Samstag, 1. August 2026

Der quantenmechanische harmonische Oszillator – Nullpunktsenergie, Leiteroperatoren und Molekülschwingungen




Titelbild: Eigene Illustration des parabolischen Oszillatorpotentials mit äquidistanten Energieniveaus und einer Grundzustandswellenfunktion.

Der harmonische Oszillator ist eines der wichtigsten exakt lösbaren Modelle der gesamten Quantenmechanik. Er beschreibt ein Teilchen in einem parabolischen Potential und liefert äquidistante Energieniveaus, eine unvermeidbare Nullpunktsenergie und Wellenfunktionen, deren Struktur durch Hermite-Polynome bestimmt wird.

Seine Bedeutung geht weit über ein ideales Federpendel hinaus. In der Nähe eines stabilen Gleichgewichts besitzt nahezu jedes hinreichend glatte Potential eine parabolische Form. Deshalb können kleine Molekülschwingungen, Gitterschwingungen in Festkörpern, elektromagnetische Feldmoden und zahlreiche kollektive Bewegungen zunächst als harmonische Oszillatoren behandelt werden.

Teil 5 entwickelt das Modell auf zwei Wegen: durch direkte Lösung der Schrödinger-Gleichung und durch Leiteroperatoren. Anschließend wird es auf die Schwingung eines zweiatomigen Moleküls übertragen. Dabei werden reduzierte Masse, Kraftkonstante, spektroskopische Wellenzahl, Auswahlregeln, Isotopeneffekt und anharmonische Korrekturen behandelt.

Einordnung: Teil 4 behandelte endliche Potentialtöpfe und Tunneln. Teil 5 führt nun ein glattes gebundenes Potential ein. Teil 6 wird den starren Rotor, Drehimpulsquantisierung und die Grundlagen der Rotationsspektroskopie behandeln.

Lernziele

Nach diesem Beitrag kannst du:
  • die harmonische Näherung aus einer Taylor-Entwicklung begründen,
  • klassischen und quantenmechanischen Oszillator vergleichen,
  • die Schrödinger-Gleichung des harmonischen Oszillators formulieren,
  • die Energien Ev = ℏω(v + 1/2) anwenden,
  • Nullpunktsenergie und klassisch verbotene Ausläufer erklären,
  • Hermite-Polynome, Parität und Knotenzahl einordnen,
  • Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren anwenden,
  • Erwartungswerte und Unschärfen berechnen,
  • den Virialsatz auf Oszillatorzustände anwenden,
  • eine zweiatomige Schwingung mit der reduzierten Masse beschreiben,
  • Schwingungsfrequenzen und spektroskopische Wellenzahlen bestimmen,
  • Isotopeneffekte und anharmonische Abweichungen interpretieren.

1. Der klassische harmonische Oszillator

Ein klassischer eindimensionaler harmonischer Oszillator erfüllt das Hookesche Gesetz:

F = −kx

k ist die Kraftkonstante, x die Auslenkung aus der Gleichgewichtslage. Die potentielle Energie ergibt sich aus F = −dV/dx:

V(x) = 1/2 kx²

Mit k = mω² lautet die Kreisfrequenz:

ω = √(k/m)

Die klassische Bewegung ist sinusförmig:

x(t) = A cos(ωt + φ)

Die Gesamtenergie ist kontinuierlich und durch die Amplitude A bestimmt:

E = 1/2 kA²

2. Warum parabolische Potentiale so häufig sind

Ein glattes Potential V(q) kann in der Nähe eines stabilen Gleichgewichts qe entwickelt werden:

V(q) = V(qe) + (dV/dq)eΔq + 1/2(d²V/dq²)eΔq² + …

Am Minimum gilt:

(dV/dq)e = 0

Setzt man den Energienullpunkt bei V(qe) = 0 und bezeichnet die Krümmung mit k:

k = (d²V/dq²)e

dann bleibt in niedrigster nichtverschwindender Ordnung:

V(q) ≈ 1/2 k(Δq)²

Die harmonische Näherung ist daher lokal die universelle Beschreibung kleiner Schwingungen um ein stabiles Minimum.

3. Grenzen der harmonischen Näherung

Die Näherung wird schlechter, wenn die Auslenkung groß wird. Reale Bindungspotentiale sind asymmetrisch: Eine starke Kompression kostet sehr viel Energie, während eine große Dehnung schließlich zur Dissoziation führt. Ein rein parabolisches Potential wächst dagegen in beide Richtungen unbegrenzt.

