Einleitung
Finanzderivate sind
Finanzinstrumente, deren Wert sich von zugrunde liegenden Vermögenswerten wie
Aktien, Anleihen oder Währungen ableitet[1]. Sie werden vielseitig
eingesetzt, um Risiken abzusichern oder auf Marktbewegungen zu spekulieren. Der
Markt für diese Derivate ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen und hat
eine zentrale Rolle in modernen Finanzmärkten eingenommen. Die vorliegende
Arbeit gibt einen umfassenden Überblick über Optionen, Futures und andere
Derivate, erläutert Funktionsweisen, Anwendungsgebiete und
Bewertungsmethoden dieser Instrumente und geht auch auf fortgeschrittene
theoretische Modelle sowie historische Erfahrungen mit Derivaten ein.
Zunächst werden Grundlagen zu Futures und Forwards und
deren Einsatz in der Absicherung behandelt. Darauf aufbauend folgt eine
ausführliche Darstellung der Optionsmärkte, beginnend bei
Standard-Aktienoptionen und Handelsstrategien bis hin zu komplexen
Bewertungsmodellen (Binomialmodelle, Wiener-Prozesse und Itōs Lemma,
Black-Scholes-Merton-Modell). Ferner werden spezielle Themen wie Mitarbeiteroptionen,
Index- und Währungsoptionen, Volatilitätssmile und Optionspreissensitivitäten
(Griechen) erläutert. Anschließend widmet sich die Arbeit weiteren Derivaten:
Zinsderivaten (Swaps, Zins-Futures, Caps/Floors, Zinsstrukturmodelle), Kreditderivaten,
exotischen Optionen sowie Wetter-, Energie- und
Versicherungsderivaten. Abschließend werden numerische Verfahren und
modelltheoretische Aspekte (risikoneutrale Martingalmaße, Marktmodelle)
diskutiert, bevor anhand berühmter Fälle großer Verluste mit Derivaten die
praktischen Lehren gezogen werden.
Der Fokus liegt sowohl auf der praxisorientierten Beschreibung der
Instrumente und Strategien als auch auf der Darstellung der finanztheoretischen
Grundlagen. Alle Abschnitte sind mit wissenschaftlichen Quellen untermauert, um
den aktuellen Wissensstand abzubilden und den wissenschaftlichen Anspruch
dieser Arbeit zu gewährleisten. Im Folgenden beginnt die Untersuchung mit den
Terminmärkten und der Verwendung von Futures zur Absicherung.
Futures-Märkte
Futures (Terminkontrakte) sind standardisierte, an Börsen gehandelte
Vereinbarungen, in der Zukunft ein bestimmtes Gut (Basiswert) zu einem heute
festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Diese Terminkontrakte
werden an speziellen Terminbörsen (wie der Eurex in Europa oder der CME in den
USA) gehandelt[2]. Ein zentrales Merkmal der
Futures-Märkte ist das Clearing durch eine Clearingstelle: Das
Clearinghaus tritt als Mittler zwischen Käufer und Verkäufer jedes Kontrakts
und garantiert die Erfüllung, wodurch das Gegenparteiausfallrisiko stark
reduziert wird[3].
Futures sind vollständig standardisiert. Die Kontrakte legen
genau die Menge, Qualität und den Lieferzeitpunkt des Basiswertes fest.
Beispielsweise umfasst ein Gold-Future an der New York Mercantile Exchange
immer 100 Feinunzen Gold mit definierter Reinheit und festem Liefermonat[4]. Diese Standardisierung
fördert die Liquidität, da alle Marktteilnehmer identische Kontrakte
handeln. Preisnotierungen an der Terminbörse beziehen sich dabei stets auf eine
bestimmte Maßeinheit des Basiswerts (z.B. Preis pro Feinunze Gold oder Indexpunkt)
und lassen sich in einen Kontraktpreis umrechnen[5].
Ein weiteres wichtiges Charakteristikum von Futures-Märkten ist das Margining:
Beide Vertragspartner müssen eine Sicherheitsleistung (Margin)
hinterlegen, um eine Position zu eröffnen[6]. Es gibt Initial Margin
(Einschuss) für den Positionsaufbau und Maintenance Margin zur
Aufrechterhaltung der Position[7]. Die Margin, typischerweise
nur wenige Prozent des Kontraktwertes, schützt gegen Verluste und wird täglich
an die Marktbewegungen angepasst (Mark-to-Market). Diese tägliche Abrechnung
bedeutet praktisch, dass Futures ökonomisch wie täglich neu geschlossene
Forwards behandelt werden. Entsteht über den Tag ein Gewinn oder Verlust, wird
die Margin entsprechend aufgestockt oder teils freigegeben.
Durch das Zusammenspiel von Clearing und Margining sind Futures-Märkte
sehr sicher und effizient. Gleichzeitig ermöglicht der Hebel – da nur
ein Bruchteil des Kontraktwerts als Margin gebunden ist – hohe Gewinn- oder
Verlustchancen. Ein Future ist somit ein Hebelinstrument; der Hebel ergibt sich
aus Kontraktwert geteilt durch die hinterlegte Margin[8][9]. Beispielsweise hat ein
DAX-Future (25 € pro Punkt, bei 5000 Punkten also 125.000 € Kontraktwert) mit
9.000 € Margin einen Hebel von etwa 13,9[10]. Eine 1% Veränderung des
Index bewirkt dann ca. 13,9% Änderung auf das eingesetzte Kapital.
Absicherungsstrategien mit Futures
Ein Hauptzweck der Futures-Märkte ist die Absicherung (Hedging)
von Preisrisiken. Viele Teilnehmer an Terminbörsen sind Hedger, die bestehende
Risiken – etwa schwankende Rohstoffpreise, Wechselkurse oder Aktienmarktindizes
– durch Gegenpositionen in Futures reduzieren wollen[11]. Eine perfekte Absicherung würde das Risiko vollständig
eliminieren, ist in der Praxis aber selten erreichbar[12]. Daher konzentrieren sich Absicherungsstrategien darauf, das Risiko so
weit wie möglich zu reduzieren, auch wenn eine geringfügige Restunsicherheit
(Basisrisiko) bestehen bleibt[13].
Grundprinzip
einer Hedge-Strategie mit Futures ist, eine Futures-Position einzunehmen,
die Verlust und Gewinn des abgesicherten Geschäfts ausgleicht[14]. Ein Beispiel: Ein Unternehmen, das bei steigenden Rohstoffpreisen
Verluste erleidet, würde eine Short-Position in Futures auf diesen Rohstoff
eingehen. Steigt der Preis, führt die Short-Futures-Position zu einem Gewinn,
der den Verlust im physischen Geschäft kompensiert; fällt der Preis, entsteht
aus der Futures-Position ein Verlust, der jedoch durch günstigere Beschaffung
im Spotmarkt ausgeglichen wird[15][16]. Eine solche Short Hedge (Verkaufsabsicherung) mit Futures ist
sinnvoll, wenn man einen Vermögenswert besitzt oder bald verkaufen muss und
fallende Preise befürchtet[17] (z.B. ein Landwirt, der eine zukünftige Ernte gegen Preisrückgänge
absichert). Umgekehrt würde eine Long Hedge eingesetzt, wenn man
zukünftige Käufe gegen steigende Preise schützen möchte.
Wesentliche
Aspekte der Absicherung mit Futures sind die Auswahl des passenden Kontrakts
und die Bestimmung der optimalen Kontraktzahl (Hedge Ratio). Oft wird
derjenige Futures-Kontrakt gewählt, dessen Basiswert und Laufzeit den
Risikoquellen am nächsten kommen. Ist kein exakt passender Future verfügbar,
betreibt man Cross-Hedging, indem man einen hoch korrelierten
Futures-Basiswert wählt. Das Basisrisiko ergibt sich aus der möglichen
Divergenz zwischen Kassa- und Futurespreisentwicklung sowie eventuellen
Qualitäts- oder Laufzeitunterschieden. Die Minimum-Varianz-Hedge-Ratio
berechnet man oft mittels statistischer Schätzungen (z.B. Regression der
Preisänderungen), um die Volatilität des gehedgten Gesamtwerts zu minimieren.
Hedging
mit Futures erfordert zudem laufende Überwachung: Da die Kassa- und
Futurespreise nicht perfekt parallel laufen, kann es nötig sein, die Position
anzupassen (Rolling der Futures bei Ablauf, Korrektur der Hedge-Ratio etc.).
Dennoch bieten Futures-Hedges eine effiziente und kostengünstige Möglichkeit,
Risiken zu steuern, da Futures sehr liquide sind und – im Gegensatz zu
Versicherungslösungen – keine Prämien gezahlt werden müssen (die Margin ist ja
kein Kostenbestandteil, sondern Sicherheitsleistung).
Zinssätze
Zinssätze spielen im Terminmarkt und bei der Bewertung von Derivaten eine
zentrale Rolle, da sie für Abzinsung und Finanzierungskosten verantwortlich
sind. In Derivatekontrakten werden verschiedene Zinsbegriffe verwendet: nominale
Jahreszinsen mit bestimmten Zinszählweisen (z.B. ACT/365 oder 30/360), effektive
Zinsen für einen Zeitraum, und häufig auch stetige Verzinsung in
finanzmathematischen Modellen. So entspricht ein stetig verzinster Zinssatz r
pro Jahr einem Faktor $e^{r\cdot T}$ für T Jahre, während z.B. jährliche
Verzinsung mit unterjähriger Kuponzahlung auf äquivalente effektive Raten
umgerechnet werden muss.
Für die Bewertung von Forwards und Optionen wird meist mit risikofreien
Zinssätzen (etwa Geldmarkt- oder Swapzinssätzen) gearbeitet. Wichtig ist
dabei die Zinsstrukturkurve (Yield Curve), die für jede Laufzeit einen
eigenen Zinssatz liefert. Aus Spot-Zinssätzen (Zero Rates) können Terminzinssätze
(Forward Rates) abgeleitet werden, welche zukünftige risikofreie Verzinsung für
bestimmte Zeiträume repräsentieren. Beispiel: Wenn heute der 1-Jahres-Zins und
der 2-Jahres-Zins bekannt sind, lässt sich daraus der implizite
1-Jahres-Terminzinssatz für in einem Jahr (für das zweite Jahr) ermitteln.
Dieser Terminzinssatz ist der Zinssatz, bei dem eine Anlage vom Jahr 1 bis 2
die gleiche Rendite erzielt wie eine zweijährige Anlage, und kann aus den Zero
Rates berechnet werden.
Ein praktischer Aspekt in Terminmärkten ist, dass Kassapreis und
Terminkontraktpreis durch das Zinsniveau verknüpft sind. Oft wird der
Begriff Cost of Carry verwendet: Er umfasst die Haltekosten eines
Basiswerts bis zur Fälligkeit, insbesondere Finanzierungskosten (Zinsen) und
Lager- oder Versicherungskosten, abzüglich etwaiger Erträge (z.B. Dividenden
oder Lagergutschriften). Zinsen sind ein wesentlicher Bestandteil dieser
Haltekosten – sie stellen Opportunitätskosten dar, weil Kapital im Basiswert
gebunden ist, das alternativ verzinslich angelegt werden könnte[18]. Damit erklärt sich, warum
Terminpreise bei längerer Laufzeit tendenziell über dem aktuellen Kassapreis
liegen: Der Future-Preis beinhaltet die aufgelaufenen Finanzierungskosten und
sonstigen Haltekosten bis zum Liefertermin. Dieses Prinzip wird im nächsten
Abschnitt zur Bestimmung von Forward- und Futures-Preisen quantifiziert.
Bestimmung von
Forward- und Futures-Preisen
Der
Preis eines Forward- oder Futures-Kontrakts (Terminpreis) ergibt sich unter
Abwesenheit von Arbitrage aus dem Kassapreis plus den Cost-of-Carry bis
zur Fälligkeit. Formal gilt in einfacher Form:
![]()
wobei
$S_0$ der heutige Kassapreis ist, $r$ der risikofreie Zinssatz
(Finanzierungskosten), Kosten z.B. Lager- oder Versicherungskosten und Erträge
kontinuierliche Erträge wie Dividenden oder Convenience Yield (bei Rohstoffen).
In vielen Fällen lässt sich der Terminpreis näherungsweise berechnen
als Kassapreis plus Terminspread. Der Terminspread entspricht
dabei den Haltekosten abzüglich Erträge. Ein quantitatives Beispiel: Angenommen
der Spotpreis eines Rohstoffs beträgt 400 €, der jährliche Zinssatz 5%,
die Versicherungsprämie 3 € pro Jahr und Lagerkosten 2 € pro Jahr. Die gesamten
Haltekosten für ein Jahr betragen dann 20 € Zins + 3 € Versicherung +
2 € Lager = 25 €[19].
Entsprechend würde ein Forward mit Fälligkeit in einem Jahr ohne
laufende Erträge etwa zu 425 € gehandelt (400 € + 25 €)[20].
Allgemein nähert sich der Terminpreis mit abnehmender Restlaufzeit immer mehr
dem Kassapreis an, da die aufzinsenden Haltekosten gegen Null gehen[21].
Abweichungen zwischen dem theoretischen Terminpreis und dem Kassapreis
eröffnen Arbitragemöglichkeiten. Beispielsweise würde ein Future, der
deutlich über dem theoretischen Preis notiert, Arbitrageure anziehen, die den
Basiswert heute kaufen (gegen Finanzierung) und den Future verkaufen – die
risikolose Gewinnmöglichkeit drückt den Future-Preis wieder nach unten.
Umgekehrt begrenzen Arbitragegeschäfte Abweichungen nach unten. Daher können
sich Future- und Kassapreis nur innerhalb enger Grenzen unterscheiden und nicht
dauerhaft auseinanderlaufen[22][23].
In der Praxis können jedoch Besonderheiten des Underlyings leichte
Abweichungen verursachen, etwa Liefer- und Qualitätskosten, Liquiditätsfaktoren
oder Steueraspekte. Beispielsweise enthalten Future-Preise auf
verzinsliche Wertpapiere (Anleihen) einen Konvexitätsaufschlag gegenüber
theoretischen Forwardpreisen, da die tägliche Wiederanlage der Variation Margin
bei Zinsänderungen zu leichten Bewertungsunterschieden führt (siehe Abschnitt Anpassung:
Konvexität weiter unten). Dennoch bilden die oben beschriebenen
Kostengrößen (Zins, Lager, Erträge) den Kern der Forward- und
Futures-Preisbildung.
Besondere Fälle: Hat der Basiswert laufende Erträge (z.B.
Dividendenrendite $q$ bei Aktienindizes), vermindern diese den Terminpreis:
$F_0 \approx S_0 e^{(r - q)T}$. Bei nicht lagerfähigen Gütern oder
Dienstleistungen ist eine strikte Preiskopplung oft nicht möglich – es gibt
dann keine echten Forwards, oder sie enthalten Aufschläge für Anbieterprämien.
Für Devisen ergibt sich die sogenannte Zinsparität:
$F_{0}^{\text{Währung}} = S_0 \cdot e^{(r_{\text{Inland}} -
r_{\text{Ausland}})T}$, d.h. der Forward-Wechselkurs ergibt sich aus Spotkurs
und Zinsdifferenz der beiden Währungen (siehe Optionen auf Währungen).
Zins-Futures
Neben Waren und Aktienindizes
werden an Terminbörsen auch Futures auf Zinssätze gehandelt. Zins-Futures
beziehen sich zumeist auf standardisierte Schuldinstrumente oder
Geldmarktsätze. Beispiele sind der Euro-Bund-Future (ein Future auf eine
fiktive 10-jährige deutsche Bundesanleihe) oder Kurzfrist-Zins-Futures
wie der 3-Monats-Euribor- oder Eurodollar-Future. Letztere dienen zur
Absicherung bzw. Spekulation auf zukünftige Kurzfristrenditen. Ihr Preis wird
meist in einem speziellen Quotenformat dargestellt: 100 minus Zinssatz.
Konkret bedeutet dies: Ein gehandelter Preis von z.B. 97,00 für einen
3-Monats-Eurodollar-Future impliziert einen erwarteten 3-Monats-LIBOR-Satz von
3,00% für die entsprechende zukünftige Periode[24]. Dieser Quotierungsmechanismus
(Preis = 100 − Zinssatz) sorgt dafür, dass steigende Zinserwartungen zu
fallenden Future-Preisen führen und umgekehrt. Die Kontrakte haben einen
bestimmten Notional (bei Eurodollar-Futures z.B. 1 Million USD) und bewegen
sich bei 0,01 Prozentpunkt Änderung um einen festen Geldbetrag (25 USD pro
Basispunkt beim Eurodollar-Future)[25]. Dadurch lassen sich
Zinsänderungsrisiken sehr fein steuern.
Zins-Futures ermöglichen vielfältige Strategien: Banken nutzen sie, um
sich gegen Zinsänderungsrisiken ihrer Kreditportfolios abzusichern (z.B. gegen
steigende Refinanzierungskosten durch Short-Positionen in Geldmarktfutures).
Unternehmen können zukünftige Kreditzinsen fixieren (synthetisch über
Long-Positionen in Zins-Futures, was steigende Marktzinsen kompensiert). Zudem
werden Zins-Futures eingesetzt, um auf geldpolitische Entscheidungen zu
spekulieren, da ihre Preise stark auf Erwartungen an Zentralbankzinsänderungen
reagieren.
Eine Besonderheit bei einigen Zins-Futures ist die Lieferung eines
fiktiven Instruments: Beim Eurodollar-Future erfolgt keine physische
Lieferung, sondern eine barwertige Ausgleichszahlung basierend auf dem
tatsächlich fixierten LIBOR zum Kontraktende (Cash Settlement). Beim
Bund-Future hingegen kann physisch geliefert werden, wobei ein Lieferbasket
an zulässigen Anleihen besteht – dies erfordert die Conversion Factor-Rechnung,
um unterschiedlich verzinste Anleihen vergleichbar zu machen. Arbitrage
zwischen Kassa-Anleihemarkt und Futures stellt sicher, dass der
Bund-Future-Preis konsistent mit den Anleihepreisen und dem Zinsniveau bleibt.
Zusammenfassend sind Zins-Futures ein zentrales Werkzeug für das Zinsrisikomanagement,
da sie liquide, standardisiert und effizient preislich mit dem Kassazinsmarkt
verknüpft sind. Ihr Preis spiegelt die kollektive Markterwartung zukünftiger
Zinssätze wider, und über den Quotierungsmechanismus 100 - Zinssatz
lassen sich diese Erwartungen unmittelbar ablesen[24].
Swaps
Swaps sind
Derivate, bei denen zwei Parteien Zahlungsströme austauschen (to swap =
tauschen). Der häufigste Typ ist der Zinsswap: Hierbei vereinbaren zwei
Parteien, zu bestimmten Terminen Zinszahlungen auf einen festgelegten
Nominalbetrag auszutauschen[26]. Typischerweise zahlt eine Partei
einen Festzins (z.B. 2% p.a. fix auf 5 Mio. € Nominale) und erhält im
Gegenzug einen variablen Zinssatz (z.B. 6-Monats-Euribor + Marge) von
der anderen Partei[27]. Durch den Swap können also feste
gegen variable Zinsbindungen getauscht werden, ohne dass der Nominalbetrag
selbst fließt (nur Zinsdifferenzen werden gezahlt). Unternehmen nutzen
Zinsswaps etwa, um ihre Zinsstruktur anzupassen – z.B. ein Unternehmen mit variabel
verzinstem Kredit kann via Swap variable gegen feste Zahlungen tauschen, um
sich gegen steigende Zinsen abzusichern.
Ein Zinsswap lässt sich verstehen als Bündel von Forward Rate
Agreements (FRAs): Der Festzins entspricht dem am Markt gehandelten Swap-Satz,
bei dem der anfängliche Marktwert des Swaps null ist (Barwert der festen
Zahlungen = Barwert der erwarteten variablen Zahlungen). Die Bewertung eines
Zinsswaps erfolgt mittels Abzinsung der Cashflows: Der Wert für den Festzahler
= Barwert(variable Zahlungen) - Barwert(feste Zahlungen). Direkt nach Abschluss
ist dieser Wert null. Im Zeitverlauf schwankt der Marktwert abhängig von
der Entwicklung der Zinskurve. Swaps werden typischerweise OTC gehandelt
und gemäß ISDA-Standardverträgen dokumentiert.
Neben Zinsswaps gibt es zahlreiche Varianten von Swaps: - Währungs-
oder FX-Swaps: Austausch von Zinszahlungen und Nominalbetrag in zwei
verschiedenen Währungen. Beispielsweise zahlt Partei A feste USD-Zinsen auf
einen USD-Betrag und erhält von B feste EUR-Zinsen auf einen EUR-Betrag, am
Ende werden die Nominale zurückgetauscht. Solche Swaps dienen zur Absicherung
von Fremdwährungsfinanzierungen. - Basiszins-Swaps: Beide Seiten zahlen
variable Zinsen, jedoch z.B. auf Basis unterschiedlicher Indizes (z.B. 3-Monats-Euribor
gegen 6-Monats-Euribor + Spread). Dies hilft, verschiedene Referenzzinssätze
miteinander zu tauschen. - Total Return Swaps (TRS): Eine Seite zahlt
die Totalrendite (Zins + Wertänderung) eines Referenzaktivums (z.B. Aktienindex
oder Kreditportfolio) und erhält im Gegenzug einen festen oder variablen Satz.
TRS erlauben es, z.B. Kreditrisiken oder Aktienmarktengagements zu übertragen,
ohne das Underlying direkt zu verkaufen. - Credit Default Swaps (CDS):
Spezialform, gehört streng genommen zu Kreditderivaten – der Sicherungsnehmer
zahlt regelmäßige Prämien und erhält vom Sicherungsgeber eine Ausgleichszahlung
im Falle eines Kreditereignisses (z.B. Insolvenz eines Referenzschuldners).
Ein wichtiger Einsatz von Swaps ist das Asset-Liability-Management
von Banken. Durch Swaps können Banken ihre Zinsbindungsfristen der Aktiva (z.B.
