Aufgabe 2: Niveauabstand und Nullpunktsenergie
Eine harmonische Schwingung besitzt ṽ = 2000 cm−1. Berechne den Abstand benachbarter Niveaus in Joule pro Molekül, Elektronenvolt und kJ mol−1. Bestimme außerdem die molare Nullpunktsenergie.
Aufgabe 3: Grundzustandsunschärfen
Verwende μ = 1,63 × 10−27 kg und die Kreisfrequenz aus Aufgabe 1. Berechne Δx, Δp und ΔxΔp im Grundzustand.
Aufgabe 4: Energien mehrerer Zustände
Für ṽ = 2000 cm−1: Bestimme E0, E1 und E3 in spektroskopischen Einheiten cm−1 und in kJ mol−1.
Aufgabe 5: Klassische Umkehrpunkte
Berechne für den Oszillator aus Aufgabe 1 die positiven klassischen Umkehrpunkte xt der Zustände v = 0 und v = 3.
Aufgabe 6: Leiteroperatoren und Messstatistik
Ein Zustand sei |ψ⟩ = (√3/2)|0⟩ + (1/2)|2⟩. Bestimme die Wahrscheinlichkeiten einer Messung von v, den Erwartungswert ⟨N⟩, die mittlere Energie und den Zustand â|ψ⟩.
Aufgabe 7: Quadratische Erwartungswerte
Berechne für v = 2 und die Parameter aus Aufgabe 1 die Größen ⟨x²⟩, ⟨p²⟩, Δx, Δp und ΔxΔp.
Aufgabe 8: Isotopenverschiebung HCl zu DCl
Verwende die Atommassen mH = 1,007825 u, mD = 2,014102 u und mCl = 35,45 u. Berechne die reduzierten Massen und das Verhältnis ṽDCl/ṽHCl. Welche DCl-Wellenzahl folgt aus ṽHCl = 2881 cm−1?
Aufgabe 9: IR-Photon
Eine fundamentale Schwingungsbande liegt bei 3000 cm−1. Berechne Wellenlänge, Photonenergie in Joule und Elektronenvolt sowie die molare Photonenenergie.
Aufgabe 10: Anharmonische Niveaus
Für einen anharmonischen Oszillator gelten ωe = 3000 cm−1 und ωexe = 60 cm−1. Berechne die Wellenzahlen der Übergänge v = 0 → 1 und v = 1 → 2 sowie des Obertons v = 0 → 2.
45. Vollständige Lösungen
Mit ṽ = 2000 cm−1 = 2,00 × 105 m−1:
Die Nullpunktsenergie ist die Hälfte:
In Wellenzahleinheiten:
Mit 1 cm−1 ≈ 0,0119627 kJ mol−1:
Für v = 0:
Für v = 3:
Die beiden Messwahrscheinlichkeiten sind:
Damit:
Anwendung des Absenkoperators:
Dieser Vektor ist nicht normiert; seine Norm zum Quadrat beträgt 1/2. Nach Normierung bleibt |1⟩.
Für v = 2 ist v + 1/2 = 2,5:
Bei nahezu gleicher Kraftkonstante:
Für benachbarte Niveaus:
Fundamentalband:
Heißband v = 1 → 2:
Der Oberton ist die Summe beider Abstände:
Er liegt unter dem Doppelten der Fundamentalwellenzahl, weil die Niveauabstände mit v abnehmen.
46. Zusammenfassung
- Nahe einem stabilen Potentialminimum ist die harmonische Näherung V = 1/2 kx² universell.
- Der klassische Oszillator besitzt die Kreisfrequenz ω = √(k/m).
- Der Quantenoszillator besitzt Ev = ℏω(v + 1/2).
- Die Niveaus sind äquidistant und beginnen bei der positiven Nullpunktsenergie 1/2ℏω.
- Die Eigenfunktionen bestehen aus Hermite-Polynomen und einem Gaußfaktor.
- Der Zustand v besitzt v innere Knoten und die Parität (−1)v.
- Leiteroperatoren verbinden benachbarte Zustände.