Folgen realer Anharmonizität sind:

  • abnehmende Abstände höherer Schwingungsniveaus,
  • endliche Dissoziationsenergie,
  • Obertöne und Kombinationsbanden,
  • thermische Ausdehnung,
  • Abweichungen von der idealen Auswahlregel.

4. Hamiltonoperator des Quantenoszillators

Für ein Teilchen der Masse m:

Ĥ = p̂²/(2m) + 1/2 mω²x̂²

In Ortsdarstellung:

Ĥ = −ℏ²/(2m)d²/dx² + 1/2 mω²x²

Die zeitunabhängige Schrödinger-Gleichung lautet:

[−ℏ²/(2m)d²/dx² + 1/2 mω²x²]ψ(x) = Eψ(x)

5. Dimensionslose Koordinate

Es ist zweckmäßig, die dimensionslose Koordinate:

ξ = √(mω/ℏ)x

einzuführen. Dann wird die Gleichung:

d²ψ/dξ² + [2E/(ℏω) − ξ²]ψ = 0

Die natürliche Längenskala des Oszillators ist:

x0 = √(ℏ/(mω))

6. Asymptotisches Verhalten

Für sehr große |ξ| dominiert der Term ξ². Normierbare Lösungen müssen dann näherungsweise wie:

ψ(ξ) ∝ e−ξ²/2

abfallen. Die exponentiell wachsende Alternative ist nicht normierbar.

7. Hermite-Polynome

Man setzt:

ψ(ξ) = H(ξ)e−ξ²/2

Die verbleibende Differentialgleichung besitzt nur dann normierbare Polynomiellösungen, wenn die Reihe abbricht. Die entstehenden Polynome sind die Hermite-Polynome Hv(ξ).

Die ersten lauten:

H0(ξ) = 1
H1(ξ) = 2ξ
H2(ξ) = 4ξ² − 2
H3(ξ) = 8ξ³ − 12ξ

8. Normierte Eigenfunktionen

ψv(x) = [mω/(πℏ)]1/4 · 1/√(2vv!) · Hv(ξ)e−ξ²/2

mit v = 0, 1, 2, …

Der Zustand v besitzt genau v innere Knoten. Die Knotenzahl wächst daher mit der Energie.

9. Energieniveaus

Die Abbruchbedingung der Reihe liefert:

Ev = ℏω(v + 1/2)

Benachbarte Energieniveaus sind äquidistant:

Ev+1 − Ev = ℏω


Abbildung 1. Der harmonische Oszillator besitzt äquidistante Energieniveaus. Die Grundzustandswellenfunktion reicht über die klassischen Umkehrpunkte hinaus.

10. Nullpunktsenergie

Im Grundzustand v = 0 gilt:

E0 = 1/2 ℏω

Die Energie kann nicht auf null abgesenkt werden. Ein Zustand mit x = 0 und p = 0 würde Ort und Impuls gleichzeitig exakt festlegen und die Unschärferelation verletzen.

Nullpunktsenergie bedeutet nicht, dass dem System beliebig nutzbare Energie entzogen werden könnte. Sie ist die niedrigste zulässige Eigenenergie des gebundenen Systems.

11. Klassische Umkehrpunkte

Für die Energie Ev liegen die klassischen Umkehrpunkte bei:

1/2 mω²xt² = Ev
xt = ±√[2Ev/(mω²)]

Außerhalb wäre E < V(x), also der Bereich klassisch verboten. Quantenmechanisch ist |ψ|² dort dennoch nicht null.

12. Parität

Das Potential ist symmetrisch: V(−x) = V(x). Deshalb besitzen die Eigenfunktionen bestimmte Parität:

ψv(−x) = (−1)vψv(x)
  • gerades v: gerade Eigenfunktion,
  • ungerades v: ungerade Eigenfunktion.

Die Wahrscheinlichkeitsdichte ist in jedem Eigenzustand gerade.

13. Orthogonalität

−∞ψv*(x)ψw(x)dx = δvw

Die Oszillatoreigenfunktionen bilden eine vollständige orthonormale Basis für quadratintegrierbare Funktionen auf der reellen Achse.