Kredite) und Passiva (Einlagen) ausgleichen. Unternehmen nutzen Währungsswaps,
um sich Fremdwährungskredite günstiger zu verschaffen (Cross Currency Swaps
erlauben Arbitrage zwischen unterschiedlichen Kreditmärkten).
Swaps haben sich seit den 1980er Jahren enorm verbreitet. Anders als
Futures werden sie OTC abgeschlossen, was Flexibilität in Laufzeit und Beträgen
bietet, jedoch Kontrahentenrisiken mit sich bringt. Zentraler Clearing von
Standard-Swaps (z.B. via Clearingstellen für bestimmte Zinsswaps) und
Besicherung (Margin Agreements) haben in jüngerer Zeit diese Risiken reduziert.
Optionsmärkte
Optionen geben dem Inhaber das Recht, nicht jedoch die Pflicht, ein
bestimmtes Underlaying (Basiswert) zu einem vorher festgelegten Preis
(Strike) entweder zu kaufen (Call-Option) oder zu verkaufen (Put-Option). Der
Käufer einer Aktienoption erwirbt beispielsweise das Recht, eine bestimmte
Anzahl von Aktien zu einem fest definierten Preis innerhalb einer bestimmten
Laufzeit (bei amerikanischer Option jederzeit bis Verfall; bei europäischer
Option nur am Fälligkeitstag) zu kaufen oder zu verkaufen[28]. Für dieses Recht bezahlt der
Optionskäufer eine Prämie an den Stillhalter (Optionsverkäufer). Der Verkäufer
der Option übernimmt die Verpflichtung, im Falle der Ausübung die Aktien zum Basispreis
abzunehmen (bei Put) oder zu liefern (bei Call)[29]. Im Gegenzug erhält er die
Optionsprämie, die seine Einnahme darstellt[29].
Optionen werden an speziellen Optionbörsen gehandelt (z.B. Cboe
in Chicago, Eurex für Deutschland/Europa). Dort existieren standardisierte Aktienoptionen
auf viele große Aktien sowie Indexoptionen auf wichtige Börsenindizes.
In Deutschland werden Aktienoptionen ausschließlich an der Terminbörse Eurex
gehandelt – im Unterschied zu sogenannten Optionsscheinen, die außerbörslich
von Banken emittiert werden[30]. Die Standardisierung umfasst
typischerweise 100 Aktien pro Kontrakt (in den USA) oder 100/50 Aktien (Eurex)
und bestimmte Ausübungspreise sowie festgelegte Verfalltermine (meist monatlich
oder quartalsweise). Durch diesen Börsenhandel entsteht Liquidität und
Transparenz; Marktteilnehmer können leicht Positionen aufbauen oder
glattstellen.
Die Optionsmärkte bieten vielfältige strategische Möglichkeiten:
Investoren können Calls kaufen, um mit begrenztem Kapital von Kurssteigerungen
eines Basiswertes zu profitieren (der Verlust ist auf die Prämie beschränkt,
das Gewinnpotenzial im Erfolgsfall jedoch theoretisch unbegrenzt). Puts werden
gekauft, um von fallenden Kursen zu profitieren oder als Absicherung (eine
Put-Option auf ein Aktienportfolio wirkt wie eine Versicherung gegen
Kurseinbrüche). Stillhalter von Calls nehmen eine Verpflichtung ein, für die
sie eine Prämie erhalten – sie profitieren, wenn der Basiswert nicht
stark steigt (die Option verfällt dann wertlos und die Prämie bleibt Gewinn),
tragen aber das Risiko, bei starkem Anstieg liefern zu müssen (ungedeckte Calls
haben theoretisch unbegrenztes Verlustpotenzial). Entsprechend erfordert das
Stillhalten ein Margin-Hinterlegen analog zu Futures, um die Erfüllung
sicherzustellen.
Eine wichtige grundlegende Beziehung in Optionsmärkten ist die Put-Call-Parität
(für europäische Optionen ohne Dividenden). Sie besagt: Call-Preis -
Put-Preis = Kassakurs - Barwert(Strikpreis)[31]. Diese feste Preisrelation
zwischen Put und Call auf denselben Basiswert mit gleicher Laufzeit und Strike
wird durch Arbitrage erzwungen. Ist z.B. ein Call überteuert relativ zum Put,
Kassawert und Zinssatz, könnte man den Call verkaufen, den Put kaufen und den
Basiswert kaufen (bzw. entsprechende Kombination), um einen risikolosen Gewinn
zu erzielen. Die Put-Call-Parität liefert nicht nur eine Konsistenzprüfung für
Marktpreise, sondern ermöglicht auch die Konstruktion synthetischer
Positionen – etwa lässt sich ein synthetischer Forward durch Kauf eines
Calls und Verkauf eines Puts (auf denselben Strike) herstellen.
Eigenschaften von
Aktienoptionen
Aktienoptionen
weisen bestimmte grundlegende Eigenschaften und Bewertungsrelationen auf:
- Einflussfaktoren
auf den Optionspreis: Der Wert einer Option hängt
von mehreren Variablen ab: dem aktuellen Aktienkurs $S$, dem
Ausübungspreis $K$, der Restlaufzeit $T$, der Volatilität $\sigma$ des
Basiswerts, dem risikofreien Zinssatz $r$ und etwaigen Dividenden des
Basiswerts. Eine Call-Option wird umso wertvoller, je höher $S$ (steigt
mit Basiswert), je niedriger $K$ (günstiger Ausübungspreis), je länger die
Laufzeit (mehr Zeitwert), je höher die Volatilität (größeres
Bewegungspotenzial) und je höher $r$ (der Gegenwartswert künftiger Zahlung
$K$ sinkt). Für eine Put-Option wirken $S$ und $r$ entgegen: sinkender
Aktienkurs und niedrigerer Zinssatz erhöhen den Put-Wert.
- Obere
und untere Schranken: Der Optionspreis unterliegt
gewissen Grenzen. Beispielsweise kann der Preis einer Kaufoption nie höher
sein als der aktuelle Aktienkurs (ein Call berechtigt maximal zum Erwerb
der Aktie, er darf nicht teurer sein als der direkte Aktienkauf). Ebenso
besitzt ein europäischer Call ohne Dividendenzahlung stets einen Wert über
seinem inneren Wert, aber unter dem Aktienkurs. Der innere Wert ist
definiert als $\max(S - K, 0)$ (bei Calls) bzw. $\max(K - S, 0)$ (bei
Puts). Optionen haben zusätzlich Zeitwert, solange $T>0$ – d.h.
der Marktpreis liegt normalerweise über dem aktuellen inneren Wert, weil
noch zukünftige Kursbewegungen möglich sind.
- Frühzeitige
Ausübung: Amerikanische Optionen können vor
Fälligkeit ausgeübt werden. Bei Calls auf Aktien ohne Dividende ist
eine vorzeitige Ausübung in der Regel nicht optimal, da man durch
Halten der Option mehr Vorteil hat (man bewahrt sich Flexibilität und
zahlt den Ausübungspreis später). Es gilt: Eine amerikanische Kaufoption
ohne Dividenden sollte vorzeitig nicht ausgeübt werden – ihr Wert
entspricht dem europäischen Wert (kein Early Exercise Vorteil). Anders bei
Puts oder bei Call-Optionen mit Dividenden: Hier kann es
rational sein, frühzeitig auszuüben. Beispielsweise kann ein tief im Geld
liegender Put sinnvoll vor Fälligkeit ausgeübt werden, wenn Zinsen und
Restlaufzeit gering sind, um den restlichen Zeitwert des Geldes aus dem
Strike zu realisieren.
- Dividenden senken ceteris paribus den Wert von Calls und erhöhen den Wert
von Puts (weil der Aktienkurs nach Dividenden ex Dividende fällt). Die
Modelle (siehe Black-Scholes-Formel) berücksichtigen Dividenden meist durch
einen kontinuierlichen Dividendenzins $q$ oder durch Abzüge im Kurs.
- Symmetrie: Die Put-Call-Parität wurde bereits erwähnt. Weitere Relationen
sind etwa, dass zwei gleiche Calls mit verschiedenen Strikes (bzw. Puts)
bestimmte Wertrelationen einhalten (der Call mit niedrigerem Strike ist
teurer oder gleich teuer wie der mit höherem Strike, etc.).
Diese
Eigenschaften wurden durch theoretische Überlegungen und Arbitrageargumente
hergeleitet und bilden die Grundlage für Optionsbewertungen und -strategien. Gerade
das Verständnis der Einflussfaktoren (wie Volatilität oder Restlaufzeit) ist
wichtig, um das Verhalten von Optionspreisen zu antizipieren. Zum Beispiel
nimmt der Zeitwertverlust (Theta) einer Option gegen Ende der Laufzeit
typischerweise zu – Optionen verlieren kurz vor Fälligkeit rapide an Wert, wenn
sie aus dem Geld sind, wohingegen im Geld Optionen immer näher an ihren inneren
Wert rücken.
Handelsstrategien mit
Optionen
Optionskontrakte
ermöglichen eine Vielzahl von Handelsstrategien, die über einfache Long-
oder Short-Positionen hinausgehen. Durch Kombinationen von Calls, Puts und ggf.
dem Basiswert lassen sich spezifische Risiko-Ertrags-Profile konstruieren, um
auf unterschiedliche Markterwartungen (steigend, fallend, volatil, stabil) zu
setzen:
- Covered
Call (Verkauf einer Call-Option bei
gleichzeitigem Halten des Basiswerts): Diese Strategie generiert
Prämieneinnahmen für einen Aktieninvestor. Sie ist profitabel, wenn der
Aktienkurs seitwärts läuft oder moderat steigt (die Prämie wird
vereinnahmt und die Aktie kann behalten werden). Sollte der Kurs stark
steigen und der Call ausgeübt werden, verkauft man die Aktie zum Strike
(entgeht also Gewinnen oberhalb des Strike). Der Covered Call bietet somit
begrenzten Aufwärtsertrag (Strike + Prämie) und eine gewisse
Downside-Absicherung (Prämie als Puffer bei Kursrückgang).
- Protective
Put (Kauf einer Put-Option auf einen gehaltenen
Basiswert): Dies entspricht einer Versicherung nach unten. Fällt der
Aktienkurs stark, fängt der Put-Vertrag den Verlust unterhalb des Strike
auf (man kann die Aktie zum Strike verkaufen). Diese Strategie begrenzt
Verluste (analog einer Stop-Loss-Versicherung) auf Kosten der gezahlten
Prämie. Sie ist sinnvoll, wenn man die Aktie halten will, aber kurzfristig
Absicherung gegen Crash-Risiken sucht.
- Straddle: Kauf einer Call- und einer Put-Option mit gleichem Strike und
Verfall. Ein Long Straddle erwartet eine kräftige Bewegung des
Basiswertes, egal in welche Richtung (hohe Volatilität)[32][33]. Gewinn
entsteht, wenn der Kurs entweder weit über oder weit unter dem Strike
endet – die eine Option wird dann viel wert, während die andere verfällt.
Bewegt sich der Kurs kaum, verliert man die gezahlten Prämien beider
Optionen (Totalverlust am Strike). Ein Short Straddle dagegen setzt
auf geringe Volatilität (stagnierende Kurse)[32][34]: Man
verkauft Call und Put gleichzeitig und kassiert die Prämien, muss aber bei
großer Kursbewegung potenziell hohe Verluste tragen (diese Strategie birgt
unbegrenztes Risiko, wenn ungedeckt). Aufgrund dieses Risikos erfordert
das Schreiben von Straddles strenge Risikoüberwachung oder eine
zusätzliche Absicherung (z.B. im Covered Straddle hält man den
Basiswert, um den Call abzudecken[35]).
- Strangle: Ähnlich dem Straddle, aber Kauf/Verkauf von unterschiedlich
strike Optionen (Out-of-the-Money Call und Put). Ein Long Strangle ist oft
günstiger als ein Straddle (weniger Prämie, da beide Optionen aus dem
Geld), benötigt dafür noch größere Bewegungen (der Kurs muss eine bestimmte
Bandbreite verlassen, damit einer der beiden Optionen ins Geld geht). Ein
Short Strangle hat etwas geringeres Risiko als ein Short Straddle, da die
Optionen weiter aus dem Geld sind, bleibt aber hochriskant bei extremen
Bewegungen.
- Spreads: Hier kombiniert man Optionen gleicher Art (Calls oder Puts) mit
verschiedenen Strikes oder Laufzeiten. Beispiele:
·
Bull Call
Spread: Kauf eines Calls mit niedrigem Strike und
Verkauf eines Calls mit höherem Strike (gleiche Laufzeit). Das begrenzt sowohl
Gewinn als auch Kosten: Man wettet auf moderat steigende Kurse innerhalb einer
Bandbreite. Ähnlich gibt es Bear Put Spreads (auf fallende Kurse).
- Butterfly
Spread: Kombination von vier Optionen, z.B. Kauf
von 1 Call mit tiefem Strike, 1 Call mit hohem Strike und Verkauf von 2
Calls mittlerer Strike (symmetrisch dazwischen). Diese Struktur profitiert
von minimaler Volatilität: Sie erzielt Gewinn, wenn der Kurs am mittleren
Strike (dem "Körper" des Schmetterlings) bleibt, und Verlust bei
großen Abweichungen nach oben oder unten. Sie ist kostengünstig (niedrige
Nettoprämie) und drückt eine Erwartung sehr geringer Bewegung aus (eine
Art Short-Vol-Position mit begrenztem Risiko).
- Kombination
mit Basiswert: Collar (Schutzkorridor)
etwa: Man hält den Basiswert, kauft einen Put (Absicherung nach unten) und
finanziert diesen teilweise durch den Verkauf eines Calls (gibt oberhalb
einen Gewinnverzicht). So entsteht ein Band, innerhalb dessen man an
Kursbewegungen partizipiert, während extreme Ausschläge begrenzt sind –
nach unten durch den Put (Floor), nach oben durch den Call (Cap).
Diese und
zahlreiche weitere Strategien erlauben es, genau zugeschnittene Risiko-Profile
zu erreichen. Professionelle Optionshändler nutzen sie, um Positionen auf
Volatilität abzubilden (z.B. Straddles für Volatilitäts-Trading) oder
Ertragsstrategien umzusetzen (z.B. systematisches Covered-Call-Writing für
Zusatzeinkommen). Jede Strategie hat eigene Chance-Risiko-Eigenschaften und
wird durch Kennzahlen (Delta, Gamma etc. – siehe Sensitivität von
Optionspreisen) analysiert, um das Gesamtprofil zu steuern.
In der Praxis sind Optionsstrategien auch beliebt zur Renditeverbesserung:
So können Investoren, die von einem leicht steigenden oder seitwärts laufenden
Markt ausgehen, Calls auf ihre Aktien schreiben (Covered Call) oder Put-Spreads
verkaufen, um Prämien einzunehmen. Umgekehrt sichern Portfoliomanager
Abwärtsrisiken oft durch Put-Käufe oder durch Protective Collars ab, je nach
Risikoneigung und Kostenbudget.
Die Vielzahl der möglichen Optionskombinationen spiegelt die
Flexibilität dieser Instrumente wider – man kann praktisch jede Markterwartung
in ein derivates Positionsprofil übersetzen. Ein solides Verständnis der
Payoffs und Risiken ist dabei unerlässlich, da komplexe Strategien empfindlich
auf Änderungen der Einflussfaktoren (Volatilität, Zeitablauf, Underlying-Preis)
reagieren.
Binomialbäume
Das Binomialmodell ist
ein fundamentales Bewertungsverfahren für Optionen, das auf einer diskreten Abbildung
möglicher Kursentwicklungen des Basiswerts beruht. Die Methode, entwickelt von
Cox, Ross und Rubinstein (1979), diskretisiert die Zeit bis zur Fälligkeit in
Schritte. In jedem Zeitschritt kann der Basiswert einen Aufwärts- oder
Abwärtssprung machen (daher Binomial-Baum). Durch Rückwärts-Induktion
entlang dieses Kursbaums lässt sich der Optionswert in jedem Knoten
berechnen.
Die Grundidee ist folgende: Angenommen, in einem kleinen Zeitintervall
$Δt$ steigt der Aktienkurs von $S$ auf $u \cdot S$ (mit Wahrscheinlichkeit $p$)
oder fällt auf $d \cdot S$ (mit Wahrscheinlichkeit $1-p$), mit $u > 1 > d
> 0$. Diese Parameter $u$ und $d$ werden so gewählt, dass sie die
Volatilität repräsentieren (typisch $u = e^{σ\sqrt{Δt}}$, $d = e^{-σ\sqrt{Δt}}$
für Volatilität $σ$) und $p$ zunächst als reale
Auftrittswahrscheinlichkeit angesehen. Am Ende der Laufzeit ($t=T$) sind die
Auszahlungen der Option trivial (max($S-K,0$) für Calls etc.). Von diesen Endwerten
arbeitet man nun schrittweise zurück: In einem Zwischenknoten betrachtet man
ein Replikationsportfolio aus Δ Aktien und einer gewissen Position in
der Anleihe, das in beiden möglichen zukünftigen Zuständen genau die
Optionsauszahlung nachbildet. Durch No-Arbitrage müssen die Kosten dieses
Portfolios gleich dem Optionswert heute sein.
Im risikoneutralen Ansatz formuliert man das einfacher: Man
nimmt an, dass der Basiswert im Erwartungswert risikofrei wächst (unter einem
künstlichen Q-Wahrscheinlichkeitsmaß). Dann kann der Optionswert als
diskontierter Erwartungswert der zukünftigen Auszahlungen unter diesen
risikoneutralen Wahrscheinlichkeiten berechnet werden. Im Binomialmodell lässt
sich die risikoneutrale Wahrscheinlichkeit $π$ explizit angeben:

wobei $r$ der risikofreie Zins
ist. $π$ ersetzt somit $p$ als "Martingal-Wahrscheinlichkeit". Mit
$π$ berechnet man rückwärts:
Der Optionswert im vorletzten Knoten ist $C = e^{-rΔt} [π \cdot
C_{\text{up}} + (1-π)\cdot C_{\text{down}}]$, eine diskontierte
Erwartungswertbildung der bereits berechneten Werte $C_{\text{up}},
C_{\text{down}}$ im nächsten Schritt[36]. Indem man so alle Knoten
durchläuft, erhält man schließlich den Optionspreis heute.
Ein Vorteil des Binomialansatzes: Amerikanische Optionen können
bewertet werden, indem man bei jedem Knoten die Möglichkeit einer vorzeitigen
Ausübung berücksichtigt. An jedem Bewertungsknoten wird der Optionswert als das
Maximum aus Weiterhalten (dem wie oben berechneten Erwartungswert) und sofortigem
Ausüben (innerer Wert) genommen. Dadurch kann man z.B. bestimmen, ob und
wann es optimal ist, eine amerikanische Option vorzeitig auszuüben. Dieses
Feature macht das Binomialmodell sehr flexibel.
Für praktische Zwecke konvergiert das diskrete Binomialmodell gegen das
kontinuierliche Black-Scholes-Modell, wenn man die Zahl der Zeitschritte
erhöht. Trotz höherem Rechenaufwand gegenüber der geschlossenen
Black-Scholes-Formel ist das Binomialmodell weit verbreitet, weil es
anschaulich ist und leicht mit Computer oder Tabellenkalkulation implementiert
werden kann[37]. Es kann auch Bedingungen
handhaben, für die es keine einfache Formel gibt (z.B. Pfadabhängigkeiten,
amerikanische Ausübung). Für sehr komplexe Strukturen oder viele Risikofaktoren
stößt das Binomialverfahren an Grenzen; hier werden oft
Monte-Carlo-Simulationen vorgezogen[38]. Aber als didaktisches und
praktisches Werkzeug ist der Binomialbaum ein Grundpfeiler der
Optionsbewertung.
Zusammengefasst liefert das Binomialmodell eine numerische Methode
zur Bewertung von Optionen[36], die auf arbitragefreien
Prinzipien beruht. Es veranschaulicht auch das Konzept der risikoneutralen
Bewertung: Durch geeignete Wahl der
"Aufwärts-/Abwärts-Wahrscheinlichkeiten" ($π$ und $1-π$) werden die
diskontierten erwarteten Preise zu Martingalen. Dieser Ansatz ist grundlegend
für die moderne Finanzmathematik der Derivate.
Wiener-Prozesse und Itōs
Lemma
Das Black-Scholes-Modell
der Optionspreisbewertung (und viele andere finanzmathematische Modelle)
beruhen auf der Annahme, dass die Kursdynamik von Basiswerten durch
stochastische Prozesse beschrieben werden kann. Ein zentraler Baustein dabei
ist der Wiener-Prozess (auch Brownsche Bewegung genannt). Ein
Wiener-Prozess $W(t)$ ist ein zeitstetiger stochastischer Prozess mit
unabhängigen, normalverteilten Zuwächsen[39]. Formal:
$W(0)=0$, und $W(t) - W(s) \sim \mathcal{N}(0, t-s)$ für $0 \le s < t$, mit
unabhängigen Inkrementen. Er ist das mathematische Modell des zufälligen
Bewegungsphänomens, das der Botaniker Robert Brown im 19. Jahrhundert beobachtete
(Partikelbewegung in Flüssigkeit) – daher "brownsche Bewegung". In
der Finanzwirtschaft dient der Wiener-Prozess als Grundbaustein für die
Unsicherheitsmodellierung von Kursen und Zinssätzen. Seit Itō Kiyoshi in
den 1940er Jahren die stochastische Analysis begründete, nimmt der
Wiener-Prozess eine zentrale Rolle in der Modellierung zeitstetiger
Zufallsentwicklungen ein[40].
Wird etwa angenommen, ein Aktienkurs $S(t)$ folge einer stochastischen
Differentialgleichung:
![]()
so bedeutet
dies: $S$ erfährt einen deterministischen Drift $μS\,dt$ und einen
stochastischen Stoß $σS\,dW(t)$. $dW(t)$ ist dabei das differentielle
Inkrement eines Wiener-Prozesses – formal kein gewöhnliches Differential,
aber im Itō-Kalkül definierbar. Dieses Modell entspricht einer geometrischen
Brownschen Bewegung, Grundlage des Black-Scholes-Modells (hier ist $μ$ die
erwartete Rendite, $σ$ die Volatilität). Der Wiener-Prozess treibt also die
Zufallskomponente; die Annahme lognormal verteilter Preise resultiert
direkt aus der Integration dieses Prozesses.