- Der Grundzustand minimiert das Unschärfeprodukt mit ΔxΔp = ℏ/2.
- Nach dem Virialsatz sind mittlere kinetische und potentielle Energie gleich.
- Quantenwahrscheinlichkeit reicht über die klassischen Umkehrpunkte hinaus.
- Eine zweiatomige Schwingung wird durch die reduzierte Masse μ beschrieben.
- Die Wellenzahl ist ṽ = [1/(2πc)]√(k/μ).
- Im harmonischen IR-Modell gilt Δv = ±1.
- Schwerere Isotope verschieben Schwingungsbanden zu kleineren Wellenzahlen.
- Anharmonizität führt zu abnehmenden Niveauabständen, Obertönen und Dissoziation.
47. Häufig gestellte Fragen
Warum besitzt der Grundzustand Energie, obwohl v = 0 ist?
v zählt die angeregten Schwingungsquanten. Zusätzlich bleibt die unvermeidbare Nullpunktsenergie 1/2ℏω bestehen.
Schwingt ein Molekül im Grundzustand klassisch hin und her?
Der Grundzustand ist stationär und besitzt keine klassische Bahn. Seine Orts- und Impulsverteilungen haben jedoch endliche Breiten, und die mittlere kinetische Energie ist positiv.
Warum sind die harmonischen Energieniveaus äquidistant?
Die algebraische Form Ĥ = ℏω(N̂ + 1/2) macht jede Erhöhung von v um eins zu einer Energieerhöhung um genau ℏω.
Warum hat der Zustand v genau v Knoten?
Das Hermite-Polynom Hv besitzt v reelle Nullstellen. Der Gaußfaktor verschwindet für endliches x nicht und fügt keine weiteren Knoten hinzu.
Ist jede Molekülschwingung infrarotaktiv?
Nein. Das elektrische Dipolmoment muss sich entlang der betreffenden Normalkoordinate ändern. Symmetrische Schwingungen können IR-inaktiv, aber Raman-aktiv sein.
Warum sinkt die Frequenz bei Isotopensubstitution?
Das elektronische Potential und k bleiben näherungsweise gleich, aber die reduzierte Masse steigt. Wegen ω = √(k/μ) sinkt die Frequenz.
Warum sind reale Schwingungsabstände nicht exakt gleich?
Reale Bindungspotentiale sind anharmonisch. Mit steigender Energie erkundet das Molekül stärker asymmetrische und flachere Potentialbereiche.
Kann die Nullpunktsenergie eine Bindung brechen?
Eine stabile gebundene Mode besitzt ihre Grundenergie unterhalb der Dissoziationsgrenze. Bei sehr flachen Potentialen kann Nullpunktsbewegung jedoch die effektive Stabilität und Struktur deutlich beeinflussen.
48. Ausblick auf Teil 6
Teil 6 behandelt den starren Rotor und den quantisierten Drehimpuls. Hergeleitet werden Rotationsenergien, die Quantenzahlen J und M, sphärische Harmonische, Entartung, Trägheitsmomente, Rotationskonstanten und die Auswahlregel ΔJ = ±1. Damit beginnt die direkte Verbindung zwischen quantenmechanischen Modellproblemen und Rotationsspektroskopie.
Literatur und weiterführende Quellen
- P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
- D. A. McQuarrie & J. D. Simon: Physical Chemistry: A Molecular Approach. University Science Books.
- P. W. Atkins & R. S. Friedman: Molecular Quantum Mechanics. Oxford University Press.
- D. J. Griffiths & D. F. Schroeter: Introduction to Quantum Mechanics. Cambridge University Press.
- G. Herzberg: Molecular Spectra and Molecular Structure I: Spectra of Diatomic Molecules. Krieger.
Didaktischer Hinweis: Der Artikel behandelt zunächst eine einzelne eindimensionale harmonische Mode. Reale Moleküle besitzen gekoppelte Normalmoden, Rotations-Schwingungs-Wechselwirkungen, Anharmonizität und gegebenenfalls nichtadiabatische elektronische Kopplungen.
Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.




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