14. Leiteroperatoren

Der harmonische Oszillator lässt sich ohne direkte Lösung der Differentialgleichung algebraisch behandeln. Dazu definiert man den Vernichtungs- oder Absenkoperator:

â = √[mω/(2ℏ)]x̂ + i p̂/√(2mℏω)

und den Erzeugungs- oder Anhebungsoperator:

↠= √[mω/(2ℏ)]x̂ − i p̂/√(2mℏω)

In dimensionsloser Ortsdarstellung:

â = 1/√2 · (ξ + d/dξ)
↠= 1/√2 · (ξ − d/dξ)

15. Kommutator der Leiteroperatoren

Aus [x̂,p̂] = iℏ folgt:

[â,â†] = 1

Die Reihenfolge der Operatoren ist daher entscheidend:

â↠= â†â + 1

16. Zahloperator und Hamiltonoperator

Der Zahloperator lautet:

N̂ = â†â

Er besitzt die Eigenwerte v:

N̂|v⟩ = v|v⟩

Der Hamiltonoperator nimmt die Form an:

Ĥ = ℏω(N̂ + 1/2)

Damit folgt unmittelbar:

Ev = ℏω(v + 1/2)

17. Wirkung der Leiteroperatoren

â|v⟩ = √v |v−1⟩
â†|v⟩ = √(v+1)|v+1⟩

Der Absenkoperator vernichtet den Grundzustand:

â|0⟩ = 0

Aus dem Grundzustand lässt sich das gesamte Spektrum erzeugen:

|v⟩ = (â†)v/√(v!) |0⟩


Abbildung 2. Die Eigenfunktionen besitzen v innere Knoten. Leiteroperatoren verbinden benachbarte Schwingungszustände und erzeugen die äquidistante Energiestruktur.

18. Warum die Energie nicht negativ werden kann

Für jeden normierten Zustand gilt:

⟨N̂⟩ = ⟨ψ|â†â|ψ⟩ = ||â|ψ⟩||² ≥ 0

Der kleinste mögliche Eigenwert des Zahloperators ist daher 0. Wegen Ĥ = ℏω(N̂ + 1/2) ist die kleinste Energie 1/2ℏω.

19. Ort und Impuls durch Leiteroperatoren

x̂ = √[ℏ/(2mω)](â + â†)
p̂ = i√(mℏω/2)(↠− â)

Diese Beziehungen vereinfachen die Berechnung von Matrixelementen, Erwartungswerten und Auswahlregeln erheblich.

20. Erwartungswerte von Ort und Impuls

In jedem Energieeigenzustand gilt aufgrund der Parität:

⟨x⟩v = 0
⟨p⟩v = 0

Der Oszillator besitzt dennoch räumliche und Impulsstreuung. Ein verschwindender Mittelwert bedeutet nicht, dass Ort oder Impuls sicher null sind.

21. Quadratische Erwartungswerte

⟨x²⟩v = (v + 1/2)ℏ/(mω)
⟨p²⟩v = (v + 1/2)mℏω

Da die linearen Erwartungswerte verschwinden:

Δx = √[(v + 1/2)ℏ/(mω)]
Δp = √[(v + 1/2)mℏω]

22. Unschärfeprodukt

ΔxΔp = (v + 1/2)ℏ

Im Grundzustand:

ΔxΔp = ℏ/2

Der Grundzustand sättigt die Heisenbergsche Unschärferelation und besitzt eine Gaußsche Wellenfunktion. Höhere Energieeigenzustände besitzen größere Streuungen.

Beispiel 1: Grundzustandsbreite

Für eine reduzierte Masse μ = 1,63 × 10−27 kg und ω = 5,50 × 1014 s−1:

Δx0 = √[ℏ/(2μω)]
Δx0 ≈ 7,67 × 10−12 m
Δx0 ≈ 7,67 pm

23. Virialsatz

Für ein Potential V(x) ∝ x² gilt in jedem stationären Zustand:

⟨T⟩ = ⟨V⟩

Da E = ⟨T⟩ + ⟨V⟩:

⟨T⟩ = ⟨V⟩ = Ev/2

Die Nullpunktsenergie besteht somit zur Hälfte aus mittlerer kinetischer und zur Hälfte aus mittlerer potentieller Energie.