Im Rahmen dieser Modelle ist Itōs Lemma ein zentrales Werkzeug.
Itōs Lemma (Itō-Formel) erlaubt es, das Differential einer Funktion eines
stochastischen Prozesses zu bestimmen[41]. Einfacher
gesagt: Hat man einen Itō-Prozess $X(t)$ (mit $dX = a\,dt + b\,dW$) und
betrachtet eine wohldefinierte Funktion $f(t, X)$, so gibt Itōs Lemma an, wie
$df$ aussieht – im Gegensatz zur üblichen Kettenregel kommt ein zusätzlicher
Term von $½ b^2 f_{XX}$ hinzu, verursacht durch die Varianz der Brownschen
Bewegung. In Symbolen:

Dieses Lemma
ist fundamental, um Differentialgleichungen für Optionspreise
herzuleiten. Im Black-Scholes-Kontext wendet man Itōs Lemma auf eine passend
gewählte Funktion (typischerweise die Option als Funktion von $S$ und $t$) an,
um schrittweise zur Black-Scholes-Differentialgleichung zu gelangen.
Auch in anderen Bereichen ist Itōs Lemma wichtig: Beispielsweise kann
man damit den Prozess der Volatilität in stochastischen Volatilitätsmodellen
transformieren oder Zinssatzmodelle analysieren.
Die tiefere Bedeutung von Itōs Lemma liegt darin, dass es den
"nichtlinearen" Effekt der Varianz berücksichtigt. In einer Welt mit
stochastischen Differentiellen sind Änderungen zweiten Grades (infinitesimal)
nicht vernachlässigbar – Itōs Term $½ b^2 f_{XX}\,dt$ trägt real zur
Driftänderung bei. Dies erklärt z.B., warum der Erwartungswert einer
lognormalen Aktie über dem deterministischen Aufzins wächst oder warum
Varianz und Drift entkoppelt sein können.
Zusammengefasst: Der Wiener-Prozess liefert das stochastische Element
in kontinuierlichen Finanzmodellen, und Itōs Lemma ist das zentrale
mathematische Instrument, um mit diesen stochastischen Prozessen Funktionen zu
analysieren und Differentialgleichungen für Derivatpreise aufzustellen
(wie die Black-Scholes-Gleichung). Erst die Kombination aus
Wiener-Prozess-Modellierung und Itō-Kalkül ermöglicht präzise und
arbitragefreie Bewertungen im kontinuierlichen Zeitmodell der Finanzmärkte.
Das Black-Scholes-Merton-Modell
Das Black-Scholes-Merton-Modell
(BSM-Modell) markiert einen Meilenstein der Finanzwirtschaft und
Finanzmathematik[42]. 1973
veröffentlichten Fischer Black und Myron Scholes ihre bahnbrechende Arbeit,
kurz darauf ergänzt durch Robert Merton, der den Ansatz theoretisch vertiefte.
Das Modell leitete einen Paradigmenwechsel ein: weg von
Gleichgewichtsüberlegungen hin zu einer arbitragefreien Optionspreistheorie[43][44]. 1997
erhielten Scholes und Merton dafür den Wirtschafts-Nobelpreis (Black war
bereits verstorben).
Annahmen des Modells: Das BSM-Modell fußt auf
einigen idealisierenden Annahmen[45][46]: 1. Der
Aktienkurs (Basiswert) folgt einer geometrischen Brownschen Bewegung mit
konstantem Drift $μ$ und konstanter Volatilität $σ$. Es gibt also keine Sprünge
– Kursänderungen sind stetig (lognormales Modell). 2. Es gelten keine
Transaktionskosten oder Steuern; Wertpapiere sind beliebig teilbar. 3. Leerverkäufe
sind uneingeschränkt möglich. 4. Es werden keine Dividenden während der
Laufzeit gezahlt (ursprüngliches Modell). 5. Es existiert ein konstanter
risikofreier Zinssatz $r$ für alle Laufzeiten, und Märkte erlauben keine
Arbitrage. 6. Handel ist kontinuierlich möglich (man kann das Portfolio
fortlaufend anpassen).
Unter diesen Voraussetzungen leiten Black, Scholes und Merton her, dass
der Preis $V(S,t)$ eines Derivats (insbesondere einer Option) auf den
Aktienkurs $S(t)$ der Black-Scholes-Differentialgleichung genügen muss:

Dies ist
eine partielle Differentialgleichung, die für alle derivativen Kontrakte ohne
Arbitrage gelten muss[47]. Intuitiv
stammt sie daher, dass man ein risikoloses Portfolio aus Option und Aktie
bilden kann (Delta-Hedge), das dann mit dem risikofreien Zins wachsen muss[48]. Die
Herleitung setzt das Itō-Lemma ein und die Konstruktion eines selbstfinanzierenden,
risikolosen Portfolios (bestehend aus einer Short-Position in der Option
und Δ Aktien Long)[49]. Dieser
Kern der Ableitung zeigt: Der resultierende Optionspreis ist unabhängig vom
erwarteten Drift $μ$ der Aktie – was zählt ist nur $σ$, die Volatilität, da
man unter dem risikoneutralen Maß rechnet.
Für konkrete Derivate ergeben sich aus der Black-Scholes-DGL bei
passenden Randbedingungen die jeweiligen Lösungen. Für die europäische Kaufoption
(Call) auf eine nicht-dividendenzahlende Aktie leiteten Black und Scholes
die berühmte Black-Scholes-Preisformel her:
![]()
und analog
für die Verkaufsoption (Put):
![]()
mit

und
$\Phi(x)$ ist die Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung[50][51]. Diese
geschlossene Formel gibt den fairen Wert eines europäischen Calls/Puts als
Funktion der Parameter $(S,K,T-t,r,σ)$.
Die Black-Scholes-Formel impliziert einige der bereits erwähnten
Eigenschaften: Etwa dass ein Call immer mehr wert ist als sein innerer Wert,
und dass die Griechen (Sensitivitäten) sich analytisch ableiten lassen.
Das Modell resultiert in den bekannten Greeks: Δ (Delta) = $\Phi(d_1)$
für den Call, Γ (Gamma), Θ (Theta), Vega, ρ etc. Die Möglichkeit, diese Greeks
zu berechnen, ist ein Vorteil der expliziten Formel – sie erleichtert das
Risikomanagement der Optionen erheblich[52].
Mit dem BSM-Modell konnte man erstmals liquid gehandelte Optionen (z.B.
auf Aktienindizes) systematisch bewerten. Die Annahmen sind zwar idealisiert,
doch das Modell erwies sich als robust und bildete die Grundlage der heutigen
Optionsmärkte. Viele Erweiterungen behandeln Relaxierungen der Annahmen:
Einbeziehung von Dividenden (Merton erweiterte die Formel dafür 1973),
stochastische Volatilität (Hull-White, Heston), Zinsstrukturmodelle für lange
Laufzeiten etc. Die Grundidee des Delta-Hedging und der risikoneutralen
Bewertung bleibt jedoch zentral.
Das Black-Scholes-Modell gilt als Ausgangspunkt für nahezu alle
modernen Derivatmodelle – es brachte nicht nur eine praktisch handhabbare
Formel, sondern etablierte das Konzept der arbitragefreien Bewertung
mittels Martingalmaß. Auch wenn spätere Marktphänomene (z.B. Volatility
Smiles, siehe unten) die Grenzen des einfachen Modells aufzeigten, bleibt
Black-Scholes-Merton ein Grundpfeiler der Finanzökonomie und wird weiterhin für
viele Bewertungsaufgaben (insbesondere bei europäischen Vanilla-Optionen) eingesetzt.
Mitarbeiteroptionen
Mitarbeiteroptionen (Employee Stock Options, ESOs) sind Optionen, die Unternehmen ihren
Mitarbeitern – meist Führungskräften – im Rahmen der Vergütung gewähren.
Typischerweise handelt es sich um Call-Optionen auf die eigene Aktie des
Unternehmens, die den Mitarbeitern das Recht geben, innerhalb eines bestimmten
Zeitraums Aktien des Unternehmens zu einem festen Preis (dem Ausübungspreis)
zu erwerben. Diese Optionen dienen als Anreizmechanismus, da sie Mitarbeiter am
Unternehmenserfolg teilhaben lassen: Steigt der Aktienkurs über den
Ausübungspreis, realisiert der Mitarbeiter einen Gewinn beim Ausüben der Option
(Aktien günstig beziehen und idealerweise teurer verkaufen).
Mitarbeiteroptionen unterscheiden sich in mehreren Punkten von
börsengehandelten Standardoptionen: - Lange Laufzeiten und Vesting: Sie
haben oft Laufzeiten von 5–10 Jahren. Außerdem unterliegen sie einer Sperrfrist
(Vesting Period), meist 1–3 Jahre, während der die Option noch nicht ausgeübt
werden darf. Dies soll Mitarbeiter langfristig binden. - Nicht-übertragbar:
ESOs können nicht an der Börse gehandelt oder an Dritte verkauft werden. Der
Mitarbeiter kann sie nur ausüben oder verfallen lassen. Dadurch ist ihr Wert
aus Mitarbeitersicht geringer als eine frei handelbare Option, da keine
Liquidität und keine Möglichkeit zur Zwischenzeit-Absicherung besteht. - Beim
Verlassen des Unternehmens: Oft verfallen nicht ausgeübte Optionen wenn der
Mitarbeiter die Firma verlässt (oder müssen innerhalb kurzer Zeit ausgeübt
werden). - Steuer- und Rechnungslegung: Für Unternehmen waren
Mitarbeiteroptionen lange attraktiv, da sie kein sofortiger Cash-Aufwand sind.
Nach IFRS 2 und vergleichbaren Regeln müssen ESOs allerdings zum beizulegenden
Zeitwert als Personalaufwand erfasst werden, was die Bilanzierung beeinflusst.
Bewertung: Die Bewertung von Mitarbeiteroptionen ist komplexer als bei
normalen Optionen. Da sie nicht handelbar sind und vorzeitig verfallen können,
werden in den Modellen Abschläge berücksichtigt. Mitarbeiter neigen zudem zu früher
Ausübung, oft aus Diversifikations- oder Liquiditätsgründen (statt bis kurz
vor Verfall zu warten, üben viele bereits aus, sobald die Option deutlich im
Geld ist, um Aktien zu verkaufen und Gewinne zu sichern). Dadurch ist die
effektive Lebensdauer kürzer als die vertragliche Laufzeit. Modellierer
verwenden angepasste Modelle (z.B. modifizierte Black-Scholes mit kürzerer
erwarteter Haltedauer oder Gittermodelle mit Abbruchwahrscheinlichkeit), um
ESOs zu bewerten. Der Fair Value für die Bilanzierung wird so ermittelt,
typischerweise unter Annahme einer erwarteten Ausübungsdauer und der
historischen Mitarbeiterübungsneigung.
Für die Mitarbeiter stellt eine Aktienoption ein erhebliches Ertragschancen-
und Risikoinstrument dar. Im besten Fall kann der Wert enorm steigen (z.B.
in Tech-Boomphasen wurden viele Mitarbeiter durch Optionsprogramme reich). Im
ungünstigen Fall (Aktienkurs bleibt unter Ausübungspreis) können die Optionen
völlig wertlos verfallen, was für die Mitarbeiter einen entgangenen Bestandteil
der Vergütung bedeutet. Daher ist es üblich, dass Optionen zusätzlich mit Strike
mindestens auf damaligem Marktpreis gewährt werden (sogenannte at-the-money
oder leicht out-of-the-money Zuteilung), um wirklich performanceabhängig zu
sein.
Aus Unternehmenssicht haben ESOs den Vorteil, Anreize für den
Aktienkurs zu schaffen und Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden (Vesting). Der
Nachteil ist die potenzielle Verwässerung der Anteile, wenn viele
Optionen ausgeübt werden und das Unternehmen dafür neue Aktien ausgibt (oftmals
wird dafür im Vorfeld ein entsprechendes Kontingent genehmigt).
In der Lehre der Bewertung werden Mitarbeiteroptionen oft als Beispiel
herangezogen, wo die ideale Black-Scholes-Welt nicht erfüllt ist (nicht
handelbar, early exercise rational etc.), sodass angepasste
Bewertungsmethoden nötig sind. Dennoch basieren viele dieser Methoden auf
der Black-Scholes-Logik, mit Modifikationen für die speziellen Bedingungen
(z.B. berücksichtigen man einen Abschlag für Nichtübertragbarkeit analog einer
höheren Dividendenrendite oder kürzeren Laufzeit).
In der Praxis veröffentlichen Firmen in Geschäftsberichten Angaben zu
ihren Aktienoptionsplänen, einschließlich Anzahl, Ausübungspreisen und
geschätztem Fair Value (nach z.B. Binomialmodell mit Annahmen über Volatilität
und Verbleibsdauer).
Zusammenfassend: Mitarbeiteroptionen sind ein
verbreitetes Instrument der Mitarbeiterbeteiligung, das Optionstheorie mit
Personalpolitik verbindet. Ihre Bewertung erfordert die Anpassung klassischer
Modelle an die spezifischen Restriktionen und Verhaltensmuster der
Optionsinhaber.
Optionen auf
Aktienindizes und Währungen
Optionen
müssen nicht auf einzelne Aktien oder Rohstoffe bezogen sein – sehr beliebt und
wichtig sind Optionen auf Aktienindizes und Optionen auf Währungen.
Diese weisen einige Besonderheiten auf:
Aktienindex-Optionen
Indexoptionen beziehen sich auf einen gesamten Börsenindex wie z.B. den S&P 500,
DAX oder Euro Stoxx 50. Sie werden häufig als europäische Optionen
konstruiert (viele Indexoptionen sind europäisch, da der Basiswert ein Index
ist, der nicht direkt handelbar ist). Die Abrechnung erfolgt in der Regel Cash-Settled:
es werden keine physischen Aktien geliefert, sondern der Wertdifferenz in bar
beglichen. Beispielsweise würde ein DAX-Call bei Verfall den Betrag
$(\text{Indexstand} - K)\times €25$ (bei 25 € Multiplikator pro Punkt)
auszahlen, falls im Geld.
Indexoptionen dienen
vor allem zur Absicherung von Portfolios (ein Portfolio, das etwa den
Euro Stoxx 50 nachbildet, kann über entsprechende Puts geschützt werden) oder
zum gezielten Investment in Marktbewegungen (anstatt viele Aktien
einzeln zu handeln). Für die Bewertung kann man das Black-Scholes-Modell
anpassen: Da ein Aktienindex typischerweise Dividenden ausschüttet (die
im Index je nach Berechnungsmethodik reflektiert sind), berücksichtigt man eine
kontinuierliche Dividendenrendite $q$. Der Index-Call wird also bewertet wie
ein Underlying mit Dividendenrendite $q$: Die Formel modifiziert sich zu $C = S
e^{-qT}\Phi(d_1) - K e^{-rT}\Phi(d_2)$, was bedeutet, dass man so tut, als verzinst
sich der Index mit $-q$ (weil Dividenden den Kurs mindern). Diese Dividendenrendite
kann man approximativ aus den durchschnittlichen Dividenden der
Indexbestandteile bestimmen. Praktisch beobachtet man oft, dass Indexoptionen
nach 1987 ein Volatilitäts-Smirk zeigten (siehe nächstes Kapitel
Volatility Smile) – was darauf zurückgeführt wird, dass breite Marktrückgänge
anders wahrgenommen werden als einzelne Aktienrückgänge.
Indexoptionen haben
meist hohe Nominalvolumina, daher werden sie vorwiegend von institutionellen
Investoren genutzt. In den USA sind Optionen auf den S&P 500 (Ticker SPX)
sowie auf den VIX-Volatilitätsindex sehr populär. In Europa bietet die Eurex
u.a. Optionen auf den EURO STOXX 50 und den DAX an. Besonders in der Portfolio-Versicherung
(Portfolio Insurance) spielten Index-Puts historisch eine Rolle – z.B. in der
Zeit vor dem Crash 1987, was bei dessen Eintreten jedoch verstärkt
Abwärtsdynamik erzeugte.
Währungsoptionen
Währungs- oder
Devisenoptionen geben das Recht, eine bestimmte
Währung gegen eine andere zu einem festgelegten Wechselkurs zu tauschen.
Beispielsweise eine EUR/USD-Call-Option würde dem Inhaber das Recht geben, USD
gegen EUR zu einem festen Kurs (Strike) zu kaufen (also implizit EUR zu
verkaufen und USD zu kaufen, je nach Sichtweise). Währungsoptionen können auf
zwei Arten notiert sein: Rechte auf eine Einheit Währung A in Währung B
(z.B. Kauf 1 EUR für 1.10 USD) oder vice versa. Wichtig ist, dass bei zwei
Währungen zwei Zinssätze relevant sind – der Zins der Inlandswährung und
der der Auslandswährung.
Die Bewertung von
Währungsoptionen erfolgt daher mit einer Erweiterung des Black-Scholes-Modells,
bekannt als Garman-Kohlhagen-Modell (1983). Es ist analog zum
Aktienindex mit Dividende: Hier spielt die ausländische Währung die Rolle eines
"Dividenden zahlenden Assets". Konkret: Sei $r_d$ der risikofreie
Zins der heimischen Währung (domestic) und $r_f$ der risikofreie Zins der
Fremdwährung (foreign). Dann lautet die Call-Preisformel auf die Fremdwährung
(aus Sicht der heimischen Währung) etwa:
![]()
wobei $S$ der aktuelle
Wechselkurs (z.B. 1.10 USD/EUR), $K$ der Strike (z.B. 1.15) ist[53]. Hier wirkt $e^{-r_f T}$
wie ein Diskontfaktor für die Fremdwährung (analog Dividende) und $e^{-r_d T}$
der heimische Diskont. Intuition: hält man die Fremdwährung, erhält man den
Zins $r_f$ darauf – das ist der "dividenden-ähnliche" Ertrag des
Underlyings. Daher wird die Fremdwährung diskontiert. Die heimische Währung
fließt beim Strike, daher wird $K$ mit dem heimischen Zins diskontiert.
Ein Beispiel: Eine Call-Option
auf 100.000 € gegen USD (Recht, 100.000 € für USD zu kaufen) wird teurer, wenn
der Euro-Zins (Fremdwährung) fällt oder der USD-Zins (Inlandswährung) steigt,
ceteris paribus – weil ein niedriger €-Zins bedeutet, der Forwardkurs USD/EUR
ist niedriger (Euro weniger aufgezinst, ergo im Forward billiger, gut für
Call), während ein hoher USD-Zins ebenso den Forward EUR/USD senkt.
Währungsoptionen werden
rege im Devisenmanagement eingesetzt, etwa um Exporterlöse abzusichern
(durch den Kauf von Put-Optionen auf die Fremdwährung, was dem Recht
entspricht, diese Fremdwährung zu einem Mindestkurs zu verkaufen). Große Banken
handeln ein umfangreiches OTC-Geschäft in FX-Optionen, daneben gibt es Börsen
wie die CME, an der Währungsoptionen auf Majors notieren. Liquide FX-Optionen
zeigen oft sehr ausgeprägte Volatility Smiles/Skews (z.B. sind im
Devisenmarkt Out-of-the-Money Puts und Calls oft beide teurer als At-the-Money,
je nach Imbalance von Absicherungsnachfrage).
Zusammengefasst: Index- und
Währungsoptionen funktionieren nach denselben Prinzipien wie Aktienoptionen,
müssen jedoch Dividenden bzw. Zinsdifferenzen berücksichtigen. Sie ermöglichen
effiziente Absicherung und Spekulation auf breite Marktindizes und Wechselkurse
und sind daher für das Risikomanagement und die Makro-Spekulation
unverzichtbar.
Optionen auf Futures
Optionen auf Futures kombinieren zwei Derivate: der Basiswert der Option ist ein
Futures-Kontrakt. Solche Instrumente sind verbreitet, z.B. Optionen auf
Börsenindex-Futures (an der Eurex etwa Optionen auf den DAX-Future) oder Optionen
auf Zins-Futures (wie die CME-Optionen auf den Treasury-Bond-Future). Sie
bieten ähnliche Exposure wie Optionen direkt auf den Basiswert, sind aber oft
praktischer handelbar, weil der Future liquide ist und Lieferung
standardisiert.
Die Bewertung von Optionen auf Futures lässt sich mit einer leichten
Modifikation des Black-Scholes-Modells durchführen. Entscheidender Punkt: Ein
Future erfordert kein initiales Investment (abgesehen von Margin). Daher
hat ein Future keinen Tragekosten-Vorteil wie ein Basiswert, sondern
wächst unter risikoneutralen Bedingungen im Erwartungswert null (im
Gegensatz zu einem direkt gehaltenen Asset, das zum risikofreien Zins abzüglich
Erträge wächst). Man kann zeigen, dass der faire Preis einer europäischen
Option auf einen Future unter Arbitragefreiheit mit dem sogenannten Black-76-Modell
erfolgt: Es ist analog zu Black-Scholes, jedoch wird der Futurepreis als
underlying eingesetzt und der Abzinsfaktor ist $e^{-rT}$ für den Barwert
der Auszahlung. Die Black-76-Formel für einen Call auf einen Future mit
Ausübungspreis $K$ lautet:
![]()
wobei $F_0$ der
aktuelle Futurespreis ist, $d_{1,2} = \frac{\ln(F_0/K) \pm \frac{1}{2}σ^2
T}{σ\sqrt{T}}$ analog definiert sind, und $σ$ hier die Implied Volatilität des
Futurespreises über die Laufzeit ist[54]. Der Unterschied zu
einer normalen Option auf den Kassawert ist, dass anstelle $S e^{-qT}$ hier
effectively $F_0$ eingesetzt wird, und es keinen
"Dividenden-/Lager-Term" gibt. Das $e^{-rT}$ vorne diskontiert die
Auszahlung, da bei Optionsexpirierung die Differenz in bar fließt.
Intuitiv: Die vorzeitige Ausübung einer amerikanischen Option
auf einen Future hat – im Gegensatz zu Aktien mit Dividende – immer
einen Wert: denn der Future erfordert kein Kapital, daher ist eine
amerikanische Option auf einen Future äquivalent einer europäischen (kein
Vorteil, früh auszuüben, da man durch Halten der Option denselben Effekt
erzielen kann wie durch Ausübung und sofortigen Futurehandel – es gibt keine
finanziellen Haltekosten des Futures). Daher werden Optionen auf Futures in der
Regel als europäisch betrachtet in der Bewertung.
Optionen auf Futures sind an vielen Börsen handelbar. Beispielsweise an
der Eurex die Option auf den Euro-Bund-Future (OGBL), an der CME die Treasury-Future-Optionen,
an der Cboe die Optionen auf den VIX-Future usw. Sie erlauben es, Volatilität
auf den Futuremarkt direkt zu handeln. Ein Hedger kann mit einer Put-Option auf
einen Future sein Futures-Engagement nach unten absichern. Ein Spekulant, der
z.B. eine bestimmte Bewegung eines Zins-Futures erwartet, kann anstatt direkt
des Future gleich eine Option kaufen, um begrenztes Risiko einzugehen.
Ein Aspekt ist die Konvexitätsanpassung: Insbesondere bei
Zins-Futures-Optionen (z.B. Caps können als Option auf einen FRA gesehen
werden, FRA ~ Forwardzins ~ Futuresatz) muss theoretisch eine kleine
Adjustierung erfolgen zwischen Forward- und Futuresbewertung wegen der
Korrelation von Zinssatz und Abzinsfaktor (Convexity Bias). In Praxis wird das
aber oft mit Standard-Formeln abgegolten oder in die Volatilität eingepreist.
Kurz gesagt: Optionen auf Futures erweitern das Derivateuniversum,
bringen aber im Wesentlichen keine neuen Schwierigkeiten – man bewertet sie wie
Standardoptionen mit dem jeweils aktuellen Futurespreis als Basis und
muss lediglich beim Pricing beachten, dass Futures fortlaufend abgerechnet
werden. Im Ergebnis sind aber die meisten gängigen Formelansätze (insb.
Black-76) bewährter Standard im Markt.
Sensitivität von
Optionspreisen (Die “Greeks”)
Die
Sensitivitäten von Optionspreisen gegenüber kleinen Änderungen der
Einflussgrößen werden als Greeks (Griechen) bezeichnet. Diese Kennzahlen
sind im Risikomanagement von großer Bedeutung[52][55],
da sie Einblick geben, wie eine Optionsposition auf Änderungen bestimmter
Marktparameter reagiert und wie man sie entsprechend hedgen kann. Die
wichtigsten Greeks sind:
- Delta (Δ): Die Ableitung des
Optionspreises nach dem Preis des Basiswerts $\partial V/\partial S$.
Delta misst, wie stark der Optionspreis sich verändert, wenn der Basiswert
um eine Einheit steigt. Beispielsweise hat ein atm Call typischerweise Δ ≈
0,5 (50% Partizipation). Deep-in-the-Money Calls nähern sich Δ → 1,
Out-of-the-Money Calls Δ → 0. Für Puts ist das Delta negativ (steigender
Basiswert senkt Put-Wert). Delta entspricht auch der Hedge-Ratio:
Halten von Δ Einheiten des Underlyings neutralisiert kleine Bewegungen
(ein Delta-gehedgter Position hat dV ≈ 0 für kleine dS). In einem
Portfolio kann man das Gesamt-Delta aufsummieren, um das lineare
Aktienmarkt-Risiko abzuschätzen und ggf. mit Gegenpositionen ausgleichen.
- Gamma (Γ): Die zweite Ableitung nach dem
Basispreis $\partial^2 V/\partial S^2$. Es misst die Krümmung des
Optionswert-Profil – oder anders: wie stark ändert sich das Delta, wenn
der Basiswert sich bewegt[56][57]. Ein hohes Gamma bedeutet, die Delta eines Optionsportfolios ist
instabil und reagiert empfindlich auf Kursänderungen. Atm Optionen nahe
Verfall haben höchstes Gamma, weil sie zwischen ITM und OTM schnell
wechseln können. Gamma ist für Calls und Puts (gleicher Strike/Laufzeit)
identisch. Market-Maker achten auf Gamma-Risiko: Ein Portfoliodelta mag
gehedged sein, aber bei großem Gamma kann eine kleine Kursbewegung ein
neues Delta-Mismatch erzeugen, das nachjustiert werden muss.
- Vega (Λ oder ν): Ableitung nach der
Volatilität $\partial V/\partial σ$. Vega gibt an, wie stark der
Optionspreis auf Änderungen der impliziten Volatilität reagiert[58]. Optionen besitzen einen positiven Vega (steigende erwartete
Volatilität erhöht alle Optionswerte, da größere Bewegungsbreite mehr
Chance auf tieferes ITM). Längerlaufende Optionen haben höheres Vega, da
Volatilitätsänderungen über einen längeren Zeitraum wirken. Vega ist für
Calls und Puts gleich groß (da beide auf die Streuung reagieren). In
volatilitätslastigen Strategien (z.B. Straddles) ist das Vega-Risiko
zentral: Ein Short-Straddle hat negatives Vega – steigende implizite
Volatilitäten führen zu Verlusten.
- Theta (Θ): Ableitung nach der Zeit $t$
(genauer $-\partial V/\partial t$ wird oft als Theta angegeben). Theta
misst den Zeitwertverfall einer Option – typisch negativ für
Long-Optionen[59][60], da mit abnehmender Restlaufzeit (ceteris paribus) der
Optionspreis sich dem inneren Wert nähert. Ein Theta von z.B. -0.05
bedeutet, die Option verliert ca. 5 Cent pro Tag an Wert (unter sonst
gleichen Bedingungen). Theta-Effekte sind besonders ausgeprägt bei nah am
Geld liegenden Optionen kurz vor Verfall (Zeitwertzerfall beschleunigt
sich). Stillhalter hingegen profitieren von positivem Theta (sie verdienen
an jedem Tag, der ohne große Bewegung vergeht, die Prämie “rinnt ihnen
zu”).
- Rho (ρ): Ableitung nach dem Zinssatz $\partial
V/\partial r$. Rho gibt an, wie sensitiv der Optionspreis auf Änderungen
des risikofreien Zinssatzes reagiert[61]. Bei Calls ist Rho positiv – steigende Zinsen erhöhen den
Call-Wert, weil der Abzinsungseffekt für den Strike (künftige Zahlung)
stärker ist und der Barwert des Ausübungspreises sinkt[61]. Bei Puts ist Rho negativ (höhere Zinsen mindern den Put-Wert, da
es unattraktiver wird, die sichere Zahlung $K$ zu bekommen vs. investiert
zu bleiben). In den meisten Fällen ist Rho von geringerer Bedeutung, da
Zinsänderungen relativ klein sind und Optionslaufzeiten begrenzt. Dennoch
kann Rho bei sehr langen Laufzeiten oder großen Zinsbewegungen (z.B.
Zinsschocks) relevant werden.
- Weitere Griechen: Es gibt noch Omega
(Optionselastizität, prozentuale Delta-Empfindlichkeit, auch “Lambda” –
siehe Hebelwirkung eines Optionsinvestments)[62], Vanna (Kreuzableitung nach S und σ), Charm
(Änderung von Delta über Zeit), Vomma (Änderung von Vega bei
Volatilitätsänderung) etc. In der Praxis konzentriert man sich aber auf
die Hauptgriechen Δ, Γ, Θ, Vega, ρ.
Die
Verwendung der Greeks erlaubt es, komplexe Portfolios zu steuern: Ein
Market-Maker wird z.B. sein Gesamt-Delta neutral halten (durch
Underlying-Positionen), Gamma und Vega überwachen und innerhalb Limits halten,
Theta-Einnahmen maximieren etc. Hedge-Fonds können gezielt volatility
trading betreiben, indem sie sich Delta-neutral stellen (um nur von
Vega-Bewegungen zu profitieren).
Ein klassisches Beispiel ist Delta-Hedging: hat man eine
Long-Option (Δ > 0), kann man entsprechend Aktien short verkaufen, um Δ=0 zu
erreichen. Dann ist man zunächst immun gegen kleine Aktienkursänderungen und
wettet primär auf Volatilität (Gamma) und Zeitverlauf (Theta). Durch
dynamisches Nachsteuern des Deltas realisiert man den Optionszeitwert als
Gewinn/Verlust aus der Hedge, wenn man antizipiert hat, dass implizite
Volatilität höher als realisierte ist (klassische Optionsarbitrage-Strategie).
Insgesamt sind die Greeks essentielle Kennzahlen, um das Risiko
eines Optionsportfolios zu managen[63].
Ohne sie wäre es kaum möglich, die vielfältigen Markteinflüsse zu überblicken.
Insbesondere institutionelle Händler unterteilen ihr Optionsbuch nach Greeks
und hedgen systematisch einzelne Risikofaktoren: Delta-Hedges gegen
Marktschwankungen des Underlyings, Vega-Hedges z.B. durch Gegenpositionen in
Volatilitätsderivaten, Theta-Erträge durch Stillhalterpositionen etc. Damit
verbinden die Greeks die theoretische Optionsbewertung mit der praktischen
Risikokontrolle.
Volatility Smiles
In einem perfekten
Black-Scholes-Merton-Markt wäre die implizite Volatilität für alle
Optionen auf denselben Basiswert einheitlich – die Optionspreise würden auf
einem flachen Volatilitätsniveau liegen, unabhängig vom Strike. In der Realität
beobachtet man jedoch häufig das Phänomen des Volatilitäts-Smile
(Volatilitätslächeln): Optionen, die weit aus dem Geld oder weit im Geld
sind, weisen höhere implizite Volatilitäten auf als At-the-Money-Optionen[64][65]. Auf einem Diagramm, das
die implizite Volatilität gegen den Strike aufträgt, ergibt sich eine
U-förmige, oft leicht gekippte Kurve, die an ein Lächeln erinnert – daher der
Name.
Konkret bedeutet ein Volatilitäts-Smile: Eine ATM-Option (am
Geld) hat die niedrigste implizite Volatilität; Out-of-the-Money (OTM) Puts
und OTM Calls haben höhere implizite Volas[66]. Bei Aktienindex-Optionen
spricht man häufig auch von einem Volatilitäts-Skew oder Smirk,
da die Kurve nicht symmetrisch lächelt, sondern eher zu niedrigen Strikes (OTM
Puts) steil ansteigt, während OTM Calls nur leicht höhere Volas aufweisen[65]. Beispielsweise seit dem Börsencrash
1987 sind im amerikanischen Aktienmarkt OTM Puts deutlich teurer geworden
relativ zu ATM (investoren zahlen eine “Versicherungsprämie”), was ein
permanentes Smirk in der Volatilitätskurve erzeugt[67].
Ursachen: Ein Grund liegt in den fetten
Rändern der realen Renditeverteilungen. Black-Scholes unterstellt
lognormalverteilte Kurse (Normalverteilung der Renditen), doch empirisch haben
Aktien und andere Anlageklassen “fette Tails” und Schiefe (Skewness). Investoren
sind sich dieser Crash-Risiken bewusst und gewichten sie höher – daraus
resultieren höhere Preise für Optionen, die in Extremfällen auszahlen (z.B.
weit OTM Puts als Crash-Versicherung)[68][69]. Zudem spielen Angebot/Nachfrage
eine Rolle: Die starke Nachfrage nach Absicherung (Puts) treibt deren implizite
Volatilität.
Modellimplikation: Ein einfaches
Black-Scholes-Modell kann ein Smile nicht erklären, da es konstante $σ$ annimmt
– ein volatiles Lächeln ist praktisch ein Zeichen, dass das Modell
unvollständig ist. Diverse Ansätze wurden entwickelt: - Lokale
Volatilitätsmodelle (Derman-Kani, Dupire) erlauben eine vom Strike und Zeit
abhängige Volatilitätsoberfläche, die genau die marktbeobachteten Smile-Strukturen
einpreist[70][71]. Die Idee: es gibt eine
deterministische Funktion $σ_{lok}(S,t)$, welche in die Black-Scholes-DGL
eingesetzt, zu Preisen führt, die mit dem gesamten Smile übereinstimmen. - Stochastische
Volatilitätsmodelle (z.B. Heston-Modell, GARCH) führen eine zusätzliche
Zufallsquelle für $σ(t)$ ein. Dadurch ergibt sich endogen ein Smile, weil z.B.
bei fallenden Kursen die Volatilität zu steigen neigt
(Volatilität/Preis-Korrelation erzeugt den Skew). Diese Modelle fügen idR 1–2
Parameter hinzu (z.B. Volatilitätsmittelwert, Mean-Reversion), die flexibel an
Marktdaten angepasst werden[72]. - Sprung-Diffusionsmodelle
(Merton 1976, etc.) erweitern die brownsche Bewegung um gelegentliche Sprünge
im Kursprozess[73]. Sprünge – insbesondere
nach unten – erzeugen ebenfalls einen impliziten Skew im Preis der Optionen, da
sie das Risiko extremer Moves erhöhen.
Termstruktur: Nicht nur über Strikes, auch
über Laufzeiten variiert die implizite Volatilität. Die Volatilitätsoberfläche
(Volatility Surface) stellt implizite Vola in Abhängigkeit von Strike und
Verfall dar[74]. Oft flacht der Smile bei
längeren Laufzeiten etwas ab (extreme Strikes zeigen geringeres relatives
Vola-Plus). Kurzläufer hingegen können sehr starke Skews haben, da kurzfristig
Crashangst den Preis von nahen OTM Puts hochhält.
Praxis: Händler verwenden Smile-Informationen,
um Modelle zu kalibrieren und um exotische Optionen zu bewerten (die vom
gesamten Volatility Surface abhängen). Z.B. wird für jedes Strike/Maturity aus
Marktdaten eine implizite Vola entnommen (Volatility-Interpolation), die dann
in die Bewertung eingeht.
Beispiel: Betrachte EUR/USD-Devisenoptionen –
traditionell sieht man hier eher ein "echtes" Smile (beide Tails
teuer), während bei Aktienindex-Optionen eher ein “Smirk” (nur Put-Seite teuer)
vorliegt[75]. Gründe sind u.a., dass
Währungen symmetrischer Schwankungen unterliegen (keine einseitigen Crashs wie
Aktienmärkte, außer Regierungseingriffe) und daher ein symmetrischeres Lächeln
zeigen.
Volatility Smiles sind also zum einen eine
empirische Beobachtung, zum anderen ein Prüffeld für Modelle. Sie erinnern uns
daran, dass das Basismodell vereinfachend ist. Ein gelungenes Modell soll die
Smile-Strukturen möglichst erklären oder zumindest akkurat reproduzieren. Etwa
ist im Heston-Modell die Smile-Form eingebaut, da es fette Ränder
generiert (durch Varianzänderungen). Das LIBOR-Market-Model in Zinsmärkten
erzeugt eine Volatilitätsabhängigkeit von Strikes etc.
Zusammenfassend spricht man von einem Volatility Smile, wenn implizite
Volatilitäten für Optionen auf denselben Basiswert je nach Moneyness variieren,
typischerweise höher für weit aus dem Geld/in dem Geld. Dieses Phänomen ist
seit dem 1987er Crash in Aktienmärkten ausgeprägt[76] und erfordert erweiterte
Modellannahmen oder Korrekturfaktoren, um es abzubilden. Es verdeutlicht, dass
Marktteilnehmer höhere Prämien für Extremrisiken verlangen und dass reale
Kursprozesse nicht perfekt durch die einfache Normalverteilung abgebildet
werden können (Skewness und Kurtosis sind vorhanden)[77].
Numerische Verfahren:
Grundlagen
Zur
Bewertung komplexer Derivate, für die es keine geschlossene Formel gibt, und
zur Lösung der Optionspreis-Differentialgleichungen kommen numerische
Verfahren zum Einsatz. Die wichtigsten grundlegenden Methoden sind:
- Binomial-
und Trinomialbäume: (bereits im entsprechenden
Kapitel behandelt) – durch diskretisiertes Rückwärts-Aufrollen können
viele Optionen (auch mit amerikanischer Ausübung) berechnet werden. Die
Konvergenz gegen den kontinuierlichen Wert wird durch Verfeinerung des
Gitters erreicht.
- Finite-Differenzen-Methoden: Hier löst man die Black-Scholes-DGL (oder artverwandte PDEs)
direkt als Randwertproblem. Das zeitliche Rückwärts-Schritt entspricht der
ökonomischen Rückwärts-Induktion. Gängige Ansätze sind das explizite,
implizite und Crank-Nicolson-Verfahren. Finite-Differenzen eignen sich besonders
für exotische Optionen mit komplexen Payoffs (Barrier-Optionen, Lookbacks
etc.), weil man Randbedingungen flexibel einflicken kann. Sie erfordern
Gittererstellung in Preis- und Zeitdimension und können bei hoher
Dimension (viele Underlyings) ineffizient werden.
- Monte-Carlo-Simulation: Hier simuliert man den Zufallsprozess direkt und ermittelt den
Erwartungswert durch viele Pfad-Simulationen. Für europäische (später auch
pfadabhängige) Optionen sehr universell einsetzbar. Monte Carlo ist oft
die Methode der Wahl, wenn die Dimension hoch ist (viele Risikofaktoren),
weil die Komplexität linear in der Dimension steigt, während
Gittermethoden exponentiell steigen (Fluch der Dimension). Allerdings
konvergiert Monte Carlo langsam ($\sim 1/\sqrt{N}$) und verlangt
Varianzreduktionstechniken für Effizienz. Dennoch: Für exotische
Strukturen (z.B. basket options, komplexe Asian-Optionen) ist Monte Carlo
Standard. In Fällen mit frühen Ausübungsrechten (Amerikanisch) muss man
mit speziellen Techniken (z.B. Longstaff-Schwartz Least-Squares Monte
Carlo) arbeiten.
- Transformationsmethoden: Für gewisse payoff-Strukturen lässt sich mittels
Fourier-Transformation und Inversionsformeln (FFT) der Preis effizient
berechnen, insbesondere wenn die Charakteristik des Prozesses bekannt ist.
Dies spielt bei neueren Modellen (stoch. Volatilität, Jumps) eine große
Rolle (Stefanica, Carr-Madan-Formeln etc.).
Bei all
diesen Verfahren ist sicherzustellen, dass sie stabil und konvergent
sind. Finite-Differenzen erfordern z.B. Gitter-Feinheit und ggf.
Stabilitätskonditionen (etwa bei explicit FD die CFL-Bedingung $\Delta t$ klein
genug relativ zu $(\Delta S)^2$). Monte Carlo erfordert genug Pfade und am
besten Varianzreduktion (Antithetic variates, control variates usw.), um den
Fehler zu reduzieren.
Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Kalibrierung: In der Praxis
sind Modellparameter (etwa Volatilitäten, Korrelationen) unbekannt und müssen
aus Marktdaten geschätzt werden. Numerische Optimierung wird dann verwendet, um
Modellpreise an Marktdaten anzupassen (z.B. Suche nach Volatilitätsparametern,
so dass modellierte Smile der Markt-Volatility-Smile entspricht). Solche
Kalibrierungsverfahren laufen typischerweise mit Iterativen numerischen
Algorithmen (Newton-Verfahren, Least-Squares fit, global heuristische
Methoden wie Simulated Annealing je nach Problem).
Insgesamt gilt: Analytische Lösungen sind in der Derivatewelt
rar, insbesondere für exotische Optionen oder komplexe Modelle. Numerische
Verfahren sind daher integraler Bestandteil des modernen Derivatepricing. Sie
ermöglichen es, unter Wahrung der Arbitragefreiheit auch komplizierte
Auszahlungen zu bewerten. Die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hat immer
effizientere Algorithmen hervorgebracht, um z.B. ganze Bücher von Derivaten
schnell neu zu bewerten (z.B. GPUs für Monte Carlo). Eine Grundvoraussetzung
bleibt aber stets: Der numerische Ansatz muss theoretisch fundiert sein –
häufig wird auf Martingal-Eigenschaften (risikoneutrale Erwartungswert-Bildung)
zurückgeführt, und die Verfahren sind Überprüfungen unterworfen, dass sie die
PDE oder Erwartungsdefinition korrekt approximieren.
Zusammenfassend sind Binomialbäume, Finite-Differenzen,
Monte-Carlo-Simulationen und neuere Transformationsmethoden die Grundpfeiler
der numerischen Optionsbewertung. Ihre Wahl hängt vom Problem ab:
Pfadabhängig -> Monte Carlo; niedrigdimensionale PDE -> Finite
Differences; early exercise -> Bäume oder Least-Squares Monte Carlo;
Fourier-Methoden bei charakteristischen Funktionen etc. Oft kombiniert man auch
Methoden (z.B. Monte Carlo mit Analytik für Teilstrukturen wie bei Heston).
Ohne diese numerischen Verfahren wäre die Bewertungspraxis für komplexe
Derivate und Risikomanagement großer Derivateportfolios kaum handhabbar.
Value at Risk
Der Value at Risk (VaR)
ist ein zentrales Konzept im Risikomanagement, um das Marktrisiko von
Handelsportfolios quantitativ zu fassen. Er definiert den erwarteten
Maximalverlust eines Portfolios über einen bestimmten Zeithorizont bei
gegebenem Vertrauensniveau[78]. Genauer: Bei z.B. 95%
Konfidenzniveau und einem Tag Zeithorizont ist der VaR der Verlustbetrag, der
mit 95% Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird innerhalb eines
Tages[78]. Oder anders: Es besteht 5%
Wahrscheinlichkeit, dass der Verlust größer als VaR ist (entspricht dem
5%-Quantil der Gewinn/Verlust-Verteilung). Typische Parameter in Banken sind
1-Tages-VaR 99% oder 10-Tages-VaR 99% (Basel-Regulierung verlangte etwa 10-Tage
99%).