24. Wahrscheinlichkeit außerhalb der klassischen Umkehrpunkte

Ein klassisches Teilchen mit Energie E kann nur den Bereich zwischen den Umkehrpunkten erreichen. Die quantenmechanische Wellenfunktion reicht dagegen darüber hinaus. Die Dichte fällt dort exponentiell beziehungsweise gaußartig ab, ist aber nicht sofort null.

Dies ist kein Tunneln durch eine separate Barriere mit anschließender freier Bewegung. Es ist die normale Struktur eines gebundenen Eigenzustands in einem glatten Potential.

25. Klassische Ortsverteilung

Ein klassischer Oszillator bewegt sich in der Nähe der Umkehrpunkte langsam und durchquert die Gleichgewichtslage schnell. Seine zeitlich gemittelte Ortsdichte ist deshalb:

ρklassisch(x) = 1/[π√(A²−x²)]

für |x| < A. Sie ist an den Umkehrpunkten besonders groß.

26. Korrespondenzprinzip

Bei großen v oszilliert |ψv|² sehr schnell. Nach einer Mittelung über mehrere Oszillationen nähert sich die Quantendichte der klassischen Verteilung. Die einzelnen Knoten bleiben mathematisch bestehen, werden bei grober experimenteller Auflösung aber nicht mehr aufgelöst.

27. Zeitentwicklung einer Superposition

Für:

|ψ(0)⟩ = Σvcv|v⟩

gilt:

|ψ(t)⟩ = Σvcve−iω(v+1/2)t|v⟩

Weil die Energien äquidistant sind, besitzen relative Phasen besonders regelmäßige Zeitabhängigkeiten. Bestimmte Wellenpakete können ohne dauerhafte Formänderung oszillieren.

28. Kohärente Zustände

Ein kohärenter Zustand |α⟩ ist ein Eigenzustand des Absenkoperators:

â|α⟩ = α|α⟩

Er kann in Energieeigenzustände entwickelt werden:

|α⟩ = e−|α|²/2Σv=0 αv/√(v!) |v⟩

Die Besetzungszahlen sind Poisson-verteilt. Das Wellenpaket bleibt gaußförmig und sein Schwerpunkt folgt der klassischen Oszillatorbewegung. Kohärente Zustände bilden daher eine besonders direkte Brücke zum klassischen Grenzfall.

29. Zweiatomige Moleküle

Ein zweiatomiges Molekül besteht aus zwei Kernen mit den Massen m1 und m2. Nach Abtrennung der Schwerpunktsbewegung wird die relative Schwingung durch die Bindungslänge r beschrieben.

Nahe der Gleichgewichtsbindungslänge re setzt man:

q = r − re

und:

V(q) ≈ 1/2 kq²

30. Reduzierte Masse

μ = m1m2/(m1 + m2)

Die relative Bewegung verhält sich mathematisch wie ein einzelnes Teilchen der Masse μ im Bindungspotential.

Der Schwingungshamiltonoperator lautet:

Ĥvib = −ℏ²/(2μ)d²/dq² + 1/2 kq²

31. Molekulare Schwingungsfrequenz

ω = √(k/μ)

Die gewöhnliche Frequenz ist:

ν = ω/(2π)

Die spektroskopische Wellenzahl:

ṽ = ν/c = 1/(2πc)√(k/μ)

Bei Verwendung von c in cm s−1 erhält man ṽ in cm−1.



Abbildung 3. Die Schwingungsfrequenz eines zweiatomigen Moleküls wird durch Kraftkonstante und reduzierte Masse bestimmt. Schwerere Isotope verschieben Banden zu kleineren Wellenzahlen.

32. Schwingungsenergien eines zweiatomigen Moleküls

Ev = hcṽ(v + 1/2)

In spektroskopischer Schreibweise:

Ev/(hc) = ṽ(v + 1/2)

Der ideale Abstand benachbarter Schwingungsniveaus beträgt hcṽ.

33. Infrarot-Auswahlregel

Elektromagnetische Strahlung koppelt an das elektrische Dipolmoment des Moleküls. Eine Schwingung ist infrarotaktiv, wenn sich das Dipolmoment entlang der Normalkoordinate ändert:

(dμel/dq)e ≠ 0

Für einen ideal harmonischen Oszillator und einen linearen Dipolansatz lautet die Auswahlregel:

Δv = ±1

Bei Absorption gilt üblicherweise Δv = +1, bei Emission Δv = −1.