Beispiel: Ein VaR von 10 Mio € bei 99%/1 Tag bedeutet: Es ist sehr
unwahrscheinlich (1% Chance), dass das Portfolio in einem Tag mehr als 10 Mio €
verliert. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass in 1 von 100 Tagen dieser
Verlust überschritten wird – worst cases jenseits des VaR sind möglich, aber
werden per Definition ausgeklammert.
Die Berechnung des VaR erfordert: 1. Eine Modellierung der Wertänderungsverteilung
des Portfolios über den betrachteten Zeitraum (z.B. 1 Tag). Dazu müssen die Risikofaktoren
(Aktienkurse, Zinsen, Wechselkurse etc.) mit ihren Volatilitäten und
Korrelationen erfasst werden[79], entweder durch Annahme einer
Verteilung (meist Normalverteilung der Risikofaktor-Änderungen) oder durch
empirische Simulation. 2. Dann Bestimmung des entsprechenden Quantils. Methoden
sind: - Varianz-Kovarianz-Ansatz (Delta-Normal): Unterstellt multivariate
Normalverteilung der Risikofaktoränderungen[80]. Der Portfolioverlust wird
über die lineare Sensitivität (Delta) approximiert und durch
Varianz-Kovarianz-Matrix der Faktoren die Verteilung berechnet (das
Portfolioergebnis ist dann ebenfalls normalverteilt, Var = $\Delta^T \Sigma
\Delta$). Einfach implementierbar, aber problematisch für nichtlineare
Instrumente wie Optionen[81] und schätzt Tail-Risiken oft
zu gering (Normalverteilung unterschätzt fette Tails). - Historische
Simulation: Nimmt an, die zukünftigen Verluste folgen der gleichen
Verteilung wie historische Beobachtungen. Man nimmt z.B. 250 vergangene
Tagesänderungen der Risikofaktoren, wendet diese Veränderungen auf das aktuelle
Portfolio an (d.h. bewertet das Portfolio 250-mal mit den veränderten Faktoren)
und erhält 250 hypothetische Tagesgewinne/-verluste. Der VaR ist dann das
1%-schlechteste dieser Ergebnisse[82][83]. Vorteil: keine
Verteilungsannahme, fängt fette Tails ein sofern in Historie vorhanden.
Nachteil: basiert vollständig auf Vergangenheitsmuster, instabil bei kleinem
Datensatz. - Monte Carlo Simulation: Generiert viele zufällige
Pfad-Samples der Risikofaktoränderungen (häufig unter Normalverteilungsannahme
oder mit modifizierten Verteilungen), berechnet entsprechend Portfolioverluste
und zieht daraus das entsprechende Quantil[84]. Flexibel und kann auch
Nichtlinearitäten abbilden (durch exakte Neupreisung des Portfolios je Sample),
allerdings rechenaufwendig. Hier können auch komplexe modellierte Verteilungen
(z.B. GARCH-Volatilitäten, Copulas für Abhängigkeiten) einbezogen werden.
VaR hat durch seinen Einfacheitswert große Verbreitung gefunden:
Er drückt ein Risiko in einem einzigen Geldbetrag aus ("Wir riskieren max.
X € mit Y% Vertrauen"). Regulatorisch wurde er in Basel II für Marktrisiko
hinterlegt – Banken mussten ihr Handelsbuch-Eigenkapital nach internem
VaR-Modell bemessen (10-Tages 99% VaR). Allerdings ist VaR kein kohärentes
Risikomaß im streng mathematischen Sinn, v.a. da es nicht subadditiv ist:
Zwei Teilportfolios können einen höheren gemeinsamen VaR haben als Summe ihrer
Einzel-VaRs (besonders bei nicht-normalverteilten Risiken)[85]. Das liegt daran, dass VaR
nur ein Quantil betrachtet und nichts über die Verteilung jenseits dieses
Quantils aussagt.
Kritik und Weiterentwicklung: Während VaR Standard blieb, hat man nach
der Finanzkrise 2008 erkannt, dass das Worst-Case-Verhalten stark unter
den Tisch fällt. Beispielsweise kann ein Portfoliowert eine extrem schiefe
Verteilung haben mit seltenen, aber katastrophalen Verlusten – VaR 99%
ignoriert, was im 1% Fall passiert. Daher wird zunehmend der Expected
Shortfall (ES) oder CVaR (Conditional VaR) genutzt, der den
Durchschnitt der Verluste über dem VaR-Quantil misst (wie
"erwarteter Verlust, falls der VaR-Fall eintritt"). Dieser ist ein
kohärentes Risikomaß und reagiert empfindlicher auf Tail-Risiken[86].
In der Praxis wird VaR für viele Zwecke eingesetzt: Handelslimits
(Traders dürfen z.B. max 1 Mio VaR fahren), strategische Risiko-Allokation,
Performance-Messung (Risk-Adjusted Returns). Wichtig ist, dass die Schätzung
der Volatilitäten und Korrelationen korrekt ist und bei Veränderungen
aktualisiert wird (z.B. durch Exponentially Weighted Moving Average EWMA, GARCH
etc. – siehe nächster Abschnitt). Extremereignisse kann VaR nicht vorhersehen,
wenn sie nicht im Datenfenster liegen oder vom Modell abweichen. So wurden
riskante Positionen vor 2007 mit geringen VaRs eingestuft, da die Volatilitäten
damals gering waren und fat tails ignoriert wurden; im Crash 2008 kam es dann
zu Verlusten, die ein Vielfaches des vorher gemeldeten VaR betrugen.
Zusammengefasst: Der Value at Risk ist eine knappe Kennzahl des
Marktrisikos, definiert als maximaler Verlust unter Normalbedingungen für
einen bestimmten Zeitraum mit gegebener Wahrscheinlichkeit[78]. Er hat das Risikomanagement
standardisiert, ist aber kein Allheilmittel – gerade die Ausnahmen jenseits des
VaR (worst case) sind gefährlich. Daher wird VaR oft ergänzt durch Stresstests
(Was passiert bei Crash XY?) und durch Kennzahlen wie Expected Shortfall, um
ein umfassenderes Bild zu erhalten.
Schätzungen von
Volatilitäten und Korrelationen
Für
die Anwendung der zuvor beschriebenen Modelle und Risikomaße müssen Volatilitäten
und Korrelationen als Inputs geschätzt werden. Diese Größen sind
zeitlich nicht konstant und schwer direkt beobachtbar, müssen aber aus
Marktdaten abgeleitet werden.
Volatilitätsschätzung: - Historische
Volatilität: Berechnet sich aus vergangenen Preisdaten. Typischerweise
nimmt man logarithmische Renditen $r_i = \ln(S_{i}/S_{i-1})$ auf Tages- oder
Wochenbasis und bestimmt deren Standardabweichung. Um eine Jahresvolatilität zu
erhalten, skaliert man z.B. die Tages-Stdabw mit $\sqrt{250}$. Die historische
Volatilität lässt sich über verschiedene Fenster berechnen (30 Tage, 250 Tage
etc.). Sie kann als Schätzer für die zukünftige realisierte Volatilität
dienen. - Exponentiell gewichtete Volatilität (EWMA): Um jüngere Daten
stärker zu gewichten, verwendet man z.B. EWMA-Methoden (RiskMetrics-Vorschlag).
Hier wird $σ^2_{t} = \lambda σ^2_{t-1} + (1-\lambda) r_{t-1}^2$ rekursiv
geschätzt, mit einem Abklingfaktor $\lambda$ (~0.94 für Tagesdaten). So reagiert
die Schätzung schneller auf Volatilitätsregimewechsel. - Modellbasierte
Schätzung (GARCH): GARCH-Modelle gehen einen Schritt weiter und modellieren
Volatilität als stochastischen Prozess. Ein einfaches GARCH(1,1): $σ^2_{t} =
α_0 + α_1 r^2_{t-1} + β σ^2_{t-1}$. Solche Modelle fangen die empirischen
Eigenschaften von Finanzzeitreihen gut ein (Clustering von Volatilität,
Mean-Reversion). Parameter werden via Maximum-Likelihood aus Daten geschätzt.
GARCH liefert eine Volatilitätsprognose, die oft besser ist als die
naive konstante Vola. - Implizite Volatilität: Aus Optionspreisen lässt
sich die vom Markt erwartete Volatilität extrahieren – die implizite
Volatilität, welche den Optionspreis ins Black-Scholes-Modell eingesetzt
reproduziert. Viele Praktiker vertrauen impliziten Volas als “Vorhersage” der
künftigen Schwankung, da sie die am Markt konsistente Erwartung (oder zumindest
Konsens) darstellt. Allerdings ist implizite Vola wiederum strike- und
laufzeitabhängig (Volatility Smile/Surface). Für konkrete Prognosezwecke (z.B.
VaR) nimmt man oft ATM implizite Volas als Indikator.
Korrelationen zwischen Risikofaktoren sind
ebenso wichtig, v.a. im Portfolio-Kontext. Beispielsweise für VaR im
Aktienportfolio braucht man die Kovarianzmatrix aller Aktienrenditen[87].
Schätzungsmethoden: - Historische Korrelationen: analog zur Volatilität aus
Zeitreihen, z.B. via Pearson-Korrelationskoeffizient auf log-returns. Großer
Schätzerfehler wenn Dimension hoch und Zeitfenster klein (die empirische
Kovarianzmatrix kann sehr “noisy” sein). - Shrinkage-Methoden: Man glättet die
Korrelationen z.B. Richtung Durchschnittskorrelation oder nach Faktoren, um Extremwerte
zu vermeiden. - Faktor-Modelle: Annahme, dass ein paar Hauptfaktoren (z.B.
Sektoren, Marktindex) die Korrelationen treiben. Dann schätzt man die Faktoren
und ladings, was stabilere Schätzer gibt.
Volatilität und Korrelation im Derivatekontext:
Für Modelle wie LIBOR Market Model oder HJM (Zinsstrukturmodelle) muss die Volatilitätsfunktion
der Zinsforwards und ihre Korrelationen entlang der Kurve geschätzt werden. Oft
wird hierzu an die Implizitvolatilitäten von Caps/Floors und Swaption-Volas
kalibriert – diese enthalten Informationen über die Markterwartungen an
Zinsvolatilitäten und Korrelationen (z.B. das Spread zwischen 2- und
10-Jahres-Satz impliziten Volas gibt einen Anhaltspunkt, wie Pfadabhängig
Volatilität ist; Swaption Smile kann Korrelationseffekte anzeigen).
In Kreditderivaten (z.B. CDO-Bewertung) spielt die Korrelation
zwischen Ausfällen eine große Rolle. Diese sogenannte Copula-Korrelation
wird aus Index-CDS-Tranchen-Preisen implizit geschätzt, da historische Daten
rar sind.
Zusammengefasst müssen Volatilitäten und Korrelationen mit Sorgfalt
geschätzt werden, da die Güte von Risikomodellen und Derivatebewertungen
maßgeblich davon abhängt. Historische Schätzer bieten objektive Anhaltspunkte,
reagieren aber langsam und unterstellen oft Normalverteilungen. Implizite Werte
bieten Marktkonsens, können aber Verzerrungen enthalten (z.B. Risikoprämien).
In der Praxis kombiniert man Ansätze: z.B. calibrate-to-market (implizite
Volas) aber stress-test gegen historische Moves.
Gerade im Portfolio-Risikomanagement (VaR etc.) gilt: Falsche
Korrelationen können Diversifikation überschätzen oder unterschätzen. So führte
im 2007/2008 die plötzlich ansteigende Korrelation zwischen vielen
Anlageklassen (alle fielen gemeinsam) zu viel höheren Verlusten, als die
Modelle basierend auf ruhigen Vorjahren erwartet hatten. Dies zeigt die Grenzen
rein statistischer Schätzungen auf – man ergänzt daher oft Stresstestszenarien,
die Schätzungen übersteigende Bewegungen simulieren.
Kreditderivate
Kreditderivate sind Finanzinstrumente, die das Kreditrisiko (Ausfallrisiko)
von Krediten oder Anleihen handelbar machen. Mit Kreditderivaten kann man
Kreditrisiken isolieren und übertragen, ohne dass der Kredit oder die Anleihe
selbst den Besitzer wechselt[88]. Sie entstanden in den
1990er Jahren und haben seither einen großen Markt entwickelt.
Der grundlegendste Typ ist der Credit Default Swap (CDS): Ein
CDS ist ein Vertrag zwischen zwei Parteien, bei dem der Sicherungsnehmer
(Käufer des Schutzes) dem Sicherungsgeber (Verkäufer) eine regelmäßige
Prämie zahlt, und dafür im Falle eines Kreditereignisses (z.B. Zahlungsausfall
oder Restrukturierung des Referenzschuldners) vom Sicherungsgeber eine
Ausgleichszahlung erhält[88][89]. Im Prinzip fungiert ein CDS
wie eine Versicherung auf eine Anleihe: Der Sicherungsnehmer wird gegen Ausfall
abgesichert. Der Sicherungsgeber "verkauft" Versicherung und erhöht
damit sein Ausfallrisiko (er bekommt Prämien, muss aber im Event zahlen)[90].
Beispiel: Bank A hält eine Anleihe von Unternehmen X. A kauft einen
5-Jahres-CDS auf X von Bank B und zahlt quartalsweise 100 Basispunkte auf
Nominal. Wenn X ausfällt, zahlt B an A den Verlust (üblicherweise Nominal -
Recovery). Diese 100 Bp/Jahr spiegeln die vom Markt eingeschätzte
Ausfallwahrscheinlichkeit (adjustiert um Recovery und Liquiditätsprämie) von X
wider.
Weitere Kreditderivate und Strukturen: - CDS-Index: Bündel von
CDS auf z.B. 125 Unternehmen aus einem Sektor (z.B. iTraxx Europe, CDX North America).
Er ermöglicht Marktkreditrisiko als Ganzes zu handeln (ähnlich einem
Aktienindex). - Credit Linked Note (CLN): Eine Anleihe, deren
Rückzahlung an den Ausfall eines Referenzschuldners gekoppelt ist[91]. Im Prinzip eine Kombination
aus risikoloser Anleihe und verkaufter CDS: Der Investor der CLN erhält z.B.
hohen Zins, trägt aber das Ausfallrisiko eines bestimmten Namens. - Credit
Spread Option: Eine Option auf den Kreditspread einer Anleihe oder CDS.
Damit kann man auf die Ausweitung oder Einengung von Spreads spekulieren. - Total
Return Swap auf Kreditportfolio: Bank gibt die Totalrendite (Zins +
Kursänderung) eines Kreditportfolios an Investor und bekommt im Tausch einen
festen Zins + trägt keine Ausfälle. Der Investor exponiert sich damit am
Kreditportfolioertrag (und -verlust). - CDO (Collateralized Debt Obligation):
Strukturierte Kreditderivate, wo ein Portfolio von Krediten/Anleihen in
Tranchen aufgeteilt wird. Jede Tranche trägt in abgestufter Reihenfolge
Verluste: Die Equity-Tranche fängt erste Verluste bis zu einer Schwelle, dann
Mezzanine etc., die Senior-Tranche trägt nur extreme Verluste. So können
Investoren je nach Risikoneigung Tranchen kaufen. Die Preisstellung von
CDO-Tranchen erforderte komplexe Korrelationsannahmen – dieser Markt spielte
eine zentrale Rolle in der Finanzkrise, da viele CDOs auf US-Hypotheken
ausgegeben wurden und die Korrelation massiv unterschätzt wurde.
Der Nutzen von Kreditderivaten: Sie erlauben Kreditrisiken zu
handeln und zu hedgen. Banken können z.B. via CDS Absicherungen für
Kreditausfälle kaufen, ohne die Kundenbeziehung zu beenden. Investoren können
an den risikoreichen Teilen der Kreditpools partizipieren (z.B. via CDO-Equity)
und dafür hohe Rendite verlangen. Marktteilnehmer können auch auf
Bonitätsänderungen spekulieren (z.B. Short gehen auf eine Firma durch
CDS-Kauf).
Bewertung: Einfache Kreditderivate wie CDS
werden anhand der Ausfallswahrscheinlichkeit und erwarteten Recovery bewertet.
Die Fair Spread in einem CDS ergibt sich, wenn der Barwert der Prämienzahlungen
= Barwert des erwarteten Ausgleichs ist. Mathematisch: $s \sum_{t} P(Überleben
bis t) \Delta t ≈ (1-R) P(Ausfall)$ – gelöst für $s$ (Spread). Es fließen Annahmen
über die Ausfallintensität λ (Hazard Rate) ein: z.B. exponentieller
Überlebensprozess $P(\text{Überleben bis T}) = e^{-λ T}$. Aus Marktdaten
(beobachtete CDS-Spreads) kann man implizite Ausfallkurven bootstrappen.
Kreditderivate mit Abhängigkeiten (CDOs) benötigen Kreditkopula-Modelle:
man nimmt z.B. an, die Ausfälle korrelieren via Normal- oder T-Copula mit einem
Korrelationsparameter ρ. Der Preis einer CDO-Tranche hängt dann stark von ρ ab
– kleine ρ (nahe unabhängige Ausfälle) bedeuten, Verluste verteilen sich, was
z.B. die Equity-Tranche relativ entlastet; große ρ (hohe Gleichzeitigkeit)
bedeuten, entweder nichts passiert oder viele Ausfälle zusammen, was
Senior-Tranchen riskanter macht. Die Gauss’sche Copula war ein
Standardmodell (mit ρ als Parameter), wurde aber nach Krise kritisiert (sie
unterschätzte das Tail-Risiko bei Marktkorrelationen).
Risiko: Kreditderivate können systemisches
Risiko erhöhen, wie 2008 gesehen – sie ermöglichen zwar Risikotransfer, aber
auch hohe Hebel und Intransparenz. Ein Problem war, dass durch CDS viele Banken
indirekt miteinander verbunden waren (AIG als Sicherungsgeber fiel 2008 beinahe
aus, was globale Folgen gehabt hätte).
Heute sind Standard-CDS durch zentrale Gegenparteien gecleared, und es
gibt strengere Anforderungen an Collateral. Der Kreditderivatemarkt hat
nach 2008 in bestimmten Bereichen an Volumen verloren (z.B. strukturierte
ABS/CDOs), während Standard-Indices und Single-Name-CDS weiterhin wichtige
Marktinstrumente sind.
Kreditderivate illustrieren, wie Derivateprinzipien (Arbitrage,
Optionsbewertung) auf neue Risiken angewandt werden. So ist ein CDS letztlich
dem Abschluss einer Folge von Ausfall-Optionen ähnlich – man kann ihn als
Portfolio von digitalen Optionen interpretieren, die im Ausfall triggern. Der
Markt hat eigene Konventionen (z.B. geregelte Credit Events, ISDA Definitions)
entwickelt, um diese Produkte homogen zu halten.
Zusammengefasst ermöglichen Kreditderivate die Entkopplung des
Kreditrisikos vom eigentlichen Kreditgeschäft[88]. Sie verbessern
Risikodiversifikation, erhöhen aber auch die Komplexität des Finanzsystems.
Ihre Bewertung erfordert sowohl klassische Methoden (Barwert von Cashflows) als
auch spezielle statistische Ansätze (Ausfallintensitäten, Korrelation).
Exotische Optionen
Exotische Optionen sind Optionen mit ausgefallenen oder zusätzlichen Auszahlungsstrukturen,
die von den "plain vanilla" Calls und Puts abweichen. Sie wurden
ursprünglich so genannt, weil viele erstmals in speziellen Märkten (Tokio,
Hongkong etc.) gehandelt wurden und "exotisch" klangen, und weil ihre
Strukturen komplexer sind. Exotische Optionen besitzen oft pfadabhängige
oder bedingte Auszahlungen, oder zusätzliche Entscheidungsrechte. Einige
wichtige Typen:
- Barrier-Optionen: Optionen, die nur in Kraft treten (Knock-In) oder
verfallen (Knock-Out), wenn der Basispreis eine bestimmte Schwelle
(Barriere) erreicht. Beispielsweise ein Knock-Out Call verfällt wertlos,
sobald der Kurs während der Laufzeit die Barriere überschreitet[92][93]. Barriers sind
beliebt, da sie günstiger sind als Vanilla (man zahlt nur für den
bedingten Schutz) und gezielte Strategien erlauben (z.B. Turbozertifikate
basieren auf Knock-Out-Optionen). Pricing erfordert Berücksichtigung von
Pfad (Closed-Formeln existieren für einfache Barriers im Black-Scholes,
basierend auf Spiegelargumenten).
- Asian-Optionen: Pfadabhängig insofern, als die Auszahlung vom Durchschnittspreis
des Basiswerts über einen bestimmten Zeitraum abhängt. Z.B. Asian Call
zahlt $max(\text{Durchschnitt}(S) - K, 0)$. Solche Durchschnittsoptionen
glätten extrem volatile Bewegungen, sind oft günstiger und werden in
Rohstoff- und Energiemärkten genutzt (zur Absicherung gegen den
Durchschnittspreis eines Monats, statt dem Spotpreis an einem Tag). Eine
Besonderheit ist, dass für derartige Strukturen meist keine analytische
Lösung existiert (außer bei geometrischem Durchschnitt), Monte Carlo oder
PDE muss herangezogen werden.
- Lookback-Optionen: Diese Optionen "blicken zurück" auf den bisher
erreichten Extremwert des Basiswerts. Ein Lookback-Call zahlt am
Ende $S_{\max} - K$ (die Differenz zwischen maximal beobachtetem Kurs
während der Laufzeit und dem Strike), sofern positiv[94]. Im Extremfall, Floating-Strike
Lookback, bekommt man z.B. $S_T - \min(S)$ – was quasi "perfekt
getimed" den billigsten Einstieg simuliert und so maximalen Payoff
garantiert. Lookbacks sind sehr teuer, da sie dem Inhaber den Luxus geben,
das beste Kursniveau der Vergangenheit auszunutzen. Ihre Bewertung ist
anspruchsvoll, aber es gibt geschlossene Formeln für einige
(floating/fixed) im Black-Scholes-Rahmen.