34. Ursprung der Auswahlregel

Da q proportional zu â + ↠ist, besitzt der Ortsoperator nur Matrixelemente zwischen benachbarten Zuständen:

⟨v′|q̂|v⟩ ≠ 0    nur für    v′ = v ± 1

Die Auswahlregel folgt damit direkt aus der Leiteroperatorstruktur und der Parität der Eigenfunktionen.

35. Isotopeneffekt

Eine Isotopensubstitution verändert vor allem die Masse, während das elektronische Bindungspotential und damit k in erster Näherung nahezu unverändert bleiben.

ṽ ∝ 1/√μ

Für zwei Isotopomere:

ṽ′/ṽ = √(μ/μ′)

Das schwerere Isotop besitzt die größere reduzierte Masse und damit die kleinere Schwingungswellenzahl.

36. Kraftkonstante aus einem Spektrum

Ist die Wellenzahl einer fundamentalen Schwingung bekannt, kann im harmonischen Modell die Kraftkonstante bestimmt werden:

k = μ(2πcṽ)²

Eine große Kraftkonstante entspricht einer steilen Potentialkrümmung und meist einer hohen Schwingungsfrequenz.

37. Anharmonischer Oszillator

Eine gebräuchliche spektroskopische Näherung lautet:

Ev/(hc) = ωe(v + 1/2) − ωexe(v + 1/2)²

ωe ist die harmonische Wellenzahl, xe die Anharmonizitätskonstante. Die Niveauabstände nehmen mit v ab:

[Ev+1−Ev]/(hc) = ωe − 2ωexe(v+1)

38. Morse-Potential

Ein realistischeres Modell für eine zweiatomige Bindung ist:

V(r) = De[1 − e−a(r−re)]2

Es besitzt ein Minimum bei re, ist bei Kompression steil und nähert sich bei großer Dehnung der Dissoziationsenergie De. Im Gegensatz zum harmonischen Potential kann es Bindungsbruch beschreiben.

39. Obertöne

Im rein harmonischen Modell sind Übergänge mit |Δv| > 1 verboten. Anharmonizität mischt Zustände und verändert den Dipoloperator. Dadurch werden schwache Obertöne mit Δv = 2, 3, … möglich.

Da die Niveauabstände abnehmen, liegt ein erster Oberton nicht exakt bei der doppelten fundamentalen Wellenzahl.

40. Nullpunktsenergie und Chemie

Die molare Nullpunktsenergie einer Schwingungsmode ist:

EZPE,m = 1/2 NAhν = 1/2 NAhcṽ

Unterschiedliche Moleküle und Übergangszustände besitzen unterschiedliche Schwingungsfrequenzen und daher unterschiedliche Nullpunktsenergien. ZPE-Korrekturen beeinflussen:

  • Reaktionsenergien,
  • Dissoziationsenergien,
  • Isotopeneffekte,
  • Gleichgewichtskonstanten,
  • Aktivierungsenergien.

41. Mehratomige Moleküle und Normalmoden

Ein nichtlineares Molekül mit N Atomen besitzt 3N − 6 Schwingungsnormalmoden; ein lineares Molekül besitzt 3N − 5. In der harmonischen Näherung kann jede Normalkoordinate als unabhängiger harmonischer Oszillator behandelt werden:

Ĥvib = Σiℏωi(N̂i + 1/2)

Anharmonische Kopplungen verbinden die Moden und führen zu Resonanzen und Kombinationsbanden.

42. Schwingungsbeitrag zur statistischen Thermodynamik

Für eine harmonische Mode lautet die kanonische Zustandssumme:

qvib = e−βℏω/2 / [1 − e−βℏω]

mit β = 1/(kBT). Die mittlere Energie ist:

Uvib = 1/2ℏω + ℏω/[eβℏω − 1]

Hochfrequente Molekülschwingungen sind bei Raumtemperatur oft nur schwach thermisch angeregt. Die Nullpunktsenergie bleibt dennoch bestehen. Die statistische Thermodynamik wird in späteren Teilen ausführlich behandelt.