- Chooser-Optionen: Der Inhaber darf zu einem bestimmten Zeitpunkt entscheiden, ob
die Option ein Call oder Put sein soll[95]. "As you like
it"-Optionen bieten Flexibilität, kosten daher mehr als ein einzelner
Call/Put, aber weniger als Summe aus Call+Put (in der Summe hätte man
Put-Call-Parität = Forward). Chooser-Optionen haben geschlossene Lösungen
(Garman 1993 etc.), die clever die Symmetrie ausnutzen.
- Bermuda-Optionen: Optionen, die an mehreren festgelegten Terminen ausübbar sind
(eine Zwischenform zwischen amerikanisch und europäisch)[96]. Der Name deutet
an: wie Bermuda geografisch zwischen US und Europa liegt. Bewertung
erfolgt typischerweise über Binomial oder PDE mit diskreten
Ausübungsfenstern.
- Digitale (Binary)
Optionen: Zahlen einen festen Betrag aus, wenn
der Basiswert ein bestimmtes Niveau überschreitet (Call-Digital) oder
nicht überschreitet (Put-Digital). Sie sind diskontinuierlich im Payoff.
Viele Strukturen z.B. im Devisenmarkt (sogenannte "one touch" =
zahlt $1$, sobald Kurs Barriere erreicht; "no touch" = zahlt
$1$, falls Barriere nie erreicht). Digitals sind Bausteine in
strukturierten Produkten, lassen sich als Derivate erster Ableitung von
Vanillas verstehen (die Delta von Digital = "Dirac-Peak" – daher
Nutzung in Modellkalibrierung).
- Exotische
Pfadstruktur: Range-Options zahlen z.B.
die Länge der Zeit (oder Anzahl der Tage), die ein Underlying in einer
bestimmten Range verbringt[97]. Forward Start
Options starten erst in der Zukunft (etwa Option, die in einem Jahr
als at-the-money Call beginnt – relevant für Variable Vergütungen etc.). Cliquet-Optionen
sichern periodische Gewinne: z.B. am Ende jedes Jahres wird die
Performance begrenzt und "gelockt", und negative Jahre setzen
nicht auf 0 zurück.
- Compound Options: Optionen auf Optionen – z.B. eine Call-Option, die das Recht
gibt, später einen Put zu kaufen. Theoretisch in BS bewertbar mit
iterierter Anwendung.
Die Anwendung exotsicher
Optionen ist vielfältig: - Unternehmen in Rohstoffbereichen nutzen
Asian-Optionen, um Durchschnittspreisgarantien zu erhalten (z.B. asiatischer
Put schützt gegen langanhaltend niedrige Preise). - Barrier-Optionen sind in
strukturierten Produkten für Privatanleger verbreitet (z.B. Knock-Out
Warrants/Turbos haben Barriere = Strike, verfallen sofort bei Berühren). -
Versicherungsähnliche Konstrukte, z.B. Kapitalschutz-Zertifikate, kann man als
Kombinationen exotischer Optionen ausdrücken (Cliquet-Strukturen). - Im
interbanken OTC-Markt werden exotische Zinsoptionen gehandelt (z.B. Bermudan
Swaptions, die es dem Inhaber erlauben, zu bestimmten Terminen einen Swap
einzugehen – diese werden via Lattice oder Monte Carlo bewertet und setzen implizit
auf Zinsstruktur-Volatilitätskurven).
Bewertung exotischer Optionen: Oft keine
geschlossenen Lösungen, aber Payout lässt sich oft in "Stücke"
zerlegen oder mit stochastischen Methoden behandeln. Monte Carlo ist
universell, aber bei Pfadabhängigkeit eventuell langsam (Antithetic &
Kontrolle tricksen). Finite Differenzen können mit Zusatzdimensionen (z.B.
Keep-Track der Min/Max als extra Dimension) erfolgen, was rechenintensiv ist.
Der Markt benutzt daher für Standard-Exoten wie Barriers teils semianalytische
Methoden (Reflexionsprinzip für Barrieren im BS). Calibration der exotischen
Pricing-Modelle an Vanilla-Smiles ist wichtig – exoten sind oft Smile-sensitiv:
z.B. der Preis eines Barrier-Options hängt davon ab, was man an Volatilität
jenseits der Barriere unterstellt (er ist nicht eindeutig in BS mit konstant σ
zu bestimmen, da in Realität Variation).
Exotische Optionen zeigen die Kreativität im Derivatemarkt: Praktisch
jede erdenkliche Auszahlungsstruktur kann entworfen werden, wenn es Bedarf
gibt. Damit der Handel zustande kommt, müssen aber beide Seiten die Bewertung
nachvollziehen können – oft werden Exoten deshalb in einfachere Bestandteile
synthetisiert (z.B. barrier = vanilla - knock-in, etc.). Für Markteinsteiger
sind Exoten anspruchsvoll, aber sie folgen denselben Grundprinzipien
(Arbitragefreiheit, Erwartungsbewertung). Insbesondere unterstreichen sie die
Bedeutung der Volatilitätsoberfläche: Der Preis einer exotischen Option
ergibt sich aus einem integralen Effekt aller relevanten impliziten Volas.
Banken müssen daher, wenn sie exotische Option verkaufen, die entsprechenden
Smile-Risiken (z.B. Vega in verschiedenen Strikes, Skew-Exposure) hedgen, oft
mittels Portfolio von Vanillas.
Zusammenfassend sind exotische Optionen angepasste Derivate mit
speziellen Eigenschaften[98]. Sie werden genutzt, um
exakt auf Kundenbedürfnisse einzugehen oder um Strategien effizienter
abzubilden als mit mehreren Standardoptionen. Ihre Bewertung erfordert
fortgeschrittene Methoden, bleibt aber ein faszinierendes Anwendungsfeld der
Finanztechnik.
Wetter-, Energie-
und Versicherungsderivate
Neben
den klassischen Finanzderivaten auf Märkte wie Aktien, Zinsen oder Währungen
haben sich Derivate entwickelt, um nicht-finanzielle Risiken handelbar
zu machen – etwa Wetterrisiken, Energiepreisrisiken oder Versicherungsschäden.
Diese Produkte verbinden oft Elemente der Versicherungswirtschaft mit
Derivateprinzipien und werden manchmal als Versicherungsderivate
bezeichnet[99].
Wetterderivate
Wetterderivate dienen der Absicherung gegen finanzielle Verluste durch ungünstige
Witterungsverläufe. Sie basieren auf Wetterindizes wie Temperatur,
Niederschlagsmengen, Heiztagen etc. Ein Beispiel ist ein Heating Degree Day
(HDD) Future: Hier wird die Summe der negativen Abweichungen der
Durchschnittstemperatur unter 18°C im Monat gemessen und in einen Geldbetrag
umgerechnet. Ein Energieversorger, dessen Gasabsatz vom Winter abhängt, könnte
einen HDD-Swap abschließen – erhält Zahlung, wenn der Winter mild (wenig HDD)
ist, zahlt bei strengem Winter (viel HDD), um sein Ertragsrisiko auszugleichen.
Wetterderivate sind in der
Regel indexbasiert (es geht nicht um tatsächlichen Schaden, sondern um
Parameter)[99]. Beispielsweise zahlt ein
Temperaturderivat $Payout = Max(0, \text{Index} - K) \times
\text{Multiplikator}$. Index kann z.B. Summe täglicher
Durchschnittstemperaturen sein. Diese Parameter sind objektiv messbar
(Wetterstationen) und unabhängig vom individuellen Unternehmen – im Gegensatz
zur traditionellen Versicherung, wo ein spezifischer Schaden reguliert wird.
Das macht standardisierte Derivate möglich: z.B. an der CME werden
Wetter-Futures auf viele US-Städte gehandelt.
Die Bewertung solcher
Derivate ist herausfordernd, da Wetter keine klassische Arbitrage-Beziehung mit
handelbaren Assets hat. Man nutzt Ansätze der Actuarials (Versicherungsmathematik):
Häufig wird von Risikoprämien ausgegangen und Modelle passen sich an
historische Wetterdaten an. Es gibt Versuche, ein Martingalmaß via Wetter-Contingent
Commodity herzustellen – z.B. Gaspreis und Temperatur in Kombination
(sogenannte Quantos)[100].
Praxis: Typische Nutzer sind
Energieunternehmen, Landwirtschaft (Ernteversicherung via Derivat), Tourismus
(Skiresort will sich gegen warmen Winter absichern). Der Markt hatte einen
Aufschwung um 2005, aber bleibt relativ klein und oft OTC.
Energie- und Rohstoffderivate
Zwar sind
Energiepreise (Öl, Gas, Strom) an sich finanzielle Underlyings, jedoch weisen
speziell Stromderivate Besonderheiten auf: Strom kann kaum gespeichert
werden, daher folgt sein Preis eigenen Dynamiken (Spikes bei Knappheit). Es
gibt Strom-Futures an Energiebörsen, und darauf aufbauend auch
exotischere Strukturen (z.B. Swing-Optionen: Recht, über Zeitraum eine flexible
Menge Strom abzunehmen, mit Ober-/Untergrenzen pro Tag – wichtig für
Kraftwerksbetreiber, Gaslieferverträge mit Take-or-Pay sind analog).
Energieproduzenten
nutzen Revenue Swaps: z.B. ein Ölproduzent könnte einen
"Collar" abschließen (Put kaufen, Call verkaufen auf Öl), um eine
Preisband-Garantie zu haben. Im Bereich Gas und Strom gibt es Spread-Optionen
(Crack-Spreads: Differenz z.B. zwischen Öl- und Gaspreis, relevant für
Kraftwerke). Der Emissionshandel hat auch Derivate (CO2-Zertifikate-Futures,
Optionen).
Insurance-Linked
Securities (ILS) sind im weitesten Sinne Derivate, die Versicherungsrisiken
handelbar machen: - Katastrophenanleihen (Cat Bonds): Anleihen, bei
denen im Falle einer definierten Katastrophe (z.B. Hurrikan über Stärke X in
Region Y) der Kupon und/oder Rückzahlung gekürzt wird. Investoren erhalten also
hohe Zinsen als Entschädigung für das Risiko, bei seltenem Ereignis Verluste zu
erleiden. Versicherungsgesellschaften nutzen Cat Bonds, um Spitzenrisiken an
den Kapitalmarkt auszulagern. - Aktienanleihen auf Versicherungsindizes:
Es gibt Versuche, einen globalen Versicherungsindex zu definieren (etwa
Property Claim Index) und Derivate darauf zu handeln, sodass Versicherer sich
gegen aussergewöhnliche Schadenjahre absichern können (z.B. via Index-Option).
- Longevity Derivatives: Pensionskassen lagern Langlebigkeitsrisiko aus
– Swaps, bei denen Zahlungen abhängig von tatsächlicher Lebenserwartung im
Vergleich zur erwarteten erfolgen. Damit kann ein Hedge gegen den Fall
aufgestellt werden, dass Rentner länger leben als kalkuliert.
All diese
Instrumente folgen dem Prinzip, Risiken handelbar und verteilbar zu machen, die
zuvor bei einzelnen Trägern konzentriert waren. Die Bewertung erfordert oft
interdisziplinäre Modelle (z.B. meteorologische Modelle,
versicherungsmathematische Sterbetafeln) plus Annahmen über Risikoaversion, da
keine exakte Arbitrage möglich ist – man kann das Wetter nicht hedgen wie eine
Aktie durch short gehen. Daher werden oft Risikoprämien auf statistisch
erwartete Verluste aufgeschlagen. Ein Cat Bond z.B. wird so gepreist, dass er
im Erwartungswert dem Investor den risikofreien Zins plus eine Spreadprämie
zahlt, die dem versicherungsmathematischen Verlust plus einer
Risikoprämie entspricht. Das Konzept des Expected Shortfall ist hier
analog: Der Investor möchte kompensiert werden für die schweren Tail-Verluste.
Marktentwicklung: Wetter- und Insurance-Derivate wurden zunächst OTC zwischen
Spezialisten gehandelt. Inzwischen gibt es standardisierte Kontrakte (CME
Weather Futures, Cat-Bond Indizes). Das Volumen ist aber im Vergleich zu
klassischen Finanzderivaten gering. Dennoch sind sie wichtig, da sie eine
Brücke schlagen zwischen Kapitalmarkt und realwirtschaftlichen Risiken
(Stichwort: Alternative Risikotransfer).
Zusammengefasst:
Wetter-, Energie- und Versicherungsderivate erweitern die Einsatzfelder der
Derivate auf Risiken des Alltags (Wetter, Katastrophen, Nachfrage). Die
Konstruktion orientiert sich an bekannten Derivate-Strukturen (Swaps,
Optionen), aber die Bewertung stützt sich oft auf historische Statistiken
mangels Arbitragepfaden. Diese Produkte ermöglichen es Unternehmen, sich gegen
z.B. einen warmen Winter oder einen Hurrikan-Schaden abzusichern, indem sie die
finanzielle Auswirkungen über den Markt verteilen. Damit werden Risiken besser
diversifiziert global getragen – allerdings sind sie auch komplex und
erfordern, dass Investoren bereit sind, diese speziellen Risiken in ihr
Portfolio aufzunehmen.
Modellierung und
numerische Verfahren: Vertiefung
In
diesem vertiefenden Abschnitt betrachten wir fortgeschrittene theoretische
Konzepte der Optionspreis-Bewertung und Zinsderivate-Modellierung. Hier geht es
um die formale Grundlage der modernen Derivatebewertung, insbesondere Martingalmaßnahmen
und komplexe Zinsmodelle, sowie um spezielle Anpassungen in der Praxis.
Martingale und
Wahrscheinlichkeitsmaße
Die
arbitragefreie Bewertung von Derivaten basiert – formal gesehen – auf der Existenz
eines risikoneutralen (Martingal-)Maßes. Der sogenannte Fundamentalsatz
der Arbitragepreistheorie besagt: Ein marktgetriebenes Preismodell ist
genau dann arbitragefrei, wenn es ein äquivalentes Wahrscheinlichkeitsmaß $Q$
gibt, unter dem alle diskontierten Preisprozesse Martingale sind[101].
Insbesondere existiert dann eine eindeutige risikoneutrale Erwartungsbewertung
für jedes Derivat. Anders gesagt: In einem arbitragefreien Markt kann man so
tun, als hätten alle investierbaren Vermögenswerte die erwartete Rendite =
risikofreier Zins (unter $Q$), und der Derivatpreis ist einfach der Barwert
seines erwarteten Payoffs unter dieser künstlichen Wahrscheinlichkeit.
Um
dies zu konkretisieren: Angenommen wir haben einen Aktienkursprozess unter dem
realen Maß $P$ mit Drift $μ$ und Volatilität $σ$. Existiert ein risikoneutrales
Maß $Q$, so sieht der Prozess unter $Q$ aus wie derselbe mit Drift $r$
(risikofreier Zins). Der Effekt der Marktrisikoprämie ist wegtransformiert,
indem man die Wahrscheinlichkeiten neu gewichtet (etwa via
Radon-Nikodym-Derivat). Unter $Q$ gilt dann der Preis eines Derivats $V(t) =
e^{-r (T-t)} E^Q[V(T) | \mathcal{F}_t]$, der diskontierte Preis ist also ein
Martingal.
Die
Konstruktion des Martingalmaßes erfolgt in diskreten Modellen über Änderung
der Wahrscheinlichkeiten (z.B. im Binomialmodell ist $π$ die risikoneutrale
Wkt und wird aus $u,d,r$ bestimmt). In stetigen Modellen geschieht es via Girsanov-Theorem,
welches angibt, wie aus einem Drift $μ$ ein Drift $r$ wird durch passende Marktpreis-of-Risk
Parameter. Der process $W^Q(t) = W^P(t) - \frac{μ - r}{σ} t$ wird unter $Q$
wieder ein Wiener-Prozess mit 0 Drift.
Die
Bedeutung dieses Konzepts ist enorm: Es erlaubt die hochkomplexen Probleme der
Gleichgewichts-Bewertung (wofür traditionell Risikoaversion etc. nötig wäre) in
eine technischere Aufgabe der Maßänderung und Erwartungsberechnung
umzuwandeln. Solange Märkte arbitragefrei sind (was in liquiden Märkten
plausibel ist) und vollständig genug, um alle Risiken abzubilden, kann man $Q$
nutzen.
Äquivalenz
der Maße ist wichtig: $Q$ muss Ereignissen keine
Null-Wkeiten geben, die unter $P$ positive Wkeit hatten (keine neuen
"unmöglichen" Ereignisse einführen), um die ökonomische
Interpretation zu wahren.
Für
praktische Anwendung: - Black-Scholes nutzte implizit das Martingalmaß (die
$μ$-Eliminierung in der Herleitung ist genau dieser Schritt). - In
Zinsstrukturmodellen gibt es mehrere relevante Maße: Spot-Maß, Forward-Maß
etc. je nach Numéraire. Beispielsweise wechselt man oft zum Forwardmaß,
in dem der diskontierte Forward Bond-Preis Martingal ist, was Pricing von
Zinsderivaten vereinfacht.
Die Martingalmaßtheorie
liefert auch Tools, wie man Preise komplexer Derivate herleitet: Der Preis ist
$E^Q[\text{Diskontfaktor} \times \text{Payoff}]$. In diskontinuierlichen
Prozessen (mit Sprüngen) bedarf es Erweiterungen (z.B. Martingal-Darstellung
mit Sprungterminen, Verwendung von Zuwachsmartingalen etc.). Aber das
Grundprinzip bleibt: Preis = risikoneutraler Erwartungswert.
Eine
weitere Erkenntnis: Wenn Märkte inkomplett sind (nicht alle Risiken
hedgebar, kein eindeutiges $Q$), gibt es unendlich viele äquivalente
Martingalmaße. Dann ist Derivatbewertung nicht eindeutig – es bedarf
zusätzlicher Annahmen (Nutzenmaximierung etc.) oder Vollständigstellung durch
erweiterte Assets. In der Praxis betrachtet man dann ein plausibles Modell
(z.B. stoch. Vol-Modell) und wählt Parameter so, dass ein $Q$ fixiert wird
(z.B. durch Optionpreise kalibriert). Hier berührt man auch die Welt der
Real- vs. Risikoneutral: Ausfallwahrscheinlichkeiten z.B. lassen sich unter
realem Maß schätzen (aus historischen Daten) vs. aus Marktpreisen
(risikoneutrale implizite PD). Der Unterschied spiegelt die Risikoprämie.
Zusammengefasst:
Martingalmaße liefern den theoretischen Unterbau für Derivatebewertung,
indem sie die Intuition "alle risikolosen Arbitragegewinne
eliminiert" in mathematische Strenge fassen. Die Existenzaussage ${\exists
Q: keine Arbitrage} \iff {\exists Q: diskontierte Preise Martingale}$[101] ist
fundamental.
Im
Risikomanagement sind Martingalüberlegungen ebenfalls präsent: Wenn man z.B. mit
historischer Simulation kalkuliert, nutzt man das Realmaß $P$. Wenn man jedoch
Marktdaten (z.B. implizite Volatilitäten) benutzt, argumentiert man mit
risikoneutraler Sicht. Das Bewusstsein, in welchem Maß man rechnet, ist
wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden.
Zinsderivate: Die
Standard-Market-Modelle
Unter
Standard Market Models bei Zinsderivaten versteht man Modelle, die
direkt an Marktquotierungen (typischerweise der Volatilität von
standardisierten Instrumenten wie Caps/Floors und Swaptions) anknüpfen
und diese konsistent bewerten. Der Begriff "Market Model" wurde
insbesondere durch das LIBOR Market Model (LMM) bekannt, aber zuvor gab
es vereinfachte Varianten.
Zunächst
zu den Standard-Zinsderivaten: - Forward Rate Agreement (FRA): ein
Forward-Kontrakt auf einen Zinssatz (z.B. in 3 Monaten für die Periode 3-6
Monate). Bewertung via Zinsstruktur trivial: es ist die Terminrate implied by
Zero-Kurve, Abrechnung im Voraus. - Zinsswaps: lassen sich als
Portfolios von FRAs ansehen; Bewertung über Differenz zweier Anleihe-Barwerte
(Fixed vs Floating). - Caps und Floors: Ein Cap ist im Grunde eine Serie
von europäischen Call-Optionen auf zukünftige Kurzfristzinssätze (z.B.
3M-LIBOR) pro Periode – sogenannte Caplets. Ein Floor analog aus Puts
(Floorlets). Ein Cap sichert einen maximalen Zinssatz: Zahlt, falls LIBOR >
Strike, die Differenz auf den Nominal für die jeweilige Periode. - Swaptions:
Option, einen Zinsswap einzugehen. Payer-Swaption = Recht, am Starttermin einen
festen Zinssatz zu zahlen (also von steigenden Zinsen profitieren).
Die
Marktpraxis bewertet Caps/Swaptions oft mit dem Black-76-Modell: Der
Forward-Zinssatz für die jeweilige Periode wird als Underlying gesehen,
Volatilität entnimmt man der Markt-Vol-Skala (Cap-Vols sind kotiert). So erhält
man Caplet-Preise. Summiert über alle Caplets = Cap-Preis. Dies setzt voraus,
die Forward-Zinssätze sind lognormal unter dem risikoneutralen Maß.
Nun
zum Market Model: Das LIBOR Market Model (auch BGM-Modell)
verallgemeinert die Idee, dass alle Forwardraten lognormal sind, aber
berücksichtigt ihre Kovariationen. Es modelliert simultan die Dynamik aller
relevanten $L(t; T_i, T_{i+1})$ Forward-Raten (z.B. 6M-LIBORs) als:
![]()
mit
$dW_i$ korreliert via $dW_i \cdot dW_j = \rho_{ij} dt$. Unter einem passenden
Maß (Terminal Measure) sind die Drifts so gewählt, dass Modell arbitragefrei (μ
aus $\sigma,\rho$ berechnet mit HJM-Bedingungen). Das LMM ist populär, da es
direkt mit Caplet-Volatilitäten als Input kalibriert wird (jede $σ_i(t)$
wird so gewählt, dass die Modellpreise der Caplets den Marktdaten entsprechen)
und Kovarianzen so eingestellt, dass Swaptionpreise auch passen (was auf
$\rho_{ij}$ Einfluss hat). Kurz: Das LMM erklärt die Volatilitäts-Smile bei
Strikes ignoriert, aber immerhin die Termstruktur der Volatilitäten und
Korrelationen.