43. Typische Fehler

FehlerKorrektur
v bei 1 beginnen lassenDie Schwingungsquantenzahl beginnt bei v = 0.
Grundzustandsenergie gleich null setzenE0 = 1/2ℏω.
ω und ν verwechselnω = 2πν.
Wellenzahl mit Wellenlänge verwechselnṽ = 1/λ = ν/c.
Teilchenmasse statt reduzierter Masse verwendenBei zweiatomiger Relativbewegung gilt μ = m1m2/(m1+m2).
Energieabstand mit 1/2ℏω angebenDer Abstand benachbarter Niveaus ist ℏω; 1/2ℏω ist die Nullpunktsenergie.
Harmonische Auswahlregel auf reale Moleküle absolut übertragenAnharmonizität ermöglicht schwache Obertöne und Kombinationen.
Schwereres Isotop mit höherer Frequenz verbindenGrößere reduzierte Masse senkt die Frequenz.
Klassische Umkehrpunkte als harte Wände behandelnDie Wellenfunktion besitzt außerhalb endliche Ausläufer.
Leiteroperatoren ohne Normierungsfaktoren anwendenâ|v⟩ = √v|v−1⟩ und â†|v⟩ = √(v+1)|v+1⟩.

44. Übungsaufgaben

Aufgabe 1: Frequenz aus Kraftkonstante und Masse

Eine zweiatomige Schwingung besitze k = 480 N m−1 und μ = 1,63 × 10−27 kg. Berechne Kreisfrequenz ω, Frequenz ν und spektroskopische Wellenzahl ṽ.

Aufgabe 2: Niveauabstand und Nullpunktsenergie

Eine harmonische Schwingung besitzt ṽ = 2000 cm−1. Berechne den Abstand benachbarter Niveaus in Joule pro Molekül, Elektronenvolt und kJ mol−1. Bestimme außerdem die molare Nullpunktsenergie.

Aufgabe 3: Grundzustandsunschärfen

Verwende μ = 1,63 × 10−27 kg und die Kreisfrequenz aus Aufgabe 1. Berechne Δx, Δp und ΔxΔp im Grundzustand.

Aufgabe 4: Energien mehrerer Zustände

Für ṽ = 2000 cm−1: Bestimme E0, E1 und E3 in spektroskopischen Einheiten cm−1 und in kJ mol−1.

Aufgabe 5: Klassische Umkehrpunkte

Berechne für den Oszillator aus Aufgabe 1 die positiven klassischen Umkehrpunkte xt der Zustände v = 0 und v = 3.

Aufgabe 6: Leiteroperatoren und Messstatistik

Ein Zustand sei |ψ⟩ = (√3/2)|0⟩ + (1/2)|2⟩. Bestimme die Wahrscheinlichkeiten einer Messung von v, den Erwartungswert ⟨N⟩, die mittlere Energie und den Zustand â|ψ⟩.

Aufgabe 7: Quadratische Erwartungswerte

Berechne für v = 2 und die Parameter aus Aufgabe 1 die Größen ⟨x²⟩, ⟨p²⟩, Δx, Δp und ΔxΔp.

Aufgabe 8: Isotopenverschiebung HCl zu DCl

Verwende die Atommassen mH = 1,007825 u, mD = 2,014102 u und mCl = 35,45 u. Berechne die reduzierten Massen und das Verhältnis ṽDCl/ṽHCl. Welche DCl-Wellenzahl folgt aus ṽHCl = 2881 cm−1?

Aufgabe 9: IR-Photon

Eine fundamentale Schwingungsbande liegt bei 3000 cm−1. Berechne Wellenlänge, Photonenergie in Joule und Elektronenvolt sowie die molare Photonenenergie.

Aufgabe 10: Anharmonische Niveaus

Für einen anharmonischen Oszillator gelten ωe = 3000 cm−1 und ωexe = 60 cm−1. Berechne die Wellenzahlen der Übergänge v = 0 → 1 und v = 1 → 2 sowie des Obertons v = 0 → 2.

45. Vollständige Lösungen

Lösung 1
ω = √(k/μ)
ω = √[480/(1,63 × 10−27)]
ω ≈ 5,43 × 1014 s−1
ν = ω/(2π) ≈ 8,64 × 1013 Hz
ṽ = ν/c ≈ 2,88 × 103 cm−1
Lösung 2
ΔE = hcṽ

Mit ṽ = 2000 cm−1 = 2,00 × 105 m−1:

ΔE ≈ 3,97 × 10−20 J
ΔE ≈ 0,248 eV
ΔEm ≈ 23,93 kJ mol−1

Die Nullpunktsenergie ist die Hälfte:

EZPE,m ≈ 11,96 kJ mol−1
Lösung 3
Δx0 = √[ℏ/(2μω)]
Δx0 ≈ 7,72 × 10−12 m = 7,72 pm
Δp0 = √(μℏω/2)
Δp0 ≈ 6,83 × 10−24 kg m s−1
Δx0Δp0 ≈ 5,27 × 10−35 J s = ℏ/2
Lösung 4

In Wellenzahleinheiten:

Ev/(hc) = 2000(v + 1/2) cm−1
E0/(hc) = 1000 cm−1
E1/(hc) = 3000 cm−1
E3/(hc) = 7000 cm−1

Mit 1 cm−1 ≈ 0,0119627 kJ mol−1:

E0 ≈ 11,96 kJ mol−1
E1 ≈ 35,89 kJ mol−1
E3 ≈ 83,74 kJ mol−1
Lösung 5
xt = √[2ℏω(v+1/2)/(μω²)]
xt = √[2ℏ(v+1/2)/(μω)]

Für v = 0:

xt,0 ≈ 1,09 × 10−11 m = 10,9 pm

Für v = 3:

xt,3 ≈ 2,89 × 10−11 m = 28,9 pm
Lösung 6

Die beiden Messwahrscheinlichkeiten sind:

P(v=0) = 3/4
P(v=2) = 1/4
⟨N⟩ = (3/4)·0 + (1/4)·2 = 1/2

Damit:

⟨E⟩ = ℏω(⟨N⟩ + 1/2) = ℏω

Anwendung des Absenkoperators:

â|ψ⟩ = (√3/2)â|0⟩ + (1/2)â|2⟩
â|ψ⟩ = (√2/2)|1⟩ = |1⟩/√2

Dieser Vektor ist nicht normiert; seine Norm zum Quadrat beträgt 1/2. Nach Normierung bleibt |1⟩.

Lösung 7

Für v = 2 ist v + 1/2 = 2,5:

⟨x²⟩ = 2,5ℏ/(μω) ≈ 2,98 × 10−22
⟨p²⟩ = 2,5μℏω ≈ 2,33 × 10−46 kg² m² s−2
Δx ≈ 1,73 × 10−11 m
Δp ≈ 1,53 × 10−23 kg m s−1
ΔxΔp = 2,5ℏ ≈ 2,64 × 10−34 J s
Lösung 8
μHCl = mHmCl/(mH+mCl)
μHCl ≈ 0,97997 u
μDCl ≈ 1,90582 u

Bei nahezu gleicher Kraftkonstante:

DCl/ṽHCl = √(μHClDCl)
DCl/ṽHCl ≈ 0,7171
DCl ≈ 0,7171·2881 cm−1 ≈ 2066 cm−1
Lösung 9
λ = 1/ṽ
λ = 1/(3000 cm−1) = 3,33 × 10−4 cm
λ ≈ 3,33 µm
E = hcṽ ≈ 5,96 × 10−20 J
E ≈ 0,372 eV
Em ≈ 35,89 kJ mol−1
Lösung 10

Für benachbarte Niveaus:

v→v+1 = ωe − 2ωexe(v+1)

Fundamentalband:

0→1 = 3000 − 2·60 = 2880 cm−1

Heißband v = 1 → 2:

1→2 = 3000 − 4·60 = 2760 cm−1

Der Oberton ist die Summe beider Abstände:

0→2 = 2880 + 2760 = 5640 cm−1

Er liegt unter dem Doppelten der Fundamentalwellenzahl, weil die Niveauabstände mit v abnehmen.

46. Zusammenfassung

  • Nahe einem stabilen Potentialminimum ist die harmonische Näherung V = 1/2 kx² universell.
  • Der klassische Oszillator besitzt die Kreisfrequenz ω = √(k/m).
  • Der Quantenoszillator besitzt Ev = ℏω(v + 1/2).
  • Die Niveaus sind äquidistant und beginnen bei der positiven Nullpunktsenergie 1/2ℏω.
  • Die Eigenfunktionen bestehen aus Hermite-Polynomen und einem Gaußfaktor.
  • Der Zustand v besitzt v innere Knoten und die Parität (−1)v.
  • Leiteroperatoren verbinden benachbarte Zustände.
  • Der Grundzustand minimiert das Unschärfeprodukt mit ΔxΔp = ℏ/2.
  • Nach dem Virialsatz sind mittlere kinetische und potentielle Energie gleich.
  • Quantenwahrscheinlichkeit reicht über die klassischen Umkehrpunkte hinaus.
  • Eine zweiatomige Schwingung wird durch die reduzierte Masse μ beschrieben.
  • Die Wellenzahl ist ṽ = [1/(2πc)]√(k/μ).
  • Im harmonischen IR-Modell gilt Δv = ±1.
  • Schwerere Isotope verschieben Schwingungsbanden zu kleineren Wellenzahlen.
  • Anharmonizität führt zu abnehmenden Niveauabständen, Obertönen und Dissoziation.