Vor
LMM gab es vereinfachte "1-Faktor-Modelle", bei denen man annahm,
alle Forward-Raten haben dieselbe stochastische Treiber (voll korreliert). Das
führt z.B. zum Brace-Musiela 1-Faktor Modell. Aber in Realität brauchen
wir mehrere Faktoren um das Bewegungsmuster der Zinskurve abzubilden (typisch
~3 Hauptfaktoren: Parallel, Steepness, Curvature). LMM kann mehrere Faktoren
durch unterschiedliche $W_i$ und Korrelationen darstellen.
Standard
Market Models könnte auch das Black-Modell zur
Swaption-Bewertung meinen: Markt üblich ist, Swaptions analog Black76 zu
bepreisen, mit Annahme lognormaler Forward-Swap-Sätze. Das sog. Jamshidian-Trick
ermöglicht es, eine Swaption in einen Satz von Caplets zu zerlegen bei
1-Faktor-Modellen.
HJM
(Heath-Jarrow-Morton) im nächsten Abschnitt ist die allgemeine
Zinsstrukturmodellierung aus PDE-Sicht; Market Models sind dagegen Marktpraktiker-getriebene
Spezialfälle mit meistens lognormaler Annahme.
Konvexitätsanpassungen
& Daycount: In der Realität müssen Market Models
noch um technische Details ergänzt werden. Z.B. FRAs vs Futures: Ein
Eurodollar-Future hat eine leicht andere Abrechnung als ein FRA, sodass man
einen Convexity Adjustment anwenden muss (im 1-Faktor Normalmodell:
$Adjustment \approx \frac{1}{2} σ^2 t_1 t_2$ etc.). Standard Market Models
beinhalten das implizit: Der Future-Preis wird zum entsprechenden Forward etwas
höher sein (da daily settlement vs. end settlement).
Quantos: Falls man z.B. USD-Zinsoptionen hat, die aber in EUR ausgezahlt
werden, muss man im Modell das Quanto-Drift-Adjustment berücksichtigen –
der risikoneutrale Prozess ändert sich, indem die Differenz der numéraires
(Wechselkurse) in den Drift eingeht[100].
Fazit:
Die Standard Market Models (insb. LIBOR Market Model) haben den Vorteil, direkt
beobachtbare Marktvolatilitäten als Input zu nehmen und damit konsistente
Preise für die liquidesten Zinsoptionen (Caps, Swaptions) zu liefern. Sie
bilden gewissermaßen das Gegenstück im Zinsbereich zum Black-Scholes im
Aktienbereich: Einfach, intuitiv (lognormal Zinsforwards analog lognormal
Aktien), aber sie stoßen an Grenzen, wenn Volatilität lächelt oder extremer
wird (dann bräuchte man stoch. Vol oder normale Modelle, siehe unten HJM und
Markterweiterungen).
Heute
ist das LMM mit Erweiterungen (stochastische Volatilität, quasi-Gaussian etc.)
nach wie vor im Einsatz bei vielen Banken, weil es gut an Marktquotierungen
kalibriert werden kann. Es hat formal viele Parameter (jede Forward Rate eigene
Vol-Funktion plus Korrelationsmatrix), aber die werden aus dem
Cap/Swaption-Markt "eingestellt". So wird sichergestellt, dass das
Modell zumindest die Vanilla Zinsoptionen perfekt preisstellt.
Anpassung:
Konvexität, Zahlungstermine und Quantos
In
der Praxis der Zinsderivatebewertung treten einige feine Anpassungen
auf, die im theoretischen Grundmodell oft nicht unmittelbar sichtbar sind. Dazu
gehören insbesondere Konvexitätsanpassungen, Effekte unterschiedlicher
Zinsperioden (Daycount und Compounding), sowie die Bewertung sogenannter Quanto-
oder Cross-Currency-Effekte.
Konvexitätsanpassung: Dieser Begriff erscheint z.B. beim Vergleich von Forward Rate
Agreements (FRAs) und entsprechenden Futures-Kontrakten (Eurodollar Futures).
Ein Futures wird täglich über Variation Margin abgerechnet, während ein Forward
erst am Ende bezahlt wird. Dieser Unterschied führt dazu, dass der Futures-Kurs
leicht vom theoretischen Forward-Preis abweicht. Die Abweichung – die
Konvexitätskorrektur – resultiert aus der Korrelation zwischen Zinsänderungen
und Zinsniveaus. Intuitiv: Wenn Zinsen steigen, erfolgt bei einem Long-Futures
täglich ein Gewinn-Cashflow, der nun zu höherem Zins wieder angelegt werden
kann (umgekehrt bei Verlust). Dadurch hat der Future einen leichten Vorteil
gegenüber dem Forward. Die Konvexitätsanpassung kann analytisch approximiert
werden; in einem 1-Faktor-Modell ergibt sich z.B. $\text{Adjustment} \approx
\frac{1}{2} σ^2 T_1 T_2$ (mit $T_1, T_2$ Start und Endzeit des FRA). Allgemein
muss diese Korrektur berücksichtigt werden, wenn man aus Futures-Preisen
implizite Forward-Rates ableitet und umgekehrt. In Market Models ist die
Konvexität implizit in den Drifts. In HJM-Terms: Futures-Preis = $E[Forward] +
\frac{\text{Var}}{2}$ (analog Jensen's Inequality aufgrund der Nichtlinearität
des exponentiellen Abzinsens). Praktisch wird z.B. bei Euribor-Futures vs
FRA-Sätzen eine Adjustierung vorgenommen, wenn exakte Arbitrage fehlen könnte.
Zahlungstermine
und Daycount: Zinsderivate zahlen je nach Konvention
bestimmte Beträge an festgelegten Terminen. Beispielsweise ein Swap zahlt alle
6 Monate Zinsen. Das Timing der Zahlungen kann eine Bewertungsdifferenz
verursachen, insbesondere bei nicht regelmäßigen Frequenzen. Ein prominentes
Beispiel ist die Curve-Interpolation: Für exakte FRA-Werte bei
speziellen Laufzeiten (z.B. 5x8 FRA = 5 Monate bis Start, 3 Monate Länge) muss
die Zinskurve ggf. interpoliert werden. Wenn man die Diskontfaktoren aus Swaps
extrahiert, nutzt man oft Bootstrapping. Dabei entstehen mitunter kleine
Inkonsistenzen, die als "Convexity Adjustment" bei
Interpolationsmethoden korrigiert werden müssen.
Zudem
gab es in der Finanzkrise die Erkenntnis, dass Zinskurven mehrfach
geführt werden müssen: Eine OIS-Discounting-Kurve (nahe risikofrei) vs
eine Forward-Kurve für z.B. 3M-LIBOR. Früher hat man aus Swap-Raten (die
6M-Libor basieren) die Diskontfaktoren gewonnen. Nach 2008 divergierten OIS und
Libor-Spreads, sodass man seither Diskontkurve (OIS) und Forward-Kurve trennt.
Die Bewertung von z.B. einem 3M-FRA erfordert also OIS-Diskontierung und
separate 3M-Forward-Abzinsung. Das an sich ist kein "Convexity"
Problem, aber eine Anpassung im Standardmodell (Mehrkurvensystem).
Quantos
(Cross-Currency): Quanto bedeutet, dass ein Derivat in
einer anderen Währung als der des Basiswerts abgerechnet wird. Dies ist häufig
in FX oder bei internationalen Equity-Linked-Deals. Beispiel: Ein Investor
möchte an den US-Aktienkursen partizipieren, aber in EUR ausgezahlt werden,
ohne Wechselkursrisiko. Eine Quanto-Option auf den S&P 500 in EUR
würde genau dies tun: Sie gibt die USD-Entwicklung wieder, konvertiert aber zum
fixierten Wechselkurs (beseitigt FX-Einfluss). Für die Bewertung muss man ein Drift-Adjustment
durchführen: Unter dem EUR-risikoneutralen Maß hat der S&P 500 einen anderen
Drift als unter dem USD-Maß, nämlich Differenz der Zinssätze. Allgemein, wenn
man ein Asset (Aktie oder Index) aus Währungsraum X hat, der Optionspreis aber
in Währung Y ausgedrückt wird, kommt ein Term $r_Y - r_X$ in den effektiven
Drift. Dieser sog. Quanto-Drift kann interpretiert werden als: Man
sichert fortlaufend die Wechselkursposition, was Kosten/Erlöse in Höhe der
Zinsdifferenz zwischen den beiden Währungen erzeugt. Folglich wird im Modell
der erwartete Wachstum des Basiswerts angepasst.
Beispiel:
Eine Quanto-Call auf US-Aktie, in EUR: Hier muss die erwartete Rendite der
US-Aktie unter EUR-Maß = US-Aktien-Dividendenrendite - (Eurozins - US-Zins)
sein. Ist Eurozins < US-Zins, hat die Aktie im EUR-Maß höheres Drift (da
Halten in USD ist teurer -> muss belohnt werden). Konkreter: Der Preis kann
aus dem USD-Black-Scholes-Preis abgeleitet werden, multipliziert mit einem
Faktor $\exp((r_{US}-r_{EU})T)$ oder so ähnlich, und Volatilität bleibt gleich.
Viele exakte Formeln existieren z.B. im Fall von Quanto-Futures etc.
Noch
ein Aspekt: Cross-Currency Swaps – hier tauscht man Zinszahlungen in zwei
Währungen plus Nominal. Die Bewertung erfordert beide Zinskurven und den
aktuellen FX-Kurs. Im risikoneutralen Setup wird eine Basis
(Cross-Currency-Basis) beobachtet, weil z.B. ein USD-Libor vs EUR-Libor Tausch
nicht 1:1 auf OIS par ist – es gibt einen Cross-Currency Basis Spread,
der wiederum eine Anpassung am Modell (speziell Multi-Curve) verlangt.
Im
Wesentlichen sind diese Anpassungen Feinheiten, um Realitäten des Marktes
in die Modelle einzubauen: - Konvexität: Korrektur für Nichtlinearitäten wie
Future vs Forward. - Unterschiedliche Zahlungstermine/Perioden:
Multi-Kurve-Frameworks. - Quantos: Berücksichtigung von
Korrelation/Wechselkurs-Absicherung in der Bewertung.
Sie
erfordern oft, dass man im Modell den Numéraire wechselt: z.B. von
domestic Währung zu foreign Währung in Quanto – das Girsanov-Theorem liefert
dann den Additional Drift. Gleiches gilt für die Wahl des Numéraire bei
Zinsmodellen (Bond-Numéraire vs Cash-Account etc.).
Für
Praktiker heißt das: In Pricing-Systemen hat man Module, die z.B. aus
Futures-Preisen FRAs ableiten mit Correction, oder die Cross-Gamma Terms in FX
ausspeien. Die Korrekturen sind meist klein, können aber bei großen Notional und
langen Laufzeiten signifikant werden. Insbesondere in der Bilanzierung von
Hedge-Beziehungen (nach IFRS) müssen solche Effekte ggf. als Ineffektivität
erkannt werden.
Zinsderivate: Die
Short-Rate-Modelle
Short-Rate-Modelle sind klassische Gleichgewichtsmodelle zur Beschreibung der
Zinsstruktur. Sie modellieren direkt die zeitliche Entwicklung des kurzfristigen
Zinssatzes $r(t)$ (Instantanzins, oft heuristisch verbunden mit
Overnight-Rate oder kurz laufenden Bonds), und leiten daraus die gesamte
Zinsstruktur (Zero-Kurve, Bond-Preise) ab. Bekannte Short-Rate-Modelle sind das
Vasicek-Modell, Cox-Ingersoll-Ross (CIR), Hull-White (extended
Vasicek), Black-Karasinski etc.
- Vasicek-Modell
(1977): $dr(t) = a [b - r(t)] dt + σ dW(t)$. Es
ist ein Ornstein-Uhlenbeck-Prozess: $r(t)$ driftet zum langfristigen
Mittel $b$ mit Stärke $a$ (Mean Reversion) und weist konstante Volatilität
$σ$ auf[102].
Lösung: $r(t)$ ist normalverteilt zu jedem Zeitpunkt (kann also auch
negativ werden). Das Modell hat den Vorteil, Bond-Preise analytisch
ausdrücken zu können: $P(t,T) = A(t,T) \exp(-B(t,T) r(t))$, wobei $A, B$
deterministische Funktionen. Von diesen wiederum kann man Zero Rates,
Forward Rates ableiten. Pricing: Europäische Zinsoptionen (Caps etc.)
haben geschlossene Formeln, Swaptions können über die berühmte
Jamshidian-Dekomposition (ein Swaption = Portfolio von ZCB-puts) oder über
erweiterte Fouriermethoden gelöst werden. Vasicek ist historisch wichtig,
aber unpraktisch bei starker geforderter Positivität (neg. r war damals
uninteressant, heute real aber positiv).
- CIR-Modell
(1985): $dr = a [b - r] dt + σ \sqrt{r} \, dW$.
Ähnlich Vasicek, aber die Volatilität ist $\sigma \sqrt{r}$, wodurch
$r(t)$ immer nichtnegativ bleibt (da bei $r=0$ Diffusion term = 0).
$r(t)$ hat Nonzentrale-Chi-Quadrat-Verteilung. Bondpreisformeln existieren
ebenfalls (affine Form). CIR bildet die Volatilität der Zinsänderungen
proportional zum Zinsniveau ab, was empirisch sinnvoll erschien (bei hohen
Zinsen fluktuieren Zinsen prozentual stärker). Es wurde etwa in der
Pricing von Zero-Coupon-Bond-Optionen und Kapitalgarantien
verwendet.
- Hull-White-Modell
(1990): $dr = a [\theta(t) - r] dt + σ dW$. Es
ist im Kern Vasicek, aber mit zeitabhängigem Mean-Reversion-Level
$\theta(t)$. Dadurch kann es an die gegebene heutige Zinskurve kalibriert
werden (im Original Vasicek sind Langfristmittel $b$ und $a$ fix, so nur
eine Kurvenfamilie). Mit $\theta(t)$ als Funktion passt man initiale
Zinsstruktur perfekt an. Hull-White ist analytisch weiterhin handhabbar
(Gauss-Prozess). Es war lange Standard, um z.B. Caps/Swaptions in Bäumen
zu bewerten (Bäume für $r(t)$).
- Black-Karasinski
(1991): Ein lognormales Short-Rate-Modell: $d(\ln
r) = ...$ – tatsächlich formuliert als $x = \ln(r)$ folgt
Ornstein-Uhlenbeck. Dadurch bleibt $r$ positiv. Allerdings gibt es keine
einfachen Closed Forms für Bonds (nur Approximation). BK war beliebt im
marktorientierten Umfeld, weil es $r$ > 0 gewährleistet und flexible
Kalibrierung erlaubte.
Allgemein,
Short-Rate-Modelle werden via Parameter-Fitting an Marktdaten angepasst:
Sie versuchen, mit wenigen Parametern (a, b, σ etc.) möglichst gut die
beobachtete Zinskurve und Optionpreise zu reproduzieren. Mit $\theta(t)$ bzw.
Extended-Parameter sogar exakte Fit an Kurve. Jedoch, mit nur einem Faktor
können sie die Volatilitätsstruktur (Caplet Vols & Swaption Vols) nur eingeschränkt
treffen. Z.B. Hull-White 1-Faktor generiert bestimmte Muster, oft ist der
Markt-Smirk flacher/steiler. Daher kann man sie auf 2-Faktoren erweitern (z.B.
Hull-White 2F: Summe aus zwei OU-Prozessen mit unterschiedlichen
Geschwindigkeiten und Gewichten – das kann mehr Varianz und
Korrelationsstruktur im Term-Structure-Shifts darstellen).
Für die
Bewertung von Derivaten: - Caps und Floors: 1-Faktor-Modelle geben explizite
(oder semi-explicit) Formeln. - Swaptions: Oft über Simulation oder Gitter, oder
Approx-Fkts (Jamshidian: Swaption = Summe Caplets gilt bei 1-Faktor-Modellen;
dieses Trick ermöglicht Preisschätzung). - Exotische Zinsprodukte (CMS Spread
Options, Bermudan Swaptions) – hierfür nutzt man meist Numerik (Monte
Carlo, PDE).
Heutzutage
wurden Short-Rate-Modelle in der Praxis vom HJM/LMM-Ansatz abgelöst, weil diese
leichter die Vol-Smile und Multi-Faktor-Kalibrierung schaffen. Allerdings
erlebt Gaussian Short Rate (Hull-White) ein Revival in XVA-Berechnungen
oder als Komponente in Hybriden (leicht zu handle).
In der
Lehre bleiben Vasicek/CIR fundamental, um Konzepte wie Mean Reversion
und affine Termstruktur aufzuzeigen. CIR z.B. wurde auch für
Kreditspread (JLT model) eingesetzt.
Zinsderivate: Das
HJM- und das LIBOR-Market-Modell
Heath-Jarrow-Morton
(HJM)-Framework (1992) ist ein allgemeiner Ansatz zur
Modellierung der Termstruktur der Zinsen. Statt wie Short-Rate-Modelle
bei $r(t)$ anzusetzen, modelliert HJM direkt die Dynamik der Forward Rate Kurve
$f(t,T)$ (die momentane jährliche Instantan-Zinssatz, der am Zeitpunkt $t$ für
Termin $T$ gilt). Es gibt eine Familie $f(t,T)$ für $T \ge t$, und HJM liefert
eine partiell-stochastische DGL dafür. Kernidee: Wenn man die Driftbedingungen
(Martingalmaß-Bedingungen) formuliert, erhält man eine Beziehung zwischen
Drifts und Volatilitätsstrukturen:

und
es lässt sich zeigen (unter risikoneutralem Maß), dass

also
der Drift an den Volatilitätsfunktionen hängt (sogenanntes HJM-Driftkriterium)[103].
Der Vorteil: Beliebige Vorhersage der Vol-Struktur $\sigma(t,T)$ sind möglich,
man bekommt automatisch den konsistenten drift. So kann man z.B. calibraten:
wähle $\sigma(t,T)$ so, dass es Caplet-Vols matcht, dann $α$ passt sich an für
Arbitragefreiheit.
HJM
ist eher ein Framework als ein konkretes Modell. Bestimmte Wahl der $\sigma$
führen zu bekannten Modellen: - $\sigma(t,T) = const = σ$ (zeit- und
Term-unabhängig) => das ergibt das Ho-Lee Modell (1986) wenn umgesetzt in
short-rate Terminologie (Ho-Lee war erstes "Arbitragefreies" Modell,
aber mit negative rates Mglw.). - $\sigma(t,T) = σ e^{-a (T-t)}$ => das entspricht
dem Hull-White Modell (Gauss 1-Faktor) in Forward-Form.
HJM
in Reinform litt darunter, dass es hohe Dimension (unendlich, da $T$
kontinuierlich) hat. Praktisch wird Diskretisierung (Lattice in Tenor)
benötigt. Das LIBOR Market Model (BGM) ist eigentlich die Diskretisierung der
HJM für LIBOR-Forwards. LMM vs HJM: HJM modelliert Instantaneous Fwd Rates
(kontinuierliche Compounded Raten), LMM modelliert LIBOR Fwds (diskrete
compounding). In feiner Limit über 0-länge Perioden konvergiert LMM zu HJM.
LIBOR-Market-Modell
(LMM) haben wir oben besprochen als Standard Market
Model. Hier nochmal im HJM-Zusammenhang: Das BGM-Papier (1997) hat HJM auf
piecewise-constant-forward-rates (LIBOR) angewandt und gemerkt: es liefert
lognormal LIBORs und praktisch nützliche Parameter (Vol für jede LIBOR &
Korrelation). LMM wird oft auch "Brace Gatarek Musiela" model
genannt. Unter dem Terminal Measure (T_N, letztes Payment, als Numeraire) haben
die LIBORs Drifts, die sich aus Korrelationen und Volas definieren.
Vor-
und Nachteile: HJM (und LMM) sind sehr flexibel – man inputtet
die Vol-Struktur und Korrelation nach Belieben und calibratet an Caps/Swaptions.
Der Nachteil: mathematische Komplexität – z.B. ein lognormales LMM hat keine
geschlossene Form für Bonds (man muss Monte Carlo nutzen). Multi-Faktor
calibrations & stability – in Praxis Variation: man nimmt 3
Hauptfaktor-Korrelationen an, parametriert $\sigma_i(t,T)$ mit simple Formen
(z.B. $\sigma(T) = (a + bT) e^{-cT} + d$ etc.), calibratet an ~200 Market vol
quotes (Caplet & Swaption surfaces) mit least squares. Das funktioniert,
aber man hat keine guarantee at tails (extrapolation).
Exotische
Zinsprodukte: Bermudan Swaptions (Recht, Swap zu
starten an multiplen Terminen) – LMM/HJM prädestiniert, per Monte Carlo mit Least-Squares
(stoch. dyn. programming). CMS (Constant Maturity Swap) und deren Caps – LMM
generiert ein Smile, aber normal LMM neigt zu lognormal biases; oft werden
statt lognormal LMMs in Praxis Normal-LMM (Quasi-Gaussian) eingesetzt,
weil in extremem low-rate environment lognormal unpassend (Vol-Smile in EUR
Caps nach 2012 war downward sloping, lognormal LMM failte; normal volatility
used, some banks switched to normal models akin to Bachelier).
Vergleich
Short-Rate vs HJM: Short-Rate-Modelle (z.B.
Hull-White) sind Spezialfälle von HJM mit best. $\sigma(t,T)$. HJM deckt alle
Arbitragefreien ab. Der Kompromiss: Marktmodelle (LMM) speziell für
calibrate. Short-Rate-Modelle aber einfacher in mathem. Handhabung (lineare PDE
in Hull-White etc.), aber calibraten nur approximativ.
Zinsstruktur
im LIBOR-Market-Modell: Schöne Eigenschaft: Es
produziert realistisches Verhalten wie: Spread zwischen Raten mit Korrelation;
does not force entire curve to move in lockstep (multi-factor yields
non-parallel shifts, unlike 1-Factor short-rate where yield curve moves always
pivotally around one point).