47. Häufig gestellte Fragen

Warum besitzt der Grundzustand Energie, obwohl v = 0 ist?

v zählt die angeregten Schwingungsquanten. Zusätzlich bleibt die unvermeidbare Nullpunktsenergie 1/2ℏω bestehen.

Schwingt ein Molekül im Grundzustand klassisch hin und her?

Der Grundzustand ist stationär und besitzt keine klassische Bahn. Seine Orts- und Impulsverteilungen haben jedoch endliche Breiten, und die mittlere kinetische Energie ist positiv.

Warum sind die harmonischen Energieniveaus äquidistant?

Die algebraische Form Ĥ = ℏω(N̂ + 1/2) macht jede Erhöhung von v um eins zu einer Energieerhöhung um genau ℏω.

Warum hat der Zustand v genau v Knoten?

Das Hermite-Polynom Hv besitzt v reelle Nullstellen. Der Gaußfaktor verschwindet für endliches x nicht und fügt keine weiteren Knoten hinzu.

Ist jede Molekülschwingung infrarotaktiv?

Nein. Das elektrische Dipolmoment muss sich entlang der betreffenden Normalkoordinate ändern. Symmetrische Schwingungen können IR-inaktiv, aber Raman-aktiv sein.

Warum sinkt die Frequenz bei Isotopensubstitution?

Das elektronische Potential und k bleiben näherungsweise gleich, aber die reduzierte Masse steigt. Wegen ω = √(k/μ) sinkt die Frequenz.

Warum sind reale Schwingungsabstände nicht exakt gleich?

Reale Bindungspotentiale sind anharmonisch. Mit steigender Energie erkundet das Molekül stärker asymmetrische und flachere Potentialbereiche.

Kann die Nullpunktsenergie eine Bindung brechen?

Eine stabile gebundene Mode besitzt ihre Grundenergie unterhalb der Dissoziationsgrenze. Bei sehr flachen Potentialen kann Nullpunktsbewegung jedoch die effektive Stabilität und Struktur deutlich beeinflussen.

48. Ausblick auf Teil 6

Teil 6 behandelt den starren Rotor und den quantisierten Drehimpuls. Hergeleitet werden Rotationsenergien, die Quantenzahlen J und M, sphärische Harmonische, Entartung, Trägheitsmomente, Rotationskonstanten und die Auswahlregel ΔJ = ±1. Damit beginnt die direkte Verbindung zwischen quantenmechanischen Modellproblemen und Rotationsspektroskopie.

Literatur und weiterführende Quellen

  1. P. Atkins, J. de Paula & J. Keeler: Atkins’ Physical Chemistry. Oxford University Press.
  2. D. A. McQuarrie & J. D. Simon: Physical Chemistry: A Molecular Approach. University Science Books.
  3. P. W. Atkins & R. S. Friedman: Molecular Quantum Mechanics. Oxford University Press.
  4. D. J. Griffiths & D. F. Schroeter: Introduction to Quantum Mechanics. Cambridge University Press.
  5. G. Herzberg: Molecular Spectra and Molecular Structure I: Spectra of Diatomic Molecules. Krieger.

Didaktischer Hinweis: Der Artikel behandelt zunächst eine einzelne eindimensionale harmonische Mode. Reale Moleküle besitzen gekoppelte Normalmoden, Rotations-Schwingungs-Wechselwirkungen, Anharmonizität und gegebenenfalls nichtadiabatische elektronische Kopplungen.

Bild- und Nutzungsnachweis: Das Titelbild und die Abbildungen 1–3 wurden eigens für diesen Blogartikel mit selbst erstelltem Programmcode erzeugt. Es wurden keine Grafiken aus Lehrbüchern oder anderen Publikationen übernommen. Die Abbildungen sind für die Verwendung in diesem monetarisierbaren Blog vorgesehen.

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