Heute,
Zinsvolatilitäts-Surface (Swaption Implied Vols) haben Smiles, which LMM
can't inherently produce (just one Vol for each tenor&mat, lognormal
implies symmetrical distribution). Daher sind neuere approaches: Stochastic
Vol in LMM (each LIBOR vol factor itself stochastically scaled; super
heavy), or using SABR model for each forward rate individually plus
correlation coupling. Viele Banken calibrate local-vol surfaces or
"shifted SABR" to each forward to handle negative rates and smile.
Zusammengefasst:
HJM ist theoretisch sauber, aber praktisch erst in Form des LMM relevant
geworden. LMM dominierte ab 2000er das Pricing von Zinsoptionen. Heutige
Tendenz: moderate Abkehr von rein lognormal LMM wegen
Niedrigzins-Smile-Problemen; stattdessen "SABR Caplet Vol cubes" und
resultierende adjustments für exotics. Theoretisch aber HJM/LMM bleiben
goldener Standard im Underlying-Model.
Mehr zu Swaps
Bereits früher wurden Swaps
vorgestellt – hier sollen noch fortgeschrittene Aspekte beleuchtet werden,
insbesondere neuere Entwicklungen und spezielle Swap-Varianten:
- XVA und Besicherung: Früher wurden Swaps zum risikofreien Zins abgezinst, da
Ausfallrisiko via Gegenpartei ignoriert oder bilateral gesehen als
austariert. Heute fließen in die Bewertung von Swaps sogenannte Credit
Valuation Adjustments (CVA), Debit (DVA), Funding (FVA)
etc. ein. Ein unbesicherter Swap hat Kreditrisiko beider Parteien: der
Preis muss also um CVA (Risiko Ausfall Gegenpartei) und DVA (eigener
Ausfall) angepasst werden. Besicherte Swaps (heute Standard via CSA)
werden typischerweise mit OIS abgezinst (man nimmt an Collateral Earns
OIS). Dennoch: XVA-Adjustments können den ökonomischen Wert spürbar
beeinflussen – z.B. ein lange laufender Swap mit tief im Geld
Mark-to-Market führt zu pot. CVA-Kosten.
- Swap-Spread: Die Differenz zwischen Swap-Satz (z.B. 5J Swap in EUR) und
risikofreier Staatsanleihen-Rendite war traditionell positiv (Swaps etwas
höher, Kteditrisiko der Interbanken). Seit 2008 volatil, teils negativ.
Das hat weniger mit Modell intern als mit Marktveränderungen (Liquidität,
Regulation) zu tun.
- OIS Discounting: Nochmal zur Betonung: Der Markt hat sich auf OIS als
Diskontierungszins geeinigt (weil OIS nahe echtes risikofreies Funding
repräsentiert). Das machte theoretisch keinen Unterschied in einer
Welt ohne Arbitrage (alles konsistent), aber in Praxis pre-2008 war
Swapcurve ~ "risikofrei". Nun ist z.B. 3M-Libor-Kurve vs OIS eine
messbare Basis; Dieselbe hat zu Multi-Curve Modeling geführt: Heute hat
man separate Forward-Kurven pro Tenor (1M,3M,6M LIBOR etc.) und eine
Diskontkurve. Das Pricing-Formel für Swap-Leg wurde angepasst: Diskont mit
OIS, Floating Leg Zins = Forward-Libor aus jeweiliger Kurve.
- Total Return Swaps
(TRS): Neben Plain-Vanilla Zins- oder
Währungsswaps existieren TRS, die oft Aktien- oder Kredit-Exposure
synthetisch verbriefen. Ein TRS auf einen Bond z.B. tauscht total return
(Coupon + Preisänderung) gegen Libor + Spread. Wird oft genutzt, um z.B.
Bilanzzugehörigkeit zu ändern: Bank A hat Bond, gibt TRS an Bank B; B hat
Exposure, A hat nur Libor-Einnahmen. TRS auf Aktienindex etc. sind
ökonomisch ähnlich wie ein Finanzierungsgeschäft (Margin Lending).
- Variante Fixed-Rate vs
CMS-Rate Swaps: Ein Constant Maturity Swap
(CMS) zahlt z.B. alle 3 Monate den 10-Jahres-Swapzins. Solche
Strukturen haben Eingebettete Optionen, da 10J Rate in 3 Monaten
unbekannt, aber fix entlohnt. CMS-Produkte sind populär (z.B. zur Steepness-Spekulation).
Die Bewertung braucht ein Modell (z.B. LMM), und ergab CMS Adjustment
(convexity) um vom Forward Swap Rate zum erwarteten Payoff zu kommen.
- Inflationsswaps: Hier eine Partei zahlt fixe Inflationsrate, andere realisierte
Inflation (basiert z.B. auf CPI). Wurden modisch nach 2000. Sie erfordern
noch separate Models (Inflation can be seen as asset with own risk factors
correlated with rates).
- Longevity Swaps: Speziell in Versicherungswelt – zahlt tatsächlich
lebenslängliche Rente vs Fix. Dient Pensionskassen als Hedge. Bew. stützt
auf Sterbetafel-Szenarien.
- Großverluste: Swaps waren Auslöser einiger Krisen: z.B. Gibson Greetings
(Verluste mit Zins-Swaps in 1994, Bankers Trust Skandal), Procter &
Gamble (komplexer Leveraged Swap -> 90 Mio Verlust[104]). Lehre war oft:
Komplexe Zinsstruktur (z.B. ein Swaption eingebettet im Swap -> Hebel)
in falschen Händen = Gefahr.
- Regulatorik: Durch Dodd-Frank/EMIR sind OTC-Swaps Clearing-pflichtig
(Standard-Swaps), wodurch Kontrahentenrisiko reduziert wird aber Variation
Margin floss. Das hat Pricing beeinflusst: Variation Margin in cash ~
fungiert wie Partial Payment = Eff. Diskont mit OIS.
- Neueste Markttrends:
·
SOFR Swaps: Libor soll bis 2021/23 abgeschafft, alternative risikofreie
Tageszinsen (SOFR, €STR) werden Basis. Dies ändert Pricing minimal (neue
forward basis), aber Transition hat Marktauswirkungen (Liquidität verlagert).
·
Environmental
Swaps: z.B. Emission verbunden. Eher neu, kein großes
Volumen aber thematisch wachsend.
Swaps bleiben Arbeitspferd
der Finanzindustrie mit gigantischem Volumen. Ihr Grundprinzip ist robust, und
Innovationen sind meist Variation an Underlying (Inflation, Credit) oder Flow
(besichert/unbesichert). Moderne Pricing muss jedoch die Feinjustierung (XVA,
Multi-curve) beachten – sonst kann man in Niedrigzinsumgebung oder bei stress
easily falsch bewerten.
Abschließend untermauern die
Kapitel seit der Einleitung, dass Derivate von einfachen Forwards und Optionen
bis zu hochkomplexen strukturierten Produkten reichen. Die Bewertungstheorie
hat sich enorm entwickelt – vom Black-Scholes-Modell bis zu modernen
stochastischen Zins- und Kreditmodellen. Dabei war stets ein Treiber: Große
Verluste und Krisen, die Schwächen aufzeigten und zu Korrekturen führten.
Im letzten Kapitel betrachten wir exemplarisch einige dieser Fälle und die
daraus gezogenen Lehren.
Große Verluste bei
Derivatgeschäften und ihre Lehren
Die
Geschichte der Derivatemärkte ist nicht nur von Erfolgen, sondern auch von
spektakulären Verlusten geprägt. Immer wieder haben Fehlanwendungen, falsche
Modellannahmen oder schlicht betrügerische Aktivitäten zu großen Schäden
geführt – sowohl bei Finanzinstituten als auch bei Unternehmen und Kommunen.
Einige bekannte Beispiele:
- Barings Bank (1995): Ein junger Händler
(Nick Leeson) baute in Singapur massive gehebelte Positionen in
Nikkei-225-Futures und Optionen auf, um Verluste zu verstecken – entgegen
allen Risikoregeln. Eine plötzliche Marktbewegung (Erdbeben in Kobe)
führte zu gigantischen Verlusten (~1 Mrd. USD)[105], die die traditionsreiche Barings Bank in den Ruin trieben.
Ursache: fehlende Trennung von Front- und Backoffice, keine Limitkontrolle
(Leeson konnte als Leiter Settlement seine eigenen Trades verschleiern).
- LTCM (Long-Term Capital Management, 1998):
Ein Hedge-Fonds, geführt von Nobelpreisträgern, hatte mit komplexen
Arbitragestrategien in Zinsderivaten und Bonds gewaltige Positionen mit
hohem Leverage aufgebaut. Man ging von statistisch seltenen Korrelationen
aus. Als 1998 die Russlandkrise ausbrach, liefen die Positionen extrem
gegen LTCM – es verlor in Wochen ~4 Mrd. USD[106] und musste durch ein Banken-Konsortium unter Federführung der FED
gerettet werden. Lehren: selbst ausgefeilte Modelle können Extremrisiken
(Tail Risk) unterschätzen, zu hoher Fremdkapitalhebel ist fatal, und
Marktkorreliertes Verhalten (alle versuchen zugleich zu verkaufen) kann
Illiquidität erzeugen.
- Allied Irish Banks (2002): AIB verlor
~700 Mio. USD durch die Aktivitäten eines Devisenhändlers (John Rusnak),
der jahrelang unerkannt falsche Optionsgeschäfte verbuchte[107]. Hier war ähnlich wie bei Barings fehlende Kontrolle das Problem
– ein Einzeltäter konnte Limits umgehen und Verluste verstecken.
- Amaranth Advisors (2006): Dieser
Hedge-Fonds wettete mit Erdgas-Futures und Swaps auf steigende Gaspreise
und verlor ~6 Mrd. USD, als sich die Preise entgegengesetzt entwickelten[107]. Ein Schwerpunkt war eine extreme Konzentration auf einen Sektor
(Energie) und Mängel im Risikomanagement (zu optimistische Annahmen über
Gaspreis-Volatilität).
- Société Générale (2008): Hier verursachte
ein einzelner Händler (Jérôme Kerviel) durch unautorisierte
Aktienindex-Futures-Positionen einen Verlust von ~7 Mrd. USD[108]. Wiederum war Versagen interner Kontrollen der Auslöser.
- Finanzkrise 2007/08: Subprime-Krise
– zwar kein einzelnes Ereignis, aber viele Banken erlitten zusammen zig
Milliarden Verluste durch komplexe Kreditderivate (CDOs) und darauf
geschriebene Absicherungen (AIG verlor z.B. über $30 Mrd. durch
CDS-Verpflichtungen auf Subprime-CDOs). Die Modelle hatten systemische
Korrelation und Illiquidität extrem unterschätzt, Worst-Case-Szenarien
(hausübergreifender Preisverfall am Immobilienmarkt) galten als
“jahrhundertjähriges Ereignis”, das dann eintrat[108].
Auch
außerhalb des Finanzsektors gab es Derivate-Desaster: - Procter & Gamble
(1994): P&G verlor 90 Mio. USD mit exotischen Zinsderivaten (Leveraged
Swaps)[109],
die Bankers Trust verkauft hatte. Hier war das Problem, dass die Komplexität
der Strukturen von P&G nicht durchschaut wurde; der Fall führte zu mehr
Transparenzforderungen. - Metallgesellschaft (1993): Die deutsche MG AG
verlor ~1,8 Mrd. USD mit einer missglückten Terminöl-Absicherungsstrategie
(Long im Spot, Short im Future mit Rollover)[110].
Das eigentlich sinnvolle Hedge-Konzept geriet durch Liquiditätsengpässe (Margin
Calls) in Schieflage, als Ölpreise stark fielen und das Unternehmen die Rolls
nicht mehr finanzieren konnte. - Orange County (1994): Der kalifornische
Bezirk investierte seine Kassenmittel in hochgehebelte Zinsderivate (Inverse
Floaters etc.). Als die Zinssätze stiegen, erlitt das Portfolio ~2 Mrd. USD
Verlust[109]
und der County musste Konkurs anmelden. Grund: Einsatz von Derivaten ohne
adäquates Verständnis und Risikomanagement im öffentlichen Sektor.
Die Liste ließe sich fortsetzen (Sumitomo 1996: 2 Mrd. Verlust in
Kupfer-Futures; Hammersmith and Fulham 1989: 600 Mio. DM Verlust in
Swap-Spekulationen einer Gemeinde, etc.)[104].
Aus all diesen Fällen wurden zahlreiche Lehren gezogen, die heute ins
Risikomanagement eingeflossen sind:
- Quantifizierung und Limitierung von Risiken: Jedes Derivateportfolio muss mit Kennzahlen (VaR, Greeks, Stress
Scenarios) überwacht werden. Es müssen klare Limits gesetzt und unabhängig
kontrolliert werden[111]. Exzessive Hebelwirkung ist strikt zu begrenzen – Leverage
kills, wie LTCM zeigte.
- Strikte Einhaltung der Limits: Auch wenn
ein Händler Gewinne macht, darf er nicht über Limits hinaus agieren[112]. Die Versuchung, bei Erfolg Limits zu dehnen, führt zu
unkontrollierten Risiken. Kein “Freibrief” für sogenannte Star-Trader.
- Trennung von Funktionen (4-Augen-Prinzip):
Front-Office (Händler) muss getrennt sein von Back-Office
(Abwicklung/Kontrolle)[113]. Fälle wie Leeson (Barings) und Kerviel (SocGen) wären entdeckt
worden, wenn nicht dieselbe Person quasi sich selbst kontrollieren konnte.
Ebenso muss die Bewertung (Mark-to-Market) unabhängig sein.
- Verständnis der Produkte: Management und
Aufsichtsgremien müssen die eingesetzten Derivate verstehen[114]. Hammersmith und Orange County hätten keine komplexen Swaps
eingehen dürfen, deren Risiko sie nicht durchdrungen. Institutionen müssen
Know-how aufbauen oder von riskanten Konstrukten die Finger lassen (“Never
invest in something you can’t explain to your board”).
- Kein reines Vertrauen in Track Record:
Nur weil ein Händler lange Gewinne machte, ist das keine Garantie[115]. Z.B. Kerviel und Leeson galten zeitweise als Gewinner, bevor die
Bombe platzte. Es müssen Prozesse über Personen gestellt werden.
- Diversifikation und Gesamtübersicht:
Risiken dürfen nicht in einer Strategie oder einem Faktor konzentriert
sein[116]. LTCM’s Untergang war, dass viele Wetten implizit auf eine
Normalität der Korrelationen setzten – Diversifikation war illusorisch,
als alle Positionen gleichzeitig litten. Diversifikation muss auch
systemische Zusammenhänge berücksichtigen (nicht nur statistisch
vergangenheitsbasiert).
- Stress Tests und Szenarioanalysen: VaR
und Modelle haben Grenzen (etwa Annahme normaler Märkte)[117]. Daher regelmäßige Stress-Szenarien: “Was wenn Zins +2% in einem
Tag?” oder “Was wenn Aktienmarkt -20%?”. Solche Analysen offenbaren oft
Schwachstellen, die VaR (95/99%-Quantil) nicht sieht. Wichtig: qualitativ
denken, nicht nur historische Variation extrapolieren. Orange County z.B.
war anfällig gegen Zinsschock – ein plausibles Szenario, das hätte erkannt
werden können.
- Liquiditätsrisiko beachten: Einige
Strategien sind zwar theoretisch wertneutral am Ende, erfordern aber
Zwischenfinanzierung (Margin). Metallgesellschaft lernte: selbst ein
“hedged” Portfolio kann sterben, wenn Cash-Flow-Mismatch da ist. Daher
Liquiditätsplanung und Worst-Case-Liquiditätsbedarf ermitteln (inkl.
Reservekapital)[118].
- Modelle können falsch liegen: Blindes
Vertrauen in Modelle (Value-at-Risk, Korrelationen, Pricing-Modelle) ist
gefährlich[119]. Man muss Modellrisiko bewusst steuern, alternative Annahmen
testen. LTCM war zu sicher, dass ihre Modellrelationen sich normalisieren
würden – tat es nicht im Stress.
- Keine Intransparenz zulassen: Unternehmen
sollten nicht intransparente Off-Balance-Strukturen nutzen, um Risiken zu
verstecken (Lehman hatte z.B. Repo 105, Enron missbrauchte
Derivatvehikel). Transparenz nach innen (gegenüber Risikoabteilung) und
außen (gegenüber Aufsicht) ist essentiell.
- Personalrotation und Kontrolle der Macht einzelner: Verhindern, dass ein Händler zu viel Macht über Systeme bekommt[113]. Bei Barings war Leeson “der Mann in Singapur”. Solche
Schlüsselstellungen müssen rotiert oder eng beäugt werden.
Diese
und weitere Lessons haben zur heutigen robusteren Derivate-Infrastruktur
geführt. Clearinghäuser reduzieren Gegenparteiausfallrisiken (wie 2008 AIG
problematisch war), Regulierung wie EMIR verlangt mehr Kapitalunterlegung und
Meldepflichten für OTC-Positionen. Intern setzen Banken strengere Limits und
XVA-Bewertungen an, um Risiken adequat zu bepreisen.
Natürlich können trotz aller Maßnahmen neue Verluste entstehen –
Derivate bleiben mächtige Werkzeuge, und Fehlbedienung ist nie auszuschließen.
Dennoch ist das Kollektivwissen gewachsen: Heutige Risiko-Manager sind sich
bewusst, welche Katastrophen passieren können und achten insbesondere auf das,
was außerhalb des üblichen Erwartungshorizonts liegt (Tail Risk,
“Schwarze Schwäne”).
So schließt sich der Bogen: Von den theoretischen Grundlagen bis zu den
praktischen Erfahrungen zeigt sich, dass Derivate verantwortungsbewusstes
Management erfordern. In den richtigen Händen dienen sie als nützliche Schutz-
und Optimierungsinstrumente; in den falschen Händen oder bei falschen Anreizen
können sie erheblichen Schaden anrichten. Die Wissenschaft und Praxis der
Derivate entwickeln sich ständig weiter – getrieben durch neue Ideen,
Marktentwicklungen und die Lehren aus Fehlern der Vergangenheit. Die umfassende
Kenntnis aller hier behandelten Aspekte – von Futures über Optionen, Modelle,
bis hin zu Risikomanagement – ist letztlich der Schlüssel, Derivate sicher und
sinnvoll einzusetzen.
Quellen: Die in diesem Text gemachten
Ausführungen stützen sich auf eine Vielzahl von Fachliteratur und empirischen
Befunden, u.a. John Hulls Standardwerk “Options, Futures and Other
Derivatives”[42][50],
akademische Artikel zu Modelltheorie[101],
sowie dokumentierte Fallstudien großer Derivateverluste[120][104][121].
Die Zitate und Referenzen an den jeweiligen Stellen geben einen direkten
Einblick in diese Quellen und untermauern die behandelten Inhalte
wissenschaftlich.
[1] Finanzderivate: Definition & Beispiele | StudySmarter
https://www.studysmarter.de/studium/bwl/rechnungswesen-studium/finanzderivate/
[2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10] [18] [19] [20] [21] [22] [23] Terminkontrakt – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Terminkontrakt
[11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] Optionen, Futuresund andere Derivate - 7., aktualisierte Auflage -
*ISBN 978-3-8273-7281-9* - © 2009 Pearson Studium
https://bilder.buecher.de/zusatz/26/26617/26617587_inha_1.pdf
[24] [25] A Complete Guide to Eurodollar Futures in 2026 • Benzinga
https://www.benzinga.com/money/eurodollar-futures-explained
[26] [27] Zinsswap – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Zinsswap
[28] Aktienoption: Definition im FAZ.NET Börsenlexikon
https://boersenlexikon.faz.net/definition/aktienoption/
[29] [30] Aktienoption • Definition | Gabler Wirtschaftslexikon
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/aktienoption-30323
[31] Put-Call-Parität • Definition | Gabler Banklexikon
https://www.gabler-banklexikon.de/definition/put-call-paritaet-60746
[32] [33] [34] [35] Straddle (Wirtschaft) – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Straddle_(Wirtschaft)
[36] [37] [38] [103] Binomial options pricing model - Wikipedia
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[39] [40] Wienerprozess – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Wienerprozess
[41] Itô's lemma - Wikipedia
https://en.wikipedia.org/wiki/It%C3%B4%27s_lemma
[42] [43] [44] [45] [46] [47] [48] [49] [50] [51] [52] [53] Black-Scholes-Modell – Wikipedia
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[54] derivatives - options on futures
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[55] [56] [57] [58] [59] [60] [61] [62] [63] Griechen (Finanzmathematik) – Wikipedia
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https://de.wikipedia.org/wiki/Volatilit%C3%A4ts-Smile
[68] [74] [75] [77] Volatility smile - Wikipedia
https://en.wikipedia.org/wiki/Volatility_smile
[78] [86] Value-at-Risk (VaR) • Definition | Gabler Banklexikon
https://www.gabler-banklexikon.de/definition/value-risk-var-62156
[79] [80] [81] [82] [83] [84] [85] [87] Value at Risk – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Value_at_Risk
[88] [89] [90] [91] Kreditderivat – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Kreditderivat
[92] [93] [94] [95] [96] [97] [98] Was sind Exotische Optionen und
welche Arten gibt es? | IG Deutschland
https://www.ig.com/de/trading-strategien/exotische-optionen-190513
[99] [100] Wetterderivate | Gabler Versicherungslexikon
https://www.versicherungsmagazin.de/lexikon/wetterderivate-1947191.html
[101] Martingalmaß – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Martingalma%C3%9F
[102] Vasicek model - Wikipedia
https://en.wikipedia.org/wiki/Vasicek_model
[104] [105] [106] [107] [108] [109] [110] [111] [112] [113] [114] [115] [116] [117] [118] [119] [120] [121] Microsoft PowerPoint - Ch25HullFundamentals7thEd
https://www.montana.edu/ebelasco/agec421/hullslides/Ch25Hull.pdf

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